#Beizentour, 8. Station: Der Zytgloggenturm, Bern auf Wein und die Gastronomie im Jura

Mit der Helvetischen Republik von 1798 wurde das Gasthauswesen der ganzen Schweiz liberalisiert.
Spektakulär war in der Stadt Bern der Anstieg der Weinkeller. Mit dem Fall des Privilegs für Patrizierfamilien wuchs deren Zahl östlich und westlich des Zytgloggenturm auf der Hauptverkehrsachse auf bis zu 200 an.
Zum Zustand der Stadt gab es bald ein geflügeltes Wort: Venedig schwimme auf Wasser, Bern auf Wein!
Nur ein Jahr später erhob der klamme Staat eine Steuer auf Gastwirtschaften. Die war für die neuen Gasthäuser höher als für die alten. Das leite eine Selektion ein.

1803 entstand der Kanton Bern getrennt von der Stadt Bern. Im Kanton zählte man im Folgejahr 450 Wirtshäuser. Wie die reformierte Tradition noch war, merkte man 1815, als auf dem Wiener Kongress das ehemalige Fürstbistum Basel zum Kanton Bern geschlagen wurde. Das war selbstredend katholisch und hatte trotz vierfach kleinerer Fläche und Bevölkerungszahl mit 540 Gastwirtschaften einiges mehr als der alte Kantonsteil zu bieten.

Doch die Berner Administration griff durch: Die auberges wurden zu Herbergen, die cabarets zu Weinkellern, die bains zu Badhäuser. Die zahlreichen cafes belebten das junge Geschäft mit den Kaffeehäuser, wurden aber zu den Pinten gezählt. Für die Berner ganz neu waren die buchons. Das waren Vorläufer der Restaurants à la française. In der Hauptstadt kannte man nur Speisewirtschaften.
Bei Weitem nicht alle Gastwirtschaften überlebten die neue Einteilung ins bernische Verwaltungsdenken. Denn der Freistaat Bern, wie er sich nun nannte, schloss gleich die aller Hälfte der Gasthäuser im Jura.

Mit bleibendem Schaden für sein Ansehen!

Stadtwanderer

#Beizentour, 7. Station: Hotel de Musique, Maison du peuple und Kaffeetrinken

Man bezeichnet die zweite Hälfte des 18. und die erste des 19. Jahrhunderts als Sattelzeit, während der sich die Ständegesellschaft zur Bürgergesellschaft wandelt. In Bern kann man das an der Einführung von Kaffeehäusern und Theatersälen sehen.

Die erste Aktiengesellschaft Berns baute 1766 das repräsentative Hotel de Musique. Es sollte als Konzert- und Theaterhaus dienen. Die Stadtobrigkeit bewilligte Bau und Konzerte, nicht aber das Theaterspiel. Zu aufrührerisch!

Dafür wurde aus dem Konzertsaal das erste bernische Kaffeehaus, das Bestand hielt. An der Hotelgasse Nr. 10 schlürften nun Kulturbefliessene das fremde Getränk, um angeregt parlieren zu können, bevor sie sich der Musik zuwandten.

Derweil wurde im ersten Stock des Hotels politisiert. Da hatte sich der Cercle de la Grande Societe einquartiert. Partrizier und Bürgerliche erörterten nach niederländischem Vorbild gemeinsam, was die Weltlage für Bern bedeuten könnte – als Herrenclub hinter verschlossenen Türen.

1798 wollten die revolutionären Franzosen aus dem vornehmen Hotel eine Maison du peuple machen. Doch scheiterten sie grandios.
Der Cercle beharrte darauf, eine geschlossene Gesellschaft zu bleiben. Und das Cafe blieb erst einmal ein Ort für Künstler.
Nur das bürgerliche Theaterspielen kennt man seit der französischen Besatzung in Bern.

Stadtwanderer

12. April: Der Tag der Republik

1798. In verschiedenen Schweizer Städten gärt es. Die alte Eidgenossenschaft soll über Bord geworfen werden. Am 1. Februar tanzen die Revolutionäre in Aarau um nach französischem Vorbild um den Freiheitsbaum.

Nur Revolutionäre? Nein, auch eine Revolutionärin!

Francesca Romana von Hallwil, Adelige aus dem Aargauer Seetal, lebte am Hof des Kaisers in Wien, wurde von ihrem Cousin geschwängert, floh in die Schweiz, verzichtete auf ihre Privilegien als Bernburgerin und bekam die erzwungene Unselbständigkeit einer normalen Frau in der alten Eidgenossenschaft zu spüren. Sie radikalisiert sich und schliesst sich dem Kreis um den Industriellem Johann Jakob Meyer in Aarau an, lernt den Schulreformer Heinrich Pestalozzi kennen, der da eine Schule für die neue Republik gründen will und entscheidet sich, ihn bei seinen Bestrebungen für einen neuen Staat in einer neuen Gesellschaft zu unterstützen.
Am 12. April 2023, 225 Jahre nachdem die Helvetische Republik in Aarau proklamiert wurde, mache ich eine Stadtwanderung am historischen Ort. Wir besuchen den Treffpunkt des Kreises von Meyer, die Stelle, wo der Freiheitsbaum stand und sehen, was aus dem Traum entstand, eine neues Washington zu gründen. Wir besuchen auch die Stätten der Helvetischen Regierung, der ersten Verwaltung und des Parlaments, und würdigen die bleibende Leistung der Revolution in Aarau, die erstmalige Etablierung der heute so selbstverständlichen Gewaltenteilung.

Die Führung “Helvetiopolis” ist für alle Interessierten offen, beginnt um 15 Uhr, dauert 1 3/4 Stunden und wird bei jeder Witterung durchgeführt. Treffpunkt ist der Eingang zur Alten Kanti Aarau, 5 Gehminuten vom Bahnhof entfernt.

Das ist übrigens die Schule, die aus den Ideen von Pestalozzi entstand – und an der ich fast 180 Jahren danach die Maturitätsprüfung bestand.

Claude Longchamp

Das Programm des Tages der Republik: https://weloveaarau.ch/tagderrepublik2023/

Beizentour, 6. Station: Reformation, Hugenotten und Drogen

Station meiner 15teiligen #beizentour

Reformation, Hugenotten und Drogen

Die Reformation 1528 brachte das Ende der spätmittelalterlichen Gastwirtschaft. Sie galt den Reformatoren als Ort des Lasters, wo Männer das Geld verspielen, während Frau und Kind Hunger leiden. Entsprechend setzte in Bern eine lang anhaltende Phase der Regulierung ein.

Bis 1798 führte das reformierte Regime zwei grosse Reorganisationen auf dem Land und fünf in der Stadt durch. Ziel war es, die zahlreichen Gastnebenbetriebe bei Bauern und Gewerblern zu schliessen. In jedem Dorf sollte es ein gut geregeltes Gasthaus geben, und in der Stadt einige Gesellschaftsstuben, Tavernen, Pinten, Weinkeller und Bäder mit Getränkeausschank.

Einen Einschnitt in das wohlgeordnete Gasthauswesen Berns brachten die Hugenotten, Flüchtlinge aus Frankreich seit den 1680er Jahren. Auch sie waren reformiert, aber anders als in Bern. Vor allem waren sie geschäftstüchtiger und weniger autoritätsgläubig.
Ihnen gestand die Obrigkeit ein eigenes Gasthaus zu. Da schenkten sie erstmals in Bern Kaffee aus, was in Bern noch unüblich war. Das fremde Getränk galt wie Tee, Schokolade und Tabak bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts als Droge.
Schlimmer noch, die Flüchtlinge erörterten im Kaffeehaus angeregt die Weltlage. Politisieren war in Bern nur den Familien erlaubt, die regimentsfähig waren und im Grossen Rat waren.

Nach 12 Jahren wurden die Hugenotten ausgeschafft und ihr Kaffeehaus verschwand. Ich weiss bis heute nicht wo es stand. Auf dem Münsterplatz sicher nicht!

Beizentour, 5. Station: Weinkeller, Rebberge und Stadtadel

Die Gesellschaften hatten ihre Stuben, für die auswärtigen Gäste gab’s Herbergen. Und die einfachen Stadtleute kehrten in Pinten oder Schenken ein. Das waren Wirtshäuser ohne Beherbergungsrechte. Aber Essen und Trinken konnte man da.

Gesellschaftshäuser und Tavernen hatten meistens ein Schild, Pinten und Schenken höchsten einen Blätterkranz. Bisweilen unterschieden sie sich kaum von Privathäusern.
Beliebt war die Lagerung von Wein aus dem Aaretal in den Kellern der Pinten. Da wurde er mehr und mehr auch direkt ausgeschenkt, woraus die legendären Berner Weinkeller entstanden.

Einen grossen Aufschwung erlebten die Weinkeller nach der Reformation 1528. Bern übernahm am Bieler- resp. Genfersee zahlreiche Rebbaugebiete der aufgehobenen Klöster. Adelige Stadtfamilien hatten nun ihren eigenen Wein aus den Untertanengebieten. Mit ihren Stadtkellern buhlten sie um die Wette.

Weinkeller waren eine beliebte Einnahmequelle, die gut geschützt wurde. Ohne Klöster ging die Bierproduktion zurück und wurde gar ganz verboten. Auch der Weinimport aus nicht-bernischen Gebieten war untersagt.

Die meisten Weinkeller vom 16. bis 18. Jahrhundert sind heute zu. Nur zwei sind geblieben: der Kornhauskeller und der Klötzlikeller. Der erster gleicht dem traditionellen Weinkeller überhaupt nicht mehr. Aus ihm ist ein Nobelrestaurant in eindrücklicher Hülle geworden. Der zweite lässt noch erahnen, wie man an langen Bänken sass, Wein trank und in kalten Platten schnauste.

Ein guter Moment, um einzukehren!

Stadtwanderer

#Beizentour 4. Station: Tavernen, Soldhandel und Notable

Herbergen oder Tavernen, wie man sie damals nannte, sind der zweite Ursprung der Berner Gaststätten. Sie hatten das Recht, Uebernachtungen für Ross und Reiter in Ställen und Schlafsälen anzubieten resp. Speis und Trank in einer Gaststube auszugeben.

An der zentrale Märitgasse war die Krone die erste Taverne. Sie ist seit 1454 bezeugt. Die Eigenossenschaft war eben im Frieden von Einsiedeln neue begründet worden, um vermehrt zusammenzuwachsen. In den 1490er Jahren entsteht typischerweise das Weisse Kreuz, heute Hotel Adler, am östlichen Stadteingang.

Schneller noch als für den Fremdenverkehr wurden Tavernen für die militärische Rekrutierung eingesetzt. Dabei diente die Krone als wichtigster Ort.
Kronen-Wirt Hans-Jakob Lombach war darin besonders erfolgreich. In kurzer Zeit stieg er so zu einem der reichsten Berner auf. Ein Stadtadeliger wie die von Bubenbergs wurde er nicht, aber ein Notabler war er schon. So nannte man wohlhabende und angesehene Gewerbler, die in die Politik drängten.

Wirt Lombach war auch zu einem der ersten Bankiers in Bern, der nun Geld verlieh, um weitere Söldner anzuwerben. Erst als sich die Eidgenossen ab den 1490 Jahren in Italien engagierten, verlagerte sich das grosse Geschäft nach Zürich.

Tavernen waren Ehaften. So bezeichnete man bis ins 19. Jahrhundert konzessionierte Betrieb der Stadt für öffentliche Dienste. Wie es einen Stadtbäcker oder –metzger gab, so hatte man auch städtische Wirte. Sie sorgte in eigenen Revier für Ordnung, war aber auch seinen Gästen verpflichtet. Denn lange galt: eine Durchgangsstrasse und ein populärer Wirt sind die beiden wichtigsten Erfolgsgarantien.

Stadtwanderer

#Beizentour 3. Station: Märitstrasse, Gesellschaftshäuser und Männerrunden

Ihren ersten Ursprung haben die Berner Gasthäuser in den Stuben der Gesellschaften. Die trafen sich zuerst beim angesehensten Vertreter ihres Berufszweiges – in der Stube!
Seit den 1420er Jahren wurde es üblich, ein Gesellschaftshaus an der zentralen Märitgasse zu haben – mit einer separaten TrinkSTUBE!

Die Gesellschaft zum Distelzwang war – und ist – die vornehmste Gesellschaft in Bern. Hier wurde – und wird – man nur aufgenommen, wenn man zur Elite gehört(e).
Früher war das der Kleine Rat, Münsterpfarrer und erfolgreichen Soldhändler. Heute sind es ehemalige und amtierende Stadtpräsidenten.

Alle anderen Gesellschaften vertraten je ein Handwerk. Zünfte, die wie in Zürich existierten und Politik betrieben, waren in Bern untersagt. Sie galten als aufrührerisch.

Vier Gesellschaften schafften dennoch den Weg in die Stadtverwaltung. Die Bäcker, Metzger, Gerber und Schmiede übernahmen in den vier Stadtquartieren die Feuerwehr. So wurde meist einer von ihnen Venner und damit Mitglied im Kleinen Rat.

Einige Gesellschaften haben heute noch ihr Haus im Zentrum. Ihre Trinkstuben sind allerdings verschwunden. Die waren frühe Orte der Halb-Oeffentlichkeit. Zugelassen waren nur Mitglieder. Und der Chef des Hauses musste sich gegenüber den Anweisungen der Obrigkeit loyal verhalten.

In den Stuben trafen sich Männerrunden. Fesche Mädchen mit gebundenen Zöpfen servierten. Gab es eine Klapps auf den Po, lachten alle mit. Getrunken wurde viel, denn Kampftrinken war beliebt und vorzeitiges Ausscheiden verpönt.

Aus Berichten zu grossen Festen im Distelzwang im 17. Jahrhundert weiss man, dass die Gelage mehrere Tage dauern konnten. Und: Pro Festbruder rechnete man mit bis zu 4 Liter Weinkonsum.

Porst!

Stadtwanderer

#Beizentour: Märitgasse, Gesellschaftshäuser und Männerrunden

Ihren ersten Ursprung haben die Berner Gasthäuser in den Stuben der Gesellschaften. Die trafen sich zuerst beim angesehensten Vertreter ihres Berufszweiges – in der Stube!
Seit den 1420er Jahren wurde es üblich, ein Gesellschaftshaus an der zentralen Märitgasse zu haben – mit einer separaten TrinkSTUBE!

Die Gesellschaft zum Distelzwang war – und ist – die vornehmste Gesellschaft in Bern. Hier wurde – und wird – man nur aufgenommen, wenn man zur Elite gehört(e).
Früher war das der Kleine Rat, Münsterpfarrer und erfolgreichen Soldhändler. Heute sind es ehemalige und amtierende Stadtpräsidenten.

Alle anderen Gesellschaften vertraten je ein Handwerk. Zünfte, die wie in Zürich existierten und Politik betrieben, waren in Bern untersagt. Sie galten als aufrührerisch.

Vier Gesellschaften schafften dennoch den Weg in die Stadtverwaltung. Die Bäcker, Metzger, Gerber und Schmiede übernahmen in den vier Stadtquartieren die Feuerwehr. So wurde meist einer von ihnen Venner und damit Mitglied im Kleinen Rat.

Einige Gesellschaften haben heute noch ihr Haus im Zentrum. Ihre Trinkstuben sind allerdings verschwunden. Die waren frühe Orte der Halb-Oeffentlichkeit. Zugelassen waren nur Mitglieder. Und der Chef des Hauses musste sich gegenüber den Anweisungen der Obrigkeit loyal verhalten.

In den Stuben trafen sich Männerrunden. Fesche Mädchen mit gebundenen Zöpfen servierten. Gab es eine Klapps auf den Po, lachten alle mit. Getrunken wurde viel, denn Kampftrinken war beliebt und vorzeitiges Ausscheiden verpönt.

Aus Berichten zu grossen Festen im Distelzwang im 17. Jahrhundert weiss man, dass die Gelage mehrere Tage dauern konnten. Und: Pro Festbruder rechnete man mit bis zu 4 Liter Weinkonsum.

Porst!

Stadtwanderer

#Beizentour 2. Station: Der Kaiseranwärter, erste Trinkgläser und das Stadtregiment


Vennerbrunner. Venner waren die Quartiermeister im Kleinen Rat, der nebenan im Rathaus tagte.

1414 besuchte König Sigismund von Ungarn die Stadt Bern. Er war Kaiseranwärter und kam, und das neue Rathaus einzuweihen.
Im königlichen Gefolge sollen je 1400 Ritter und Ross gewesen sein. Und Bern hatte noch keine einzige Herberge! Denn in der Stadt sorgten damals im wesentlichen die Klöster für Möglichkeiten der Uebernachtung. Oder Private.

Das Dominikanerkloster schaffte für den hohen Besuch extra Gläser an, wie sie in Frankreich bereits üblich waren. Besteck brauchte es keines. Messer brachten die Gäste selber mit, Gabel und Löffel kannte man noch nicht.
Gegessen und getrunken wurde an langen Tischen in den Sälen der Klöster. Danach ging die Mannen ins Bordell, am heutigen Ryffligässlein gelegen.

Sigismund zahlte gut und machte aus Bern eine Reichsstadt. Nun durfte man selber über Krieg und Frieden entscheiden, und über Leben und Tod!
An der Spitze der Stadt stand ein Schultheiss, unterstützt von einem Säckelmeister und einem Stadtschreiber. Vier Venner kamen hinzu, die als Quartiermeister je ein Stadtquartier vertraten. Sie geboten über die Feuerwehr und erledigten die militärischen Aufgebote.
Sie bildeten mit anderen den Kleinen Rat. Dem stand der Grosse gegenüber. Er versammelte die Burgerschaft. Maximal je 100 aus jedem Quartier waren zugelassen.

Bis zur Reformation sollten sie aber im Schatten der Stadtklöster stehen. Doch der Bedarf für Gasthäuser war durch den hohen Besuch geweckt worden. Mehr dazu das nächste Mal!

Stadtwanderer

#Beizentour, 1. Station: Die Angeklagten, der Richtstuhl und das Besäufnis

Es folgt eine 15teilige Serie zu meiner Beizentour durch Berns Gastronomie

Wer hier stillstehen musste, riskierte zum Tode verurteilt zu werden. Denn Mitten auf der damaligen Märitgasse stand vom 16. bis zum 18. Jahrhundert ein steinerner Richtstuhl für den Schultheissen.

Auf Mord stand Rädern.
Für Diebstahl wurde man gehängt.
Ketzer kamen im brennenden Scheiterhaufen um.

Bei Frauen wandte man am häufigsten das sog. Säcken an. Verurteilte wurden in einen Sack gesteckt und in die Aare geworfen. Oder frau wurde lebendig begraben.

Im 18. Jahrhundert kam meist nur noch das Richten durch das Schwert zum Einsatz. Erst 1866 wurde die Todesstrafe im Kanton Bern als barbarische Strafe ganz abgeschafft.

Angeklagte wurden seit dem Spätmittelalter aus dem Erdgeschoss des Rathauses geführt, das noch lange Richthaus hiess. Dort hatten sie die letzte Mahlzeit bekommen. Die Totenglocke kündigte das fürchterliche Schicksal an.

Es folgte der Richterspruch mitten in der Stadt.

Verurteilte wurden vor der Reformation noch ins Münster geführt, wo sie ein letztes Mal beichten konnten. Mit der Reformation ging man direkt zu einer der drei Richtstellen ausserhalb der Stadt. Der Henker waltete seines Amts. Er hiess übrigens Nachrichter.

Die Richter wiederum zogen sich in die Gesellschaft zum Narren an der Junkergasse zurück, wo das amtliche Besäufnis stattfand. Mit viel Alkohol gedachte man der verlorenen Seele ein letztes Mal!

Stadtwanderer

#Stadtführung: Hoher Besuch aus der Ostschweiz

Morgen steht eine Stadtführung der besonderen Art. Die Ostschweizer Regierungskonferenz ist in Bundesbern zu Gast. Ich habe die Ehre, 18 RegierungsrätInnen und zweimal so viele Personen aus der Bundesverwaltung resp. der Administration der Ostschweizer Kantone durch Bern führen zu dürfen.

Wir haben drei Schwerpunkte gebildet, welche die Beziehungen zwischen Bern und der Ostschweiz beleuchten:
. Zuerst ist da das Bundeshaus.
. Dann sie wir auf dem Areal der UniTobler in derLänggasse.
. Schliesslich besuchen wird das Diesbachhaus in der Altstadt.
Warum? – Alle drei Orte stehen für eine Epoche und die Verbindungen Berns mit der Ostschweiz.

Diesbachhaus
Im Vorläufergebäude des Diesbach-Hauses war Mitte des 15. Jahrhunderts die Diesbach/Watt-Gesellschaft einquartiert. Sie war das führende Handelshaus ihrer Zeit, das mit Leinwand und Artverwandten von Valencia bis Warschau handelte und eine Reihe von Bergwerken besass. Gründer waren Niklaus von Diesbach aus Bern und Hug von Watt aus St. Gallen. Beide Familien wurden damit reich und etablierten sich in der städtischen, eidgenössischen resp. europäischen Elite. Heute residiert die Berner Direktion für Inneres und Justiz im Stadtpalais. Regierungsrätin Evi Allemann wird uns persönlich empfangen.

Uni Tobler
Der Name der Uni Tobler geht auf Jean Tobler und seinen Sohn Theodor Tobler zurück. Jean hiess eigentlich Johann-Jakob und kam aus Lutzenberg, Appenzell-Ausserhoden. Vater und Sohn gründeten im Berner Länggass-Quartier die Firma, die 1908 die legendäre Toblerone erfand. Das Produkt repräsentiert die Belle epoque, gehörte bis 1993 den Tobler und stellte bis 1970 her in der Länggasse Schokolade her. Dann wechselte die Firma mehrfach die Eigentümerin, bis sie heute beim US-Konzern Mondelez landete. Jüngst wurde angekündigt, dass die Produktion teilweise in die Slowakei verlagert wird und der Schweiz-Bezug leider fallen muss.

Bernerhof
Der Bernerhof war im 19. Jahrhundert ein Nobelhotel der europäischen Spitzenklasse. Der Fremdenverkehr brach im Ersten Weltkrieg ein und das Hotel wurde eingestellt. Seit 1924 ist da das Eidg. Finanzdepartement einquartiert. Hausherrin ist gegenwärtig die Ostschweizer Vertreterin im Bundesrat, Karin Keller-Sutter. Weniger als 100 Tage nach ihrem Departementswechsel ins EFD musste sie das Ende der Credit Suisse besiegeln. – Bisher hatte die Ostschweiz 15 Bundesräte und drei Bundesrätinnen. Gemessen an der Bevölkerungszahl ist sie damit im Schnitt vertreten. Bei den Frauen stellt(e) die Region gar 3 von 10 VerteterInnen (Ruth Metzler, Eveline Widmer-Schlumpf und eben KKS). Das sind, doppelt so viele wie der Prozentansatz Einwohnerinnen beträgt, womit die Ostschweiz gar an der Spitze liegt.

Kleine Bilanz
Die Ostschweiz ist keine Sprachregion wie die Suisse romande, in der es ein gemeinsames Minderheitsgefühl gibt. Sie kennt auch keine eindeutigen Grenzen (gehört Graubünden dazu oder nicht) und hat kein unumstrittenes Zentrum. Daran arbeitet die Ostschweizer Regierungskonferenz, die als Testlauf für weitere Netzwerkanlässe morgen erstmals gemeinsam Bundesbern besucht.
Ich freue mich sehr, die Regierungskonferenz durch Geschichte und Gegenwart Berns führen zu können und exemplarisch zu zeigen, was aus der wirtschaftlichen Kooperation und politischen Vertretung wurde.

Stadtwanderer

Start zur Berner PolitBeizentour

Wirtshäuser für Fremde und Einheimische haben mich immer angezogen. Das realisierte ich spätestens während der Pandemie, als ich für rund zwei Jahre kaum mehr in einem Restaurant, geschweige denn in einem Hotel anzutreffen war. Denn Gaststätten, wie der allgemeine Begriff lautet, sind ursprüngliche Orte des Öffentlichen.

Dies ist umso mehr der Fall, als es in mittelalterlichen Städten wie Bern anders als klassischen keine Agora gibt, die als natürlicher Treffpunkt dienen könnte.
An die Hauptgassen des Durchgangsverkehrs schließen sich im Spätmittelalter Herbergen oder Tavernen für Fremde an. Aus den privaten Stuben der Berufsstände werden Zunfthäuser mit Zunftstuben, in Bern Gesellschaftshäuser und Gesellschaftsstuben genannt, wo man sich unter seinesgleichen überfamiliär trifft. Auch Pinten und Schenken, insbesondere Weinkeller gehören zur frühen öffentlichen Ausstattung.
Öffentlich meint zu Beginn noch nicht offen und frei. Vielmehr meint es im Auftrag der Obrigkeit geführt und mit einer Konzession versehen. Da spielte in vielfacher Hinsicht auch die soziale und rechtliche Kontrolle.
Vieles änderte sich mit der Liberalisierung im 19. Jahrhundert. Auch das Gastgewerbe unterlag nun schrittweise der kantonalen und nationalen Gewerbefreiheit. Das Restaurant und das Hotel als moderne Formen des Gastgewerbes erobern die Szenrrie. Die mischen Bars, Salons mit Speisesälen, und die ausgeschenkten Getränke variieren an einem Ort.
Das Bier, in Bern seit der Schließung der Klöster vom Wein verdrängt, setzt sich wieder an die Spitze der konsumierten Alkoholika. Kaffee, Tee, Schokolade und Tabak, die Drogen des frühen 18. Jahrhunderts, werden weitgehend frei konsumierbar.
Gasthäuser avancieren zu politischen Orten ersten Ranges. In Bern wird der Bundesstaat mit Verfassung im Äußeren Stand aus der Taufe gehoben und im Hotel de Musique wird die Parlamentseröffnung feierlich gegangen.
Auch die Arbeiterschaft, die 68er- und die Frauenbewegung schaffen sich ihre eigenen Zentren der Begegnungen und Versammlungen. Parteiveranstaltungen finden immer noch in Gaststätten statt.
So ist eine Stadtwanderung durch eben solche PolitBeizen stets auch eine Tour durch die Geschichte der verschiedenen Formen der Öffentlichkeit,
Heute Abend ist Start mit einer exklusiven Premiere für die Inlandredaktion von Radio DRS.
Weitere Wanderungen werden folgen.

Das definitive Programm der heutigen #PolitBeizenTour

Ich freue mich riesig, heute mit meiner #PolitBeizenTour durch Bern starten zu können. Drei Monate Vorbereitung mit unzähligen Versuchen, aus den Teilen ein Ganzen zu machen, liegen hinter mir. Twitterkollege @KasparKeller berichtet exklusiv für die @bernerzeitung.

Hier das vierstündige Programm:

1. Kreuzgassbrunnen: Hinrichtungen im alten Bern und rituelles Besäufnis der Richter
2. Rathaus: Warum erstmals ein Kaiseranwärter in Bern war und wo er einkehrte
3. Gesellschaftshaus zum Distelzwang: Zünfte und Zunftstuben oder wo die erste Geburt der Gasthäuser war
4. Taverne (dann Hotel, heute Restaurant) Krone: Wo die zweite Geburt des Gasthäuser war
5. Klötzlikeller: beispielhafter Berner Weinkeller, die es ohne die Eroberung der Waadt und Ablösung der katholischen Kirche als Rebbaubesitzer nie gegeben hätte

gemeinsamer Apero im Klötzlikeller

6. Münsterplatz: Warum es hier … zum Teufel … keine einzige Beiz hat oder wie die Reformation das Leben in Pinten und Schenken zurückdrängte
7. Hotel de Musique: Wo das erste Kaffeehaus in Bern entsteht und vor allem Künstler und Kulturbefliessene anzieht
8. Zytgloggenturm: Kramgasse oder der Uebergang zu modernen Gastrowesen mit vorübergehend 200 Weinkellern
9. Restaurant Zimmermania: wo das erste Restaurant nach französischem Vorbild entstand und zum Treffpunkt für die Studenten wurde
10. Hotel zur Glocke: Berner Biergeschichte(n) oder wie aus dem Reichenbachbier das Oberländer Rugenbräu wurde
11. Restaurant (vormals Rathaus) zum Aeusseren Stand: Wo die liberale Berner Verfassung resp. Bundesverfassung entstanden
12. Volkshaus 1914 oder wo sich die gewerkschaftlich Arbeiterschaft versammelte
13. Restaurant Ringgenberg: vom Arbeiterlokal (“Gangihalle”) zum Speiserestaurant mit erlesener Küche

Gemeinsames Nachtessen

14. Café des Pyrénées («Pyri): Wo Polo Hofers Heimat war
15. Kulturzentrum Progr: Wo Helvetia ins Land ruft, um 2023 die Wahlen für die Frauen zu gewinnen

Anschliessend: Lehrerzimmer: Abendbier an der Bar
open end(e)

175 Jahre Bundesverfassung: Die informelle Seite der Verfassungskommission

Das Zunfthaus zu Schmieden an der Berner Marktgasse steht nicht mehr. An seiner Stelle ist hier und heute das Warenhaus Manor. Die jetzige Schmiedstube gibt auf die Zeughausgasse. Doch wurde im verschwundenen Haus vor genau 175 Jahren die entscheidende Frage für die erste Bundesverfassung verhandelt: Wie soll das neue Parlament aussehen?

Alle 23 Kommissionsmitglieder waren freisinnig. Aber sie kamen aus reformierten und katholischen Kantonen. Letztere hatten außer in Appenzell Innerrhoden nach dem Sonderbundskrieg eine freisinnige Regierung bekommen. Nicht überall waren die Wahlen dazu über alle Zweifel erhaben gewesen. Entsprechend wackelig war ihr Mandat und ihr Verhalten.
Die katholischen Freisinnigen versuchten die Radikalen aus Zürich, Bern und der Waadt zu mäßigen. Dafür versammelten sie sich regelmäßig im Sääli des Hotel zu Schmieden. So auch am Vorabend des 23. März 1848. Man erwartete die Entscheidung zur Parlamentsmehrheit.
Der Solothurner Joseph Munzinger, Sprecher der katholischen Freisinnigen, hatte die Schriften von Prof. Ignaz Troxler, Staatsrechtler an der Universität Bern, genau studiert. Die handelten vom amerikanischen Bundesstaat mit seinen zwei unabhängigen Kongress-Kammern. Das gefiel ihm besser als die Radikalen Vorstöße in der Kommission. Nochmals weibelte bei seinen Getreuen in Richtung Zweikammerparlament.
Tatsächlich entschied die Kommission am Nachtag im Salon Empire im ersten Stock des heutigen Restaurants zum Äußeren Stand in der wichtigen Sache, und zwar so, wie es die katholischen Freisinnigen in ihrem informellen Kreis vorgesprochen und abgemacht haben.
Bis heute ist an diesem zentralen Punkt der Schweizer Föderalismus nicht gerüttelt worden. Den die Schweiz hat bis jetzt ein perfekt ausbalanciertes Zweikammerparlament.
Ich freue mich außerordentlich, genau morgen an der Premiere zur Berner PolitBeizenTour im Äußeren Stand Halt zu machen und die Geschichte ausführlich zu erzählen!

Stadtwanderer

Stadtwanderung zum Tag der Republik am 12. April 2023

Der 12. April ist einer der grössten Einschnitte in der Schweizer Geschichte. Die Helvetische Republik wurde ausgerufen. Sie löste das Ancien Regime mit seinen Wurzel im Mittelalter ab.

Bild: Plan mit der (nicht realisierten) Erweiterung für die Hauptstadt der Helvetischen Republik von 1798, für die der Name New Washington ausgegeben wurde.

Die Helvetische Republik fand unter den Gewehren der französischen Revolutionären statt. Doch war die Fremdherrschaft auch ein Neuanfang. Erstmals hatte die Schweiz eine Verfassungen, eine einheitliche dazu. Sie garantierte Menschenrechte und Gewaltenteilung der Behörden. Ein Parlament wurde gewählt, eine Regierung und ein unabhängiges oberstes Gericht wurden eingesetzt.
Das alles fand in der Untertanenstadt Aarau statt, dem Hort der Revolution gegen Bern und seinen Verbündeten. Genau 225 Jahre danach führe ich für das Komitee, das den Tag der Republik aufleben lassen will, eine Stadtwanderung durch. Sie beleuchtet die Vorgeschichte des Umsturzes, die Geburt der Institutionen und verweist auf das, was mit dem Kanton Aargau daraus geworden ist.
Speziell räume ich nachträglich Francesca Romana von Hallwyl ihren Platz in der Revolutionsgeschichte ein. Sie war eine Adlige aus dem Aargauer Seetal, lebte lange in Wien am Kaiserhof, wurde von ihrem Cousin unehelich schwanger, flüchtete in die Schweiz und schloss sich in Aarau der Revolution an. Sie finanzierte unter anderem Heinrich Pestalozzi, den Bürger Frankreichs in der Schweiz, der mit neuartigen Schulprojekte die Veränderungen der Gesellschaft durch Bildung einleiten wollte. Daraus entstand unter anderem die Kantonsschule Aarau, das erste laizistische Gymnasium der Schweiz (das ich später besuchen sollte)!

Die Führung ist für jedermann und -frau offen. Sie findet am 12. April 2023 um 15 Uhr statt. Start ist vor der Alten Kanti, 5 Gehminuten vom Bahnhof entfernt. Sie dauert bis 16 Uhr 45.

Anmeldungen via Messenger sind erwünscht, aber nicht zwingend!

Stadtwanderer aka Claude Longchamp

Das Berner Diesbach Haus



Die Familie soll burgundischen Ursprungs gewesen sein, im Mittelalter Dienstmannen für verschiedenste Herren gestellt haben und die Herrschaft mit gleichem Namen (heute Oberdiessbach bei Thun) besessen haben.
1414 ist der Stammvater der Berner Diesbacher, Goldschmid Niklaus, genannt Clewi, urkundlich bezeugt. 20 Jahre danach erhält er von Kaiser Sigismund einen Adelsbrief, was ihm Kontakte zum europäischen Adel eröffnet.
Mit dem St. Galler Kaufmann Hugo von Watt gründet er die Diesbach-Watt-Gesellschaft, die zwischen 1430 und 1460 erfolgreich im europäischen Tuchhandel zwischen Krakau in Polen und Valenzia in Spanien tätig ist.
Hauptsitz des führenden „multinationalen Handelshauses“ (Historisches Lexikon der Schweiz) ist das Diesbach Haus an der Berner Münstergasse.
Allerdings ist es damals noch der Vorläuferbau des jetzigen Eckhauses, das 1716 neugebaut Sitz des reformierten Familienteils wird, während der katholisch verblieben Teil in Fribourg residiert.
1899 verkauft Friedrich von Diesbach, der in Schlesien lebte, das stattliche Patrizierhaus dem Kanton Bern, der es seither als Direktionssitz für Justiz und Inneres heute mit RR Evi Alllemann als Vorsteherin nutzt.
Diesen Morgen hatte ich das große Glück, eine Besichtigung aller Stockwerke machen zu dürfen. Denn ich rekognosziere für meinen Stadtrundgang mitder Ostschweizer Regierungskonferenz, die sich in Bälde in der Bundesstadt auf Spurensuchen der Ostschweiz in Bern machen wird.

Bilder
1 Frontansicht
2 Regierungsrätlocher Ausblick
3 und 4 Innenhof zum Haus an der Kramgasse 1

Die entscheidenden Tage 1848

Seit dem 18. Februar 1848 tagte die Verfassungskommission mit 23 Mitglieder, welche die erste selber gestaltete Verfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft erlassen sollte. Nach 51 Tage und 312 Sitzung war sie fertig, und in der Vernehmlassung wurde nur noch wenig geändert. Die Arbeiten wurden in vier Arbeitsgruppen vorbereitet. Am 3. März, heute vor 175 Jahren, begannen die Verhandlungen der AG Institutionen. Es sollten die entscheidenden 3 Wochen sein, in denen die Grundstruktur des damaligen politischen Systems festgelegt wurden.

“Am 3. März 1848, in der 12. Sitzung der Verfassungskommission, wurde erstmals die Revision der Bundesbehörden thematisiert. Kern und Druey schrieben zum Grundsatz, an dem sich die Kommission bei der Reform der Institutionen orientierte: «Kein Rückschritt, aber auch keine Sprünge. Wenn es einen Zustand der Dinge gibt, in welchem sich die Schweiz nicht mehr befindet, so gibt es auch einen andern, in welchem sie zur Zeit noch nicht ist.»
Die Schweiz war nicht bereit für einen umfassenden Zentralstaat, doch sollte die neue Verfassung im Gegenzug mehr als nur einen losen Zusammenschluss souveräner Kleinstaaten begründen. Für diese Konstellation mussten die passenden Institutionen gefunden werden.
Am 3. März wurde vom St. Galler Wilhelm Matthias Näff vorgeschlagen, die Tagsatzung beizubehalten, deren Geschäfte aber aufzuteilen. Verhandlungen, die Einfluss auf die Kantonalsouveränität haben konnten, sollten weiterhin an Instruktionen gebunden sein. Bei anderen Gegenständen, «bei welchen die Kantone als solche nicht besonders interessiert wären», sollten die Gesandten der Kantone frei und ohne Instruktion beraten können.
Die Anzahl der Repräsentanten sollte aufgrund der Einwohnerzahl des Kantons ermittelt werden. Der Waadtländer Henri Druey brachte dagegen einen viel weiter gehenden Vorschlag ein: «Die ganze Schweiz, ohne Rücksicht auf die Kantone», sollte in Wahlkreise eingeteilt werden. Die Instruktion der Parlamentarier sollten ganz wegfallen.
Auch die Beibehaltung der Tagsatzung, wie sie im Bundesvertrag von 1815 niedergelegt war, stand durchaus noch zur Debatte.
Furrer brachte in der Sitzung vom 6. März das Zweikammersystem ins Spiel. Er selber war im Grunde dem System Drueys zugeneigt, erkannte aber, dass die Beschränkung auf eine Kammer, welche die bisherige Kantonalrepräsentation vernachlässigte, keine Chance haben würde. Denn über die konservativen Gruppierungen beider Konfessionen hinaus gab es auch zahlreiche Radikal-Liberale, die möglichst starke föderalistische Strukturen forderten. An Escher schrieb Furrer nach den Verhandlungen: «[…] ich halte diese Zweykammersysteme im Allgemeinen für unpraktisch, allein, wenn man ändern will in der Repräsentation, so wird kaum irgend ein andres System durchgehen […].» Er vertrat in der Kommission die Ansicht, dass man nicht zuviel fordern solle, da damit die gesamte Verfassungsreform gefährdet werden könnte: «Wenn man dasjenige über Bord werfe, was viele Kantone als das heiligste zu betrachten gewohnt seien, so lasse sich für das ganze Projekt nur eine ungünstige Stimmung besorgen […].»
Nach einer langen Debatte über Vor- und Nachteile der einzelnen Vorschläge kam es zu einer ersten Abstimmung. Für die Beibehaltung der bisherigen Kantonalrepräsentation – der Tagsatzung – sprach sich eine starke Minderheit von neun Teilnehmern aus. Elf stimmten für die Abänderung «in irgend einer Weise».
Der Gegenstand wurde zur Beratung an die erste Sektion überwiesen, in welcher unter anderem Furrer und Ochsenbein ihre Ideen einbrachten.
In der Sitzung vom 19. März 1848 stellte die erste Sektion ihre Vorschläge zur Revision der Bundesinstitutionen vor. Die Bundesversammlung sollte aus zwei Kammern bestehen, hier noch Repräsentantenrat und Tagsatzung genannt. Kontrovers wurden nun die provisorischen Artikel diskutiert, Veränderungen beantragt, immer wieder Abstimmungen über einzelne Passagen vorgenommen. Am Ende der Sitzung vom 23. März 1848 hatte man sich auf einen Entwurf geeinigt. Das Zweikammersystem, wie es im Grunde bis heute Geltung besitzt, hatte sich durchgesetzt.
Furrer gab zu Protokoll, dass er seine Zustimmung nicht erteilt habe, und schrieb kurz darauf an Escher: «Es sind alle möglichen Systeme und Projekte der Bundes-Organisation unter Eis gegangen; und das Zweykammersystem hat gesiegt, dasjenige, welches mir immer das widerwärtigste war; indess bey der bedeutenden Umgestalt[un]g der Tagsatzung kann ich mich ziemlich dabey beruhigen.»
Der «Neuen Zürcher Zeitung» liess Furrer einen Bericht über den Fortgang der Kommissionstätigkeit zukommen, in dem er erklärte, dass das Zweikammersystem angenommen worden sei, weil «für die Gegenwart kaum etwas anders ausführbar sei, indem jedes andere System sowohl auf der nationalen, als auf der kantonalen Seite sehr bedeutenden Widerstand finden würde».
Weit weniger Anlass zu Kontroversen bot die Diskussion über die Gestaltung der eidgenössischen Exekutive. Die Kommission entschied mit einer klaren Mehrheit von 21 Stimmen, einen Bundesrat einzusetzen, der aus fünf Mitgliedern bestehen sollte. Über Amtsdauer, Wahlmodus und Kompetenzen der Behörde einigte man sich schnell, und die Formulierungen für den Verfassungsentwurf standen bereits nach einer Sitzung fest.
Abgesehen von der Erhöhung der Anzahl der Bundesräte von fünf auf sieben wurde der Text nach der Vernehmlassung auch keinen grösseren Anpassungen mehr unterzogen. Die Abschaffung des Vororts als eidgenössisches Exekutivorgan stiess auf keinen Widerstand.”

Quelle: https://www.briefedition.alfred-escher.ch/kontexte/uberblickskommentare/Bundesrevision

#Beizentour, 3. Station Tavernen und Pinten lassen die Oeffentlichkeit aufleben

Wir schreiben das Jahr 1426. An der Aabergergasse wird der “Hirschen” eröffnet. Er gilt als erste Taverne oder Herberge der Stadt. 1445 geht die Krone in der Gründungsstadt auf. Am Ende des 15. Jahrhunderts kommt das “Weisse Kreuz” am östlichen Stadteingang hinzu, da wo seit 1762 heute das Hotel Adler steht.


Burgunderzüge der Eidgenossen gegen den Herzog Karl der Kühne
Das 15. Jahrhundert ist das Jahrhundert der weltlichen Herbergen. Das sind gemäss Historischem Lexikon Wirtshäuser mit Speisungs- und Beherbergungsrecht für Personen und ihre Pferde, die von Aussen kamen. Uebernachtet wird in grossen Sälen, während Essen und Trinken in Gaststuben stattfindet. Gastzimmer kommen erst im 18. Jahrhundert auf.
Von Tavernen unterscheiden sich Pinten oder Schenken, die Wein, Brot und Fleisch an bestimmten Plätzen oder festen Häusern abgeben, aber keine Uebernachtungen anbieten dürfen.
Tavernen und Pinten sind der zweite Ursprung des Wirtshauswesen in der Stadt Bern. auf dem Land kennt man sie seit dem 13. Jahrhundert, wo sie mit den Pilgerfahrten aufkommen. In der Stadt verhindern die Klöster das vorerst.
Ihre Entstehung ist nicht zufällig. Im 15. Jahrhundert lösen sich die 8 eidg. Orte aus ihrem mittelalterlichen Umfeld heraus. 1450 werden feste Bündnisse mit Adeligen untersagt. Dafür entsteht ein Heer aus den verbündeten Orten, das auf den europäischen Schlachtfeldern erfolgreich ist. Zu den Voraussetzungen gehört das aufblühende Wirtshauswesen.
Betrieben werden Tavernen als sog. Ehafte. Das sind bis ins 19. Jahrhundert Gewerbebetriebe samt Boden und Gebäude, die dem Gemeinwesen unentbehrliche Dienste leisten. Mühlen und Schmieden, aber auch Bäckereien, Metzgereien, Gerbereien, Färbereinen und öffentliche Bäder gehören dazu. Sie bilden die Frühform der Oeffentlichkeit.
Wer mit der Führung betraut wird, zahlt eine Konzession und wird mit Rechten ausgestattet. Der Inhaber ist direkt der Obrigkeit verpflichtet. Ein Wirt hat zudem vor Ort für Ordnung zu sorgen, einfache Verstösse direkt zu ahnden und schwerwiegende zu melden.
Für den Erfolg einer Taverne oder eine Pinte sind zwei Faktoren entscheidend: die Lage an einem Durchgangsort und ein Wirt, der willens und fähig war, zwischen Obrigkeit und Gästen zu vermitteln.
In Bern erfüllt die Krone an der Märtigasse diese Bedingungen. Sie entwickelt sich schnell zum zentralen Treffpunkt der Stadt. Es wird getrunken, Karten gespielt. Seit den 1470er Jahre werden da auch Söldner insbesondere für die Burgunderkriege rekrutiert. Das floriert.
Wirt Hans Jakob, aus Freiburg kommend, heiratet in die vornehme Berner Familie Lombach. Er übernimmt die Krone, und er macht damit ein gutes zweites Geschäft. Bald ist er Wirt und Soldhändler zugleich einer der reichsten Berner überhaupt.
Mit seinem Vermögen betätigt er sich als Geldverleiher und finanziert so weitere Söldnertruppen, die jetzt in Italien kämpfen.
Den Lombachs hat es gedient. Sie steigen im Berner Patriziat weit auf. Im Münster haben sie eine eigene Kapelle, in der Nomenklatur gehören sie zu den Edelfesten, der zweithöchsten Stufe in der fein gegliederten Berner Gesellschaft des 18. Jahrhunderts.

#beizentour, 2. Station: Die Stuben der Gesellschaftshäuser als Anfänge des weltlichen Wirtshauswesens in Bern

Im 15. Jahrhundert erfährt die Berner Märitgasse (heute Gerechtigkeitsgasse/Kramgassse) eine erste gründliche Umgestaltung. Denn die neuen Gesellschaftshäuser gruppieren sich mit Vorliebe um den Richtstuhl. Ursprünglich versammelten sie sich in den Stuben der reichen Mitglieder. Mit dem Bau von eigentlichen Gesellschaftshäusern verwendet man den Namen für das Versammlungslokal.
Die erste Gesellschaft an der Märitgasse ist der Distelzwang. Seit 1420 besitzt sie das Haus auf der südlichen Seite des Richtstuhls. Das ist auch Programm: denn man versammelt als einzige Gesellschaft die Elite der junkerlichen Familien: Kleinräte, Stadtschreiber, Kleriker und Offiziere. Die Exklusivität steigt, als man mit der Narrengesellschaft fusioniert.
Die Bedeutung erkennt man am Umzug beim Blutgericht. Die Schuldigen werden im Rathaus eingekerkert, vor dem Richtstuhl verurteilt und ins Münster zur Beichte geführt, während sich die Richter in der Narrengesellschaft zum Besäufnis versammelten.

Vier Handwerkervereinigungen gelingt es trotz Politikverbot in die Politik einzusteigen: Die Gesellschaften der Bäcker, Metzger, Gerber und Schmiede übernehmen die vier Quartierverwaltungen und stellen je einen Venner im Kleinrat. Sie nennen sich Vennergesellschaften und grenzen sich so von den übrigen Gesellschaften ab. Schiffsleute, Zimmermänner, Steinmetze, Schneider und Weber haben alle auch ein Gesellschaftshaus an der Märitgasse, aber keine Aufgaben in der Stadtverwaltung. Verschiedene davon erkennt man heute noch an ihren Gesellschaftshäusern als traditionellen Standort.
Die Gesellschaftshäuser sind der erste Ursprung das Wirtshauswesen. Ursprünglich fand man sich in der Stube eines prominenten Mitglieds. Nach dem Bau der Gesellschaftshäuser behält man den Namen für das Versammlungslokal bei.
Geführt werden die Stuben von einem Wirt, der aus den Mitgliedern stammt, der Stadtobrigkeit aber untersteht. Er hat für Ordnung zu sorgen. Verpönt ist es, seine Rechnung nicht zu bezahlen oder vorzeitig nach Hause zu gehen.
Beliebt sind die Treffen zu hohen Festen wie Neujahr oder Ostern. Sie erstrecken sich über mehrere Tage. Die Einkaufslisten lassen mehrtägige Gelage erkennen, bei denen reichlich gegessen und getrunken wird. Je Teilnehmer rechnet man mit 4 Liter Wein.
Und ja, es waren durchwegs Männergesellschaften. Bedient werden sie von feschen Mädchen, denen die Gesellschaftsmannen ganz gerne unter den Rock greift.

#Beizentour: 1. Station oder der Staatsbesuch als Initialzündung für das weltliche Gaststättenwesen in Bern

1405 brennt die Stadt Bern. In einer Nacht gehen ein Drittel der Häuser in Flammen auf. Die Stadt muss danach neu aufgebaut werden. Das Münster und das Rathaus entstehen. Dieses wird 1414 eingeweiht.


Bild 1: König Sigismund besucht Bern, macht sie zur Reichsstadt und weiht das Rathaus ein.

König Sigismund von Ungarn, der Kaiseranwärter, kommt persönlich vorbei. 1400 Ritter sind in seinem Gefolge. So etwa was hat die Stadt in ihrer über 200jährgen noch nie gesehen.
Sigismund macht Bern auch zur Reichsstadt. Man ist jetzt im Reichstag vertreten. Man darf selber über Krieg und Frieden entscheiden und über Leben und Tod richten.
An der Spitze der Stadt steht seit dem 13. Jahrhundert ein Schultheiss, umgeben von einem Kleinrat. Dazu gehören der alt-Schultheiss, der Säckelmeister und vier Venner als Quartiermeister. Im Grossrat sitzen mindestens 200 Burger, ausgewählt in den vier Stadtquartieren.
Noch nennt man das Rathaus Richthaus. Hier werden Fälle, die dem Blutgericht unterstehen, verhandelt und entschieden. Mitgeteilt wird das Urteil dann mitten in der Stadt, da wo sich die langgezogene Märitgasse und die kurze Kreuzgasse schneiden.

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Bild 2: Bern im 16. Jahrhundert mit heutigem Rathaus im Hintergrund, Richtstuhl und altem Kreuzgassbrunnen als Herrschaftszentrum

Da gibt es einen zentralen Brunnen und einen Richtstuhl. Vorerst ist beides aus Holz, dann geht man zu einem Bau aus Stein über. Der Richtstuhl wird 1762 abgerissen, der Brunnen steht versetzt heute noch und heisst Kreuzgassbrunnen.
Bern hat nie einen Marktplatz gehabt, dafür eine unüblich breite Märitgasse. 60 Fuss oder 26 Meter misst sie. In ihrer Mitte fliesst der Stadtbach. In Schalen, das sind Gebäude ohne Dach quer über die Strasse, verkauft man täglich frisches Brot und Fleisch. In einem weiteren Gebäude auf der Strasse stellen Gerber ihr Leder her. Und an verschiedenen Stellen findet eine Korn-, Gemüse- oder Viehmarkt statt.
Das heutige Restaurant Commerce steht da, wo die städtische Bäckerei war, aus der das Brot, das in der Schal verkauft wurde, stammt.

Der Staatsbesuch wird zu Initialzündung für das private Gaststättenwesen Berns. Noch übernachtet man im Dominikanerkloster und bei den Kleinräten privat.
Das entpuppt sich als riesige Herausforderung. Die Stadt zählt vielleicht 4000 Einwohner, 1500 Gäste kommen für 10 Tage dazu. Sie alle verlangen Futter für ihre Pferde sowie Essen und Trinken für sich selber. Nach der Verköstigung geht die Gäste rudelweise ins Bordel am heutigen Ryffligässlein (wo jetzt bezeichnenderweise das Kino6 steht).
Alles wird königlich beglichen. Das befördert Ideen, mehr für den Fremdenverkehr zu tun. Herbergen sollten bald folgen.

Das an der zweiten Station.

Bild 1: König Sigismund besucht Bern, macht sie zur Reichsstadt und weiht das Rathaus ein.
Bild 2: Bern im 16. Jahrhundert mit heutigem Rathaus im Hintergrund, Richtstuhl und altem Kreuzgassbrunnen als Herrschaftszentrum