wenn links und rechts nicht gleich heissen – berner kuriositäten (1)

stadtwandern hat etwas mit beobachten zu tun. und wer beobachtet, entdeckt so manch kurioses. darüber will ich berichten in der rubrik “berner kuriositäten”. hier die folge 1.

gewöhnlich heissen strassen auf beiden seiten gleich. nicht so in bern. wenigstens nicht überall.


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wer beim weltberühmten zytgloggen steht, von osten her das zifferblatt bewundert, der sieht links oder südlich davon eine apotheke und ein kleines strassenschild: “bim zytglogge”. also heisst die strasse – oder besser: das strassenstück – an dem der zytgloggenturm steht, sinnvollerweise, “bim zytglogge”.


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geht man nun durch das tor hindurch (man werfe dort kurz einen blick auf die stadtsage (nicht stadtgeschichte!) von 1601), und kehrt man sich danach gegen rechts oder norden, ist man unvermindert an der gleichen strasse. doch wer glaubt, dass sie vis-à-vis auch gleich heisse, sieht sich getäuscht. vielmehr steht man jetzt vor dem strassenschild “zytgloggenlaube”.


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tja, links und rechts der einen strasse ist nicht überall das gleiche, wenigstens in bern nicht …

stadtwanderer

heiraten in bern (und anderswo)

liebe stephanie, lieber rico!

ihr habt geheiratet, in bern. zunächst viel glück für euren neuen lebensabschnitt! für eine österreicherin und einen zürcher braucht es wohl einigen mut, ausgerechnet in bern zu heiraten: vorderösterreichische provinz mag man da und dort denken, und auch morbide beamtenstadt dürfte mitschwingen, wenn ihr bei eurer familie und euren freunden von bern erzählt. aber:

ihr lebt hier!
und es gefällt euch hier!
und ihr habt beide in bern arbeit gefunden!
ihr fühlt euch hier wohl, und
ihr habt einander geheiratet.


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es mag sein, dass die kontakte zur einheimischen berner bevölkerung gering bleiben. halb so schlimm, würde ich sagen, denn es geht auch anders herum! bern ist gross genug, um neue leute kennen und schätzen zu lernen, und klein genug, um sich darin nicht zu verlieren. ich kann davon gut berichten: vor 26 jahren kam ich nach bern, habe einen teil meines studiums hier verbracht, habe arbeit gefunden, habe meinen freundeskreis entwickelt, habe eine gebürtige pragerin, die in bern lebte, kennen und lieben gelernt, habe viele jahre in der stadt gewohnt, und bin ihr bis heute als lebensraum eng verbunden geblieben, selbst wenn ich, um etwas mehr ruhe und nähe zur natur zu haben, ausserhalb wohne.

nein, geheiratet habe ich – im gegensatz zu euch – nicht! das heisst nicht, dass ich beziehungslos lebe: “in festen händen”, sagt man im zeitalter der desinstitionalisierten ehe. das heisst, auf persönlicher übereinkunft basierend ist meine beziehung, frei von familiären verpflichtungen, ohne kirchlichen segen und auch mit keinem amtlichen stempel bezeugt.

mein verhalten, oder das meiner generation, hat so seine geschichte. am besten gefällt mir persönlich das beziehungsverständnis, das man in der vorchristlichen zeit, in der fränkischen gesellschaft des frühmittelalters, von der friedelehe hatte: “friudiea” ist die geliebte, und “ewe” ist das recht. die friedelehe ist das recht der liebenden, das sie untereinander vereinbaren, und das für die willensgemeinschaft zwischen mann und frau steht.

ich weiss, das sind alte geschichten, werde ihr sagen, denn ihr lebt mehr in der gegenwart als ich. ich aber sage euch: die gegenwart hat mehr mit der vergangenheit zu tun, als dass ihr denkt.

* * *

in der frühmittelalterlichen gesellschaft dominierte die sippe. ihre anerkannte form der ehe war die muntehe. munt steht dafür für die vormundschaft über die frau, die bei der muntehe vom vater auf den ehemann übergeht. heiraten war ein eigentliches geschäft zwischen zwei sippen, bei dem es, gegen einen brautpreis, um eine frau ging. getraut wurde öffentlich. das brautpaar stand im zentrum, umgeben vom kreis der verwandten. dem sippenoberhaupt oblag die befragung des brautpaares, die zum ja-wort führte. dieses stand gleichsam für die übergabe der frau an den mann. mit ihr folgte die heimführung der braut in der haus des gatten, wo man zunächst das hochzeitsmahl einnahm. damit die ehe rechtskräftig wurde, musste sie auch vollzogen werden, und dem ersten beilager wohnten gewöhnlich zeugen bei. mit der vollen muntübertragung hatte der ehemann das alleinige verfügungsrecht über das eheliche vermögen, das alleinige scheidungsreicht, und die gewalt über frau und kinder inne. dafür war er verpflichtet, seine frau zu schützen.

mit der friedelehe wurde der fränkische ehemann nicht vormund der frau. mann und frau hatten das recht auf scheidung. die ehe selber wurde nicht durch die sippen geschlossen, vielmehr kamm sie durch heimführung, beischlaf und überreichung der morgengabe zustande. einen brautpreis bezahlt der ehemann nicht. kinder aus fiedelehen waren aber erbberechtigt. auch in der fränkischen gesellschaft war die friedelehe mehr als eine kebsehe. “kebse” waren eigentliche nebenfrauen, die immer aus minderwertigen ständen kamen. freien war es erlaubt, mit unfreien frauen, die in seinem besitz waren, eine kebsehe einzugehen, und zwar so oft man wollte. dafür kinder aus kebsehen war nicht erbberechtigt, und sie blieben unfrei: kegel wurden sie geheissen und von kindern klar unterschieden.

nach den schweren erschütterung der fränkischen gesellschaft im 9. jahrhundert machte sich die kirche daran, den aufkommenden adel und die bauersleute von neuem zu christianisieren. jetzt ging es zentral um lebensführung und eherecht. das verbot der verwandtenehe stand an erster stelle, der forderungen der katholischen kirche. kinder sollen aus einer ehe hervorgehen, nicht erbverhältnisse geregelt werden. dafür wurde die beziehung der ehegatten ins zentrum gericht. eheleute sollten nicht mehr bei den eltern des mannes wohnen, vielmehr mussten sie einen eigenen haushalt gründen, der in der europäischen kultur gleichsam stellvertretende für die neue kernfamilie. für diese fordert die katholische kirche das konsensprinzip und die unauflöslichkeit. ehewillige sollen nicht einfach zusammegeführt werden, sondern sich verloben. das stärkte die eigenständigkeit der frau gegenüber der sippe, und eröffnete den eheleuten auch die möglichkeit, ehelos zu bleiben, um der kirche zu dienen. wurde die ehe jedoch geschlossen, galt sie für immer (“… bis dass der tod euch scheidet.”), worüber die katholische kirche zu allen zeiten streng wachte.

kulturell war das ein enormen fortschritt, blieb aber nicht ohne zahlreiche probleme. am wichtigsten problem, dass die katholische kirche nicht lösen konnte, sollte die allgemeingültigkeit ihres ehemodell in der europäischen kultur denn auch scheitern. gemeint ist der priesterzölibat, im 11. jahrhundert verlangte, seit der krise der abendländischen kirche im 14. jahrhundert aber kaum mehr durchsetzbar.

genau daran entzündet sich in der schweiz wie auch im kaiserreich der streit der reformatoren mit der katholischen kirche. sie selber heirateten demonstrativ, und propagierten die priesterehe als mittel, die distanz zwischen klerikern und laien aufzuheben. pfarrfamilien wollten die reformatoren zu lebendigen vorbildern der eheführung machen. kirchliche trauungen waren hierfür nicht nötig, denn das eheversprechen der heiratswillgen alleine schafft das neue. reformierte männer durften mit 20, reformierte frauen mit 18 jahren auch ohne einwilligen ihrer eltern heiraten. neu war auch die möglichkeit einer ehescheidung im falle eines eheburchs, bis zum ende der alten republik durch ehegerichte kontrolliert. angesichts der konfessionellen spaltung interessierte man sich auch für die bevölkerungsentwicklung. hauptzweck der reformierten ehe blieb denn auch die zeugung von kindern; jedoch verbunden mit ihrer aufzucht. dafür stärkten die reformatoren die stellung des hausvaters. arbeitsteilung zwischen ehemann und -frau war angesagt: der mann sicherte die wirtschaftliche existenz der familie, und die frau kümmerte sich um den haushalt und die kinder.

die starke bedeutung der ehe als wirtschaftsgemeinschaft bei den reformierten führte dazu, dass liebe und sexualität auch ausserhalb der ehe gesucht wurden. es sollte die aufgabe des bürgertums im 18. jahrhundert werden, ehe, liebe und sexualität im bürgerliche ehemodell miteinander zu verbinden. die romantische liebe wird jetzt zum einzig gültigen grund einer ehe, die jetzt zur privatsache wird. dafür wird die gutbürgerliche sittlichkeit zur norm, die durch die frau gewahrt, aber auch vom mann verlangt wird. gewalt wird verpönt, und der familiäre kreis wird durch das ‘du’ bestimmt, mit dem sich die ehegatten ansprechen, und das später auch von kindern verwendet werden darf.

die liberale gesetzgebung lässt den einfluss der kirche auf die heirat im 19. jahrhundert schwinden. 1821 wurde die konfessionell-gemischte ehe in der hälfte der schweizerischen kantone erlaubt. rechtlich aufgehoben wurde das verbot jedoch erst 1850, durch den jungen bundesstaat. 1874 wurde schliesslich die zivilehe eingeführt. das patriarchale selbstverständnis der ehe wurde jedoch bis zum heute geltenden, erst 1985 bewilligten eherecht nicht angetastet.

lange blieb die liebesheirat ausserhalb der vermögenden und aufgeklärten bürgerlichen schichten nur ein traum, der durch wirtschaftliche not und manigfaltige einschränkungen nicht realisiert werden konnte. erst die hochkonjunktur des 20. jahrhunderts erleichterte es zahlreichen jungen leute, ihren wunsch nach einer eigenen ehe zu verwirklichen. damit sinken das heisratsalter, gleichzeitig auch der anteil lediger auf historische tiefstwerte. wenigstens vorübergehend schien es so, dass die wünschbarkeit der bürgerlichen ehe nahezu unbestritten blieb.

die bürgerliche liebesheirat bestimmt bis heute das heiratsverhalten, selbst wenn sie der versuch bleibt, feuer und wasser zu mischen. die liebe hat die ehe als zweckgemeinschaft aufgewertet, stellt sie aber auch gleichzeitig als institution in frage. denn die konsequente liebesehe lässt auch ihre auflösung zu, wenn die ihre basis, die liebe, nicht mehr gegeben ist.

seit ende der 60er jahre zerfällt deshalb auch das bürgerliche eheideal. voreheliche sexualität wird wieder populär, aussereheliche sexualität ist verbreitet. die diskriminierungen lediger mütter und ihrer kinder durch das gesetz sind unhaltbar geworden. und der individuelle konsens zwischen partnern ist mit dem neuen ehe- und erbrecht sogar die legale grundlage der heirat geworden.

* * *

für menschen wie mich, die sich die frage der heirat zu beginn der 80er jahren stellten, war das neue ehe- und erbrecht noch keine chance. gesellschaftliche, staatliche und kirchliche eheideale hatten ihren reiz längst verloren. und das recht hindert einen schon daran, ernsthaft ans heiraten zu denken. brüche in der eigenen biografie, berufliche und private, haben zudem den glauben an die bindende wirkung von lebensgemeinschaften schwinden lassen. wenigstens für mich, und meine generation.

für menschen wie euch, die zusammenleben und familiengründung verwirklichen wollen, ist das eine neue chance, die ihr heute packt. dafür bewundere ich euch ein wenig.

ihr wisst, ich wollte euch eine kleine stadtführung in bern und umgebungen schenken. stadt- und kulturgeschichte sollten den rahmen bieten, indem ihr heiraten werden. und besondere ehepaare aus unserer geschichte sollten das verständnis der ehe in ihrer zeit aufzeigen.

alles war so schön vorbereitet! doch sollte es nicht soweit kommen: im regen stehen gelassen haben uns

. die natur,
. der herrgott,
. die beiden landeskirchen,
. der staat (bund, kanton und gemeinde) und
. die ganze bürgerlicher gesellschaft.

auf nichts ist mehr verlass, sag ich da! so mussten wir gestern erheblich improvisieren, abkürzen und weglassen, – bis zur unendlichkeit der geplanten stadtwanderung.

ich hoffe, es ist nicht ein zeichen, für meine skepsis gegenüber der ehe! und weil ich immer auch optimist bin, glaube ich an eure heirat. deshalb habe ich euch, mit meiner karte, die am ballon gen himmel stieg, sonnenschein gewünscht, und wenn ihr den habt, die verpasste stadtwanderung als geschenkt noch nach gereicht.

der (unverheiratete) stadtwanderer

brasil gegen fdp 1:0

brasilianische fahnen zu hauf, beach bar am see und fussballfieber, wo man hinschaut. man wähnt sich mitten in brasilien.


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im hotel gibt’s eigentlich nur ein thema: ist die seleçao wirklich so schlecht in form, wie der trainer meint? glauben mag das hier niemand, denn eines ist hier sicher: brasilien wird zum sechsten mal fussballweltmeister!


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die schnurgerade ausgerichteten tulpen vor meinem fenster hätten zwar vermuten lassen, in brasilia zu sein. doch da war ich nicht. ich war in weggis, das park hotel testen, wo die stars vom 22. mai bis 3. juni wohnen werden!


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ich kann sagen: weggis hat nicht nur einen grossen pr-coup gelandet, weggis ist auch gerüstet. mit sack und pack, frau und kind werden sie erwartet. und aus dem kleinen strand die copacabana machen! schön muss das sein, das leicht verschrobenbe weggis wird aufwachen, ein wenig wie rio werden.


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eilends wird auch ein neues fussballstadion gebaut. “vor 10 tagen hat man noch gar nichts gesehen”, sagt mir der taxichauffeur. dank dem guten wetter gibt’s jetzt sogar grünen rasen! und die bilette für die trainings sind alle weg. “anstehen habe man müssen, um eines zu ergattern”, fügt er bei. und 50 stutz hinlegen, um sitzen zu können. das sei ihm dann doch zu viel gewesen, denn der samba werde wohl auch neben dem station sein.


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500 medienstationen werden mit dem weltmeister von 2002 erwartet. die ganze welt wird ihr auge auf weggis richten. da können alle rund herum nur noch staunen: soviel gratiswerbung! 1 kiste habe der lokale unternehmer bezahlt, sagt mir der chauffeur, dass der tschutti-weltmeister vor seinem firma trainieren komme. ungelöst sei aber das sicherheitsproblem in weggis: wann wolle den raum von küssnacht auch abriegeln, das werde ein unglaubliches durcheinander geben. fürs taxigewerbe werde es aber super werden: waren schon mal 2 journalisten aus brasilien da, und hätte gleich dreimal im tag nach luzern gefahren werden wollen. und während den berühmten zwei wochen rechne man mit 2000 journalisten, sind, summa summarum 3000 fahrten nach luzern à 70 chf. wären 210’000 chf umsatz im tag!


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gespannt ist man, ob sich die stars überhaupt bewachen lassen, meint der taxichauffeur. “die schweiz ist ja ein tresor, in dem sich allen eingesperrten frei bewegen können”. das würden die bald merken, und sich nicht noch mehr einsperren lassen. seine frau sei brasilianerin, in weggis, und die sei überzeugt, dass hier bald der teufel los sein werde.

das trifft sich gut. weggis stellt sich in seinem buch über sich selber so vor: “ein paradies auf erden, – aber von teufeln bewohnt!” immer habe es lämpen gegeben mit den weggisern, sagt man im dorf. vertragen hätten sie sich nie, mit ihren nachbaren nicht und auch mit den luzernern nicht. und auch heute sei es nicht einfach, als fremder (luzerner!) nach weggis zu kommen, fügt mein chauffeur bei. bis man da als auswärtiger gewerbetreibender akzeptiert werde, brauche es viel. die hotels würden die einheimische konkurrenz bevorteilen, die gäben dann die aufträge weiter, wollten aber eine provision. wer etwas neues aufbauen wolle, habe es schwer in weggis. ein wenig beschaulich, seien sie in weggis, da sind sich alle einige. vielleicht ist der rummel, der jetzt kommt aber die grosse chance: auf jeden fall muss man die dorfgeschichte danach umschreiben. ereignisreich ist sie nämlich nicht, wenn man die website der gemeinde, die jetzt weltweit konsultiert wird, betrachtet. verschlafen ist nur das vorwort!

natürlich war ich in tat und wahrheit nicht des tschutten wegens weggis. dafür bin ich viel zu wenig sport-begeistert, und beim fussball, habe ich einen grundsatz: egal wer gewinn, nur die d. nicht! beim nachtessen liefert ein kultivierter professor für kommunikation die amerikanische definition von fussball. wenn zwei mannschaften mit je 11 männern einem ball nachrennen, und danach “germany” siege, dann sei das eben soccer!

meine kundschaft ist da teilweise viel näher dran, am fussballgeschehen. klar, der städtische effzee und seine mäzenin haben ja auch schon mal ein stück fussball- und sponsoringgeschichte geschrieben! näher dran war meinen kundschaft früher auch an der fdp. da wird heute aus distanz drüber disktuiert. der erzwungenen und erfolgte rücktritt von frau fierz ist anlass genug. neue namen werden herumgeboten, die alle nicht kenne: ausser gutzwiller, der hat aber schon abgesagt, und ausser urs lauffer, der wolle jedoch sicher nicht sein gehalt vierteln, ist man sich rasch einig! die fdp von heute wird kurz gefasst so analysiert: ausdruck der individualisierung. pelli führe den appart, doch der führe sonst niemanden. die partei sei atomisiert, tausende von einzelkämpfer stünden für die partei, die es aber gar nicht mehr gebe. jeder sei seine eigene fdp-ag, die nach autopoetischen grundsätzen funktionniere, politisiere und kommuniziere. ein gravitationszentrum sei nicht mehr zu erkennen. und über den bericht der nzz von heute morgen wird nur maliziös gelächelt: “das ende eines trauerspiels”, nein, die x-te folge, höre ich, und die nächste komme so sicher wie das guetnachgschechtli!

der konkurrent zum jetzigen generelasekretär der fdp schweiz, bei dessen wahl, sitzt beim mittag neben mir. er ist 2002 aus der fdp ausgetreten, aus enttäuschung! seiner steilen karriere in der wirtschaft hats nicht geschadet, derweil guido schommer die stets kleiner werdende schar von getreuen hütet. typischer geht’s nicht mehr, denke ich mir innerlich. eigentlich mag ich beide als gesprächspartner. aber so unterschiedliche wege kann man nicht mehr als einheit verstehen, die das land gestalten wird. wirtschaftsliberale, staatsbegründer und citoyennes, die frühere erfolgsmischung will einfach nicht mehr funktionieren. “verlieren sie die wahlen reihum, – und was machen sie?”, orakelt mein kommunikationsprofessor: “ein neues logo! wir liberale.” das sei ja zum lachen, meinen meinen die manager. bald schon würden abzählreime aufkommen, der positivere: ich liberale, du liberalst, er liberalt, wir liberalen! der negativere: 10 kleine liberale, 9 kleine liberale, 8 kleine liberale ..

war alles bestens organisiert hier. park hotel ist gerüstet für die wm-vorbereitungsrunde, und mein kunde sieht die zukunft auch (einigermassen) optimistisch. empfehlung meinerseits: fantastischer rot-wein, aus dem eigenen (bio)weinkeller! muss jetzt aber arbeiten gehen, unerwartete anfragen aus der potenziellen kundschaft! noch ein blick in mein zimmer! welcher star wird hier hausen, im gleichen bette schlafen, wie ich war? schon beim gedanken, einem alten und neuen weltmeister so nahe zu sein, juckte mir die ganze nacht mein rechtes bein.

und ich träumte: brasil, tor, tor, tor! tönt gut!

wenn sich nur auch die fdp sich anstecken lassen würde:

fdp, sieg, sieg sieg! tönt komisch!

weggis-wanderer

mit der krise der liberalen oder bürgerlichen parteien beschäftigt sich gegenwärtig die halbe politbloggergemeinde; siehe auch:

edemokratie

lieber thomas fuchs

lieber thomas fuchs …

jüngst sind sie wiedergewählt worden, als grossrat des kantons bern. gratualtion!
doch zum ersten platz auf der berner svp liste hats nicht gereicht. sie sind nur nummer 2, platzhirsch ist der schori!
ich habe einen tipp, wie sie sich verbessern könnten: ihre website ist politisch unkorrekt. das geht nicht! hand ausfs herz: blondinenwitze sind echt passé!

thomas fuchs’blondinenwitze

zudem bin ich nicht sicher, wie gut s i e die fragen beantwortet hätten. es stimmt zwar, dass der dreissigjährige krieg 30 jahre lang dauerte. aber der 100jährige krieg dauerte nicht 100 jahre, wie man mit der vereinfachung im alltag suggeriert. das zögern der “blondine” war also absolut berechtigt. begonnen hat der sog. 100jährige krieg zwischen frankreich und england 1337; formell beendet wurde er 1453, – der türken wegen, die byzanz erobert hatten!

echt, hättens sie gewusst? falls ja, stelle ich ihnen die folgende frage: welche auswirkungen hatte der sog. 100jährige krieg auf bern?

ich habe vier antwortmöglichkeiten vorbereitet, bitte wählen s i e die aus, die falsch ist!

1. der sog. 100jährige krieg war ein segen für bern. die franzosen kamen 1444 bei basel vorbei, und haben die eidgenossen provoziert. gut, die franzosen haben bei st. jakob die schlacht gewonnen, bern aber nicht verloren. man hat das beste draus gemacht, und mit dem franzosenkönig ein bündnis geschlossen, das nur vor vorteil war. das ungebildete volk vom land konnte nun als söldner ins französische heer eintreten. in der stadt kam man so zu viel geld, der niklaus diesbach an seine klientel verteilte (wie heute die svp), und kräftig in den münsterbau steckte. die berner wirtschaftsförderung (mindestens so gut wie jene der svp heute) hat also ihren ursprung im sog. 100jährigen!

2. der sog. 100jährige krieg hatte schlimme folgen für bern. die engländer waren chronisch unterbeschäftigt, und so griffen sie zwischendurch auch ins schweizerische mittelland aus. die berner verstanden ihre sprache nicht, und nannten sie vereinfachend gugler. sie konnten aber nicht verhandeln, also wählten sie die sprache, die man auf den schlachtfeldern verstand: sie haben die gugler zwischen ins und nidau übel verhauen, vor allem am weihnachtsabend, denn ihnen gar nicht heilig war, wenns um krieg vor der eigenen türe ging. die gugler sind dann auch nie mehr gekommen, und die stadt bern konnte sich im seeland kräftig ausgebreiten. das wirkt bis heute nach: sonst wäre nicht einmal sicher, ob sämi schmid ein berner oder solothurner geworden wäre, und für auf ihren plakaten werbung machen könnte!

3. der sog. 100jährige krieg war für bern des teufels. am ende des krieges schlossen england und frankreich frieden, doch die burgunder mochten sich nicht einordnen. sie haben herzog philipp den gutenin bern geschickt, um unerlaubte propaganda für ihre sache betrieben, auf die adrian von bubenberg hereingefallen ist. er uns seine frau folgten jeder dieser burgundischen mode, die damals üblich war. adrian wollte mit karl dem kühnen einen kreuzzug unternehmen, und seine frau – eine burgunderin! verwechselte berns gassen schon mal mit dem laufsteg. sie trug als erste körperbetonte kleider und schnabelschuhe bis geht nicht mehr. gottseidank hat ein vorfahre der berner stadt-svp damit remedur geschaffen. schultheiss kistler verbot diesen ganzen unfug, und adrian von bubenberg mit seiner frau verliess die stadt richtung spiez.

4. der sog. 100jährige krieg hatte gar keine auswirkungen auf bern. man war nämlich damals schon neutral und mischte sich nicht in die inneren angelegenheit fremder länder ein. im sog. 100jährigen krieg ist die schweizerische neutralität geboren worden, quasi das programm der mit der svp verbündeten auns, der aktion für einen unabhängige und neutrale schweiz, entstanden. gottseidank!

stadtwanderer

wiborada

klar, sie ist meine lieblingsheilige. denn sie ist die schutzpatronin der bücherfreunde. und bibliophil bin ich ganz sicher.

hier ihre kennzeichen:

. todestag: gestorben am 2. mai 926, also heute vor 1080 jahren.
. todesursache: erschlagen, mit einer streitaxt.
. täter: madyarische reitertruppen.
. tatort: kluse bei der magnus-kirche in st. gallen.
. name: wiborada, die ratgeberin.

wann wiborada geboren wurde, weiss man, wie bei den meisten menschen dieser zeit, nicht. man weiss aber, dass sie dem adel angehörte, der sich im jungen schwäbischen herzogtum, 911 gegründet, um die vorherrschaft stritt. voraussichtlich 912 wurde die einflussreiche frau neutralisiert. sie wurde in eine klause beim kloster st. gallen gesteckt. doch ihr rat blieb teuer und gold wert. als die madyarischen reitertruppen schwaben (und burgund) bedrohten, riet sie dem st. kloster, die wertvollsten kulturgüter ins benachbarte kloster reichenau zu zügeln, da sie dort – auf der insel – geschützer seien. das hat man dann auch gemacht, und wiborada sollte recht bekommen: 926 überfielen die madyaren das kloster st. gallen, und plünderten es. zwei wertvolle bücher wurden gerettet, das älteste in deutscher sprache, 720 entstanden, und das bis heute älteste liederbuch der welt, eben grad um 920 verfertigt. selber kam wiborada beim überfall um. die mönche hatte sich in eine fluchtburg zurückgezogen, und wiborada markierte in ihrer klause das zentrum des widerstandes. deshalb wurde sie auch umgebracht, während das kloster einigermassen überlebte.

die katholische kirche dankte es ihr, 1047 wurde sie als erste frau der kirchengeschichte überhaupt (von papst clemenz II.) heilig gesprochen, und st. gallen wurde 1983 in uno-verzeichnis des weltkulturerbes aufgenommen, nichtzuletzt wegen der wertvollen bibliothek, die wiborada rettete.

hier noch eine kostprobe der ältesten deutschen sprache, die wiborada für die nachwelt gerettet hat. es ist das st. galler vater unser:

fater unseer, thû pist in himilie,
uuîhi namun dînan
qhueme rîhhi dn
uuere uuillo diin, son in himile sôsa in erdu.

prooth unseer emezzihic kip uns hiutu,
oblâz uns sculdi unseero, sô uuir oblâzêm uns sculdikêm,
enti ni unsih firleiti in khorungka,
ûzzer lôsi unsih fona ubile.

alles klar? ein wort ist dabei wohl eine erfindung. für die versuchung (temptatio) gab es im germanischen keine direkte übersetzung. so ist khorungka eine wortschöpfung des übersetzers, angelehnt an kostunga (geniessen) resp. korunga (wählen).

leider ist ihr andenken fast ganz verloren gegangen. in st. gallen gedenkt man ihr noch, am 11. mai, sonst ist der brauch fast ganz verschwunden. nicht so bei mir: wer weiss, was bücher wert sind, und dafür sein leben einsetzt, ist nicht nur eine weise seherin, sondern auch beste schützerin der menschlichen kultur. selber könnte ich kein buch nicht zerstören. selbst weggeben kann ich die dinger kaum. deshalb habe ich auch ein paar, und werde sie auch vermehren, mit einer kleinen erinnerung an wiborada. schön wäre es, wes würde an jeder bibliothek, im eingangsbereich, an wiboradas vermächtnis erinnert.

übrigens: was das für eine zeit war, als sie lebte, als sie eingekerkert wurde, als sie umkam, das erzähle ich später. die beziehung zu burgund ist nicht so schwer herzustellen, jetzt aber will ich bücher kaufen! meine drei lieblingsantiquariate in bern sind:

. menhire (mein grosser favorit für kulturgeschichte und vergessenes wissen)
. hegnauer & schwarzenbach (toll, habe da die ganz alten sachen von diebold schilling erstehen können)
. thierstein daniel (grad eine wundervolle chronik von murten erstanden, werde daraus berichten!!!)

alles an einer strasse, gäbig esch es halt in bärn!

schwaben-wanderer

ps: mein nachträglicher beitrag zum welttag des buches, der soeben war!

die vergessene burgundische tradition des 1. mai

tja, das rote bern feiert, ihren 1. mai, den tag der arbeit, an dem man nicht arbeitet. verbinden soll es das land! in solidarität und linker eintracht. habe einen kurzen blick geworfen, auf die versammlung, zwischen hotel bern (rotes haus), kornhaus (berner merkantilismus) und franzosenkirche(ehemaliges dominikanerkloster, später asylkirche der hugenotten). viele leute hatte es nicht, und ich bekam den eindruck, es sei vor allem das rotgrüne bündnis, das den sozialistischen 1. mai feiert. stimmungsmässiger höhepunkt kam von femden völkern: tanz der kurdischen frauen, glitzernde kleider (muss schrecklich gewirkt haben für die feministinnen), dröhnende musik (war schrecklich für alle alle ohren), und ein wenig ablenkung vom politalltag. so ist war es, am 1. mai 2006.

besonders angezogen hat mich die veranstaltung jedoch nicht, wir von den stadtwanderern sehen im 1. mai nämlich auch einen ganz anderen feiertag: dem gedenktag an burgunderkönig sigismund, der legende nach an diesem tag im jahre 524 verstorben. und das kam so:

könig sigismund, 2. könig der vereinigten burgundia

sigismund war der sohn von könig gundobad, der die verschiedenen königreiche von burgund um 501 geeinigt und ihnen ein einheitliches recht erlassen hatte. regiert wurde von da an die burgundia aus lyon. wann sigismund geboren wurde, ist unklar. 497, er musste wohl 20 gewesen sein, und er empfing – gegen den willen seines vaters, der arianischen glaubens war – die christliche taufe. taufpate war aviatus von vienne, ein seelenführer, der bischof in der stadt im mittleren rhonetal war.

bevor sigismund könig wurde, hatte er als pilger den papst in rom besucht (sein vater war 472 noch an der spitze eines burgundischen heeres als eroberer roms in erscheinung getreten, der den “kaiser” abgesetzt und einen neuen “kaiser” nach seinem willen eingesetzt hatte), und in ravenna seinen schwiegervater, den ostgotenköig theodrich den grossen, ebenfalls arianischen glaubens, getroffen. danach kehrte er ins burgundische königreich zurückgekehrt, das von arles bis langres bzw. von nevers bis an die aare reichte. vereinfacht ausgedrückt umfasste es das ganze rhonetal, samt den wichtigen zuflüssen. von genf aus, wo er als unterkönig residierte, förderte er in agaunum, oberhalb des genfersees, an der rhone gelegen, die katholische kirche. 515 ist das jahr, indem das dortige kloster, heute besser unter dem namen st. maurice bekannt, als eigentliches burgundisches hauskloster gegründet wurde. beabsichtigt war es damit, den wichtigesten übergang nach rom, den grossen st. bernhard, aus burgundischer sicht zu herschaftlich und kirchlich zu stärken.

516 wurde sigismund beim tode seines vater könig von burgund. mit seiner königsherrschaft wurde das königreich erstmals ganz katholisch. das heisst nicht, dass man den alten glauben, germanischen ursprungs nicht mehr anhing; das volk lebte weiterhin mit den traditionellen göttern und nach den alten sitten. sie waren nur soweit angepasst worden, dass sie von der spätantiken gesellschaft in den alten römischen städten, akzeptiert werden konnte. dafür stand vor allem die königssippe, die das mit ihrer zugehörigkeit zum katholischen glauben am sichtbarsten bezeugte.

mit dem übertritt zum katholizismus war man in der brugundia mit den franken gleichgezogen, die könig chlodwig nach seinem sieg über die römer in gallien, geeingt hatte, gleichgezogen. die merowingersippe, die in tournai und soissons herrschte, war stark aufstrebend, und hatte sich weit über francien ausgedehnt. unterworfen wurden von den franken die alamannen am oberrhein und die westgoten in acquitanien, sodass, mit ausnahme burgunds, das alte gallien nach dem untergang des weströmischen ganz unter fränkische herrschaft gekommen war.

sigismund heiratete nach dem tod seiner ersten frau als burgundischer könig ein zweites mal, nun eine katholikin. für sie war sigerich, sigismunds sohn aus erster ehe mit der tochter von könig theoderich dem grossen, stein des anstosses. sie verpfiff 522 den stiefsohn bei seinem vater, er trachte nach der königsmacht, und die vorherrschaft der katholiken in burgund sei in gefahr. sigismund liess sich hierauf zu einer schrecklichen tat hinreisen, und ermordete seinen sohne im affekt.

die krise der burgundischen königsherrschaft

sigismund wurde von seinem taufpaten aviatus unterrichtet, dass eine solche tat mit dem katholischen glauben nicht vereinbar sei. der könig tat darauf busse, zog sich selber nach agaunum zurück, stattete das kloster reich aus, und lebt selbst ein jahr dort. zwischenzeitlich regierte sein bruder godomar die burgundia. die beziehung zwischen burgund und ostgoten, die im namen des kaisers von byzanz ganz italien regierten, kühlten sich jetzt ab, war doch sigericht auch von ihrem blut. theoreich versagte seinen schutz an burgund, was die franken nutzen, um das geschwächte königshaus von burgund zu stützen.

unter führung von könig clodomir griffen die franken nun burgund an. zu seinen truppen zurückgekehrt, konnte sigismund nur noch die niederlage feststellen. er und seine familie fielen den franken in die hände, die sie nach orléans abschleppten. in der burg von coulmiers, wo sigismund, seine frau und seine zwei söhne gebracht worden waren, wurden sie gemeinsam in einem brunnen ertränkt. wahrscheinlicher todestag ist der 1. mai 524.

nun fühlten sich die ostgoten von den ungehemmt expandieren franken bedroht, und sie unterstützen den bedrängte könig godomar wieder. dieser griff in den burgundischen alpen bei vézeronce am 21. juni 524 die franken an, schlug sie, wobei könig chlodomir selber fiel. darauf hin zogen sich die franken aus burgund zurück, doch nur bis 534. nach dem tod des ostgotenkönig theoderich, strebten sie die herrschaft über burgund erneut an, besiegten könig godomar endgültig und unterwarfen die burgundia dem fränkischen königtum.

536 wurden die reliquien von könig sigimund nach st. maurice gebracht, und unter den anhaltenden gesängen (laus perensis), die an den christlichen kaiserhof von byzanz erinnern sollten, aufgebahrt. dort blieben sie bis 1365, wurden danach nach freising und prag überführt, wo sie den von kaiser karl iv. geförderten sigismund-kult in zentraleuropa begründeten, und wo sie heute noch zu besichtigen sind.

suevagotta und die anbindgung an den reimser königshof

was das alles mit uns stadtwanderern in bern und burgung zu tun hat? ganz viel. sigismund verheiratete nämlich seine tochter suevagotta an den ebenfalls fränkischen königshof von reims. dort herrschte theuderich I., genauso wie chlodomir sohn von chlodwig, jedoch aus einer anderen ehe. in reims begründete er eine merowingische königsherrschaft, die sich zusehends nicht mehr gallisch verstand, und dazu tendierte, eine eigene dynasite zu werden, die über die ostlichsten, am wenistens entwickelten gebiete herrschen sollte. die theuderich I. beteiligte sich auch nicht an der eroberung burgunds durch seinen bruder chlodomir, sondern besetzt im gegenzug die reiche auvergne. um einen besseren zugang zu seinen besitzungen zu haben, forderte er, nach godomars tod einen teil der aufgeteilten burgund. als mann von suevagotta griff er nach dem alten unterkönigreich von sigismund, das genf und sein hinterland umfasst hatte. nun geriet dieser teil burgunds, anders als der rest, wenigstens vorübergehend nicht unter die herrschaft, die in orléans ausgeübt wurde, sondern von reims ausging.

unter theuderich wurde das westliche mitteland der heutigen schweiz wieder aufgebaut. aventicum wurde jetzt ein fränkiches zentrum, jetzt wiflisburg genannt, und bekam (vorübergehend) einen eigenes bischof. nach der römischen kaiserherrschaft, der burgundischen königsherrschaft machte sich nun eine fränkische herrschaft breit. und es wurden alamannische siedler, die ausgehend von zurzach zwischen 534 und 555 in ehemals burgundisches gebiet vordrangen, aufgenommen.

die teilung des mittellandes zwischen burgund und alemannien

561 sollte dies, nach dem tod des fränkischen könig chlothar I , der vorübergehend und nur kurz über alle fränklischen teilkönigreich regiert hatte, von entscheidender bedeutung sein. die alte burgundia wurde nun unter dem fränkischen könig gunthar wieder zusammengefügt, und neu dem königshof von chalons-sur saône untergeordnet. der westliche teil des mittellandes kam so wieder zum fränkischen burgund, und zwar als ducatus transioranorum oder eigenes herzogtum mit wifflisburg als zentrum. das katholisch-römische erbe fand damit seine fortsetzung.

das zwischenzeitlich alamannisch besiedelte aaretal dagegen wurde, durch germanische völkerschaften aufgefüllt, im eigentlichen sinne repaganisiert, zum ducatus alemanorum erhoben, und den neu in metz regierenden fränkischen königen von austrasien untertellt. die christianisierung sollte hier noch lange ausbleiben, und erst im 8. jahrhundert unter den karolingern eingeführt werden. auch sprachlich nahm das gebiete seine eigene entwicklung. das alemannische dominierte über das spärlich verblieben spätantike vulgärlatein.

ein kulturelle trennung, die nicht ohne bedeutung sein sollte. die karolinger betrachteten die burgundische und alemannische traditionen sehr unterschiedlich, und als ihre herrschaft im 9. jahrhundert zerfiel, neue adelsherrschaften mit neuen grenzen entstanden, wählte man die grenze von 561 als grenze zwischen dem imperialen mittelreich (bei dem die teile links der aare verblieben) und dem ostfränkischen königreich (zudem die teile rechts der aare nun als herzogtum schwaben) kamen.

die vergessene tradition des 1. mai

heute mutet die teilung des mittellandes, die 561 begann, fast selbstverständlich an. die oberherrschaft ist zwar nicht mehr fränkisch, sondern schweizerisch. die teilung von kulturräumen, heute von sprachräumen, die im 6. jahrhundert entstand, ist aber mit fast unveränderten kulturgrenzen fast allgegenwärtig geworden.

sigismund hat doch vielmehr mit unserem leben heute zu tun, als wir es, die so vergesslich sein, zu glauben vermögen. wer weiss, was geschehen wäre, hätte er suevagotta nicht mit theuderich verheiratet, wären die alamannen nicht eingedrungen und wäre das ganze mittelland 561 wieder burgundisch geworden resp. geblieben.

die schweizer geschichte hat diese zusammenhänge fast ganz vergessen. wenn man sich überhaupt noch der burgunder erinnert, ist das schon viel. erfahren habe ich das weder im geschichtsunterricht, noch in schweizergeschichtsbüchern. erfahren habe ich alles vielmehr nur, weil die katholische kirche den tod von klostergründer sigismund als martyrium sah, und ihn, auch ohne kanonisierung als heiligen verehrt. und genau daran erinnert mich der 1. mai, gerade in bern, das heute wieder brückenstadt über die aare geworden ist!

fruchtbarkeit, beltane und keltische heiligtümer rund um bern

zugegeben, ich bin eher ein mensch, der gerne im zentrum lebt. das heisst jedoch nicht, dass ich keine affinitäten zu rändern habe. als soziologe muss man das sogar haben, denn michel foucault lehrte uns nicht nur über die kultur des strafens in den zentren (guillotine, mit der könig louis XVI geköpft wurden) nachzudenken. er forderte uns auch auf, an die ränder zu gehen, weil dort beobachtet werden könne, wie gesellschaft entsteht. so führte er uns als soziologe auch die kultur psychiatrischer kliniken vor.

stadtrandwandern wiederum bedeutet auch, über die ursprünge einer siedlungen nachzudenken. lange war ausgemacht, dass bern eine zähringergrundung sei, die aus dem nichts entstanden sei. dann mehrten sich die zweifel: die burg nydegg, die die zähringer verstärken liessen (und die heute nicht mehr steht), hat ältere ursprünge. eher ist sie burgundischen ursprungs. doch auch die burgunder waren nicht die ersten, die in den aareschlaufen siedelten; vor ihnen waren die römer und diese war nur da, weil es schon länger eine keltische bevölkerung gab. die ist zwar nicht direkt auf dem mittelalterlichen stadtgebiet nachgewiesen; vielmehr siedelte sich weiter südlich und muri und weiter nördlich, in der aareschlaufe gegen bremgarten, wie man seit 1849 weiss. die aare ist dort sehr flach, und man kann sie als furt bei fast jedem wasserstand passieren.


zinktafel mit dem vermutlichen stadtnamen brenodor, die man in der nördlichen aareschlaufe gefunden hat (quelle: univ. wien)

nachweislich gibt es in der schlaufe eine gallorömische siedlung, von der man 1984 auch den namen gefunden hat: brenodor. hergeleitet wird das aus dem keltischen, und meint das oppidium des brennus. aufgrund der achäologischen ausgrabungen nimmt man an, dass brenodors blütezeit zwischen 100 und 260 unserer zeit war. auf jeden fall war es eine römische satellitenstadt von aventicum, das nach 70 unserer zeit besonders von den flavischen kaisern in rom gefördert wurde und sich zur eigentlichen metropole im mitteland entwickelte. kollaps des römischen reiches um 260 unserer zeit liess vorübergehend die keltischen untergründe der römischen kultur in ganz alleinen stärker hervortreten, gleichzeitig aber auch die germanen vorrücken. spätestens mit ihnen dürfte auch das städtische leben in breonodor zurück gegangen sein.

einiges erinnert auch heute noch an die keltische zivilisation in bern. man muss ein wenig sensibilisiert sein, denn schriftliche zeugnisse aus keltischer zeit gibt es keine. aber es gibt zahlreiche überlieferungen, zu denen vor allem der keltische jahreskreis gehört. er kann auch als früher kalender gelten, der den sonnenzyklen folgte. gebildet wird er durch vier fixpunkte, die beiden sonnwenden einerseits, die tag-und-nachtgleichen anderseits. sie bilden das vierspeichige rad der kelten, wobei jede speiche einem der vier zentralen feste entspricht:

. samhain (31. oktober resp. 1. november) ist die jahreswende, und markiert den beginn des winterhalbjahres.
. beltane (30. april resp. 1. mai) ist jahreshäfte, und mit ihr beginnt das sommerhalbjahr.
dazwischen liegen
. imbolc (30. januar oder 1. februar), das lichtfest, und
. lugnasad (30. juli oder 1. august), das erntefest.
sie markieren die sonnenwenden.

übergänge dieser art wurden in keltischer zeit rituell gefeiert, weshalb es überall wo kelten ware, alte, heilige orte gibt.

in bern dürfte das der glasbrunnen im bremgartenwald sein. seit alters her spendet er wasser, und ist er ein symbol der fruchbarkeit. in der tat konnte man in seiner nähe auch viereckschanze, keltenschanze genannt, entdecken. selbst wenn es davon noch wenige spuren gibt, verweisen sie auf ein heiligtum aus vorchristlicher zeit. so fand man in ihrer nähe rste von gräbern aus der hallstattzeit.

der fruchtbarkeitsmythos des glasbrunnen ist in christlicher zeit nur überform worden, nicht verschwunden. mit der reformation erhielt er eine besondere wendung: magdalene nägeli, die tochter von hans-franz nägeli, der obersten im waadtländerkrieg von 1536 und späteren schultheissen in bern, heiratete gleich drei nachfolger ihrer vaters (den von steiger, den von wattenwyl und den manuel) im schultheissenamt, und hatte mit ihnen fast ungezählt viele nachfahren. sie überlebte ihre ehemänner alle, und als sie starb, hinterliess sie fast 100 kinder, enkel und urenkel. in der sage lebt sie als die mysteriöse frau weiter, die einem am glasbrunnen erscheinen kann. sie soll wunderschön und voller ausstrahlung sein.

angespielt wird damit auch auf die keltische feen, die in flussquellen hausen und besondere wünsche erfüllen können. zu diesen wünschen gehört unzweifelhaft der kinderwunsch.

vielleicht ist das ganze etwas unzeitgemäss geworden. die kinderzahlen sind rückläufig in bern. soziologen sprechen schon davon, dass hier der demografische knick schon vorbei ist, und die bevölkerung strukturell schrumpft. tja, mal sehen ob sich das ändert. diese nacht ist valpurgisnacht: beltane mit neuheidnischem charakter …

sie sind halt unsterblich, die kelten, die stets an die wiedergeburt ihrer vorfahren glaubten.

stadtrandwanderer

kuhschweizer und sauschwaben

naja, auf berns gassen kann man allerhand hören. freundliches, mehr oder weniger freundliches und unfreundliches. wie in jeder stadt, ja, wie überall.

“kuhschweizer” und “sauschwaben” sind zwei beliebte ausdrücke, wie sich schweizer und deutsche ganz gerne austeilen, wenn sie sich lieber nicht begegnet wären. schnell gesagt ist es, aber woher kommt das, und was meint es?

“schweizer” ist zunächst ein fremd-wort, das die schwaben brauchten, um sich abzugrenzen. obwohl negativ gemeint, haben es die eidgenossen in ihr selbstverständnis übernommen und umgemüntzt. “kuhschweizer”, das ebenfalls im 15. jahrhundert entsteht, ist bis heute negativ konnotiert geblieben, und wird, von ausländerInnen verwendet, als beleidigung empfunden. jedoch ist die kuh im schweizbild der schweizer ausgesprochen präsent geblieben, und wir sie auch durchaus positiv verstanden, wie die fröhlichen marken des schweizer post zeigen.

blättern wird zurück: 1499 lagen sich die eidegenossen und die schwaben in den haaren. die militärische auseinandersetzung von basel bis chur entlang des rheins war heftig, so wie man es sich aus den zeiten der verschwindenden ritterschlachten nicht gewohnt war. vielmehr war es die zeit des fusssoldaten, die unerschrocken vorgingen. gewonnen haben die eidgenossen, die den sieg nutzen, um ihre autonomierechte im kaiserreich zu sichern, denn von der reichsreform, die maximilian 1495 gefordert hatte, hielten die eidgenossen nichts. steuern zahlen war nicht ihr ding, und das fehdeverbot, da hätte durchgesetzt werden sollen, behagte den kriegerischen eidgenossen gar nicht.

man weiss es: maximilian akzeptiert den sonderstaats der eidgenossenschaft, die man in anlehnung an ihre wortführer auf den schlachtfeldern, den schwyzern, jetzt schweizer nennt. anfänglich ist das negativ gemeint; ein sonderbares völkchen von verschworenen, das auf die eigenen vorteile aus ist, kein wort nicht hält und rücksichtslos kriege führt. so entsteht die schweizerische eidgenossenschaft, die 1648 dann ganz vom reich ausgenommen werden sollte.

die fortschreitende trennung, die ende des 14. jahrhundert mit den eroberungen gegen die habsburger begonnen hatte, setzte maximilian zu. von osten wurde er durch die türken bedroht, von westen durch die schweizer. das ist denn auch das klima, indem der verbale krieg geboren wurde. die störischen schweizer waren mit dem schweizerkrieg, wie ihn die habsburger nannten, zu kuhschweizern geworden, während die deutschen, im schwabenkrieg, wie das gleiche in der schweiz heisst, so zu sauschwaben mutiert sind.

damit waren auch handfeste vorstellungen verbunden: kubschweizer meinte nichts anderes, als dass es sich um ein volk von hirten handle, die im sommer mit ihren kühen auf den alpen hausten, und die es dort aus lauter langeweile mit den kühen treiben würden. sodomiten seien sie! mit sauschwaben wurde übrigens das gleichgewicht an stereotypen verbal injurien einfach ins umgekehrte gewendet.

das ganze hatte aber auch einen wirtschaftlichen hintergrund, denn mit ihrem sieg 1476 im burgunderkrieg waren die schweizer söldern begehrt geworden. die franzosen wollten, und auch der papst suchte sich mit schweizer zu verstärken. 1513 waren die schweizer auf dem höhepunkt der macht, hatten für den papst und seine heilige liga in oberitalien militärisch aufgeräumt, hielten dann aber nicht zusammen: der westliche teil zoge sich mit französischen zahlungen in der tasche zurück, der östliche teil blieb bis 1515 in mailand, verlor dann aber kläglich gegen die franzosen. 1516 war man dann ganz in französischer hand, und focht mit dem könig gegen die habsburger. 1525 siegte karl V., nahm françois I. gefangen, und eroberte rom, das unter französischen einfluss stand. da taten sich die deutschen landsknechte besonders hervor, die eine kopie der schweizer sölder waren. und man liess in dieser rauhen zeit nichts unversucht, sich auch ausserhalb des schlachtfeldes im realen und verbalen verdrängungswettbewerb schlecht zu machen. eben: als kuhschweizer und sauschwaben …

karl V. ging übrigens einiges später in pension (mit schweizer kühen vor seiner klause, denn er liebte ihre milch), francois I. erlaubte den berner noch, sich in der waadt auszubreiten, was sie mit einer anderen kultur, als der schwäbischen konfrontierte. der papst wieder musste auf seine militärischen eroberungen verzichten müssen, besitzt aber unvermindert seine (reduzierte) schweizergarde. und niemand weiss mehr, dass in diesem spaltungsprozess zwischen kaiserreich und schweizer eidgenossenschaft soviele schreckliche wörter entstanden, die man heute noch auf berns gassen hören kann.

wanderer
zwischen zürich (ehemals schwaben) und bern (ehemals burgund), gedanklich ein eidgenosse, aber kein kuhschweizer!

mehr dazu:
auslandschweizer
schweizer und deutsche

mit meinen favoriten unterwegs

tja, wandern im internet kann ganz schön anstrengend sein. soviele themen, soviele orte, soviele autorInnen. nur schon, was es alles an blogs gibt!

ich will gar nicht alle, die ihr persönliches tagebuch führen, aufzählen, einen überblick bekommt man hier kaum mehr. ich will aber meine favoritenlisten abmarschieren, selbstverständlich nur zu den themen, die mit meinem stadtwanderer (im weiteren sinne) zu tun haben:

1. rhetorik
unbestritten die beste seite zur (politischen) kommunikation. fast tägliche updates, aktuell, geistreich, gepflegtes layout. hohe kunst der instant vermittlung von informationen, eigentliche pflichtlekütre für alle, die insbesondere die medienrhetorik durchschauen wollen.

knill+knill kommunikationsberatrung

2. weiach
gebe zu, wusste bis vor kurzem nicht, wo weiach liegt. gut, das mit dem alitalia flugzeugabsturz wusste ich noch, aber die gemeinde. verstehe, dass der ort von diesem image wegkommen will. und sage: suuuuper gemacht, der beste blog zu lokalgeschichte, den ich kennen.

weiacherblog

3. ignoranz.ch
das ist eine interessante seite zur politisierung des alltag, nicht der hohen politik. vielleicht etwas feministisch ausgerichtet, letztlich aber unkonventionell erfrischend. gegen ignoranz gerichtet, und voll von spannenden anregungen.

ignoranz.ch

4. ueli haldimann, cr sf drs
wer ein so grossen medienunternehmen wie das schweizer fernsehen täglich führen muss, muss einen grossen vorrat an ideen haben. wer einen so grossen vorrat an ideen hat, kann das auf seinem blog auch anderen interessant zu gänglich machen. wer das anderen interessant zugänglich macht, verdient meine anerkennung. in diesem fall: ueli haldimann, chefredaktor, sf drs.

ueli haldimann

5. hugo stamm
er ist in einem sensiblen umfeld tätig. seit jahre ist er der berichterstatter über die sekten und neureligösen fragen in der schweiz. schon als sozialforscher bewundere ich das. und als zeitgenosse faszinieren mich seine analysen und aussagen meistens. ich zähle hugo stamms blog gerne zu meinen favoriten.

hugo stamm

6. edemokratie
höchst anspruchsvolle seite, mit vielen informationen und kurzanalysen eines politikwissenschafters (aus bern!), der sich der politsichen kommunikation via intrnet verschrieben hat. gelegentlich etwas brav, gelegentlich aber auch experimentell. offener, liberaler geist, der die debatte sucht.

edemokratie

7. blogwiese
sprachsensibilität entwickelt man meistens dann, wenn man eine sprache erlernen muss. hier ein aufmerksamer, einfallsreicher und höchst aktuelle blog zu helvetismen aus deutscher sicht.

blogwiese

8. kulturstattbern
das ist ein spannendes blog über das kulturelle leben in bern. nein, nicht wegschauen. hinschauen. kinokritiken, künstlerkritik, stadtkulturkritik. und viele bilder. gebrauchsfotografie. aber auch spezialfotografie über orte, die man sonst übersieht.

kulturstattbern

9. pendlerblog
stadtwandern ist das eine. informationswandern das andere. 20 stunden bräuchte man, um alle blogs, alles newstickers, alle zeitungen und alle zeitschriften zu lesen, die einem jeden tag begegnen. das fasst einem 20 minuten schon mal jeden morgen gekonnt und bündig zusammen. und des pendlerblog kommentiert das einem jederzeit bündig und gekonnt für die 20 sekunden-lektüre. danke!

pendlerblog

10. evi allemann
sie ist die jüngste nationalrätin. und sie kommt aus bern. sie schreibt hier. sie spricht hier. sie kämpft hier. und sie lebt hier. sagt sie, auf ihrem blog. und man kann es jederzeit überprüfen.

evi allemann

stadtwanderer

berner bär mit turnschuhen an der schlacht von laupen?

tja, wer viel wandert, braucht gutes schuhwerk. das weiss ein jeder stadtwanderer! neuerdings bekommen auch die bären turnschuhe. das lässt erahnen, wie viele bären inskünftig mit mir quer durch bern wandern werden.

berner bär mit turnschuhen? das ist doch ein witz, der im “berner bär” steht, und dem soll man eh nicht glauben, was die schreiben.

nein es ist kein witz. es ist ein plakat, das seit wenigen tagen überall in der stadt hängt.

ein plakat von nike, der turnschuhmarke, die weltweit auftritt, und um lokale verankerung zu zeigen, den berner bär ins plakat gesetzt hat. grafisch ganz ansprechen, schwarz auf weiss, und nike logo als zunge! (siehe bild). bei näherem hinsehen löst sich der bär dann auf! es sind alles jugendlich trendsportlerInnen, die nike produkte tragen, die zusammen den berner bär ergeben.

ob nikes designer auch wussten, dass sie mit ihrer farblichen lösung dem ältesten stadtwappen sehr nahe kamen? das war nämlich auch schwarzer bär auf weissem grund (ähnlich wie bärlin, oder abbenzell?). nur stieg der damals noch nicht auf, und auch die zunge lechzte noch nicht so klar nach mehr. vielmehr war der bär von 1191 ein flachwanderer.

die heutige form des kantonswappen hat es vermutlich erst 1339 angenommen. in der schlacht von laupen, wo verschiedenste fähnlein gegeneinder kämpften (die freiburger mit der burgunder baronnie, unterstützt vom “kaiser” ludwig, dem baier, gegen die berner, unterstützt von den innerschweizern), glaubt man den ursprung des kantonswappens gefunden zu haben. mit dem sieg der berner (und innerschweizer) sicherte sich bern die unabhängigkeit in der region, und vor allem, was damals noch wenig üblich war, die angefangene territorialbildung, die man heute unter dem titel “burgundische eidgenossenschaft” abhandelt. um im schlachtfeld die übersicht zu wahren, hätten die berner das jetzige wappen verwendet.

vielleicht kam es auch erst nach der entscheidenden schlacht in gebrauch. 1340 schloss man mit freiburg nämlich frieden, und man sah sich jetzt auf augenhöhe mit den habsburgern, den adeligen territorialherren. entsprechend interpretiert man die farben des berner wappen auch so:

. der bär repräsentiere das symbol, das die zähringer-stadtgründer der stadt zuschrieben;

. der rote hintergrund zeige, dass man einmal von habsburg umgeben, ja sogar besetzt war (1289);

. und jetzt, wo man mit den alten herrschaft gleichgezogen hatte, richtete man den schwarzen bären auf und unterlegte ihn mit eigenem kräftigen gelb.

stimmt alles! ausser dass der bärner bär schon in der schlacht von laupen mit turnschuhen (von nike) kämpfte. die firma kämpfen dafür ab heute mit den nachfahren des bären, die bei ihnen neu einkaufen gehen! um gute stadtwanderer zu werden, nicht nur alte flachwanderer …

turnschuh-wanderer

deiss und pitbulls aller art aus der stadtwanderer…

gestern mehrten sich die zeichen, dass es zu einem politischen paukenschlag kommt. iwan rickenbacher forderte in der berner zeitung, bundesrat joseph deiss solle zurücktreten. ein starkes wort, immerhin von ehemaligen general der partei. dann schrieb ich meinen blog-beitrag über die renovation des bundeshauses, um mich über die symbole und ihre inhalte der helvetischen politik einzulassen. immerhin ein anspielung.


quelle: swisstext.ch

und jetzt das: joseph deiss ist zurückgetreten.

die meldung prasseln nur so ein, urs informierte mich als erster, regula als zweite und dann beganns mit den telefonen. werde aber ruhig bleiben, und aus der warte des stadtwanderers darüber nachdenken und berichten!

denn die fragen sind gesetzt: kommt jetzt urs schwaller, wieder ein freiburger, mit exekutiverfahrung ausgestattet, merhsprachiger und integrierender fraktionspräsident, der einzige nicht-lobbyist des im gesundheitswesen in der cvp-fraktion, oder steigt der druck auf doris leuthard. sie als loki im wahlkampf und er als neuer vertreter im bundesrat. würde sich doch ganz gut machen. umgekehrt wäre schwieriger für die cvp: sie als neue bundesrätin, quasi-nachfolgerin von ruth metzler, und, ja, wer als parteipräsident? grosses fragezeichen sogar? schwaller hierfür? und wer dann als fraktionspräsident? nur noch fragezeichen.

für die cvp kommen schwierige momente: ausländer- und asylgesetz, doris leuthard, die sich im geheimen mit den bischöfen trifft, – man weiss es, sogar wann und wo – um sich abzusprechen, wegen der harten debatte, die sich in dieser frage im sommer abzeichnet. ohne die ordnende hand von doris leuthard könnte die partei mit ihrem harten ja kurs schlingern. die anspannung steigt. und sie könnte bei der swisscom-frage gleich ganz ins rutschen geraten: die partei gegen die völlige liberalisierung, die minderheit aber dafür, oder wenigesten bei einer sperrminorität. immerhin, dank dem rücktritt von deiss ist die wichtigste innerparteiliche opposition gekappt. also wenigstes da leichte entspannung. es macht also auch sinn, wenn deiss die partei mit seiner meinung in einem heiklen dossier nicht mehr belastet. denn geschlossenheit ist die höchste anforderung, die die cvp zeigen muss, um aus dem wellental herauszukommen.

das war schon immer ein guter parteisoldat. intern hochgestiegen, vom ausgewiesenen professor über den preisüberwacher einigermassen zum moderaten politiker geworden. vielleicht zu zart besaitet hierfür, fast wie ein vertreter noch aus anderen zeiten. dennoch wurde er ein guter bundesrat. bleibend seine leistung bei uno-beitritt. tiefpunkt war der abstimmungssonntag zu ja zu europa, falsche würdigung durch ihn, und dann grosse schelte für den europäer. seither in diesem dossier blockiert. insgesamt aber ein guter bundesrat, kein brillianter, aber ein konzilianter!

für uns stadtwanderer ist es schade, dass sich deiss nicht durchgesetzt hat bei den kampfhunden. ein richtiges verbot gegen pitbulls unter den hunden wäre richtig gewesen. kinder, pöstler und stadtwanderer wissen davon zu berichten. und es hätte gut zur konkordanz gepasst, denn auch die wird durch die pitpulls (unter den menschen) gefährdet.

nur hat sich deiss in dieser frage nicht durchgesetzt! hoffentlich nicht auch ein politisches symbol vor dem bundeshaus!

werde meinen weg gehen, und weiterhin den pitbulls ausweichen (müssen).

stadtwanderer

vergessene politische symbolik am bundeshaus

alle stadtwanderInnen (oder wandererInnen?) dürften es schon bemerkt haben, das bundeshaus wird eingepackt. nein, nein, nicht jeanne-claude und christo, wie man meinen könnte. die waren zwar in den 70er jahren da, und der sohn des damaligen organisators ist heute in der berner regierung, – könnte also durchaus sein, zumal sie (wie ich) genau für diesen sohn geworben haben im wahlkampf!!

wenn das bundeshaus jetzt eingepackt wird, hat das viel profanere gründe: RENOVATI0 CURIAE CONFOEDERATIONIS HELVETICAE, zu deutsch: renovation der räte der helvetischen confoederation. gemeint sind (nein, nein!!) nicht die räte selber, die werden erst im nächsten oktober neu zusammengestellt. jetzt schon geputzt wird aber das bundeshaus, vorerst das bundeshaus west, das alte bundesratshaus, das 1857 in betrieb genommen worden ist, dann wird auch das bundeshaus folgen, früher parlament genannt. bis 2009 wird es uns beschäftigen, und uns die sicht auf die bundeshäuser einschränken.

weil man bald die fassaden nicht mehr sehen wird, gebe ich noch rechtezeitig einige erläuterungen zur politischen symbolik vor hundert jahren, denn gut so alt ist das bundeshaus. in betrieb genommen wurde es 1902.

die nördlilche fassade, jene zum ständeratssaal ist durch zahlreiche figuren geschmückt:

erstens, in den nischen des erdgeschosses sind zwei bronzene figure, die meinen berufsstand repräsentieren; zunächst der greise geschichtsschreiber, der den eintretenden das buch der vergangenheit hinhält, sodann der jugendliche geschichtsschreiber, die die taten der eintretenden politikerInnen für die nachwelt festhält.

zweitens, über den portalen befinden sich drei köpfe, die zentralen tugenden darstellen, für die die helvetische politik stehen soll: die weisheit, den mut und die kraft.

drittens, lässt man den blick nach oben wandern, finden sich wiederum zwei nischen., diesmal mit marmorfiguren bestückt, welche die freiheit und den frieden darstellen. darüber zwei jahreszahlen, die das symbolisieren sollen: 1291 resp. 1848.

viertens, auf den drei schlusssteinen der fenster an der nordseite, dem bundesplatz zugewandt, findet man drei gepanzerte eidgenossen. nicht die aus der innerschweiz, die sieht man erst, wenn man ins innere des gebäudes tritt. aussen sind die drei völkerschaften repräsentiert, welche nach den helvetiern in das gebiet der schweiz eingewandert sind; als da sind der alamanne, der langobarde (mit dem langen bart …) und burgunder.

fünftens, oben im giebel befinden sich drei frauengestalten: in der mitte die unabhängigkeit, begleitet von der gesetzgebenden und der ausführenden behörde, die im bundeshaus repräsentiert sind. an allen ecken sitzen greifs, die eigentlichen hüter alle der figuren.

alles gewusst? dann machen wir gleich auf der südseite weiter … aber später, denn ich habe gemerkt, dass die meisten menschen heute kein auge mehr für solche details haben. selbst unter wissenschafterInnen nimmt das bewusstsein ab. gemeint war der fassadenschmuck jedoch gerade für alle, die zwar die politik nicht verstehen, aber politsiche symbole lesen können.

ob alle politikerInnen von heute wissen, unter welchen zeichen sie jeweils ins bundeshaus eintreten, weiss ich nicht, werde es aber (als wiederwahlkriterium, empfehlung von der stadtwanderer vereinigung) austesten. mal sehen, wer was weiss!

wer mehr wissen, schaue sich die dokumentation hierzu laufend an.

stadtwanderer

volksrechte nicht plebiszit

beim stadtwandern trifft man leute, zufällig oder willentlich. gestern waren es zwei vertreter des französischen staates. natürlich, sofort diskussionen über frankreich heute, aber auch über die vorteile der referendumsdemokratie bei der konfliktregelung.

die wenigstens wissen, dass die plebiszite in frankreich und die volksrechte in der schweiz gemeinsame wurzeln haben, wenn auch unterschiedliche entwicklungen genommen haben. ausgangspunkte sind rousseau, die erklärung der menschenrechte, und natürlich die jakobinerverfassung von 1793, selbst durch ein verfassungsreferendum angenommen. sie enthielt wesentliche kennzeichen der direkten demokratie heute, so die verfassungsinitiative, das verfassungsreferendum, selbst das gesetzesreferendum. die hürden der anwendung waren aber unrealistisch hoch, sodass das mehr theorie war, denn praxis wurde.

die reale entwicklung ging ab 1795 auch nicht mehr von den jakobinern aus, sondern war durch den aufstieg napoléons zum kaiser der franzosen gekennzeichnet. zwischen 1800 und 1804 liess er seinen aufstieg mehrfach durch volksabstimmungen, die er ansetze, absichern. das bildete in frankreich die tradition: zwischen 1851 und 1870 unter louis napoléon, dem neffen, des kaisers, 1962 durch charles de gaulle für die direktwahl des präsidenten, 1972 für die erweiterung der ewg durch georges pompidou. selbst mitterand setzte auf diese taktik, 1992 bei der masstricht abstimmung.

man könnte es so sagen, in frankreich haben die volksabstimmung schnell eingesetzt, aber als herrschaftsinstrument von oben, und sind stellvertreterwahlen geblieben. in der schweiz dauerte es ja eine weile, zwei generationen etwa, bis man volksabstimmungen einführte, dafür aber als steuerungsinstrumente von unten.

die plebiszite sind aus heutiger sicht selbst für die herrschenden gefährlich, wegen ihrer direkten verbindung von sach- und personenfragen. gehts gut, stärkt das plebiszitär die person, die die abstimmung verlangt hat, gehts schlecht, wirkt es sich umgekehrt aus. genau das ist aber in frankreich der fall.

wie wenig die franzosen zwischen beidem unterscheiden, wurde mir gestern auch in der stadt klar: die unterscheidung zwischen wahlen und abstimmungen, elections et votations fiel ihnen schwer. vielmehr sprachen sie dauern von elections, für die wahlen aber von elections générale!

da ziehe ich die klare unterscheidung zwischen einer eindeutigen personen- oder parteienwahl, und einer eindeutigen sachabstimmung vor. und, dass die sachentscheidung sachentscheidungen bleiben, sprich, dass die verbleib in der regierung nicht von volksabstimmungsergebnissen abhängt. deshalb sind abstimmungen, wie in der schweiz, sinnvollerweise volksrechte, nicht plebiszite. in bern geht dieses verständnis auf die radikalen zurück, wie jakob stämpfli, und natürlich auf die nassauer staatsrechtler snell, die in zürich und bern wirkten. ludwig snell, in burgdorf lebens, hat das staatspolitische denken hierzulande wesentlich geprägt, zum vorteil würde ich sagen.

demokratieverständnisse lassen sich also doch beim stadtwandern erschliessen. werde weiterhin genau hinhören.

stadtwanderer (mit offenem ohr)

demokratiegeschichte und stadtwandern (in bern)

letzte woche war so viel los, dass ich gar nicht dazu kam, meinen vorsätzen für die woche nachzugehen. zuerst oesterliche rituale, dann der falsche stadtheilige, und schliesslich, – als ich über die demokratiegeschichte recherchieren wollte – leerte sich die grüne-grüne salatsaucen-mischung über dem bahnhofplatz aus. nun habe ich aber zeit gefunden, meine neue thematische stadtwanderung als demokratiegeschichte zu konzipieren. hier vorerst die eckpunkte:

1. station: gerechtigkeitsbrunnen

der brunnen hat nebst der iustitia vier gewalten, welche ihre verständnisse von gerechtigkeit symbolisieren: der sultan, der kaiser, der papst und der schultheiss, die für despotie, monarchie, theokratie und republik stehen. so kann man das vorrevolutionäre staatsverständnis einführen, – alles noch ohne demokratie, denn die schweiz war nicht von anbeginn eine demokratie, sie wurde das, im wesentlichen aber erst seit dem 19. jahrhundert. alle ansätze davor, die germanische versammlung der freien bauern, die landsgemeinden, die volksanfragen usw. sind keine volksrechte, eher mitspracherechte, die von den herrschaften ganz gut gelenkt werden konnte (können).

2. station: rathaus

am 5. märz 1798 besetzen die französischen truppen die stadt, und insbesondere das rathaus. der freiheitsbaum wird als zeichen der neuen herrschaft gehisst, und es kommt zu den bekannten plünderungen, abtransporten der bären und des bernischen staatsschatzes. das alles hat dem andenken an die revolutionären franzosen geschadet, aber dennoch mindestens so viel an innovativem institutionellen denken in gang gebracht wie die reformation. die schweiz im revolutionären modernisierungsschock wird hier das thema sein. demokratische bewegungen brauchen auch eine sozio-ökonomische und eine sozio-kulturelle basis. immerhin, aus unserer sicht bemerkenswert: für den aufbau des staates setzt man erstmals demoskopische mittel ein. umfragen in den gemeinden sind im jungen staatswesen beliebt, gefördert von minister stapfer!

3. station nydegg

die helvetische republik will nicht tritt fassen, und als die französischen truppen die schweiz verlassen, kommt es zum aufstand der konservativen bevölkerungsteile. der stecklikrieg, so genannt, weil man 1802 einfachst ausgerüstet auf die fremd gebliebene herrschaft losging, fand auch im bern stadt. hier stürmte man das rathaus der franzosen in der nidegg. immerhin, war das erfolgreich, napoleon musste handeln. eine kleines schild erinnert an den sieg der bauern über die stellvertreter des franzosenkaisers in spe.

4. station: münster

mit der mediationsverfassung wollte napoléon nur eine kleine restauration zulassen, um das gleichgewicht zwischen modernen und konservativen kräften wieder herzustellen. die schweiz hatte jetzt kein direktorium mehr, dafür mit einem freiburger aristokraten einen landammann (könig?) mit einer eigenen kanzlei (der heutigen bundeskanzlei). die kleine restauration wurde aber, je nach kanton zur grossen. nur in den neuen kantonen (ag, tg, sg, ti, vd) hatte sich der gleichheitsgedanke wirklich festgesetzt, einmal zwischen den gliedstaaten, sodann zwischen den bevölkerungsteilen. in den anderen kehrten die alten oligarchien miest zurück, besonders in bern, wo man den toten, letzten schultheiss, niklaus von steiger, pompös im münster beisetzte (an der stelle, wo früher adrian von bubenberg lag). 1815 wurde daraus auch gleich das programm der grossen restauration: der wieder kongress garantierte zwar erstmals die bestehenden grenzen, stellte aber die alten verhältnisse wieder her. nur an der gleichberechtigung der 19 kantone rüttelte er nicht mehr. die berner werden zu vordenkern der restauration. ludwig von haller, der konservative staatstheoretiker geht nach paris (wird katholisch) und schreibt das grundlagenwerk der konservativen staatstheorie von damals.

5. station: erlacherhof

das revolutionäre jahre 1830 zeigte sich auch in der schweiz. alles begann in lugano, mit der grossen liberalen revolution des tessins, dann paris, bürgerliche juli-revolution, mit ausstrahlungen nach belgien, polen, der schweiz und italien. zeigen müsste man das ja auf dem land, den der funke sprang nicht in der wieder privilegierten stadt bern über, sondern ausserhalb, in den benachteiligten kleinstädten, die jetzt das landvolk gegen die alte herrschaft sammelten. der kanton bern entsteht auf liberaler grundlage, stadt und kanton werden definitiv getrennt, und zur sicherung der herrschaft auf dem land gründet man überall gemeinden. derweil sich die reaktionären gegner der erneuerungsbewegung in der stadt sammeln und im erlacherhof verschanzen. erfolglos wie man weiss. heute ist das haus fest in linker hand!

6. station: zimmermania

die liberalen können den schwung in den sie ausgelöst haben, in den 40jahren nicht halten, und die volksbewegeung findet neuen ausdruck. den anfang macht die klosterschliessung im aargau, die zu protesten auf der tagsatzung führt. diese handelt einen kompromiss aus, der die freischarenzüge gegen luzern auslöst: weg mit den jesuiten ist die losung. als dies nicht geschieht, bricht die genuin schweizerische, radikale revolution in genf aus, und der funke springt jetzt über, auf die waadt und auf bern: die professoren snell, besonders ludwig in bern, haben radikale bewegungen gefördert, die den gedanken der demokratisierung weiter treiben: die macht geht vom volk aus (und kehrt zu ihr zurück ist ihr grundgedanke, und sie verlangen jetzt volksrechte. geschrieben wird die radikale berner verfassung im zimmermania, – mindestens den gerüchten nach. die wirkungen sind durchschlagen: bern bekommt 1846 eine radikale verfassung, die tagsatz beschliesst die auflösung des konservativen sonderbundes und die ausweisung der jesuiten. es ist bürgerkrieg (nach dem zürichkrieg im 15., den konfessionskriegen im 16. bis 18. jahrhundert der dritte typus interner kriege).

7. station: äusserer stand

die siegerkoalition aus dem sonderbundskrieg begründet den freisinnigen bundesstaat von 1848. bern wird, eher etwas überraschend, hauptstadt, äxgüsi: bundesstadt. zürich wird im neuen parlament ausgetrickst, und verweigert deshalb den titel der bundeshauptstadt. in bern ist man jedoch nur beschränkt gerüstet: es fehlt an einem richtigen parlamentsgebäude, und so tagt das erste parlament im äusseren stand. die schweizerische eidgenossenschaft ist jetzt eine repräsentative demokratie, hat einen national- und einen ständerat, und einen bundesrat als landesregierung. doch alles wirkt etwas komisch: die kantone sind jaloux, wegen dem kompetenzverlust, der droht. konservative kreise wettern gegen das parlament, dass nur eine ordentliche session pro jahr bekommt. doch auch das ist zuviel, zu teuer, weil das reden der volks- und standesvertreter sitzungsgelder verschlingt … diese genre des politischen diskurses in der schweiz ist bis heute geblieben!

8. station: bundesratshaus

ein neues, repräsentatives gebäude muss her: das bundesratshaus, heute bundeshaus west genannt (und in renovation begriffen! wie der bundesrat auch!!). für bern bedeutet das zunächst kosten: die reiche, konservative burgergemeinde trennt sich flugs von der mausearmen einwohnergemeinde, und diese muss als erstes steuern erheben, um das bundesratshaus zu bauen. natürlich nur provisorische, die aber bis heute geblieben sind. der bau, der so entsteht, ist ganz stattlich, im florentinischen stil gebaut, ganz im zeichen der (alten) republiken. im jungen bundesstaat installieren sich die verschiedenen flügel der freisinnigen grossfamilie: liberale, kapitalistische förderalisten und staatsfreisinnig. normalerweise sind sie sich nicht ein (gilt ja bis heute weitgehend), sodass ihre vorherrschaft nicht eindeutig ausfällt. die konservativen bekommen chancen, wenn sie mit minderheiten der freisinnigen oder mit sprachminderheiten koalieren, am erfolgreichsten in ihrer opposition gegen die nationaluniversität. gegen die drohen sie, einen breite unterschriftensammlung in der bevölkerung zu lancieren, eine art referendum durchzuführen.

9. station: christoffelturm

man sieht ihn nicht mehr, den christoffelturm, denn er wurde abgerissen. um den geht es aber. die überreste sind in der bahnhofunterführung zu besichtigen. seine bewegte geschichte ist hier zusammengefasst. mit gefällt am besten, dass er bei den protestanten goliath darstellt, und vor ihm der davidsbrunnen stand. das kleine ausserwählte volk von (alten, protestantisch-orthodoxen) republikanern, von angesicht zu angesicht mit den katholischen mächten rundherum. das ganze muss jetzt weg: im einer denkwürdige gemeindeversammlung, die archaische form der direkten demokratie, die jetzt auch in der stadt (einwohnergemeinde) galt, hat das im zeichen des fortschritts beschlossen, denn man wollte den (alten) bahnhof bauen, und brauchte platz. ob es mit rechten dingen zu und her gegangen ist, weiss man bis heute nicht, 4 stimmen sollen den ausschlag gegeben haben. oder auch uneinheitliche interessen der burger. oder auch das unvermögen der versammlungsdemokratie in städten!

10. station: käfigturm

überall spricht man jetzt von demokratiereform: in zürich entzündet sie sich am system escher, das elitär wirkt und die demokratische bewegung auslöst. im bund braucht man ein instrument, das flexible verfassungsreformen zulässt, und versucht sich in der totalrevision der bundesverfassung. diese scheitert im ersten anlauf gelingt aber im zweiten 1874: die schweiz ist jetzt eine direkte demokratie, denn man hat das (fakutltative) gesetzesreferendum eingeführt. parzialrevisionen sind jetzt auch möglich. der demokratische gedanke setzt sich sogar im konservativen bern durch. 1888 bekommt bern eine neue stadtverfassung: stadtpräsident, heisst er jetzt, der chef des gemeinderates. und er bekommt eine teilprofessionelle regierung beigestellt. und die gemeindeversammlung wird zweigeteilt: in ein stadtparlament und in volksrechte. man ist jetzt selber im ehemals konservativen bern eine demokratie, – eine abstimmungsdemokratie würde man heute genauer gefasst sagen. doch für das alles braucht es parteien, die in der schweiz kinder der volksrechte sind: die einigermass geschickt agierenden freisinnigen sind jetzt führend in der stadt, aber sie sind nicht allein, denn es gibt jetzt auch sozialdemokraten, und die verstehen nachwie vor etwas anderes unter direkter demokratie: krawalle gegen die bürgerliche herrschaft, die mit ausländischen bauarbeitern die löhne drücken finden vor dem käfigturm statt, und melden die ankunft der (national) gesinnten linken. diese betreibt unvermindert doppelspiel, um dem proporzwahlrecht zum durchbruch zu verhelfen: volksinitiativen einerseits, landesstreik anderseits. das wirkt. wenn auch erst 1918.

11. station: schanzenpost

das system der ausgebauten direkten demokratie in bund, kantonen und gemeinden einerseits, der parlamentarischen demokratie anderseits muss noch ins gleichgewicht gebracht werden. darüber streiten die politologen bis heute. solche, wie andreas gross, behaupten, es beides gehe problemlos nebeneinander, andere,wie ich, sind der meinung, dass sie nur in einem speziellen verhältnis zueinander funktionieren. die mässigung der vorherrschenden polarisierung angesichts des doppelcharakters des damaligen politischen systems beginnt 1936: die sp streicht die diktatur des proletariats aus dem programm, wird gemässigter. die gewerkschaften kooperieren mit den arbeitgebern, das friedensabkommen in der metallindustrie entsteht. doch es ist nicht innere einsicht, sondern die äussere bedrohung, die zusammenführt. daraus entsteht die konkordanz. die ist jedoch, anders, als man vielerorts behauptet, nicht durch dadurch begründet, sondern tief verankert in den erfahrungen der schweiz, bevor sie demokratie wurde: innere polarisierungen (regionen, konfessionen, sparachen, ideologien) haben sie gelernt, pragamtisch zu sein, um sich behaupten zu können. und darauf baut die zauberformel auf; 1959-2003 bestimmt sie die zusammensetzung des bundesrates: alle wichtigen kräfte sind jetzt in der landesregierung integriert, will heissen: sollen zusammenarbeiten. wo die zauberformel geboren wurde? in der schanzenpost, wo der konservative und der sozialdemokratische generalsekretär noch eigenhändig ihr postfach leerten, und sich heimlich trafen, um sich gegen die freisinnige vorherrschaft zu verschwören. erfolgreich. mindestens bis 2003.

12. station: die neue respektlosigkeit

ja, das dutzend könnte man dann auf dem bahnhofplatz vervollständigen. siehe meinen beitrag vom freitag, über die grünen, seit wenigen tagen die stärkste partei(engruppe) in der bundesstadt, denkbare anwärter auf einen sitz in der landesregierung (hanspeter uster?), und respektlose streithähne und -hennen in bern. hoffentlich bessern sie sich, wäre eher ein unwürdiger abschluss meines spaziergangs durch bern und die demokratiegeschicht. mal sehen, wie ich das integrieren kann/muss.

soviel in der eile, entstanden als reverenz an das gedenkblatt für die neuen bundesverfassung von 1874, mit der die direkte demokratie den durchbruch in der schweiz schaffte, und die alte republik (berns) in eine neuen übergeführt wurde. datiert vom 19. april, also von letzter woche (aber von 1874). chapeau, wenn auch etwas verspätet, aber oben gut begründet.

demorkatiewanderer

jakob stammler, berner stadthistoriker, pfarrer und bischof

nicht lange ist es her, das mochte ich kirchen nicht. ich bin zwar ministrant in buchs (ag) gewesen, in jungen jahren, und habe als erstklässler sogar den ersten spatenstich für diese kirche getreten. dann aber wurde mir die katholische kirche unheimlich: undurchsichtige machtstrukturen regieren sie, die gemeindeoberen sind halt auch verlogen! meine innere blockierung zur kirche erschwerte mir das studium der mittelalterlichen geschichte; in der regel machte ich da einen grossen bogen rumherum! heute bin ich ja dabei, das wieder fleissig abzuarbeiten. in die kirche gehe ich immer noch nicht, als ausdruck der sozial- und kulturgeschichte, insbesondere der architektur, interessieren sie mich heute schon.

auf meinen exkursionen in berns kirchen bin ich natürlich auf jakob stammler gestossen. geboren 1840 in bremgarten (das aargauische, nicht das bernische), wurde er 85jährig, und war zuletzt bischof von basel. die stationen seines lebens sind zunächst klassisch: kloster einsiedeln, studium in mainz und loewen, abschlüsse in theologie und kunstgeschichte; sie brachten ihm zunächst ein pfarrstelle in oberrüti ein. doch dann kam der grosse bruch: er wurde pfarrer in bern.

einfach muss das nicht gewesen sein, mitten im kulturkampf im protestantischen bern römisch-katholischer pfarrer zu werden. 1875 ging die damals katholische kirche st. peter und paul, grad neben dem rathaus, an die romkritischen christkatholiken über, die romtreuen katholiken verliessen das gotteshaus. nur ein jahr später kam stammler nach bern, und baute hier (wie auch in thun) neue römisch-katholische gemeinden auf.zwischen 1896 und 1899 förderte er den bau der dreifaltigkeitskirche in bern massgeblich.

die neue kirche kam direkt neben das ehemalige patrizierhaus “La Prairie” zu stehen, dessen kern aus dem jahre 1450 stammt (als adrian von bubenberg und niklaus von diesbach in die bernische politik eintraten). heute ist die prärie ein pfarreihaus mit einem offenen mittagstisch “für Junge und Alte, Ausgeflippte und Alleinstehende, Frauen und Männer, Kranke und Übermütige”, das die stadt bern 1998 mit dem sozialpreis auszeichnete. ob bewusst oder unbewusst: genau 200 jahre nachdem die erste römisch-katholische messe seit der reformation in bern abgehalten werden durfte!

bis heute wirkt die dreifaltigkeitskirche architektonisch in bern etwas fremd. gebaut wurde sie vom bekannten architekten, henry berthold von firscher, einem zum katholizismus übergetretenen berner, der auch im kirchenfeld aktiv feld. ihr stil ist für die hiesige architektur wohl zu südlich, eigentlich lombardisch (wo ja adelheid im 10. jahrhundert königin war!). in der tat war san zeno, die kirche von verona (deutsch: bern!), vorbild für die dreifaltigkeitskirche.

die kriche selber wird übrigens morgen, gerade rechtzeitig für die erstkommunion teilrenoviert der gemeinde neu übergeben.

stammler war in bern nicht nur als stadtpfarrer wirksam, er betätigte sich auch als stadthistoriker, bevor er – auch als dank dafür, in der berner diaspora eine neue römisch-katholische gemeinde aufgebaut zu haben – 1906 die bischofweihe erhielt. drei werke sind bis heute lesenswert:

. Die Burgunder-Tapeten im historischen Museum zu Bern. Mit Abbildungen.
Bern, , Huber, 1889,. 230x155mm, 105 Seiten, broschiert.
. Geschichte der römisch-katholischen Gemeinde in Bern. Solothurn: 1901. 2 ff.

besonder wichtig ist aber seine dritte abhandlung, die 1888 in den “Katholischen Schweizer-Blätter” erschienen ist. da setzt er sich mit dem knabenmord von 1294 auseinander, den die berner juden begangen haben sollen, und der zu ihrer vertreibung als geldverleiher aus der stadt geführt hatte. er kam dabei zum schluss, dass die tat unwahrscheinlich und damit der alte (katholische) stadtheilige bern zuunrecht mit einem altar in der leutkirche resp. im münster verehrt worden sei. immerhin, auch hier: besser spät als nie!

kirchenwanderer

stephan van bergens blick auf berns tote

zu den spannendsten journalisten in bern zählt stephan van bergen. eigentlich kenne ich ihn nicht direkt. doch, er hat mich einmal interviewt, im nachgang zur volksabstimmung über die abkommen zwischen der schweiz und der europäischen union zu schengen und dublin, denn ich habe in meiner analyse “bahnhofbuffet olten” versucht, über den sozio- und politkulturellen wandel in den heutigen agglomerationen des mittellandes hinzuweisen. das hat ihm gefallen, und mir hat auch sein interview gefallen. ansonsten nehme ich stephan van bergen aber nur aus der zeitung, also indirekt: er redigiert, seit jahren – denke ich – in der berner zeitung die rubrik “zeitpunkt”. sie ist nicht fernab vom zeitgeschehen. aber sie ist distanziert dazu. dem leiter der rubrik gelingt es selber oder durch seine mitarbeitenden in höchst seltener weise, interessante aufhänger zu finden, und diese mit bedacht zu analysieren. präsentiert wird das jeweils am samstag, und es macht mir freude, das beim kaffee, normalerweise im glatz nebenan, regelmässig zu lesen.

zu den bemerkenswertesten analysen, die stephan van bergen in den letzten jahren geliefert hat, gehört ohne zweifel der kulturhistorisch interessante artikel über berns scheu mit grossen toten, erschienen am 28. oktober 2005, gerade richtig zu allerheiligen und allerseelen. ich habe den für einmal – und sinnigerweise – auf dem rosengarten gelesen, auf der suche nach den letzten sonnenstrahlen über bern.

man weiss es eigentlich: michael bakunin liegt im bremgartenfriedhof begraben, der grosse anarchist. und dennoch spricht fast niemand davon. aber auch bei toten, die aus der stadt kamen herrscht merkwürdige seltenheit. mani matters grab ist kein ort, wo man hingeht, und des kulturschaffenden aus den 60er gedenkt, auch wenn an seine lieder noch im ohr hat. stadtarchivar emil erne erklärt das so: «Bern wird bezeichnenderweise nicht als Haller- oder Einstein-Stadt vermarktet, sondern als Unesco-geschützte Altstadt, als Leistung eines Kollektivs». so gibt es selbst zu polit-grössen der letzten 200 Jahre kaum biografien, – nicht mal über den legendären stadtpräsidenten reynold tschäppät, dessen sohn alexander heute im amt ist.

van bergen folgert daraus: ruhm ist vergänglich, schon zu lebzeigen, aber erst recht danach. das müsste dällenbach kari (eigentlich karl tellenbach), denn sein grab ist ganz in vergessenheit geraten. man weiss nicht einmal mehr, wo es war. der tod kümmere sich, so van bergen, aber auch nicht um hierarchien und sei vergesslich. «Wenn mer tot sy, symer de alli glich», habe die zu lebzeiten standesbewusste berner patrizierin madame de meuron typischerweise gesagt.

auf den nüchternen friedhöfen hierzulande habe der tod, bilanziert van bergen, ein besonders leichtes spiel. die Gräber seien sauber aufgereiht, gestaltungsvorschriften würden masslosigkeiten aller art und ästhetischen überschwang verbieten. wenn früher in bern galt: auffallen verboten, kein kopf habe den anderen überragen dürfen, und selbst die architektur der stadt habe mit ihrer ordentlichen normiertheit danach gehandelt, dann sei dies auch heute noch auf den friedhöfen ganz besonders der fall. man bekomme den eindruck, grabsteine würde sich in bescheiden ducken, wenn man vorbei gehe. in bern habe man, so schriftsteller kurt marti, habe man ein sprödes und gebrochenes verhältnis zu leuten, die “nicht in ein schema passen2. wissen muss er es, denn er hat als pfarrer zahllose beerdigung auf berner friedhöfen geleitet.

immerhin lockere sich gegenwärtig einiges, wenn auch mit vorsicht: das grab des grossen malers paul klee sei nun auf dem plan des schosshaldenfriedhofs vermerkt. und an einstein denkt man im umbenannten physikalischen institut der stadt vermehrt. selbst friedhofgärtner wie thomas hug und hansueli meier würden es begrüssen, wenn die stadt ein broschüre über grosse tote in bern herausgeben würde, denn sie könnte die vergangenheit hinter den grabsteinen sichtbar machen. prominentenlisten werden intern schon gehandelt.

anläss gäbe es genug: so sind auf dem bremgartenfriedhof prominente begraben wie die berner nobelpreisträger charles-albert gobat, theodor kocher, nationale politiker wie robert grimm, philipp etter und traugott wahlen, diplomaten wie carl lutz, das humanitäre gewissen der schweiz, juristen wie eugen huber, der schöpfer des zivilgesetzbuches, oder georg wander, der berner unternehmer. ja, schoggikönige gibts auch andere: camille block liegt auf dem heutigen jüdischen friedhof, genauso wie der philosph marx horkheimer, dem begründer der frankfurter schule. getrud kurz, die flüchtlingsmutter, karl rappen, die fullballtrainerlegende, und natürlich auch paul klee liegen auf dem schosshaldenfriedhof begraben. d

und wenns noch etwas dauert, bis bern eine prominentengräberliste hat, dann geht internet schon mal vor; eine erste kurzversion davor gibts unter

Bremgartenfriedhof
Schosshaldenfriedhof

friedhofwanderer

christoffelturm, baldachin und gemischter grüner salat

“soll er doch mit berlusconi zusammen eine firma gründen, wie man demokratie untergräbt.” so und ähnlich tönte es heute morgen im postauto, von hinterkappelen, meinem wohnort, nach bern. nur 20 minuten fahrt, aber eine lektion zur ungeschminkten volksmeinung.

gemeint war mit berlusconis möglichem geschäftspartner alec von graffenried, regierungsstaathalter, für dieses amt von der grünen freien liste vorgeschlagen: vor kurzem fällte er einen folgenschweren entscheid, indem er dem baldachin über dem bahnhofplatz die baubewilligung nicht erteilte. damit setzte er einen volksentscheid ausser kraft, denn am 4. juni 2005 stimmten 51 prozent in der stadt bern für die umgestaltung von bahnhofplatz, bubenbergplatz und christoffelunterführung, samt rechtwinkliger verkehrsführung und dem grossem glasdach. deutlicher noch, nämlich mit über 63 prozent ja-Stimmen, gaben die bernerinnen und berner in der zusatzfrage dem baldachin gegenüber den einzeldächern den Vorzug. beteiligt haben sich an der entscheidung immerhin 57 Prozent der stimmberechtigten.


quelle: espace.ch

seit diesem entscheid ist in bern eine richtige kontroverse ausgebrochen, die demokratieverständnis sichtbar macht, die selbst professionelle beobachter aufmerksam werden lässt.

nach allgemeinem politphilosophischem verständnis ist es der sinn der mehrheitsregel, dass sie die stärke politischer lager, die in der öffentlichkeit argumentieren, gewichtet. anders als bei der einstimmigkeit, die nicht immer zustande kommt, hat die mehrheitsregel der vorteil immer zu funktionieren. sie lässt aber auch entscheidungen zu, bei dem jede stimme zählt. knappe entscheidungen können gekippt werden, wenn mit dem gleichen verfahren die knappe mehrheit anders entscheidet. bis das geschehen ist, gelten allerdings volksabstimmungen, so wenigstens die lehrbuchmeinung.

in der lokalen demokratie ist es etwas komplizierter: darf eine kommunale entscheidung gegen kantonales oder nationales recht verstossen? nein, kann man da beifügen, und deshalb macht es sinn, dass man mittels einsprachen diesen sachverhalt klären darf. wer nur entscheidet darüber?

im kanton bern ist es, napoléon sei dank, aufgabe der regierungsstatthalter das verhalten der gemeinden gegenüber übergeordnetem recht zu überprüfen. und das ist in bern eben alec von grafenried. stark beeinflusst wird die laufende debatte durch ein gutachten, dass dieser in auftrag gegeben hatte. denn für eine bewilligung wäre eine verfügung der städtischen denkmalpflege nötig gewesen, die diese, so der regierungsstatthalter, nie erlassen habe. weil umgekehrt der kantonale denkmalpfleger den baldachin via berner zeitung in aller Öffentlichkeit scharf kritisiert habe, sei er gezwungen gewesen, mit einem auswärtigen einen «befreiungsschlag» zu machen. deshalb habe er den emeritierten eth-professor mörsch mit dem gutachten beauftragt. diesem vorgehen habe die stadt zugestimmt, weshalb der statthalter nun nur diese analyse gelten lasse.

an der medienkonferenz ging der regierungsstatthalter aber auch weiter: “der Fall ist absolut klar», der Bahnhofplatz Bern sei «so hoch und so heilig geschützt» wie kaum ein anderer ort in der schweiz. das gewellte glasdach, eben der geplante baldachin, beeinträchtige den raum zwischen heiliggeistkirche und burgerspital erheblich. dieses urteil beinhalte eine subjektive note, gestand von graffenried. aber als statthalter habe er seinen entscheid auf das gerichtsgutachten abzustützen: «Alles andere wäre Willkür.»

willkür wittern andere genau in diesem entscheid. genau deshalb rekurriert nun die stadt bern. «Der Gemeinderat hat den Bauentscheid des Regierungsstatthalters vom 10. April 2006 sorgfältig analysiert und beschlossen, gegen die Verweigerung der Baubewilligung für den Baldachin Beschwerde bei der kantonalen Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion einzulegen», heisst es trocken. dafür lässt regula rytz, gemeinderätin vom grünen bündnis, saftig nachdoppeln: «Wir haben ein Projekt, das als Gesamtes den baurechtlichen und denkmalpflegerischen Vorgaben entspricht», sagt sie gegenüber den medien, und: die zustimmung des städtischen denkmalpflegers liege schriftlich vor. «Es ist deshalb nicht einsichtig, weshalb der Regierungsstatthalter das von den Stimmberechtigten am 5. Juni 2005 angenommene Bauvorhaben mit dem geplanten Glasdach über dem Bahnhofplatz nicht bewilligt hat.»

was nun gilt, hat der kanton selber zu entscheiden. zuständig für die beschwerde der stadt bern ist die bau-, verkehrs- und energiedirektion. dann folgt das verwaltungsgericht. würde der streitfall so noch immer nicht beigelegt, wäre das dundesgericht als letzte instanz in sachen berner baldachin zuständig.

soweit so schlecht. nun hat bern seit gut einem Jahr eine rein rot-grüne regierungsmehrheit im gemeinderat. und seit zwei wochen eine solche im kanton. und jetzt hat man den grün-grünen salat, denn alec von grafenried ist regierungsstatthalter des kantons in der stadt, und er gehört selber zu diesem parteilager. ja, selbst für den gemeinderat von bern, den er jetzt desavouierte, kandidierte er auf der liste, die schliesslich obsiegte. persönlich reichte es für die wahl nicht ganz. trotz erzwungener nachzählungen blieb er eine Handvoll Stimmen von einem exekutivmandat entfernt, – ausgerechnet von der grünen regula rytz verdrängt.

mehr noch: unser regierungsstatthalter ist selber burger. in den leserbriefspalten wird denn auch kräftig auf diesen umstand hingewiesen. als befangener hätte er das dossier doch übergeben müssen, wird da munter gefordert. das sei doch gleich, wie wenn die rytz eine mediation in dieser sache selber moderieren würde!

und nun ist der streit vollends eskaliert: der andere stadtwanderer aus bern, benedikt loderer – gemäss berner zeitung “ein begnadeter prediger wider die «hüslipest» im mittelland” und nach eigenen angaben «als katholik in bern erzogen», seit dem zwanzigsten lebensjahr aber in zürich wandernd, gibt noch eins drauf: “Warum sollte der Bahnhofplatz geschützt sein? Er ist gar kein anständiger Platz. Er ist eine Erfindung des Architekturbüros von Walter Schwaar aus den 60er-Jahren. Der alte Bahnhof reichte bis zur Heiliggeistkirche. Auf Grund der Pläne von Schwaar wurde der neue Bahnhof zurückversetzt. Mit der Ablehnung des Baldachins aus denkmalpflegerischen Gründen wird also eine Situation als positiv und historisch wertvoll geschützt, die erst in den 60er-Jahren entstanden ist. Das ist nicht nur unhistorisch, sondern auch städtebaulich unsinnig.”

Und dann kommt, was mich bis jetzt am meisten überzeugt hat, selbst wenn es blanker Zynismus ist: “Burgerspital und Heiliggeistkirche standen historisch gesehen in einem Kontext mit dem Christoffelturm und später dem alten Bahnhof. … Warum nicht wieder den Christoffelturm aufbauen? Das wäre ein Akzent, der erst noch touristisch verwertbar wäre.”

ja, warum der nicht mehr steht, erzähle ich ein ander mal. dessen abbruch war nämlich ebenso ein lehrstück in sachen demokratieentwicklung, wie uns die stadtgeschichte zwischenzeitlich lehrt. tja, hoffen wir, dass das auch diesmal der fall sein wird …

bahnhofplatzwanderer

berns goldene zeiten

1536 eroberte bern die savoyische waadt, und kam so zu einer erheblichen erweiterung seiner untertanengebiete. nicht nur laupen, aarberg, thun und burgdorf gehörten jetzt zum bernischen staat. plötzlich reichte diese bis an den genfer und an den neuenburgersee. man war jetzt wer!

bern war damals frisch protestantisch. dieser protestantismus war nach den konfessionskriegen zwischen den städten und der innerschweiz, die 1531 mit dem sieg der katholischen partei endet, in bedrängnis geraten. die eroberung der waadt, von frankreich geduldet, um das herzogtum savoyen zu schwächen, hatte eine wichtige konsequenz: der protestantismus bekam neuen aufschwung. denn mit den bernern ging auch jean calvin nach westen, bis nach genf, und begann mit der reformation der stadt. der calvinismus, der die stadt nachhaltig prägen, und von dort aus über frankreich in die halbe welt ausstrahlen sollte, nahm hier seinen anfang.

für die leute in der waadt war die besetzung wenig mit perspektiven verbunden. die savoyische herrschaft wurde gegen die bernische eingetauscht. das südlich-mediterane leben wurde durch das leben des nördlichen nachbarn an der aare eingewechselt. und es sollte viele änderungen bringen.

zu den schwierigen änderungen gehörte die neue sprache: versuchte man damals die zahlreichen regionalsprachen in frankreich von paris aus zu vereinheitlichen, kamen die waadtländer berndeutsch vorgesetzt, ein dialekt aus dem alemannischen. selbst die stadtnamen wurden überall eingedeutscht. so wurde aus echallens, dem ort, zudem die bauernhöfe meiner vorfahren, die jetzt auch bernisch wurden, gehörte, hiess nicht mehr so, sondern bekam vom welsch-säckelmeister, dem finanzminister für die französischsprachigen gebiete, den nach tscherlitz verpasst. und das blieb sich so, bis die berner 1798 auf französischen druck aus der waadt weichen mussten.

1536 entstanden und zum protestantischen staat ausgebaut worden war, der dem kulturellen leben enge grenzen setze. kirchen und schlösser, strassen und brücken sowei eine eigene post waren den patriziern wichtiger als die kultur. zwar gab es schon damals die akademie, doch bildete diese in erster linie die protestantischen pfarrherren aus, während alles andere an bildung hintenan stehen musste. man weiss es, nicht nur zum vorteil bern: die entwicklung ging im 18. jahrhundert mehr und mehr an bern vorbei. das staatsgebiet verringerte sich, die wirtschaftliche entwicklung fand in den kleinstädten ausserhalb berns statt, bis dann der revolutionäre funke übersprang, und die französischen truppen der alten republik ein ende setzten.

die zeit dazwischen wird in einem gestern vorgestellten neuen buch aufgearbeitet. erschienen ist das buch unter dem titel «Berns mächtige Zeit». geleitet wurde das autorenteam vom berner historiker andré holenstein, einem studienkollegen von mir aus den 70er jahren. fortgesetzt wird mit dem werk die reihe des «Vereins Berner Zeiten» (schul/stämpfliverlag), in der schon «Berns mutige Zeit» (13. und 14. Jahrhundert) und «Berns grosse Zeit» (15. Jahrhundert) erschienen sind.

wer die neuerscheinung noch vor dem 1. august kauft, zahlt 86 franken, wer bis zur bundesfeier (und darüber hinaus) waren will, 98 franken. wer mitglied des historischen vereins ist, bekommt den band arg verbilligt.

wer nicht lesen mag, kann auch nur schauen. zum buch gibt es eine ausstellung im kunstmuseaum bern, bis 9. juli,dienstag 10–21 uhr, mittwochs bis sonntag sowie feiertage 10–17 uhr. und auch führungen gibts, jeweils mittwochs, vom 3. mai bis 27. september.

also: lest, schaut und

stadtwandert

mehr über den verein: verein berner zeiten
mehr über den herausgeber: andre holenstein

berns stadtheiliger

was, bern hat einen stadtheiligen? ja, hat-te mal. und das kam so:

die junge stadt bern, im 13. jahrhundert im aufbau begriffen, brauchte, nachdem die zähringer ausgestorben und die staufer nicht mehr stadtherren waren, eine neue herrschaft, und neue geldgeber. das wurde peter von savoyen, und mit ihm kamen auch die juden in die stadt. entstanden ist daraus eine stadtmauer, und die savoyerstadt zwischen zytgloggen- und käfigturm.

die savoyerherrschaft war nicht von dauer, und bern kam danach in habsburgischen einfluss, mit denen die savoyer im sogenannten grafenkrieg lagen. letztlich gewann rudolf von habsburg, und er wurde auch deutscher könig. die anfänglich gute zusammenarbeit mit bern – er verzieh den bernern, dass sie die burg nydegg abgerissen haben, als die savoryerherrschaft aufgehört hatte – wechselte, als der könig die reichsrechte zurückholen wollte. bern schloss sich der burgundischen opposition gegen die könig an, und verweigerte die steuerzahlungen an den könig. dieser griff bern militärisch, versagte jedoch zweimal, schickte aber im folgejahr seinen sohn, rudolf den jüngeren, der neuer herzog von schwaben werden sollte, nochmals vorbei. der schlug dann die überraschten bern auf der schosshalde. bern blieb zwar reichsstadt, musste aber kriegskontributionen zahlen und steuerschulden abbauen. dafür brauchte man wieder geld, das man bei den verblieben juden lieh.

die beiden habsburger sind 1291 verstorben, ruduolf der vater und rudolf der sohn. albrecht, ebenfalls sohn von könig rudolf, zwischenzeitlich herzog von österreich, schaffte den sprung nicht an die spitze des reichs, und an seiner statt wurde adolph, graf von nassau, zum deutschen könig gewählt. dieser hatte wenig rückhalt im adel, stärkte seine position aber, indem er die reichsstädte förderte. so bekam auch bern einen königlicher fürsprecher. der verlangte von bern zwar eine verfassungsreform, denn nach der niederlage auf der schosshalde war man gründlich zerstritten. ulrich von bubenberg trat als schultheiss der stadt ab, und mit jakob von kienberg bestellte der könig einen auswertigen kleinadeligen zum neuen schultheiss. so bekam die junge stadt neue aussichten.

mitten in diesen neuaufbruch hinein platze eine schreckliche nachricht: der kleine rudolf (ruof) wurde tot in berns gassen gefunden! schuld seinen die juden, die rituelle knabenmorde begehen.

die juden hatten nur den schutz des kaisers oder königs, und so hätte adolph eingreifen müssen. die berner waren sich ihrer sache sicher, führten gegen die juden einen prozess durch, verlangten eine saftige busse, und verwiesen sie schliesslich aus der stadt. angenehme nebenfolge: die schuldscheine für das geliehene geld, das man den habsburgern gezahlt hatte, behielt man in bern zurück und vernichtete sie. bis heute ist es umstritten, ob es ein jüdischer knabenmord war, oder ob das nicht willentlich inszeniert wurde, um die juden zu vertreiben.

der kleine rudolf wurde nun zum stadtheiligen, dem retter aus der not, dem befreier vor den juden (geld lieh man sich danach von lombarden und kawertschen, bankiers aus mailand und lyon). er wurde zuerst in der leutkirche beerdigt, später kam er ins münster. immer wieder sollte man an den knabenmord der juden erinnert werden, selbst wenn die kanonisierung des stadtheiligen nie stattfand.

erst die reformation hat dem ein ende gesetzt. der katholische stadtheilige wurde nun aus dem münster entfernt, wie alles andere, das an die alte, deutsch-katholische kirche im münster erinnerte, mit der reformation eliminiert wurde.

die geschichte des knabenmordes der juden behielt sich aber, – wenn auch protestantischer leseweise: der chindlifresserbrunnen – bern berühmster und in seiner symbolik umstrittnester brunner – führte das motiv im 16. jahrhundert weiter und hat es bis heute in unserem gedächtnis aufbewahrt. demgegenüber ist das gedenken an rudolf, den kleinen toten bub aus berns gassen, vergessen gegangen. gefunden wurde er am 17. april 1294, – also vor 712 jahren, dem tag, an dem man im ganz alten bern den stadtheiligen verehrte. früher mal!

(katholischer) stadtwanderer

ab ins pfefferland

zugegeben, so wie es geregnet hat am wochenende, mag man nicht wandern. weder stadt- noch landwandern. also ab ins museum. die interessanteste ausstellung gibts momentan in … murten: histo museum, in der alten mühle, am stadtrand. aber nix hauehaue, von den alten schweizern gegen die burgunder.

die ausstellung ist echt scharf: sie heisst “feurigrot und safrangeld”, und es geht um gewürze.

organisiert wurde sie von dr. susanne ritter-lutz. das material ist zwar auf deutschland ausgerichtet, für die schweiz aber adptiert worden. das caché ist speziell, man wähnt sich auf einem gewürzschiff, überall kisten, einige weltkarten, und schon ist man verzaubert durch farben, düfte und fantasien. gezeigt werden gewürze, zum selber anmachen und probieren (kosten), natu-kultu-histo informationen zu den wichtigsten gewürzen kommen hinzu, sowie heutige herkunftsgebiete und geschichten, wie es dazu kam. ganz schön nützlich, denn wer weiss schon, dass paprika nicht aus ungarn kommt! und kümmel schon die pfahlbauern kannten.

lokalkolorit kommt dort rein, wenn es zum absinth übergeht: aufstieg, ausdehnung der produktion vom vallée de joux nach murten (und nach frankreich), familie petitpierre, exporte in die halbe welt, höhepunkte, doch dann wirtschaftliche krise und schliesslich verbot per volksabstimmung!

den abschluss der ausstellung bilden audiovisuelle aufzeichnungen, von denen mit das märchen von vanillia und chokolati am besten gefallen haben. herzig, diese verführerische kombination …

am schluss noch ein paar nette worte ins gästebuch gesetzt, zu einem gelungenen nachmittag. danke, frau ritter! das essen am 20. august nehm ich gerne mit ein!

toll auch die bücher beim verkaufstisch, hab gleich drei erstanden. am besten gefallen hat mir “streifzüge im pfefferland. geschichten aus der welt der gewürze”, herausgegeben von drei schweizer ethnologinnen (charlotte beck, romana buechel, michele galizia), amazonpreis: eur 19.90. man liesst sich flüssig durch, geordnet nach gewürzen: geschichte und geschichten. weder beim kochen, noch beim essen wird man sich der welthistorischen zusammenhänge bewusst. europa: auf der suche nach gewürzten; geschichte der expansion als geschichte der gewürzsuche! wie schnell man das vergisst.

spannend ist das schlusskapitel, verfasst von einer vietnamesisch-schweizerischen ethnologin, die das berner essen “worscht u brot” erforscht. für sie ist das gar kein essen, maximal noch eine nahrungsmittelzufuhr. denn: essen, das ist essen-ziell, das muss man was erleben, was lernen, was weiter geben! essen ist leben, eben kultur.

da kann ich nur sagen: ab ins pfefferland, und en guete!

tellerwanderer

mehr zur ausstellung: museum murten