heute vor hundert jahren verstarb carl hilty. ein vorbild vieler staatswissenschafter in der schweiz und ein zeitgenosse, der sich für das glück der menschen interessierte. eine würdigung.

hilty

begegnet bin ich carl hiltys spuren während meiner zeit als politologe an der universität bern. mitte der 80er jahre schrieb ich am jahrbuch für schweizerische politik mit. damit hatten erich gruner und peter gilg, meine beiden lehrer in schweizer politik, in den 60er jahren des 20. jahrhunderts eine idee von hilty aufgegriffen. denn nach 1886 hatte auch dieser ein jahrbuch zur lage der nation herausgegeben.

doch hilty hätte unser publikation nicht begeistert. denn es waren nachschlagewerke für den moment, wo die erinnerung an das zeitgeschehen nicht mehr reicht. hilty war zwar realist, wenn es um umsetzungen ging, im grund seines herzens aber ein starker idealist.

hilty, der anwalt aus chur, der nationalrat der st. galler demokraten, der professor für staatsrecht in bern und richter am ständigen gerichtshof in den haag, war sich nicht zu schade, konkrete politische forderungen zu erheben und an ihrer realisierung zu arbeiten. so formulierte er eine verfassungsänderung, mit der das frauenstimm- und wahlrecht in der schweiz eingeführt werden sollte. und war einer der führenden köpfe in der abstinenzbewegung gegen die sozialen probleme, die mit dem alkohol entstanden.

auch wenn er damit bisweilen aneckte, für seine zeitgenossen war hilty eine hohe autorität. das gewissen der nation, nannten ihn seine zahlreichen studenten, die begeistert waren vom intellektuellen, der sich einmischte. selbst aktive bundesräte sahen sich dadurch veranlasst, seiner berner vorlesungen zu besuchen.

beseelt war hilty schaffens- und interventionskraft durch den geist der aufklärung. Die macht interessierte ihn nie wirklich. die ideen der menschheit schon. bedeutungsvoll werde, so war er überzeugt, in kleinen republiken geschaffen. denn hier realisiere der mensch, was seine freiheit wert sei. dabei war er kein verherrlicher der kleinen gemeinschaften, seien sie doch auch ort, wo herrschende in den imperien und kirchen seiner zeit unmittelbarste macht ausüben würden.

säkularisierung von staat und kirchen war eine der grossen ideen, die der aufklärer hilty verfolgte. denn das sind die voraussetzungen, das freiheit entsteht, toleranz möglich wird, und menschen mit überzeugungen auch für menschen mit anderen überzeugungen offen werden.

in werdenberg, der kleinsten stadt der kleinen schweiz geboren, wurde hilty so zu einem führenden politischen denker seiner zeit. was er wohl zu heutigen sagen würde?, fragt sich der

stadtwanderer


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