will man die historische bedeutung von köniz verstehen, muss man sich mit dem einheimischen augustiner chorherrenstift und dem päpstlichen deutschorden in unserer gegend beschäftigen. sie zeigen nachwirkungen auf die gemeindebildungen – bis heute.

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wappen der gemeinde köniz: identisch mit dem des deutschordens, im kopfsteinpflaster vor dem (reformierten) pfarrhaus (foto: stadtwanderer)


die kolonierung des niemandslandes

mit der völkerwanderung kamen burgunden und alamannen ins gallorömische mittelland. sie vertrugen sich nicht. im 7. jahrhundert bildete sich ein grenzraum zwischen ihnen aus, ein no-mans-land vor allem links der aare, begrenzt durch die saane. doch mit dem landesausbau im 11. jahrhundert fiel diese neutralisierte begegnungszone. die sense, die mitten durch das hügelige wald- und moosgebiet floss, wurde zur neuen grenze.

die cluniazenser, ein burgundischer reformorden des papstes, gründeten in den 1070er jahren rechts der sense das kloster rüeggisberg. das war fast ein übergriff. im gegenzug entstanden verschiedene chorherrenstifte, welche die kleriker aus der region sammelten, ohne sie einer strengen regel und einem nach innen gerichteten klösterlichen leben unterzuordnen.

über die frühe geschichte des könizer chorherrenstiftes ist wenig bekannt. man weiss nicht einmal das gründungsdatum. das spricht, anders als in interlaken, gegen einen reichsschutz. vielmehr war der probst dem (burgundischen) bischof von lausanne unterstellt. gleich fünf kirchgemeinden stand der könizer vor: natürlich der von köniz, aber auch der von bümpliz, mühleberg, neuenegg und überstorf. damit war seine vormachtstellung im nördlichsten teil zwischen aare/gürbe und sense/saane unbestritten.

der konflikt zwischen köniz und bern
das änderte sich mit der zähringischen stadtgründung. denn bern war eine schwäbische gründungsstadt, die im kirchensprengel von köniz lag. deshalb war das erste gotteshaus in der stadt nur eine kapelle, und die gründungsbewohnerInnen mussten jahrelang nach köniz zur messe. daselbst wurden sie auch getauft und beerdigt.

mit dem aussterben der zähringer ordnete der deutsche könig die verhältnisse neu. friedrich ii. erhob bern 1218 zur reichsstadt; sie war jetzt weder burgundisch noch schwäbisch. das umland verteilte er auf die grafen von savoyen im burgundischen bereich und von kyburg im schwäbischen. im bernnahen köniz wählte er jedoch eine andere lösung. eben zum kaiser aufgestiegen, schickte er über seinen sohn heinrich, den neuen deutschen könig, ritter des deutschordens in die gegend und vermachte ihnen das könizer chorherrenstift.

zuerst wehrte man sich in köniz gegen die deutsche kolonisierung heftig. bis 1235 kam kein einziger ritter aus dem norden nach köniz. doch dann änderte sich alles schrittweise. 1243 verzichtete der bischof von lausanne auf seine rechte und entschied, das stift als kommende an die deutschen ritter zu geben. damit kümmerten sie sich nicht nur um das geistliche leben, auch die einkünfte aus den kirchgemeinden gingen an den orden. und die könizer kirche unterstand einem deutschritter-pfarrer und damit direkt dem papst.

die stadt bern reagierte geteilt. die bevölkerung sympathisierte mit den einheimischen, burgundisch geprägten chorherren. nach dem schiedsspruch weigerte sie sich 10 jahre lang, nach köniz in die deutschordenskirche zu gehen. sie feiert die messe in der eigenen kapelle. erst 1253 näherten sich die parteien unter schultheiss peter von bubenberg wieder an. 1256 jahre später ging die stadt mit dem deutschorden ein burgrecht ein. 1276 gewährte diese der stadt das recht, einen eigenen kirchensprengels und damit die kirchliche loslösung von köniz einzuleiten. damit waren die kirchen wieder im dorf, resp. in der stadt, wenn auch durch die stadtmauer getrennt.


der späte sieg der stadt in der reformation

der bau des berner münsters nach 1420 leitete die ablösung der stadt vom deutschorden ein. 1484 hatte man im neu gebauten münster ein eigenen chorherrenstift st. vinzenz eingerichtet, und beim papst die loslösung vom deutschorden erwirkt.

wie alle anderen kirchen auf berner boden, mussten sie 1528 der neuen glaubenslehre folgen, und wurde sie teil der bernischen staatskirche. bestehen blieben aber die getrennten kirchgemeinden von bern und köniz, die mit der armenfürsorge auch weltliche aufgaben übernahmen und die vorläuferorganisationen der politischen gemeinden im kanton bern sind, die zwei städte in einer agglomeration repräsentieren.

bis heute hat die stadt bern die herzogskrone des zähringer im wappen; köniz hat auf das emblem des deutschordens zurückgegriffen.

städtewanderer


Comments

8 Comments so far

  1. robuehler on Januar 4, 2010 13:51

    sehr informativ – danke!

    sieht es mit wahlern (schwarzenburg) gleich aus?

  2. stadtwanderer on Januar 4, 2010 16:56

    ich werde mich kundig machen, ein wirklicher kenner der gegend bin ich nicht.

    erste hinweise finden sich aber hier; sie passen ganz gut in das entwickelte bild:
    http://www.sense-grasburg.ch/seiten/04geschichte.html

  3. wie köniz und bern auseinderfielen : stadtwanderer on Januar 4, 2010 19:11

    […] die cluniazenser, ein burgundischer reformorden des papstes, gründeten in den 1070er jahren rechts der sense das kloster rüeggisberg. das war fast ein übergriff. im gegenzug entstanden verschiedene chorherrenstifte, welche die kleriker aus der region sammelten, ohne sie einer strengen regel und einem nach innen gerichteten klösterlichen leben unterzuordnen. Den originalen Beitrag finden Sie hier http://www.stadtwanderer.ne … | stadtwanderer […]

  4. stadtwanderer on Januar 4, 2010 23:26

    kommende, wie die in köniz, waren klosterähnliche betriebe, die von ritter-mönchen betrieben wurde, die in orden zusammengeschlossen waren.

    bekannt sind die templer, johanniter und der deutschritterorden. sie alle sind aus den missionszügen nach jerusalem und an die ostsee hervorgegangen, und bauten an gottesstaaten. bekanntlich zerfielen alle: die im nahenosten zubeginn des 13. jahrhunderts, und die an der ostsee im 15. jahrhundert.

    in unseren breitengraden sind die johanniter und deutschritter von bedeutung. eine johanniter-kommende gab es in münchenbuchsee, deutschorden-kommende ausser in köniz auch in bern und sumiswald.

    dass der kaiser auf die deutschritter setzte hatte verschiedene gründe: vor allem war bern der südwestliche aussenposten, über den namentlich die staufer verfügen konnten. was danach kam, war alles ziemlich unsicher.

    zu köniz zählten die ursprünglich die erwähnten kirchgemeinden (1226/43). später kamen noch einige hinzu: bösingen (genaues jahr unbekannt), oberbalm (1282) und wahlern (1388).

    die kommende bestand, wie gesagt, bis zur reformation 1528, als sie enteignet wurde. 1552 gingen die einkünfte wieder an die deutschritter, 1732 war damit auch schluss. bern kaufte damals die rechte den deutschrittern ab. in bern war 1484 mit der errichtung des chorherrenstifts im st. vinzenz-münster schluss.

  5. robuehler on Januar 5, 2010 15:29

    hallo stadtwanderer

    danke für die ergänzung! genau dies hat vollauf genügt zur abrundung 😉

    weiter wandern!

  6. stadtwanderer on Januar 5, 2010 18:08

    weisst du wie kalt es ist, ich wandere da lieber im internet …

  7. bärbi on Januar 6, 2010 21:26

    ja ja, da kann man auch die ohren steif halten bei dem tempo. und man darf ja nicht sagen, es sei ein kreuz mit köniz.

  8. Röstigraber on Januar 9, 2010 18:04

    Kaum jemand kennt die Umgebung von Bern – insbesondere Köniz – so
    genau wie Peter Mosimann. Rund 800 historische
    Wege hat er erforscht, die meisten
    davon zu Fuss. Er verbrachte unzählige Tage mit Karten, Notizbuch, Metermass und Kamera im Gelände und nahm die historischen Wege mit ihren Wegbegleitern wie ehemaligen römischen Gutshöfen, Burgen, Gasthäusern, Mühlen, Gerichtsstätten, Fähren, Rebbergen, Sandsteinbrüchen und Grenzsteinen auf. Er überprüfte seine Aufnahmen in Archiven und Gesprächen. Im Stampfli Verlag ist dazu kürzlich ein Buch herausgekommen. Peter Mosimann: Auf historischen Wegen, Köniz und Umgebung. Ein äusserst schön gestaltetes sorgfältig, recherchiertes Buch, sehr zu weiterleisen zu empfehlen.

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