schon von weitem konnte man lesen, dass die stadt für den verkehr heute noch passierbar sei. eine chance, ins innere zu kommen, hatten nur stadtwandererInnen, die unter den zahllosen läuferInnen des 76. gedenklaufes für die schlacht von murten unterzugehen drohten.

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murten 2009: wie an jedem ersten oktobersonntag von den laufhelden der gegenwart besetzt

dort, wo vor 535 jahren die burgundischen truppen unter ihrem marschall jacques de romont angegriffen hatten, standen heute die kolonnen der logista-wagen. wer am gedenklauf zum söldnergemetzel von 1476 mitmachen wollte, konnte hier seine taschen, trainer und turnschuhe, die er oder sie nicht selber ans ziel in fribourg mittragen wollte.

die meisten von ihnen machten sich danach ans aufwärmen, unten am see auf der pantschau. andere sonnten sich vor dem schulhause, genau dort, wo heute das kleine denkmal für adrian von bubenberg, dem besatzer der stadt während der schlacht, steht. sein kommando von damals haben die fitness-vorbilder von heute übernommen. laute musik peitscht die läuferinnen an, während junge frauen auf einer kleinen bühne vormachen, wie man seinen körper rechtzeitig in schwung bringt.

die innenstadt gleicht einer militärischen planzelle. die hauptgasse ist in sektoren eingeteilt, fein säuberlich mit buchstaben auf riesigen ballonen beschriftet. so weiss jeder und jede, die bald kämpfen wird, wo man er oder sie eingeteilt ist. jede pulk sieht aus, als wäre einer der legendären gewalthaufen, dank denen sich die eidgenossen durchsetzten.

viele sind in gruppen gekommen. ihre gemeinsamen dresses gleichen den uniformen von früher. bisweilen haben sie auch fahnen dabei, damit man sieht, für wen sie rennen. andere haben eine begleiterin bei sich, die einer marketenderin gleich für das psychische und physische wohl der laufhelden besorgt ist. da werden die beine nochmals mit dulix gemschmeidig gemacht, und dort gibt es einen kuss, bevor man sich einreiht. wer weiss, vielleicht ist es der letzte.

„noch 10 minuten“, tönt es aus den lautsprechern. die guggenmusik schmettert die gassen noch einmal mit ihren tönen voll. man wähnt sich in der umgebung einer militärkapelle, die mit dem alles durchdringenden marsch eine kollektive identität schafft. „noch 5 minuten“, hört man den platzspeaker sagen, und beifügen, man werde gemeinsam bald viermal um die erde laufen; jeder und jede der knapp 10000 läuferinnen trägt 17,17 kilometer dazu. „noch eine minute“ und schliesslich „päng!“.

„hopp, hopp“, schreien nur noch die persönlichen fans, und „allez-y“ fügen die zahlreichen zuschauerInnen bei, während es unter den läuferInnen schlagartig ruhig wird. wo noch vor kurzem verschiedenste dialekte der eidgenossen ertönten, französisch, italienisch oder spanischer parliert wurde, ist jetzt konzentration angesagt.

in den engen gassen murtens sind die kleinsten dieser multikulturellen truppe bevorteilt. wenn es dann ausserhalb der stadt hinaus zum schlachtfeld geht, werden die leichtesten die ersten meter zwischen sich und den übrigen legen. sprechen wird dann kaum mehr jemand, denn sie alle müssen zwar keinen feind mehr besiegen, aber sich selber auf der hügeligen strecke. doch den stadtwanderer erinnert es daran, dass die grössten und schwersten ritter damals die schlacht verloren, weil sie gegen die wenigen eidgenossen nichts zu bestellen hatten.

siegen wird heute, wie das letzt jahr schon john mwangangi, nur 1,58 meter grosse und erst 19 jahre alt, aber schon ein erfahrener auf allen schlachtplätzen der strassenläufe. zierlicher wirkt da nur noch die frauensiegerin, helen musyoka, ebenfalls auf der kenianischen truppe. nur ihre 37 kilo körpergewicht nimmt sie auf den gedenklauf nach fribourg mit.

stadtwanderer


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