geschichte ist der bericht über vergangenes mit den augen der jeweiligen gegenwart. das vergisst die neueste publikation aus dem bernischen historischen museum, die der gründung der stadt bern gewidmet ist.

993945_Glanzlich_Nr20_UG_(001_001).pdf, page 1 @ Preflight (2)humbert mareschet ist den meisten meiner leserInnen wohl kein begrifft. historikerInnen dürften ihn schon kennen. denn der lyoner maler verfasste zwischen 1584 und 1586 im auftrag der stadt gemälde zur gründung der zähringersiedlung, die in der burgerstube des rathauses ausgestellt wurden. in den 1830er jahren wurden sie als zeugen des ancien régimes entfernt, und sind seither im bernischen historischen museum ausgestellt.

regula luginbühl wirz, kovervatorin an eben diesem museum, hat jüngst ein buch zu diesem zyklus herausgegeben. vorgestellt werden die grossen themen der lokal- und weltgeschichte: die stadtgründung, die rütlischwur, das urteil von könig salomon und anderes mehr. die kunsthistorikerin ist ganz in ihrem element, denn die lebensnahen und symbolträchtigen bilder von mareschet geben zu vielen interpretationen anlass.

und dennoch verfehlt das buch die wichtigste aufgabe der geschichte: zu zeigen, dass gewesene geschichte, die später festgehalten wurde, vor allem über die zeit des festhaltens etwas aussagt, weniger über die, aus dem das festgehaltene stammt. denn genau darin besteht eine der fundamentalen täuschungen ausgemalter geschichten.

so bekommen wir mit dieser puiblikation den ganzen bilderbogen zur gründungslegende noch einmal unkritisch kommentiert vorgeführt: der herzog berchtold von zähringen erteilt den auftrag zur gründung einer stadt an der aare. der erlegte bär gibt der stadt den namen. die zimmerleute richten das holz für die bevorstehenden bauarbeiten. der bau der stadt schreitet voran. die goldene handfeste des kaisers wird in einem feierlichen akt übergeben. seit 1218 hat bern dieses verfassung.

rainer schwinges, emeritierter professor für mittelalterliche geschichte an der uni bern, arbeitete jahrelang über genau diesen vorgang und die dokumente, die es dazu gibt. er zerzauste unsere zu bilder gefestigen vorstellungen von der stadtgründung stück für stück. der hauptpunkt seiner minutiösen sezierarbeit betrifft die handfeste.

denn kaiser friedrich ii. war nie in bern. sein sohn hat die stadt zwar geordnet, ihr einen schultheissen gegeben, die venner bestimmt, welche die steuern eintreiben mussten, und heinrich hat auch das stadtwappen mit dem bären eingeführt. von einer handfeste aber keine spur. vielmehr, sagt schwinges, sei diese, nach dem aussterben der staufer als herzöge von schwaben und römische könige 1254 im kloster frienisberg geschrieben und mit einem geklauten siegeln beglaubigt worden, ohne je einmal tinte der kaiserlichen familie gesehen zu haben. eine verunechtung wirklicher elemente, die zu einem fiktiven zeichen zusammengeführt wurden und so eine vorführung falscher tatsachen oder auch eine fälschung sind, nennt der historiker das.

regula luginbühl wirz zitiert professor schwinges im literaturverzeichnis zwar artig. mit seiner analyse setzt sie sich aber schon gar nicht auseinander. vielmehr erzählt sie die geschichte, wie man sie gerne hört, anhand der bilder mareschets ein weiteres mal nach. was quellenkritik meint, die man im proseminar des geschichtsstudiums lehrt, scheint sie ganz vergessen zu haben.

schade, schade, schade, sage ich da. denn die bilder des grossen künstlers im reformierten bern verlieren als zeugen ihrer zeit nicht an wert, auch wenn man sie ihrer geschichtsklitterung entkleidet!

stadtwanderer


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