sternstunde philosophie: die schweiz – ein projekt…

das gab es noch nie! bei keinem meiner bisherigen medienauftritte hatte ich so viele (und so positive) echos. selbst die blogosphäre beteiligte sich in form einer selbst live-verarbeitung. und das zurecht: denn die entstehung der jüngsten „sternstunden philosophie“ zu “die schweiz – ein projekt” ist in ihr minutiös dokumentiert.


“sternstunde philosophie” vom 14. januar 2007: der stadtwanderer, befragt von roger de weck (quelle: rebell.tv)

der anlass zur sendung

moderator während der einstündigen sendung zum thema: „wie sind die politischen institutionen der schweiz entstanden, und welchen philosophischen grundlagen folgen sie?“ war roger de weck; bestritten wurde die antwortsuche vom stadtwanderer.

animiert zu dieser sendung wurde de weck im mai des vergangenen jahres. der abstimmungssonntag zum bildungsartikel im jahre 2006 war eher flau verlaufen. so bin ich nach der sendung nach horgen gegangen, wo das „initiative und referendum institut“ einer delegation des deutschen bundestages das soeben geschehene erklärte und so eine studienwoche zur direkten demokratie der schweiz vorbereitete. das referat zur abstimmung hielt meine mitstreiterin bianca, danach kam ich und habe das grundsätzliche der entscheidung erläutert, und schliesslich sprach roger de weck zu „was hält die schweiz zusammen, was trennt sie?“.

die runde verlief sehr animiert, und das publikum beteiligte sich sofort. bald sprach man von den grundlagen der direkten demokratie, und schnell rasch stellten sich die bekannten vorurteile ein: qualifizierte form der zukunftsdemokratie auf der einen seite, spezialform der demokratie, die nur vor dem hintergrund der schweizerischen politischen kultur der schweiz funktioniert, auf der anderen seite.

doch da habe ich die runde auf dem gegenfuss erwischt: die schweiz ist nicht seit 700 jahren eine direktdemokratie. ihre institutionen dervolksrechte sind viel jünger: 1831 führte man in den regenerierten kantonen die volksrechte ein; 1874 kam gesamtschweizerisch das referendum hinzu, und 1891 rundete die volksinitiative die instrumente der direkten demokratie ab. mehr noch: der erste theoretiker der direkten demokratie war weder wilhelm tell, noch sonst ein urschweizer. vielmehr war es ein flüchtling, der 1827 in die schweiz kam und in küsnacht am rigi und in burgdorf politisches asyl bekam. der theologe ludwig snell war damals wegen den demagogen-gesetzen aus deutschland ausgewiesen worden, und beteiligte sich sofort an der liberalen bewegung in der schweiz. er kritisierte sie aber auch. es brauche nicht nur eine liberale elite gegen die traditionelle, argumentierte er. es brauche auch selbstentscheidungsrecht der bürger und bauern in form von wahlen – und volksrechten. schnell wurde er mit dieser forderung professor für staatsrecht an der berner universität, schrieb das damalige standardwerk zum demokratischen, föderalistischen staatsaufbau der schweiz und prägte so sowohl die zürcher verfassung von 1831, die berner von 1846 wie auch jene des bundesstaates von 1848 massgeblich mit.

dieser ludwig snell, sein revolutionärer hintergrund und auch seine deutsche herkunft sind bald in vergessenheit geraten. Selbst in der wissenschaft begann man, die direkte demokratie durch schweizerische protagonisten zu begründen. erst in den 90er jahren des 20. jahrhunderts ist snell von den bernern staatsrechtsgelehrten wieder entdeckt und gebührend gewürdigt worden. mich hat das sofort begeistert, und ich habe ihn in meiner demokratietour durch bern integriert.

auch an diesem sonntagabend entstand eine spannende diskussion mit der vertretung des deutschen budnestages, denn diese war sich nicht so bewusst, dass ausgerechnet einer ihrer landsleute den funken in der schweiz gezündet hatte. der bundestagsabgeordnete schily, bruder des ehemaligen innenministers und fdp abgeordneter, ein bekannter der nachfahren von ludwig snell, nahm das zum anlass, das feuer,das der funke entfacht hatte, intellektuell zu verarbeiten und über die folgen für deutschland von heute nachzudenken. da waren wir dann alle, insbesondere aber roger de weck, im element!

die sendung und ihre thesen

vor einigen tagen fragte mit roger de weck an, ob wir diesen gedankengang noch einmal aufnehmen und danach fragen wollten, was aus dem wagnis der direkten demokratie, wie die deutschen sagten, in der schweiz geworden sei: welches die träger der verschiedenen institutionellen vorstellungen waren, wie das referendum und die verbände, wie die initiative und die politischen parteien zusammengehören, und ob daraus ein stabiles politischen system werden kann? denn im ausland sei man meist der meinung, das gehe nicht; und in der schweiz ist man überwiegend anderer auffassung. die gründe hierfür zu erkunden, war denn auch das eigentliche ziel der sendung.

die eigentliche these, die ich vertrat und begründete war: ausgebaute direkte demokratie wie in der schweiz verlangt ein auf konkordanz ausgerichtetes regierungssystem. das ist zwar kein zwang, denn es sind verschiedene kombinationen möglich. es ist aber ein vorteil für die politische stabilität.

es sollte auch noch um mehr gehen: um die reformmöglichkeit resp. um den reformwillen in der schweiz, um die frage, ob direkte demokratie einmal initiiert, wieder reduziert werden kann. sollte man das negieren, würde auch erörtert werden, was die auswirkungen der volksrechte auf das politische system und die politischen kulturen sind. das wiederum sollte zu einem exkurs über die stadt/land-beziehungen in der antike, in frühmittelalter, in der lateinischen und in der deutschsprachigen schweiz führen.

die these, die ich hier, gegen die intentionen des gesprächsleiters vertrat, lautete: die politische konkordanz zwischen den parteien ist nicht zwingend; aktuell bewegt sie sich auch in richtung aufweichung. damit nicht verwechselt werden darf aber die konkordanz zwischen den politischen kulturen, die in erster linie sprachregional bestimmt ist. sie in der direkten demokratie zu wahren, ist eine zwingende aufgabe der frielichen konflitktregelung in der plurikulturellen schweiz.

die ersten reaktionen auf die sendung

ob wir all die ziele beantwortet haben, weiss ich nicht! ich sehe nur die zahlreichen reaktionen. und die sind meist überschwänglich.

merci vielmals für das breit geteilte lob und den dank, eine sternstunde der politischen philosophie erlebt zu haben, sage ich da. und ich danke auch für die einwände, die ergänzungen, und die hilfen beim verständnis und ihrer übersetzung in andere kontexte. merci sag ich all jenen, die sich direkt an mich gewendet haben, oder auch über dritte mir ihre reaktionen haben zukommen lassen. besonders herzlich bedanken will ich mich aber beim rebell.tv, das die sendung schon im voraus mit der werbetrommel bekannt gemacht und sie dann auch live protokolliert – und kommentiert hat.

selbst auf den stadtwanderer hatte die sendung auswirkungen: die nutzung meines blogs war am sonntag hoch, – insbesondere drei beiträge wurden überdurchschnittlich genutzt:

• das programm über die berner stadtwanderung zur demokratiegeschichte,
• den beitrag zum abstimmungssonntag vom 21. mai 2006, und
• die biografie von kaiserin adelheid, dem gegenstück zum heidi, und die beide, gerade im ausland je für eine ganz anderes schweizbild stehen.

wenn ich meinen blog selbstkritisch ansehe, merke ich auch, dass ich zu ludwig snell nie ausführlich berichtet habe. Ich werde das nachholen, – aus dem blickwinkel der archive für staatsrecht, für liberale gesinnung in burgdorf und für asylunterkünfte auf der rigi.

ich sehe, ich werde noch weit ausholen müssen, mit meinen wanderungen.

stadtwanderer

sendung ansehen

stadtwandern auf zürcher abwegen

eigentlich wollte ich nur einmal nach zürich. denn ich hatte eine einladung, von einer ehemaligen mitstreiterin in meiner firma. doch dann trafen wir alles andere als zu zweit: ingrid deltendre, die heutige fernsehdirektorin, hatte die begegnung mit mir gleich im hallenstadion arrangiert. und erst noch während der preisverleihung für den swiss award! so kam ich ganz schön auf abwege, – beim stadtwandern in zürich!

spiessrutenlaufen, um zutritt zu erhalten

stadtwandern an so einem anlass ist nicht ohne. selbst wenn du gute schuhe montiert hast, holt dich eine limusine im hotel ab. nichts taugt der tag für lange spaziergänge, vorgefahren wird man, und aussteigen darf man nur vor dem roten teppich!

dann beginnt gleich das schwierigste des ganzen abends für mich und meine stadtwanderin: das spiessrutenlaufen zwischen scheinwerfern und blitzlichtern, – und zwischen kreischenden teenis und fragenden journis. doch wir haben glück: roman kilchberger, nicht mein favorit unter den tv-schaffenden, stürzt sich auf rolf knie vot uns, dem er umgehend seinen deal anbietet. wir kommen so, auch ohne gedealt zu haben, ins hallenstadion.

drinnen hats schon megamässig leute; die meisten aber tragen eine ebenso megamässig ungeeignete wanderausrüstung: schuhe, die einem keine 50 meter weit tragen, eng anliegende kleider, die einem wohl jede beinbewegung einengen, und leichte schulterteile, die bei ersten windstoss weggeweht werden dürften, machen nur so die runde. ich glaube, die meisten am swiss award wollen auch gar nicht stadtwandern! sie sind hier, um zu sehen, das man sieht, wie man aussieht. und um gesehen zu werden, man darin aussieht, was man später auszieht!


der stadtwanderer claude longchamp mit der wirklichen schweizerin des jahres, der nationalratspräsidentin christine egerszegi (foto: stadtwanderin, anclickbar)

die wirkliche schweizerin des jahres

ich sehe als erstes christine egerszegi. eigentlich ist sie ja die schweizerin des jahres. im dezember 06 wurde sie, bei der richtigen wahl im nationalrat, zur präsidentin der grossen kammer gewählt, – und ist damit, verfassungsgemäss, für ein jahr die höchste schweizerIn. die begrüssung ist herzlich. anders als die meisten anwesenden hat unsere präsidentin nämlich keine allüren, und kennt das stadtwandererpaar persönlich. uns so steht ein eigenwillige dame aus dem aargauischen melligen (“sumo-ringen ist mein lieblingssport”)vor mir, die ihre politkarriere als präsidentin der musikschule in ihrer kleinstadt begann und auch heute noch die musikgruppe des parlamentes präsidiert: “c’est le ton qui fait la musique”, hatte die geistreiche romanistin ihr programm für das wahljahr 2007 zusammegefasst! ich kann ihr da nur das wasser reichen, denn ein cüpli will sie nicht. „ich habe noch eine funktion zu erfüllen“, sagt sie, nicht ohne stolz.

und diese funktion besteht darin, den schweizer des jahres in der kategorie „politik“ zu ehren. das ist dann an diesem abend dick marty, der tessiner ständerat, der unerschrocken die europäischen regierungen angeklagt hat, welche die amerikanischen überflüge über ihre länder im irak-krieg verschwiegen und vertuscht zu haben. er bezichtigte gar georges bush der lüge und verurteilte ihn, ein schlechtes vorbild für die welt zu sein. die jury dankte es ihm, nomierte ihn wie rolf bloch und doris leuthard, für den politikpreis, und die academy, welche die stimmen vergab, setzte ihn auf den ersten polit-platz.

das schweizer comeback des jahres

doch es ist unübersehbar: an so einem abend steht die politik nicht im zentrum steht. sie ist schon im publikum schlecht vertreten; denn es dominiert die cervolat-prominenz! es ist der abend der populären, nicht der besten.

es singen und tanzen die jungen, – und auch die sind nicht immer die besten. bianca ryan ist zwar laut, aber wirklich musikalisch ist der auftritt der 12 jahrigen nicht! und die music stars dürfen zum ersten und letzten mal gemeinsam auftreten; anderntags werden sie sich schon ein erstes mal selber dezimieren, um zu wissen, wer weniger schlecht ist. anne-sophie mutter wiederum ist zwar elegant und stilvoll; stimmung mit nur einer geige und viel rauch entsteht im grossen hallenstadion aber nicht. take that, as it is!, sag ich schliesslich da, als die gleichnamige band ihr comeback gibt, und freue mich eigentlich nur über die wirkliche auferstehung des jahres, als polo hofer, der berner unterhalter (“im lätschte johr es es meer huere schlächt gange”)das schweizer shogeschäft wieder von hinten aufrollt!

mein schweizer des jahres

nimmt man den stadtwanderer als massstab, wer schweizerIn des jahres hätte werden müssen, hätten von den vornominierten benedikt weibel, doris leuthard und melanie winiger auf dem podest sein müssen. beppo schaffte schon das assesement durch die academy nicht, und doris hatte eine schwere woche im bundesrat und im blätterwald hinter sich, sodass eigentlich nur melanie blieb. doch auch die rotzfreche schauspielerin setzte sich an diesem abend nicht durch, – wohl hatte sie anderen stress in ihrer nahen umgebung zu bewältigen,als wirklich siegen zu wollen …

so waren dann giorgio noseda, der oberste krebsforscher der schweiz, heliane canepa, die orginellste unternehmerin des landes, daniele finzi pasca, der geniale regisseur der eröffnungsshow an den olympischen winterspielen aus dem tessin, und, natürlich, stephanie glaser, die herbstzeitlose schauspielerin, die mit 85 jahren ihre erste hauptrolle in einem kinofilm gespielt hat, für die höhepunkte verantwortlich.

nachträglich am besten gefallen hat mir aber daniele, weil er mit einem unübertreffbaren charme das stadion erobert hat und auf der bühne allesamt wichtigen, schönen und kompetenten (das heisst sandra studer), unendlich lange in seine arme genommen hat.

des schweizers schweizer des jahres

dem fernsehpublikum wiederum am besten gefallen haben die schweizerInnen, die an diesem abend gar nicht ausgezeichnet wurden. peinlich!, sag ich da, denn in der volkswahl setzten sich fast durchwegs die sportgrössen durch, die ihre eigene, von einer grossbank gesponserte gala schon im dezember abgehalten hatten. und dies obwohl roger federer, schon einmal tv-schweizer des jahres und deshalb von der diesjährigen konkurrenz ausgeschlossen, abwesend war. doch edith hunkeler (“die glückliche strahlefrau2), tanja frieden (die unverdient neue), und köbi kuhn (der ganz normale) schwangen bei der ganz normalen jury vor dem flimmerkasten praktisch geschlossen ganz oben aus. das schliesslich köbi national mit 37 prozent der stimmen siegt, überraschte niemanden wirklich!

da war ich doch ganz froh, dass die wirkliche überraschung des abends gelang: die nicht angekündigte, erstmalig verleihung des lifetime swiss award, der an den swatch begründer nicolas hayek ging. dieser war von seiner ganzen familie von biel nach zürich verschleppt worden, und selbst bei der überüberschwänglichen laudatio durch adolph ogi realisierte er nicht, dass er für sein lebenswerk ausgezeichnet werden würde. selten habe ich den charismatischsten uhrenmacher der schweiz so menschlich-fassungslos gesehen, wie in den momenten, als er auf für den liefetime award die bühne gerufen wurde.

und dann endlich das treffen mit ingrid

beobachtet habe ich die ganze, leicht glamouröse show von der schwerst glamourösen ersten reihe aus. zwar war ich nicht im mitte-block des hallenstadions, wie die ganze srg-prominenz von der berner giacomettistrasse, sass aber dafür im linken block zuvorderst. und wer da alles (fast) neben mir sass: der aktuelle mister schweiz, miguel, zu meiner rechten, renzo, sein vorgänger, zu meiner linken, und dazwischen noch bianca, die führere schönheitskönig der schweiz! ich war ganz froh, dass ich an diesem abend grad frisch vom coiffeur kam, ein neues wanderhemd trug und meine reservefliege wenigstens für die showtime montieren konnte. übrigens: ganz neben mir sass natürloich meine schweizerin auf lebzeiten!


der stadtwanderer claude longchamp mit der gastgeberin, ingrid deltendre, seine frühere assistentin heutig fernsehdirektorin (foto: stadtwanderin, anclickbar)

ja, und dann traf ich sie, derentwegen ich eigentlich gekommen war: ingrid! ein paar schritte gingen wir gemeinsam, ein paar worte wechselten wir gemeinsam, – und ein promifoto von uns gemeinsam hat die stadtwandererin gemacht! es war nett, die assistentin aus den 80er jahren, mit der ich im „gotthard“ im zürcher engequartier immer wieder freitag mittagessen ging, als fernsehdirektorin wieder zu treffen, – und das gerade nach ihrem erfolgreichsten quotenjahr! ich habe mich bedankt, dass sie mich eingeladen hat – und beim bankett direkt neben filippo lütenegger gesetzt hat.

im club der erfolgreichen selbstsändigen

„uiii“, sagte ingrid noch über filippo, „der warne die ganze politik, sie, die direktorin von sf.tv, sei unfähig“. dont worry!, dachte ich mir, meine kundschaft warnte “seine weltwoche vor jahresfrist auch vor meiner unfähigkeit.

und jetzt ist das erfolgreichste jahr für mein geschäft und den stadtwanderer daraus geworden. “willkommen im club der selbständigen!”, begrüsste ich den ceo der verkauften jean frei ag, bevor ich vorgewarnt zum vorwarner setze. nach dem vorzüglichen dinner nagle ich jedoch meine wanderschuhe, und mache mit meiner stadtwanderin definitiv wieder auf den richtung bern!

stadtwanderer

weltweit fans des stadtwanderers

eigentlich wusste ich es schon lange, doch glaubte ich es kam: der “stadtwanderer” hat nicht nur in bern und ihrer umgebung fans, sondern auch in halb europa und der welt! jetzt kann ich das sogar visuell darstellen; bin mächtig beeindruckt!

die software heisst “sitemeter”; sie kann unter der entsprechenden www-adresse angeklickt werden. mit etwas aufwand schafft man es, das auf seine nutzerdaten anzuwenden. dann wartet man, bis 50 oder 100 besuche auf der seite waren, und lässt sich das ganze kartografisch darstellen.


meine letzten 100 besucherInnen am morgen des 9. januar 2007; in der obigen darstellung sollten nur die daten ohne roboter aufgelistet.

klar, ich weiss, es können auch provider sein, die man so abbildet. so bin ich selber nicht in bern, sondern in pully (kanton vd, schweiz) registriert. das schränkt die genaue lokalisierung der nutzeretwas ein; entscheidend ist es aber nicht, denn die verteilung fällt weltweit aus.

meine longdistance-fans kommen gegenwärtig aus sao paolo, bazil (9519 km zu wandern bis hier), el vite, mexico (9513 km), whittier, california (9497 km), seattle, washington (8429 km) und caracas, venezuela (7960 km). ganz schon weit, wie der stadtwanderer trägt!

in europa habe ich momentan besuche aus finnland, schweden, england, belgien, deutschland, oesterreich, ungarn, italien, frankreich und natürlich aus der schweiz.

klar, dass es momentan in der schweiz gegenwärtig tolle besucherzahlen für bern, thun und freiburg hat. da war ich virtuell ja zuletzt spazieren.

übrigens, man kann sich alles gleich selber auf dem neuesten stand ansehen. der knopf ist auf der blogseite unten links angebracht.

nur drücken muss man selber! und wandern, bei sich zuhause!

stadtwanderer

der aufstieg des hauses zähringen bis zu den stadtgründungen im üchtland

1198 waren die zähringer auf dem höhepunkt ihrer macht. berchtold V. war als deutscher könig vorgeschlagen worden, hatte aber mangels unterstützung im adel auf die annahme der wahl verzichtet. der aufstieg seines geschlechts hierzu war weder einfach noch gradlinig. rr begann 962 mit dem neu gegründeten römischen reich, führten 1061 zum herzogtitel in schwaben, 1098 zu jenem von zähringen und 1127 auch zu dem von burgund. widerspruch fanden die zähringer vor allem wegen ihrer papsttreue, die sie in einen gegensatz zum geschlecht der staufer brachte; mehrfach wurde ihr aufstieg dadurch gebremst. gelungen ist er vor allem durch die pionierhafte tat, eine ganze reihe von mittelalterlichen städten zu gründen, um so das territorium zu kontrollieren und den handel zu ermöglichen. der tod von berchtold V. 1218, der seine kinder überlebt hatte, beendete diese politik unter der führung des schwäbischen adelsgeschlechts.


das römische reich im 11. jahrhundert (quelle: wikipedia, anclickbar)

der wandel des kaiserrreiches

962 entstand das römische reich durch die krönung von könig otto I. und königin adelheid zu kaiser und kaiserin. ihr gebiet umfasst damals das ostfränkische reich mit sachsen und franken im zentrum, schwaben, bayern und kärnten im süden, um mit der lombardei im süden. hinzu kam der kirchenstaat des papstes. die erste dynastie, jene der ottonen, beherrschte das reich bis 1027; danach schwangen sich die salier zu römischen kaisern auf. unter ihnen kam das ehemals selbständige königreich burgund zum reich, doch zerbrach jedoch die einheit von kaisertum und papsttum, die verbindung zwischen dem reich der römer und dem der deutschen. höhepunkt dieser trennung war der investiturstreit, der 1076 mit der synoden von worms begann und 1122 mit dem edikt von worms beendet wurde. mit diesem konflikt veränderte sich die position des adels: er war nicht mehr mittler zwischen den alten stammesherzogtümern einerseits, und dem übergeordneten kaisertum anderseits. Vielmehr war man partei eines königs oder eines gegenkönigs, eines papstes oder eine gegenpapstes. das kaiserreich drohte sogar ganz auseinander zu fallen, und nördlich der alpen zum normalen deutschen königreich zu werden. Nicht zuletzt deshalb überhöhten es die staufer mit einem sakralen anspruch und nannten ihr reich ab heilig.

die wurzeln der zähringer

die wurzeln der “zähringer” sind alemannisch. Die familie wird damals noch als jene der bertholde bezeichnet, denn berchtold war der häufigste name. 999 erhielt berchtold, der graf im thurgau von kaiser otto III. verschiedene privilegien. kaiser heinrich II., der letzte aus dem hause der ottonen, erweiterte den wirkungsraum von berchtold, indem er ihn auch zum grafen im breisgau machte.

die Familie der berchtolde gehörte zu den eng verbündeten auch der salischen Kaiser. sie scheinen sie in ihren italienfeldzügen seit den 1030er jahren unterstützt zu haben; man findet auch hinweise, dass sie dabei waren, als kaiser konrad II. in dieser zeit das königreich burgund einnahm. durch heirat war die familie auch in der gegend von limburg begütert geworden.


der stammbaum der berchtolde/zähringer vom 10. bis 13. jahrhundert (quelle: baden-württemberg, anclickbar)

der aufstieg zu herzögen

das jahr 1057 markiert den aufstieg der berchtolde in die oberste liga des schwäbischen adels, versprach ihnen doch kaiser heinrich III. das herzogtum schwaben. seines frühen todes wegen konnte er die abmachung nicht mehr einlösen, und seine witwe, die kaiserin agnes, bevorzugte hierfür den grafen rudolf aus rheinfelden. als ersatz erhielten die berchtolde 1061 das herzogtum kärnten und die markgrafschaft verona. so kamen sie auch zum herzogtitel.

die herrschaft in kärnten war nicht von dauer. nach 12 jahren räumte die familie das feld, denn die macht im amtsherzogtum, das sie für das salische kaiserhaus versahen, hatten sie nie richtig in die hände bekommen. vielmehr engagierte man sich nun im ausbrechenden streit um die einsetzung von bischöfen klar auf päpstlicher seite und unterstützten die reformvorschläge für die römisch-katholische kirche. ihr zentrum konzentrierte sich immer mehr auf die burg zähringen im breisgau, nahe dem marktflecken freiburg.

als die rheinfelder, die den titel des herzogs von schwaben innehatten, 1090 ausstarben, kam der grosse Moment für die berchtold von zähringen. sie gründeten das schwarzwaldkloster st. peter und erhoben den anspruch auf den herzogtitel in schwaben. kaiser heinrich IV., dem papstkritiker par excellence, passte dies gar nicht, und er förderte das haus staufen als herzöge von schwaben. 1098 kam es zu einem für das herzogtum entscheidenden arrangement: die herrschaft wurde räumlich geteilt. die staufer sollten rechts des rheins regieren, die zähringer links davon, – mit dem zentrum zürich. ihre gebiete gehörten nun nur noch formell zu schwaben, faktisch entstand auf diese weise das herzogtum zähringen. doch wurde dieses territorialherzogtum nicht als gleichwertig zu den traditionellen stammesherzogtümern betrachtet, sodass die zähringer versuchten, ihren rang anderweitig zu sichern.

mit dem aussterben der salier 1125 kam ihre stunde. der neue kaiser lothar I., der sein amt nach der regelung des investiturstreits antrat, berücksichtigte nun auch die ehemalige, papsttreue partei im adel. die zähringer konnten 1127 durchsetzen, herzöge von Burgund zu werden, und dort die königlichen regalien zu verwalten. das brachte ihnen zusätzlich den titel eines rektors von burgund, einer art vizekönigtum, ein. vorangegangen war aber die ungeklärte ermordung des kindes wilhelm von burgund, der aus dem frafenhaus von macon stammte und dessen eltern von der Petersinsel auf dem bielersee aus die hochburgundischen teile diesseits des juras verwalteten.

lange konnten die zähringer ihren anspruch, herzöge von burgund zu sein, nicht halten. 1156 traten sie diese rechte der neuen kaiserin, beatrice aus der familie des pfalzgrafen von burgund ab, die in besançon residierte, sicherten sich dafür aber den tiitel des rektors von burgund über die diözesen der bischöfe von lausanne, genf und sitten.


zähringerstädte: rot=neugründung, grün=ausbau

der höhepunkt als prioniere der mittelalterlichen städtegründungswelle

unter berchtold IV., herzog von zähringen und rektor des burgund, wechselten sie nun ihre politik. statt ein einflussreicher vasall des kaisers zu sein, wurden sie nun politische unternehmer und gründeten auf ihrem territorium erstmals seit römischer zeit systematisch städte.

ausgangspunkt hierfür die stadtgründung von freiburg im breisgau gewesen, die um 1120 erfolgt war und einen kranz weitere städte im oberrheingebiet nach sich gezogen hatte. schon damals versuchten sie so ihren einfluss gegenüber dem haus staufen zu sichern. um 1157 kam freiburg im üchtland hinzu, und unter dem letzten zähringer, berchtold v. wurde die politik der städtegründungen mit bern beendet. zudem wurden orte wie burgdorf, oltigen, murten und thun verstärkt und zu städten ausgebaut.

wo die voraussetzungen es erlaubten, legten die zähringer ihre städte streng geordnet an. die haupt- und die quergasse sollten das kreuz jesu symbolisieren, und rundherum wurden sie durch seitengassen erschlossen, was man heute nicht fast unverändert in murten nachvollziehen kann. So erinnerten sie an die quelle ihres aufstieg, die nähe zum römischen reich, das damals vom papst angeführt wurde.


das herrschaftsgebiet der zähringer auf dem höhepunkt ihrer macht (quelle: wikipedia, anclickbar)

motto: lieber stadtherr als könig

die zähringer waren nicht zu neuen titel gekommen, die gerade im untergehenden herzogtum schwaben immer weniger gewicht hatten. sie waren aber reich geworden, und sie waren, ganz im gegensatz zu den staufern, ein ökonomischer faktor geworden. das war denn auch der grund, dass die welfenpartei im deutschen adel, in strenger konkurrenz zu den staufern, berchtold von zähringen 1097 zu ihrem favoriten als kommenden deutschen könig nominierten. wäre er es auch geworden, hätte ihm sogar die kaiserkrone gewunken.

doch berchtold von zähringen wusste, dass man im traditionsreichen adel deutschland stets als emporkömmlinge betrachtet wurden, deren aufstieg der berchtolde zu herzogen letztlich auf einer nie eingelösten zusage von kaiser heinrich III. basierte. er wusste auch, dass seine familie der zähringer stets als papsttreue galten und sie das in scharfe opposition vor allem zu kaiser heinrich IV. und friedrich I. gebracht hatte. schliesslich war gerade ihm nicht entgangen, dass er in der konservativen welt des deutschen adels suspekt war, weil sie als unübersehbare innovatoren gewirkt haben, und das üchtland zwischen aare und saane – für viele der alte grenzraum zwischen alemannen und burgundern mit strassen und städten erschlossen und so den traditionellen gegensatz zwischen diesen völkern territorial überbrückt haben.

und berchtold v. blieb sich auf dem moment der höchsten macht selber treu und verzichtete 1198 auf die deutsche königskrone. der preis, den er dafür beim könig verlangte: schaffhausen und breisach, zwei städte, die rechts des sheins lagen und damit zu schwaben gehörten, sollten die staufer an ihn ausliefern.

stadtwanderer

wann und warum die zähringer fribor an der saane gründeten

dieses jahr werde ich 50. meine geburtsstadt fribourg wiederum wird 850. bei mir ist sicher, wann und wo ich auf die welt kam. ganz anders als bei freiburg im üchtland. das weiss man eigentlich nur, wo die stadt steht, indessen nicht genau, wann sie gegründet wurde. eine spurensicherung zum aktuellen jubeljahr in fribourg.


das siegel von berchtold iv., herzog von zähringen und burgund, dem begründer der stadt fribor

die zähringische stadtgründung an der saane

berchtold iv., herzog von zähringen, war etwas mehr als 30 jahre alt, als er, auf dem felssporn, der auf drei seiten von der saane umgeben wird, die stadt freiburg anlegen liess. dass es an besagter stelle vorher schon eine siedlung gegeben hätte, ist unbekannt; kapellen sind für die umgebung indessen viele bezeugt; und auch das kloster hauterive war stand seit einer generation in der nähe. stark besiedelt war das gebiet indessen sicher nicht.

berchtold hatte den südwesten vor augen, als er die stadt fribor, wie sie erstmals genannt wurde, gründete. lausanne war sein ziel, wo der einflussreiche bischof der diözese residierte, der gleichzeitig im broyetal auch ein wichtiger grundherr war. von da aus sollte es in zwei richtungen separat vorangehen: über den lac léman bis genf und durchs rhonetal hinauf nach sitten.

würde berchtold es schaffen, königlicher vogt über die drei bischöfe in lausanne, genf und sitten zu werden, wäre sein plan vollendet gewesen, nicht nur herzog von zähringen, sondern auch “rektor des burgunds” zu sein. das hatte ihm der frisch gekrönte kaiser, friedrich I., häufig mit dem zusatz barbarossa erwähnt, versprochen.

halten wir vorerst fest: fribor war also die zähringische bastion, über die sich die schwäbischen adeligen das hochburgund gebiet diesseits des juras erschliessen wollten. damit sollte ihr herzogtum erheblich erweitert werden, dass im aaretal von der murg bis an die saane reichte. auch über den jura hinweg besass man ländereien, und mit den froburger, im gebiet des hauensteins stark, war berchtold durch die heirat von anna verbunden. von da aus gings mit vorliebe nach rheinfeld, wo man den rhein passierte und nach freiburg im breisgau resp. zum kloster st. peter im schwarzwald gelang, beides gründungen seiner vorfahren.

aus heutiger sicht tönt das ganz ordentlich; und auch aus damaliger sicht war es nicht unerheblich. vor allem mit den städtegründungen 1120 in freiburg im breisgau, aber auch mit der neugründung von freiburg im üchtland sollten die zähringer auch zu reichen adeligen aufsteigen, die ein territorium nicht nur erbten, wie die stammesfürsten in sachsen und franken, sondern von kaiser als lehen erhielten, zusammenkauften oder auch eroberten. sie waren damit gleich mehrfach pioniere: denn mit den zähringern …

. begann die städtegründungswelle des hochmittelalters, die an die römerzeiten anknüfte und mehr war als die gründung von burgen, castellen und klöstern, wie man sie in der zeit dazwischen kannte,

. wurden auch die strassen neu angelegt oder umfassend ausgebessert, sodass erschlossene territorien entstanden, die man verkehrstechnisch nutzen und herrschaftlich verwalten konnte.

damit waren die zähringer pioniere ihrer zeit!


herrschaftsstrukturen im östlichen plateau zwischen aare und lac léman im 11. und 12. jahrhundert

das schwierige verhältnis zu den staufern

doch die herzöge von zähringen waren nicht aus freien stücken die innovativsten adeligen ihrer zeit. dass berchtold iv. von zähringen freiburg im üchtland gründete, um gezielt nach lausanne vorstossen zu können, war eher eine verzweiflungstat!

als berchtold nämlich 1152 herzog wurde, hatte man ihm eine noch viel grössere zukunft vorausgesagt: er war, wie sein vater, herzog von burgund geworden, und mit dem neuen deutschen könig, friedrich I., dem späteren kaiser aus dem hause der staufer, der im gleichen jahr zu regieren anfing, war man übereingekommen, dass alle eroberungen im ehemaligen königreich burgund zähringisch werden sollten. von rheinfelden am rhein bis nach marseille am mittelmeer!.

könig friedrich wollte sich so die westflanke frei halten, denn sein auge war damals auf rom gerichtet. dort wollte er, anders als sein onkel und vorgänger im königsamt, zum römischen kaiser gekrönt werden. einen kreuzzug würde er danach unternehmen, und jerusalem befreien, wie das die grossen römischen kaiser vor ihm auch schon gemacht hatten.

doch es kam anders als erwartet. denn friedrich liess sich von seiner ersten frau, adelheid von vohburg, ein jahr nach der königskrönung scheiden. und um den patzer wett zu machen, hätte er am liebsten eine prinzessin aus dem kaiserhof am bosporus geheiratet. doch diese heiratspläne zerschlugen sich rasch; dem deutschen könig wollte man am kaiserhof keine besondere reverenz erweisen.

dennoch schaffte es friedrich, 1155 von papst adrian v. zum neuen kaiser gekrönt zu werden. was die heirat betraf, riet im seine kanzlei, im burgund zuzuschlagen: erstens war dort mit beatrice von burgund eine junge prinzessin zu habeb. und zweitens könnte man so das komplexe verhältnis burgunds im kaiserreich mit einem schwung neu ordnen. in der tat heiratete friedrich beatrice 1156, damals zwar erst 12jährig, aber einzige erbin des grafen aus der freigrafschaft und aus der provence.


kaiser friedrich barbarossa heiratet die gräfin der fanche-comté und der provence, beatrice 1156, und begründet so seine herrschaft über burgund (aus: historie du canton de fribourg, vol. 1, fribourg 1891

die folgen der kaiserlichen hochzeit

mit der heirat von beatrice von burgund brachte der kaiser friedrich I.seinen verbündeten aus dem hause zähringen in arge verlegenheit. als herzog von zähringen war er friedrichs vasall. als herzog von burgund wäre er der herrscher über die kaiserin gewesen. denn beatrice von burgung repräsentierte nicht das ganze alte burgundische königreich, sondern die gebiete jenseits des juras rund um den doubs, die man heute fanche-comté nennt, und deren zentrum besançon ist.

nun verzichtete 1156 berchtold von zähringen auf diese gebiete. er legte auch den titel eines herzog von burgund ab. dafür bekam er die königlichen regalien der bischöfe von lausanne, genf und sitten zugesprochen. um die musste er aber noch kämpfen, denn freiwillig war man in den hochburugndischen bistümern nicht bereit, einen schwäbischen herzog als ersatz für den kaiser zu akzeptieren.

so legte berchtold iv., herzog von zähringen, nach der kaiserlichen hochzeit hand auf das burgundische plateau auf der anderen seite der saane. bis dahin war, zwischen saane und aare, das üchtland, das ihm schon gehörte, und nur wenig besiedelt war, denn es bildete traditionellerweise den grenzraum zwischen der alemannischen und der burgundischen bevölkerung. freiburg war als der nicht nur der felssporn an der saane, sondern auch der brückenkopf für die kolonisierung hochburgunds zwischen jura und alpen durch die zähringer.


herzogtum zähringen, auf dem höhepunkt seiner ausdehnung ende des 12. jahrhunderts

das verflixte jahr 1157

wann genau er das machte, weiss man bis heute nicht. das verflixte jahr 1157 ist nicht urkundlich belegt, sondern entstand als frühest möglicher zeitpunkt, zu dem die kolonisierung einen sinn macht. dabei sollte berchtold nicht nur eitelfreude erleben, sondern auch ganz gehörig auf die welt kommen!

da habe ich es einfacher: ich weiss, ganz genau, in welchem spital in fribourg ich auf die welt kam und meinen eltern freude machte. und ich weiss, dass das ziemlich bald vor 50 jahren war.

so werde ich gezielt geburtstag feiern, derweil fribourg ein ganzes jahr jubiliseren wird, um zu verbergen, dass man gar nicht so genau weiss, wann die stadt fribor begründet wurde!

stadtwanderer

Le programme à Fribourg en 2007

Une manifestation éclectique qui se veut rassembleuse.
François Mauron
6 janvier. Ouverture de l’année commémorative. Début tonitruant à l’occasion de la Fête des rois. Distribution du programme, au son des cloches de la cité, des coups de canon et de Guggenmusik.

15 mai. Présentation officielle de l’ouvrage historique Fribourg. Une ville au XIXe et XXe siècles, publié sous la direction de l’historien Francis Python. Il sera accompagné d’un CD-Rom.

21 et 22 juin. Concert de gala des corps de musique de Fribourg: La Concordia et La Landwehr.

21 au 23 juin. Grande fête de la musique. Concerts gratuits sur différentes scènes en plein air dans la ville.

23 juin. Pyromances. Feu d’artifice musical créé spécialement pour Fribourg par le Français Patrick Auzier, en coproduction avec le Belluard-Bollwerk-International.

23 au 15 juillet. Peter Falk. Spectacle écrit par Jean Steinauer et mis en scène par Yann Pugin. Il raconte l’histoire dramatique d’un avoyer de Fribourg en 1512.

23 au 24 juin. Journées et actes officiels.

24 juin au 28 juin. CityHack2. Spectacle son et lumière dans toute la ville par SpaceKit (Canada), en coproduction avec le Belluard-Bollwerk-International.

29 septembre. La fête du sport. Animations et présentation à la population de diverses activités sportives par les clubs de la ville.

31 décembre. Clôture officielle.

Le programme prévoit en outre «10 projets citoyens du 850e», soit des expositions, débats, épreuves sportives, concours de peinture, ateliers pédagogiques, créations, réalisés par la société civile. Il est complété par diverses manifestations artistiques qui se déclineront tout au long de l’année.

(aus: le temps, 5. januar 2007)

sind sie wieder nicht könig oder königin geworden?

hatten sie wieder kein glück, beim dreikönigskuchenessen dieses jahres? dann geht es ihnen wie mir. im büro kam ich zu spät, les jeux étaient déjà faits. und zu hause biss ich zwar zahlreich zu, aber immer nur ins leere …

nun gibt es abhilfe. für alle möchtegern-monarchistInnen und -adelige kommt das angebot des vereins “Mittelalter!Thun” wie gerufen. der verein ist noch jung, hat aber letztes jahr mit einigen veranstaltungen vor ort für furore gesorgt. jetzt will er expandieren, und hat mit den thuner mittelalterwochen ein grosses ziel vor augen.

wer den verein in seiner arbeit unterstützen will, kann jetzt unter verschiedenen, attraktiven kategorien auswählen, selber mitglied werden, oder eine mitgliedschaft verschenken; hier das angebot:


der verein “MIttelalter!Thun” will die kultur, den alltag und die lebensfreude jener zeit wieder lebendig werden lassen.

“Verschenkt eine Jahres-Mitgliedschaft des Vereins Mittelalter!Thun! Bestellen könnt Ihr den schön gestalteten Geschenk-Gutschein bei

christian.folini@time-machine.ch.

Bitte gebt den Namen der oder des Beschenkten sowie den Namen der Schenkerin oder des Schenkers an. Zur Auswahl stehen euch mehrere Mitgliederkategorien:

Zofe/Geselle: 30.-
Zofen und Gesellen sind ganz gewöhnliche Mitglieder des Vereins Mittelalter!Thun, sozusagen das Volk.

Burgfräulein/Meister: 100.-
Burgfräuleins und Meister erhalten zusätzlich zur Mitgliedschaft einen Gratiseintritt zu einer der Veranstaltungen des Vereins Mittelalter!Thun.

Dame/Obmann: 200.-
Damen und Obmänner erhalten zusätzlich zur Mitgliedschaft zwei Gratiseintritte zu einer der Veranstaltungen des Vereins Mittelalter!Thun.

Gräfin/Bannerträger: 300.-
Gräfinnen und Bannerträger erhalten zusätzlich zur Mitgliedschaft Gratiseintritte für die ganze Familie zu einer der Veranstaltungen des Vereins Mittelalter!Thun.

Königin/Schultheiss: 500.-
Königinnen und Schultheisse erhalten zusätzlich zur Mitgliedschaft zwei Gratiseintritte zu einer der Veranstaltungen des Vereins Mittelalter!Thun und werden zudem zu einem Festmahl eingeladen.”

ziel des vereins ist es, das mittelalter zurück in die zähringerstadt thun zu bringen. die grossartige kulisse des thuner schlosses lädt dazu ein, längst vergangene zeiten wieder aufleben zu lassen. sei es mit musik und theater, mit spanferkel vom spiess oder mit honigwein aus dem tonbecher. der verein organisiert ritterspiele und tafelrunden, ausstellungen und workshops, konzerte und führungen. er bietet thunerinnen und thunern und allen interessierten eine spannende zeitreise in die bunte vielfalt des mittelalters und lässt die kultur, den alltag und die lebensfreude jener zeit wieder lebendig werden.

und eben: wer es gestern nicht geschafft hat, sich eine krone aufsetzen zu lassen, der kann das hier elegant nachholen; allerdings muss man mit mir als mitbewerber rechnen…

mehr dazu hier!

stadtwanderer

das beginnt ja schlecht

ausgerechnet: eine neue hauptstadt sucht die schweiz, wo sie doch gar keine hat! sogar abstimmen kann man drüber, wo doch die wahlen im herbst nur dem parlament, nicht der regierung und schon gar nicht ihrem (geografischen) standort gelten! pleiten, pech und pannnen für die werbewirtschaft, sag ich da, was ich dieser tage in bern zu sehen bekomme …


fast als suchten wir einen neuen superstar: die apg sucht zur deckung ihres januar-loches mit unterstützung der medienwissenschaft eine “neue hauptstadt der schweiz”

gespannt, was nach ein paar tagen der abwesenheit in bern alles neu ist

ich war ein paar tage nicht in der stadt. habe ausgespannt. umso gespannter war ich danach zu sehen, was sich verändert hat. und da sprang mir natürlich eine plakatkampagne sofort ins auge: “die schweiz wählt eine neue hauptstadt!”, steht da auf schweizer rot im untergrund in grossen ebenso schweizerisch weissen lettern zu lesen. zur auswahl vorgeschlagen sind basel (neu), zürich (neu), genf (neu) und bern (neu)!

hää? – bern (neu)?

bern ist gar nicht neu, sondern soll durch die aktion nur provoziert werden, hör ich. und ich sehe, dass der bär durch das baasle tiibli, den züri loi oder den genfer adler abgelöst werden soll! eingeladen werden wir zur entscheidungsschlacht mit sms-spiessen von der werbewirtschaft.

findige scherschöre haben das im nu entdeckt: hinter der aktion steht die forschungsabteilung der allgemeinen plakatgesellschaft (apg). und hinter der apg steht eine forscherin der uni zürich, die plakatwerbewirkung messen will. als aktionsforschung als absatzförderung denkt man sich da! und fragt sich weiter, ob sich öppen christian kauter, berner, weiland fpd-politiker und heutiger apg-geschäftsführer dafür rächen will, dass er seine politischen ambitionen auf das berner stadtpräsidium beerdigen musste?


vorschlag 1: unser sog. weltoffenes dreiländereck basel soll neue hauptstadt der schweiz werden (foto: stadtwanderer, anclickbar)

die sog. hauptstadtfrage in der schweizer geschichte

die scheinbar cleveren kommunikatoren hätten sich aber besser informieren sollen. denn der begriff der “hauptstaat” gibt es im bundesstaat der schweizerischen eidgenossenschaft seit 1848 gar nicht!

ausgerechnet die zürcher pfiffigen werber scheinen vergessen zu haben, dass ihre vorfahren 1848 die leute in exemplarischer weise bern als hauptstadt der schweiz zu verhindern suchten. und ausgerechnet die gekonnte zürcher kommunikationswissenschafterin weiss nicht, was peter stadler, geschichtsprofessor an der gleichen uni, schon vor jahren gut greifbar dokumentiert hat: die leidige leidige hauptstadtfrage in der schweizerischen eidgenossenschaft.

als man sich nämlich 1848 daran machte, die hauptstadtfrage des jungen bundesstaates festzulegen, brachen die alten rivalität zwischen den kantonen auf. einverstanden war man allseits, das überholte rotationsprinzip mit einem wechselnden vorort aufzugeben. doch keine der bestehenden kantonshauptstädte mochte man es gönnen, nun auch hauptstadt des bundesstaates zu werden. diskussionshalber erwogen wurde sogar “nirgendwo” als neue stadt zu gründen und zur ersten stadt der schweiz zu küren!

in der echten abstimmung, die 1848 in der bundesversammlung stattfand, standen noch drei kantonshauptstädte zur auswahl: bern, luzern und zürich. alles glaubte, dass zürich obsiegen würde, und so machte man sich schon daran, am bürkliplatz orte auszukundschaften, die sitz der landesregierung werden sollten.

doch man wurde eines besseren belehrt: zürich viel schon in der ersten abstimmung durch! alle argumente zur wirtschaftsmetropole mit ausgebauter infrastruktur und zugang zum eisenbahnnetz halfen nichts. zu gross war die rivalität, die schliesslich auch in der ostschweiz gegenüber der zürcher vorherrschaft ausbrach und der kandidatur zürich den rest gab. schliesslich vereinigte man gerade noch 35 stimmen im national- und 13 im ständerat auf sich. die innerschweizer wiederum setzten auf luzern, mobilisierten aber nur 6 resp. 3 stimmen. der verkehrsknotenpunkt zählte nichts, angesichts des starken einwands, man habe keine echte zustimmung zur neuen bundesverfassung im kanton hingekriegt und nun könne man den vorort des alten sonderbundes nicht zur hauptstadt werden.

obsiegt hat in der abstimmung von 1848 bern mit 58 stimmen im nationalrat und 21 im ständerat. ausschlaggebend waren die liberale mehrheit im kanton, die brückenfunktion des standes zur romandie und die logistischen vorteile, die bern bot: die neuen bundesbehörden sollten gratis tagungs- und arbeitsorte zur verfügung gestellt erhalten! so mobilisierte bern die stimmen der romandie, aber auch der ostschweiz und die eigenen, was ausreichte.

doch der coup hatte folgen: bern wurde nun nicht zur hauptstadt erhoben, sondern nur zur bundesstaat. zürichs stadtpräsident jonas furrer wurde dafür erster bundespräsident, und die stadt sollte auch die eidgenössische hochschule, die heute eth erhalten. luzern versprach man andere bundesanstalten als trostpflaster zu erhalten.


vorschlag 2: unser sog. uno-zentrum genf soll neue hauptstadt der schweiz werden (foto: stadtwanderer, anclickbar)

von heimlichen hauptstädten

vor allem in zürich blieb es danach jedoch sehr beliebt, das thema “hauptstadt” mit einem seitenzwinkern abzutun: wer auch immer sitz der neuen bundesbehörden sei, zürich bleibe aufgrund seiner stärke die heimliche hauptstadt der schweiz!

das haben die promotoren der fingierten entscheidung von heute wohl ganz vergessen. denn sie rufen heute dazu auf, nicht parlamentarier zu mobilisieren, sondern das eigene handy zu zücken und per sms der schweiz eine neue hauptstadt zu verpassen! man kann sogar, fast ein wenig bei bei der glückskette, instant nachschlagen, wer grad führt.


vorschlag 3: zürich, unsere sog. wirtschaftsmetropole zürich soll neue hauptstadt der schweiz werden (foto: stadtwanderer: anclickbar)

berns stadtmarketing wäre gefordert

doch spass bei seite: denn in einem punkt trifft die aktion einen klammheimlichen politkulturellen wandel: 1848 schrieb man in die bundesverfassung, dass der standort der bundesbehörden vom der bundesversammlung bestimmt werde. das war auch 1874 so, als man die verfassung total revidierte. die heute geltende bundesverfassung von 1999 regelt indessen die bundesstadtfrage gar nicht mehr. festgelegt ist nur noch der amtssitz von bundesrat und bundeskanzlei. und dass das parlament wieder zum nomadisierenden versammlungsort werden kann, hat die entwicklung seit 1992 gezeigt, gastierten doch national- und ständerat seit der ewr-abstimmung mit ihren tiefen gräben zwischen den landesteilen als versöhnungsaktion reihum in genève, lugano und flims. und selbst die bundesverwaltung ist in jüngster zeit dezentralisiert, das heisst teilweise von bern ausgelagert worden.

eigentlich wäre das stadtmarketing der stadt bern bis aufs letzte zu wiedersetzen, wollte sie die schleichende abwertung der bundesstadt verhindern!

fehlt jetzt nur noch, dass man die dezentralisierten politischen institutionen ganz aushebelt, genf zur internationalen standort des uno-mitglieds schweiz kürt, zürich zur globalen wirtschaftsmetropole stilisiert oder basel zum universitären dreiländereck macht, und das alles noch zur hauptstadt der schweiz erhebt. es hat schlecht begonnen, unser wahljahr 2007!

stadtwanderer

ps:
zur munter sprudelnden debatte über die plakatserie auf in meinem foto-album siehe mein spezialset “sog. wahljahr” samt allen kommentaren

ps2:
nun ist der spuk vorbei! auf der homepage des gags kann man die auflösung des rätsels nachschlagen. da wird auch auf die websites verwiesen, die höflich berichterstattet haben; den stadtwanderer muss man da lange suchen.
nun, die vorläufig umfassendste auswertung der aktion findet sich unter persoenlich.com

mit euren favoriten 2006 unterwegs

endlich ist sie da, die handliche übersicht über die am meisten nachgeschlagenen beiträge auf dem “stadtwanderer” im jahre 2006. ohne umschweife; das hat euch am meisten interessiert:


quelle: flickr_kevin_steele

1. mit meinen neuen favoriten unterwegs (oktober 2006) 1603 direktviews
blogosphäre, aktualität, kommunikation

2. grafitiy-city 516 direktviews
bern, aktualität, gesellschaft

3. wenn der rhein erzählt – und burgund hinhört 506 direktviews
burgund, geschichte, politik

4. schnelle kommunikationswelt 361 direktviews
blogosphäre, aktualität, kommunikation

5. go,doris, go 359 direktviews
schweiz, aktualität, politik

6. des scharfrichters sohn vorzüglich aufgeführt 319 direktviews
bern, geschichte, politik/gesellschaft

7. fruchtbarkeit, beltane und keltische heiligtümer rund um bern 318 direktviews
bern, geschichte, gesellschaft

8. politische kultur zürichs im licht und schatten alfred eschers 311 direkt views
zürich, geschichte, gesellschaft/politik

9. insel erobert, welt in sicht 284 direktviews
schweden/schweiz/europa, aktualität, politik

10. kuhschweizer und sauschwaben 276 direktviews
schweiz, geschichte, politik/gesellschaft

11. friedrich barbarossa – der wirklich deutsche kaiser 274 direktviews
deutschland, geschichte, politik

12. gegenseitiges misstrauen in bern (napoléon in der schweiz) 259 direktviews
bern, geschichte, politik

13. heiraten in bern (und anderswo) 249 direktviews
bern/europa, geschichte/aktualität, gesellschaft

14. felix austria 240 direktviews
bern/östereich, aktualität, gesellschaft

15. mein ganz persönlicher eu-beitritt 238 direktviews
schweiz/euroap, aktualität, politk

16. das leben der kaiserin adelheid 237 direktviews
bern/deutschland, geschichte, politik

17. reise in schwarz-weiss. ein berner ortstermin 224 direktviews
bern/karibik, geschichte/aktualität, politik

18. romainmôtier 218 direktviews
romandie, burgund, geschichte, gesellschaft

19. rideau de roeschti – röschtigraben 216 direktviews
schweiz, geschichte/aktualität, gesellschaft/politik

20. herodot – der vater der geschichtsschreibung 211 direktviews
griechenland, geschichte, gesellschaft

dazu beigetragen haben mehr als 21000 tausend “unique user” als echt unterschiedliche adressen (ohne robots!), die mich im vergangenen jahr fast 50’000 mal besucht haben. der dezember 2006 war übrigens mein bester monat, als virtueller stadtwanderer!

da kann ich nur sagen: lest viel, lest weiter, lest anderes!, wünsch ich euch für das neue jahr!

stadtwanderer

eine erste zusammenstellung dieser art, auf dem stande ende august 2006, findet sich hier.

mit meinen neuen neuen favoriten unterwegs (januar 07)

alle bisherige favoritenlisten ansehen

zum neuen jahr

im vergangenen jahr habe ich das internet 2.0 kennen und schätzen gelernt. seit 1987 habe ich einen eigenen computer, seit 1998 eine website und seit 2006 meinen blog. wenn man bedenkt, dass selbst so kommunikative leute wie umberto eco 1980 im lehrplan für seine studentInnen das wort “computer” gar nicht verwendeten, wird man sich der rasanten veränderung innert einer menschengeneration bewusst.

2007 will ich weiter bloggen; eine menge von themen habe ich mir vorgenommen, über die ich schreiben möchte: zur berner geschichte, mehr auch zur romandie und westschweiz, aber auch zur franche comté, zum elsass, zu savoyen, zum rhonetal und zum burgund habe ich zahlreiche neue ideen. und immer wieder werde ich gebeten, auch zu zürich, zu basel, zu solothurn, zu fribourg und zu luzern etwas zu schreiben … ich werde also auch 2007 mein bestmögliches geben!

einen guten vorsatz habe ich: ich werde mich vermehrt als auch schon im ausland umsehen, in deutschland, österreich und frankreich um zu wissen, was es so gibt. vorerst aber habe ich in der romandie (natürlich nicht teil des auslands, aber für viele eine fremdsprache) gesucht, die ich bisher sträflich vernachlässig habe, je m’exuse!

“für den januar 2007 gut” sind:

1. recherchenblog (vormals 3)

recherchenblog
andy litscher weiss das internet zu nutzen wie kaum ein anderer. immer wieder erstellt er und sein team vom recherchenblog thematische übersichten, die einem oft gezielter weiter helfen als die suchmaschinen. denn der recherchenblog arbeitet die themen auch in der inhaltsübersicht auf. eigentlich sollte man dieses blog viel häufiger auch zitieren! denn jede erfahrung, die ich bisher gemacht habe, war gut; andy ist zudem auch ein aufmerksamer fotograf der schweiz, der über “www.flickr.com/personen/litscher” immer wieder zu überraschen weiss: unbestrittenermassen meine entdeckung des jahres 2006, – und deshalb die nummer 1 zu beginn 2007!


(foto: stadtwanderer, anclickbar)

2. bernet blog (vormals 4)

bernetblog
ebenfalls echt spitze, dieses blog. immer und immer und immer wieder ist das team der agentur bernet dabei, uns trouvaillen aus der zeitgenössischen kommunikationswelt bekannt zu machen. die besprechung des buches “schnelle kommunikationswelt”, das mit dem blog kombiniert ist, hat bei mir unverändert spitzenwerte in der nutzung. dabei war alles zufall, wie ich drauf gestossen bin. ich gab “bern” auf “www.slug.ch” ein, und landete überrascht bei “bernet”. ich war und blieb seither über die leistung, die dahinter steckt, erfreut!. ein platz 2 anfangs jahr, dass könnte noch 2007 zu mehr reichen …


(foto: stadtwanderer, anclickbar)

3.medien-news (neu)

medien-news
er ist meine eigentliche entdeckung des vergangenen monats. ernst probst heisst er; und seine blog nennt sich einfach medien-news. ganz ohne sind die inhalte aber nicht: denn der angesehene wissenschaftsjournalist präsentiert in hoher kadenz, was es spannendes in der deutschprachigen blogosphäre und sonstigen medienwelt gibt. berichtet wird vor allem über deutschland, aber auch über österreich und die schweiz. zielsicher werden gute themen anvisiert, und im hauseigenen neue blogs anregend vorgestellt. im nu ist man bereichert!


(foto: stadtwanderer, anclickbar)

4. probstweblog (neu)

ernst probsts weblog
und weil es so toll ist, empfehle ich vom gleichen wissenschaftsautor ernst probst auch seine multithematische website “probstweblog, informationen über kultur, medien und wissenschaft”. die themenpalette, über die der wissenschaftsjournalist aus mainz berichtet, ist erstaunlich: von tierstimmen zu superfrauen, von werbung zu nachrichten, von medizin zu luftfahrt findet man hier manch aussergewöhnliches nutzerInnen-gerecht aufgearbeitet. besonders spannend für die schweizerInnen der teil “sfschweiz: superfrauenschweiz”, wo es um
die hebamme marie colinet, die erste bundespräsidentin ruth dreifuss, die fotografin und journalistin gertrude duby-blom, die ärztin marie heim-vögtlin, die fussballschiedsrichterin Nicole mouidi-petignat, die sterbeforscherin elisabeth kübler-ross oder die schriftstellerin johanna spyri geht!


(foto: stadtwanderer, anclickbar)

5. politis.ch (nouveau)

lyonell kaufmann/histoire
et voilà, le blogueur romand qui m’interesse le plus. il vit à la tour-de-peilz, près de vevey. il a 44 ans, et il s’engage comme socialiste à la politique communale. mais sourtout, lyonel kaufmann est un historien non-conventionel. il écrit une thèse, et il la pratique de la discussions de la recherche récente sur ses multiples blogs. c’est un peut comme voltaire qui y parle: faire des commentaire pour savoir qu’est-ce qu’il passe aujourd’hui, et métriser l’histoire pour faire des réfléxions serieuse sur l’actualité. les billets historiques du blog personelle der kaufmann sont séparés sous l’adresse mentioner en-dessus!


(foto: stadtwanderer, anclickbar)

6. schreiben, was ist (vormals 6)

schreiben was ist
nun habe ich ein jahr die weltwoche boykottiert. lange war ich ein treuer abonnent, dann ein enttäuschter leser, und ich wollte nichts mehr davon wissen. bis heute bin ich auf distanz, aber in beziehung zur weltwoche geblieben. wie durch ein kapitalistisches wunder hat das magazin den verlagsverkauf nach deutschland überlebt, und wird jetzt vom eigentümer-chefredaktor köppel herausgegeben, gestuert und gekämt. gut, dass bei soviel machtkonzentration jemand genau hinschaut, was geschrieben wird! genau deshalb empfehle ich dieses blog als sechster favorit!


(foto: stadtwanderer, anclickbar)

7. patrick rohr (neu)

patrick rohr. kommunikation
ihn kennen alle, patrick rohr, der moderator der fernsehr-sendung “quer”. ich kenne ihn vor allem aus den zeiten, als er die abstimmungssendungen am schweizer fernsehen leitete; er ist mir stets als kompetenter, interessierter und gesprächsbereiter journalist aufgefallen. nun verlässt er sf.tv und macht sich selbständig. als einer der ersten schritte dazu hat er im november 2006 mit bloggen angefangen. ganz schön gesprächig, was man da zu hören (und lesen) bekommt. platz 7 unter meinen neuen favoriten!


(foto: stadtwanderer, anclickbar)

8. reklameblog (neu)

reklameblog
seit ich selber ein fotoalbum führe (www.flickr.com/photos/stadtwanderer) achte ich mich viel bewusster auf meine umgebung. dazu gehört ohne zweifel die werbung. eine quelle der inspiration in der blogosphäre hierzu ist der reklameblog. eigentlich ganz einfach strukturiert, hält es den puls der zeit an, postet gesehene werbung ins blog und versieht sie mit wenigen hinweisen. doch genau das schafft die nötige distanz, um reflexiv mit werbung umzugehen. mein dank: nach ein aussetzer wieder platz 8.


(foto: stadtwanderer, anclickbar)

9. histoire visuelle (nouveau)

actualité de la recherche en l’historie visuelle
un autre blog (et une collection de photos) en français! il decrit la discussion scientifique concernant l’histoire visuelle. mais il n’y reste pas: aussi l’appliction des methodes visuelle dans les sciences sociales sont bien présent dans ce blog. il y a des informations générales, des idées actuelles, mais aussi des liens concernant la recherches aux universités. déjà aprés une heure de lecture on a une bonne impréssion de ce qui se passe dans cette domaine qui est mieux que tout que je connais en allemand. félicitation!


(foto: stadtwanderer, anclickbar)

10. falter (neu)

comandantina dusilova
ich gebe zu, ich bin und bleibe ein grosser wien-fan. seit 1988 gehe ich regelmässig in diese stadt, denn liebe den lebensstil, wie er ist und wie er sich seit dem eu-beitritt auch entwickelt. “falter” ist das stadtmagazin von wien und “comandatina dusilova” ist der blog dazu. wer ein bisserl informiert bleiben will, was jenseits des kaiserschmarrens so alles läuft, bekommt das hier regelmässig und gratis serviert; – ganz nach dem motto: das leben ist schlimm, aber nicht aussichtslos!


(foto: stadtwanderer, anclickbar)

und nun “für immer gut” …

meine top-empfehlung im monat dezember 06:

auswanderer-blog
endlich hat es ruedi baumann geschaft, mich voll und ganz zu überzeugen. unermüdlich berichtet er aus der südwestecke frankreichs, schreibt auch viel über die schweiz, sodass er zwar weg, aber eigentlich immer noch da ist. und dann trifft man ihn unerwartet in der buchhandlung, pflegt den gedankenaustausch, und erzählt sich ein wenig über die unterschiede in der bloggerszene der schweiz und in frankreich: ruedi sagt mir, seit er den stadtwanderer lese, müsse er ganz anders durch bern gehen, immer und überall hinauschauen, um zu sehen, was er vorher immer übersah! gut so, antwortete ich ihm, den aufrechten gang üben, ist immer gut, gerade auch für blogger. danke ruedi für deinen unermüdlichen aufrechten gang auch ausserhalb berns!

meine top-empfehlung im monat november ’06

wanderer von arlesheim
ich habe den im vormonat schlicht vergessen, aufzulisten! und ich entschuldige mich dafür! das ist aber nicht der grund, weshalb ich diesen blog top setze: er gefällt durch vielseitige, interessante beiträge, die viel konsequenter als bei mir, sich mit einem ort, arlesheim beschäfitgen. das verdient anerkennung und viel lob: platz 1.


(foto: stadtwanderer, anclickbar)

meine top-empfehlung im monat oktober ’06

edemokratie
dieses blog ist seit ich bloge der aufmerksamste zuverlässigste informant zu fragen der politischen philosophie, kommunikation und aktualität


(foto: stadtwanderer, anclickbar)

meine top-empfehlung im monat september ’06

apropos
einfach der schönste aller schönen blogs …


(foto: stadtwanderer, anclickbar)

meine top-empfehlung im monat august ’06

today’s strip
es ist unser bevorzugter “bericht aus schweden”, ohne grosse worte zu verlieren, versprüht er viel hintergründige humor. lars mortimer ist der bekannteste schwedische karikaturist, der jeden tag seine website mit einem neuen “hälge”, dem träfen elch aus den schwedischen wäldern, ergänzt. so kann man ganzjahresstimmungen im norden minutiös mitverfolgen.


(foto: stadtwanderer, anclickbar)

meine top-empfehlung in den montaten juni und juli ’06

weiachblog
unverändert unschlagbar das beste, was es für politisch-historisch interessierte stadt- und dorfwanderer gibt. ich bewundere die gabe, auf fast nichts, nichts weniger als eine täglich spannende kolumne schreiben zu können.

stadtwanderer

körpersprache des bundesrates

ein glückliches neues jahr, wünsch ich da! ganz besonders denen, die wie ich, wandernd unterwegs sind.

meinen job verrichte vornehmlich sitzend; gelegentlich mache ich das auch stehend. deshalb habe ich mich vor drei jahren entschieden, mehr bewegung in meinen arbeitsalltag zu bringen. stadtwandern ist seither mein motto.

das scheint nun abzufärben. immer mehr menschen wollen sich bewegen, vorankommen, ein neues ziel erreichen. diese welle hat nun auch den schweizerischen bundesrat erfasst. nach 14 gruppenbildern, auf denen unsere landesregierung sass oder stand, ist sie nun beim 15. shooting bewegt aus der fotosession gekommen!

doch wofür stehen bewegte körper? – für bewegte politik? das habe ich mir bei der bildbetrachtunggefragt, und ich habe genauer nachgeschaut, was die körpersprache des bundesrates zu beginn des (wahl)jahres 2007 so alles zum ausdruck bringt.


offizielles bild der schweizer landesregierung 2007: ist der bundesrat nun wie der stadtwanderer unterwegs? wozu? wohin? einzeln? gemeinsam?, fragt der stadtwanderer bei seiner bildinterpretation (foto: bundeskanzlei, anclickbar)

gruppenbild mit damen

in der mitte ist die bundespräsidentin zu sehen, micheline calmy-rey, – erst die zweite frau, die dem gremium vorsteht. auch aussen wird es von zwei frauen umrandet: doris leuthard, unser kücken im bundesrat, und annemarie huber-hotz, die bundeskanzlerin, beide bekannt als grosse anhängerinnen der konkordanz, umgarnen die männer, als müssten sie mögliche ausreisser im zaun halten.

am besten eingerahmt ist pascal couchepin, der neue vize im bundesrat; halb versetzt, von vorne rechts, sind samuel schmid und hans-rudolf merz zu sehen, von vorne links figurieren die beiden zürcher pfarrerssöhne moritz leuenberger und christoph blocher.

schwung- und standbein

zunächst die politischste aller botschaften auf dem bild: hober-hotz, merz, schmid, couchepin und blocher haben ein rechtes standbein! calmy-rey, leuenberger und leuthard! stehen dagegen auf dem linken.

calmy-rey wiederum wagt das schwungbein am weitesten vor, kecker auf jeden fall als leuenberger, der es ihr nachmachen möchte, sich aber offensichtlich nicht so getraut. und bei leuthard hängt das schwungbein noch etwas abwartend in der luft, – ganz so, als wollte es sagen: doris, es ist ein weiter weg bis dijon! auffällig ist, dass die fdp-magsitraten das schwungbein weit hinten haben. vielleicht wollen sie so zum ausdruck bringen, dass sie sich von ihrem linken parteiflügel abgesetzt haben, – vielleicht schwingt da auch ein wenig verhallte dynamik des traditionsreichen freisinns mit.

schmid jedenfalls ist als einziger absolut korrekt auf dem boden des bundeshauses: er steht auf beiden beinen; wenn auch das rechte den takt angibt, so stabilisiert doch das linke die position. huber-hotz wirkt, ähnlich wie leuenberger, nur zaghaft beschwingt, während man sich bei blocher des eindrucks nicht erwehren kann, er klatsche mit dem rechten fuss gleich die letzte linke fliege, die es in der beamtenschaft des bundeshauses noch geben soll.

hemdsärmlig und verdeckt

drei mitglieder unserer landesregierung wirken auf dem gruppenbild etwas hemdsärmlig: calmy-rey und leuenberger, die beiden sozis, und auch blocher zeigen, dass sie nicht nur korrekt gekleidet sind, sondern auch darunter was tragen. das hat wohl mit dem zeitpunkt der aufnahme zu tun: die drei haben im dezember 06, als es galt, das wahljahr 07 anzuwärmen, ihre eigenen leseweisen der konkordanz sichtbar gemacht: leuenberger bleibt, weil blocher alles kaputt machen will, und blocher bleibt, weil leuenberger schon alles kaputt gemacht hat. calmy-rey wiederum will vermitteln, damit der bundesrat in den wesentlichen fragen wieder ganze (aufbau)arbeit leistet.

bei calmy-rey kommt in der kleidung indess auch etwas nonchalance zum ausdruck: anders als bei doris leuthard, bei der der gurt wie bei einer ministrantin den körper klar in oben und unten teilt und die trägerin so vom linksalternativen lager abgrenzt, sitzt der gurt bei calmy-rey lässig-tief, sodass das ganze fast schon ein wenig wie wilder westen wirkt. leuenberger hält da unter den sozis dialektisch dagegen: keiner trägt einen so dezenten stoff wie der vertreter der toscana-fraktion und nur er ist in elegantem grau gekleidet. seine kravatte schliesslich kreuzigt jeden versuch, politische einseitigkeit zu signalisieren, auf gestelzter brust. nur sein hosenbein will nicht recht dazu passen; ganz zerknittert ist es, – angesichts der schläge, die sein meister als past-bundespräsident jüngst einsammelt hat, nachvollziehbar.

drei hände fallen auf: zunächst bei blocher und schmid, deren hände den rücken zeigen, fast so, als müssten die beiden liberalkonservativen parteigänger etwas verbergen: einen staatsstreich, oder nur der nächste coup gegen den konkurrenten aus dem eigenen lager? “ich könnte, wenn ich nur dürfte”, scheinen sie beide sagen zu wollen; da ist calmy-rey unverblümter, wenn sie die linke hand fast schon zur faust ballt: “ich kann – und ich will!”, ist ihre energische botschaft.

kraft und krampf

müsste ich sagen, von wem auf dem bild die kraft ausgeht, würde ich die beiden svp-mannen zuerst erwähnen. sie machen, gestärkt durch die harte parteischule mit ihren einpeitschern den entschlossensten eindruck. und sie ergänzen sich, würde schmid sagen, während seine partei beifügen würde, sie würden sich widersprechen. Denn schmid hat die linke schulter vor, während blocher mit der rechten raum schafft.

ganz anders der beiden konkurrenten aus dem rechten lager: die beiden freisinnigen wirken gehemmt. Sie sind verkrampft, denn es fehlt der erfolg. merz wirkt auf der linken körperseite fast wie gelähmt, und rechts wird er verdeckt. couchepin wiederum zieht die linke hoch, fällt aber rechts ab, sodass dass ganze wenig ausgeglichen wirkt. huber-hotz scheint das zu merken. sie muss den daumen der linken hand angestrengt einpacken, um nicht mit ihm auf den wunden punkt zu drücken.

locker-unverbraucht ist eigentlich nur leuthard. da merkt man, dass sie im gremium erst frisch dabei ist. sie hält auch noch distanz zu kollege blocher; – gerade mal die ellbogenspitzen überlagern sich, während alle anderen kräftig mit den ellbogen eine oder zwei personen in schach halten!

das jahr des lächelns

nach mehreren jahren der kritik scheint man sich grossmehrheitlich geeinigt haben, nun das jahr des lächelns zu verkünden. calmy-rey kann das wie keine(r ) sonst. darob vergisst man fast das hohe durchschnittsalter der landesregierung. süsser noch als sie lächelt allerdings das jüngste mitglied, doris leuthard, während merz eher unvorteilhaft grinst. blocher wiederum gibt seine eigene interpretation der präsidialen devise zum besten: er zeigt gleichzeitig am meisten zähne, und er hat die obere reihe zum zubeissen schon ausgefahren!

nur einer lacht nicht: samuel schmid. nicht sein schnurbart würde ein zaghaftes lächeln verdecken, für das er sich schämen würde. nein, der vbs-chef lächelt überhaupt nicht. wahrscheinlich ist er in diesem gremium der einzige, der sich im wahljahr nichts vormacht; dafür spricht auch, dass er, anders als die andern, nicht in die kamera schaut, sondern gerade aus. ganz so, als wollte er sagen: mein wanderziel kenne nur ich! die anderen gehen, ganz schon vom kommenden wahlkampf beseelt, via die fotografin julie de tribolet auf das staunende publikum zu!

und die botschaft für die zukunft?

immerhin, man wirkt geschlossener als auch schon und dynamischer als bisher. man ist, fast schon wie der stadtwanderer unterwegs. ein wesentlicher unterschied bleibt indessen: der stadtwanderer zeigt sich draussen in der stadt und beschäftigt sich mit geschichte; die landesregierung bleibt im bundeshaus, denn sie bleibt auf die hohe politik im bundesratszimmer ausgerichtet. fast schon scheint es, als wolle man den weg dorthin stürmen, denkt sich der stadtwanderer, und hofft, das schweizer kreuz am boden werde dabei nicht zu arg zertrampelt.

ob die mitglieder des bundesrates bis ende jahr alle ankommen, einzeln ein- und austreten, oder gemeinsam regieren werden? das weiss nicht einmal der stadtwanderer im voraus, weshalb er gespannt auf den 1. januar 2008 wartet, wenn die kecke königin abgegangen sein wird und der gross gewachsene könig sich anschicken wird, die politische symbolik der landesregierung neu zu orchestrieren.

ein glückliches jahr wünsch ich auf all jenen, die wandernd unterwegs sind!

stadtwanderer

galantes bern

eine schöne bescherung, die ich zu weihnachten bekommen habe! ganz wenige geschenke waren es, dafür aber spezielle. das speziellste war ein vergriffenes büchlein von sergius golowin, versehen mit zeichnungen von oskar weiss, zum vielsagenden titel “galantes bern”.

ein beispiel der erzählkunst von sergius golowin

1981 ist der band erschienen, als der jüngst verstorbene sergius golowin, mütterlicherseits ein abkömmling der berner patrizier, väterlicherseits ein sohn aus künstlerischem hause in prag, seine stelle als burgdorfer bibliothekar aufgegeben hatte, um als freier schriftsteller regelmässig über berns vergangenheit zu berichten. nicht die grossen begebenheiten der hisgtorie faszinierten den frühen vertreter der alternativbewegung. vielmehr war er vom leben und lieben in der geschichtsträchtigen stadt und auf ihrem lande angezogen. “galantes bern” nannte golowin das schmale bändchen, das bei ritter adrian von bubenberg einsetzt und in einem grossen bogen eigenwillige figuren aus dem alten bern schildert und hautnah erzählt, was ihre heimlichen abendteuer waren.

in diesem geschichtenband am besten gefallen hat mir die von sergius golowin erzählte sage über die nymphen im alpenland. das früher so verbreitete wie auch beliebte baden – eine spass voll von frivolen begebenheiten – wird in dieser geschichte als späte folge der nymphen auf den inseln des alten griechenlands gedeutet.

dabei kommt die zivilisatorische leistung der griechen zum ausdruck, die um 600 vor unserer zeit das heutige marseille gründeten, und von da aus den handel auf der rhone und ihren zuflüssen aufnahmen. lyon war ihr tor zu gallien, und genf bildete den zugang zum hinterland der rhone. denn meist zählte man die gebiete links der aare zur rhoneseite, während das rechte ufer das rheingebiet markierte.


das geografisch rhonetal samt seinen zuflüssen markiert das traditionelle burgundische gebiet nach der völkerwanderung und während der fränkischen zeit; kulturell zählte das gebiet links der aare traditionellerweise hierzu.

viele kulturelle entwicklungen haben sich seither das rhonetal hinauf ausgebreitet und so ihren weg bis ins mittelländische plateau gefunden. die burgundia gundobads in der völkerwanderungszeit steht genauso hierfür wie das königreich von rudolf II. und berta im 10. jahrhundert. und auch kaiser friedrich I., barbarossa genannt, der mit der heirat von beatrix von burgund das alte arelat im rhone- und saonetal wieder aufleben liess, war ein vermittler von höfischer kultur, die im minnegesang und in der romantischen liebe ihren ausdruck fand. nicht zuletzt kann man die popularität der melusine und selbst den twngherren- oder modefrauenstreit im spätmittelalterlichen bern als ausdruck dieser kulturbegegnungen deuten, die ein permanenter kampf zwischen kampf und macht einerseits, leben und liebe anderseits sind.

sergius golowin präsentierte uns aber keine historische abhandlung. vielmehr erzählt er schwungvoll eine sage, die sich an den bernischen dichter johann baggesen und dessen buch “parthenais oder die alpenreise”, 1819 in leipzig erschienen, anlehnt, und hiesige, provenzialische und griechische begebenheiten mischt, um die kulturzusammenhänge zwischen der ägais, dem ligurischen meer und bädern wie kämeribodenbad aufzuzeigen!

und weil sie so schön ist, – auch um vorgelesen zu werden, im bad oder bett, drucke ich sie in extenso hier ab!


beispielhafte illustration von oskar weiss aus dem buch “galanters bern” (anclickbar)

Nymphen im Alpenland

Zu den Wundern des alten Griechenland sollen schöne Frauen gehört haben, die auf besonderen Inseln im warmem Meer hausten und die man allgemein unter dem Namen Nymphen kannte. Schön gewachsen und mit vollen Haaren, die schier bis zum Boden reichten, tanzten sie am Tag in sonningen Hainen und plätscherten in den Meereswelten herum – ja, sie besassen angeblich die Kunst, auf Delphin-Fischen herumreiten zu können!

In der Nacht, wenn der Mond und die Sterne die Heidenwelt sanft erleuchteten, enpfingen die Nymphen aber, da sie nun einmal kaum etwas so schätzten wie den Austausch von Zärtlichkeiten ohne Ende, ihre Freunde, – all die griechischen Ritter: Die alten Dichter sollen auch nicht müde geworden sein, die leidenschaftlichen Liebschaften dieser Nymphen mit all den Helden wie Achilles, Odysseus und ihren zahllosen Nachfolgern zu besingen.

Nach vielen Jahrhunderten dieses sorglosen Lebens senkten sich düstere Schatten auf das Greichenreich. Mächtige Städte hatten sich gebildet, deren Herrscher mit allen verwerflichen Mitteln um die Alleinherrschaft rangen. Viele dieser Ränkeschmiede gingen bald so weit, sich, um ihre Feinde zu verderben, mit Barbaren in West und Ost zu verbünden, und schon bald zerstörten deren grausame und stumpfsinnige Horden die schmucken Tempel und Landsitze. Für Frauenliebe, zu der man nun einmal eine schöne Umgebung als schmucken Hintergrund brauchte, hatten immer weniger Leute Lust und Neigung – vor allem nicht für die zwar anziehenden, aber so unersättlichen und damit zeitraubenden Nymphen. Die wenigen der edlen Ritter und Hirten, die den Bräuchen ihrer Götter und den einstigen Freiheiten treu bleiben wollten, bestiegen darum ihre Schiffe und suchten sich Ufer, an denen sie von Verfolgungen und Unterdrückungen unabhängig bleiben konnte: Freiheit und Lust beschäftigte sie nun einmal mehr als all die blutigen Spiele über de Möglichkeiten, eine vergängliche Macht zu gewinnen.

Man sagt, dass einige von ihnen nach Marseille und in die anliegenden Gegenden kamen, die man in unserer Zeit Südfrankreich zu nennen pflegt. Die schönen Nymphen, zumindest diejenigen, die nicht von den rohen Barbaren vergewaltigt oder als lüsterne, für das Seelenheil der Männer gefährliche Hexen verbrannt zu werden wünschten, hätten sie dabei gleich mitgenommen.

Die Auswanderung habe auch allen Erfolg gehabt! Während in Griechenland die alte Pracht in Trümer sank und düster gekleidete, traurige Menschen sich nur noch vage an das einstige Leben in ihrer Heimat zu erinnern wagten, wurde das neue besiedelte Land zu einem Eden der Lebenslust. Noch heute erinnert man sich in diesen Ländereien, wie man hier durch vielen Menschenalter in jedem Schloss die Liebe besang, und es gibt dort weder Berg noch Wald, der nach der Sage nicht der Schauplatz wundererbarer Leidenschaften gewesen sein soll.

Doch wie Tag und Nacht, Sommer und Winter, Leben und Tod sich ewig abwechseln, wurde auch das neue, zu einem wunderbaren Garten emporblühende Reich des provenzialischen Glücks zu einem Ziel von Neid und Eifersucht jeder Art. Gierige Räuber schlossen sich zusammen und beschlossen, das ganze Gebiet ebenfalls zu unterdrücken und zu plündern: Auf alle Fälle fanden sie es für notwendig, das irdische Paradies nach Möglichkeit völlig zu zerstören – glaubten sie doch, dass von ihnen sonst Gedanken ausgehen könnten, die in ihren Barbarenländern ihre eigenen unglücklichen Untertanen unruhig und freiheitsdurstig machen könnten …

Die Nachkommen der ebenso daseinsfreudigen wie weisen alten Griechen kannten genug der Künste und Wissenschaften, die es ihnen ermöglichten, ihre abergläubischen und bei all ihrer Bosheit beschränkten Feinde abzuwehren. Doch mit der Zeit wurden sie es müde, statt an Fest und Liebe zu denken, stets nur über die Abwehr tückischer Ueberfälle nachsinnen zu müssen. Also verliessen sie den freundlichen Süden und zogen sich immer mehr in die Tiefen des abendländischen Erdteils zurück, zuletzt der Rhone entlang bis in die fast unzugänglichen savoyischen und burgundischen Alpentäler: Auf diesen weisen Stamm vom Mittelmeer führten eben noch lange die Ritter und Hirten unserer Talschaften ihre stolzen Stammbäume und die malerischen Sinnbilder ihrer Wappen zurück.

Ihre Nymphen kamen mit ihnen, auch wenn das Wetter der nördlichen Berge ihrem Treiben viel ungünstiger gesinnt war als die Sonne der morgenländischen Inseln und der mittäglichen Provence. In den Wäldern und um die Quellen der abgelegeneren Gegenden, namentlich auch um die berühmten Bedli des Emmentals herums, betrieben ihre Enkelinnen ihre Künste und wurden auch vom Volke treu gegen alle Rohheiten der Welt behütet: Noch bis in den Anfang des 19. Jahrhundert hinein versicherten darum viele Berner, zumindest in der warmen Jahreszeit gehe es in ihren Landschaften nicht weniger munter zu wie im paradiesischen alten Greichenland.”

tja, da können wir nur noch auf die rückkehr der warmen zeiten plangen ..

stadtwanderer

Sergius Golowin, Oskar Weiss: Galantes Bern. Von Junkern, Hirten und Badennymphen, Bern 1981 (leider nur noch antiquarisch zu erwerben)

ein neuer könner der historischen kartografie

ich bin ein grosser fan von landkarten, und ich bin ein grosser fan von marco zanoli. beides hängt zusammen, denn der historiker zanoli, alias sidonius, zeichnet seit 2004 quasi im alleingang ein neues kartografisches bild der geschichte des schweizer raumes.


beispielhafte landkarte des schweizer raumes zu römischen zeiten (quelle: sidonius, wikipedia, anclickbar)

das kommende internet

internet 2.0 ist heute in aller leute munde. man erwartet, dass das web in seine zweite generation kommt. keine grosse kiesgrube mehr soll es sein, wo man ablädt und rausbricht, wie es gerade kommt. sondern eine persönliche schmuckecke soll entstehen, wo man spezifische leistungen anbietet, die man mit benutzerfreundlichen angeboten und persönlichem engagement fabriziert.

mit dem weltweiten, vielsprachigen internetlexikon www.wikipedia.com zeichnet sich ohne zweifel ein solches element des kommenden internets ab. keine auktoriale redaktion aus fachleuten setzt hier kollegInnen ein, um beiträge, die in jahrelanger arbeit entstehen, zu einem wohleditierten lexikon zusammenfügen; nein, die wikipedia-redaktion stellt eigentlich nur noch die adresse, den technischen rahmen und die formalen empfehlungen zur verfügung. den rest besorgen die interessierten selber: sie schreiben begriffserklärungen; sie korrigieren fehler; und sie diskutieren die ausrichtung von artikeln. zu den eigentlichen stärken von wikipedia zählt, dass durch die zusammenarbeit vieler entwickelt wird: man kann auch nur eigene links als verweise beifügen; es ist möglich, treffende fotos aus der eigenen sammlung einzubauen, – oder man implementiert selbstgemachte karten in bestehende texte.

der sidonius der geschichte des schweizer raumes

genau das macht sidonius (cartographis). wie kein anderer entwickelt er seit 2004 neue landkarten zur schweizer geschichte, die zum besten gehören, was man heute elektronisch haben kann. keine disproportionierten handzeichnungen von gymnasiallehrern bekommt man da zu sehen; auch keine veralteten atlanten aus der mittelschulzeit werden hier unverändert da ins internet gestellt; und schon gar keine karten aus deutschen verlagen mit karten voller fehler, was die schweiz angeht, bekommt man da vorgeführt. nein, sidonius – seit dem grossen historiker der spätantike ist sidonius (apollinaris) ein name, der wie ein gütesiegel für seriosität steht – präsentiert uns formal saubere, modern gemacht und den aktuellen forschungsstand reflektierende karten.

hinter dem pseudonym steckt marco zanoli, selber lehrer am gymnasium, der geschichte, politikwissenschaft und latein studiert hat und der – nach eigenen angaben – “begeistert ist von der Idee eines freien und gratis zur Verfügung stehenden Online-Lexikons.” er kommt aus zürich, vielleicht auch aus dem st. gallischen oder dem bündnerland, spricht alemannisch, deutsch, englisch, französisch, italienisch und latein. seine hauptinteressen liegen in historischen und geographischen artikeln zur schweiz und deutschland, die er textlich und visuell betreut. sich selber würde er eher “als Vielschreiber bezeichnen, denn als Körnchenpicker.” wenn er sich in einen artikel reinkniet, dann wird er oft stark verändert und erweitert. das kleinediting überlässt er gerne anderen. das weit untertrieben, denn nur selten ist es nötig.

die angebote in der übersicht

sidonius lebt auf seiner page unter wikipedia sichtbar vor, dass er die geschichte der schweiz im räulichen wie im zeitlichen im überblick beherrscht, und sinnvoll her- resp. darstellen kann. so macht er karten über die verbreitung der keltischen stämme in der schweiz, die endlich helvetier, rauriker und tiguriner zu unterscheiden und richtig anzuansiedeln wissen; so zeichnet er behende das königreichreich hochburgund und schwaben, um uns kenntnisreich über die regionenbildung auf dem gebiet der schweiz im hochmittelalter zu informieren, und so symbolisiert er uns die herrschaften der savoyer, der zähringer, der habsburger und der kyburger, wie sie bestanden, bevor das grosse aussterben des adels einsetzte und das werden der eidgenossenschaften einsetzte. doch nicht nur das: sidonius ist auch ein spezialist für regional- und lokalgeschichte: das bündnerland, das tessin, die ostschweiz und selber die westschweiz kommen bei ihm in zahlreichen zeitlichen variationen kartografisch übersichtlich vor.

ich kann nur beifügen: ich bin seit einem jahr ein grosser fan von sidonius/zanoli. das eine oder andere habe ich schon verwendet, und weiteres werde ich noch einbauen, denn marco zanoli ist ein wirklicher repräsentant der neuen internetgeneration, die dank den möglichkeiten des elektronischen kommunikation einen mehrwert für die interessierten nutzerInnen schafft.

stadtwanderer

gugler gewalt

es war an weihnachten 1375. es lag schnee. es war kalt. und es war bedrohlich rund um bern. die heilige nacht war alles andere als friedlich. vielmehr fiel die entscheidung im krieg gegen die gugler. wer das waren und was sie im aaretal wollten, erzähl ich in der nachfolgenden geschichte, – passend zur aktuellen gewaltstimmung rund um die diesjährige weihnachten.


fraubrunnen: szene aus dem guglerkrieg an weihnachten 1375, die fremden truppen von graf coucy sind gut an den kapuzenförmigen helmen erkennbar, die ihnen auch den sonderlichen namen “gugler” eintrugen (quelle: diebold schilling, spiezer chronik, anclickbar)

die anerkannte burgundische eidgenossenschaft

nach dem gewonnenen laupenkrieg und dem friedensschluss mit habsburg 1340 war der aufstieg berns nicht mehr zu bremsen. zwar stoppte die pestwelle von 1348 das bevölkerungswachstum, und auch die herrschaft der schultheissenfamilie von bubenberg wurde vorübergehend erschüttert. kaufleute übernahmen 1350 die herrschaft in bern und sicherten die stellung der stadt durch friedensverträge mit savoyen. die burgundische eidgenossenschaft, im 13. jahrhundert entstanden, wurde ferner durch einen ewigen bund mit biel (1352) gefestigt, und auch dem bund der waldstädte trat man 1353 bei.

1365 anerkannte kaiser karl IV. bei seinem besuch in bern eben diese burgundische eidgenossenschaft, in deren zentrum die stadt bern stand, und sicherte ihr so den wirtschaftlichen aufstieg als regionalmacht zu. zuvor hatten die bubenberg das politische zwischenspiel der händler beendet. ritter johann von bubenberg der jüngere leitete die geschickte der stadt, während die kaufleute ihr erstes festes kaufhaus bauten.

bern holte in dieser zeit im seeland, wo sich die herrschaft der grafen von neuenburg in aarberg in finanzielle nöte geraten war, kräftig aus. selbst mit dem bischof von basel stritt man sich um die vorherrschaft über die stadt biel. und auch nidau geriet, als das dortige grafengeschlecht mit dem guglerkrieg ausstarb, in berns einflussgebiet.

graf enguerrand VII. von coucy

doch dann kam plötzlich alles ganz anders als erwartet: im winter 1375 versammelte sich ein riesiges heer im aaretal. gekommen war es brandschatzend und verwüstend über den jura. angeführt wurden sie von enguerrand VII. de coucy, einem französischen grafen aus der picardie, der mit dem bau des grössten donjons auf seiner burg in der picardie mitten im 14. jahrhundert seinen anspruch auf mehr macht im umkämpften frankreich angekündigt hatte.


chateau de coucy, mit dem gewaltigen donjon in der heutigen picardie, war der ausgangspunkt der eroberungen von comte enguerrand VII., der sich schon als kommender französischer könig sah; sein schloss wurde im 1. weltkrieg zerstört, die überrreste kann aber heute noch besichtigen

enguerrand VII. kam nicht ins mittelland. er hatte den südfranzösischen hauptmann jean de vienne und den walisischen captain owen logoch und ihre insgesamt über 20’000 mannen mitgebracht, die im 100 jährigen französisch-englischen krieg wegen eines vorübergehenden friedens arbeitslos geworden waren.

enguerrand selber stammte mütterlicherseits aus dem haus habsburg, und er erhob anspruch auf den habsburgischen aargau. dieser war 1310 samt den städten bremgarten, lenzburg, aarau, sursee, sempach und willisau herzog leopold I. und katharina von savoyen vererbt worden, und von da an ihre tochter, katharina, der mutter von enguerrand, gegangen. faktisch herrschten aber die herzöge von österreich von wien aus über den aargau.

genau das wollte enguerrand wettmachen. hungrig war er, auf den aargau, während seine truppe im kahlen aaretal auf die nächste mahlzeit hungrig waren. doch der graf liess sich nich lumpen. er postierte sein heer demonstrativ im vorgelagerten st. urban, und seine französischen und walisischen hauptleute nahmen mit gottstatt und fraubrunnen den rückwärtigen raum ein.

der krieg an weihnachten 1375

die militärische bedrohung für bern war offensichtlich. vor den toren der stadt lagen fremde heere, die den anspruch erhoben, ihrerseits über das aaretal und die zuflüsse bis zur reuss herrschen zu wollen. das passte nichts in die expansiven pläne des schultheissen von bubenberg. also organisierte sich der widerstand der bauern in den betroffenen gebieten, der auch die berner und ihre verbündeten, die innerschweizer, erfasste. mit den raubenden, schändenden und mordenden truppen nahm man jedoch nicht die direkte konfrontation auf. doch in nächtlichen angriffen übte man sich im kleinkrieg.


herrschaftsverhältnisse im 14. jahrhundert im mittelland: umstritten während des guglerkrieges die zugehörigkeit von teilen des aargaus, namentlich der städte willisau, sempach, sursee, aarau, lenzburg und bremgarten zu den habsburgischen landen; unbestritten: die 8örtige eidgenossenschaft von 1353 als gegengewicht, das den habsburgern gegen graf de coucy noch zu hilfe kam (karte:wikipedia.com, anclickbar)

höhepunkt dieses partisanenkrieges waren die weihnächtlichen attacken, – an weihnachten. anfangen hatten die innerschweizer am 24./25. dezember in buttisholz; ihnen gefolgt waren die berner nachts darauf in anet (ins), und vom 26. auf den 27. dezember schlugen diese auch in fraubrunnen zu. die klöster, in denen sich die truppen coucys verschanzt hatten, gingen in flammen auf; besonders fraubrunnen wurde arg in mitleidenschaft gezogen, und musste später erneut aufgebaut werden.

der weihnächtliche schlag mit herben verlusten für die fremden besatzer sass. die kargheit des landes im kalten winter trug das ihre zu demoralisierung der truppen bei. so zogen sie sich über den jura zurück, ohne dass graf coucy zum entscheidenden stoss auf den aargau hätte ansetzen können.

gugler – ein name aus unverständnis

habsburg war von den burgundischen und waldstätter eidgenossen gedeckt worden; – noch einmal wird man bald beifügen müssen. denn die luzerner vertrieben ihrerseits 1386 in sempach die österreicher, und die berner rundeten im burgdorfer krieg von 1384 ihre herrschaft im aaretal auf kosten der kyburger bis solothurn ab. enguerrand nutzte die schwäche der fernen verwandten in wien, um sich 1387 nochmals in büren festzusetzen. diesmal konnte er sich gerade ein jahre halten, den bern und solothurn duldeten auch diesen vorstoss in ihre umgebung nicht auf dauer.

in erinnerung geblieben ist die episode coucy nur der name der truppen. die kapuzenförmigen helme seiner mannen waren den barhäuptig kämpfenden bernern fremd. sie übersetzten ihren lateinischen namen, cucullus, in ihre sprache: daraus wurde auf bärndütsch “gugler”; der krieg an weihnachten 1375 fand als guglerkrieg eingang ins berner kollektivgedächtnis, wo er bis heute als geschlechtsname nachwirkt.

stadtwanderer
(in der weihnachtsnacht extra nochmals aufgestanden)

kleine weihnachtsgeschichte zwischen traumwelt, familienwelt und bloggerwelt

„pitbull“ ist der suchbegriff auf google, der meinem blog in den letzten wochen am meisten besuche beschert hat. das hat mich erstaunt! zwar habe ich einen beitrag mit einem bezug zur pitbull-debatte im bundesrat geschrieben, und ich habe über die auswirkungen auf das stadtwandern spekuliert. das thema selber habe ich aber nur im vorbeigehen, beim rücktritt von joseph deiss aus dem bundesrat, aufgenommen.

erklären kann ich mir die nachfrage eigentlich nur durch das klima der gewalt, das momentan unser aller alltag beherrscht. diese nacht hat mich diese stimmungslage selbst im schlaf erfasst. wohl als verarbeitung meines morgendlichen faustschlages vor einigen tagen, träumte ich schlecht.


portrait meiner geburtsstadt: fribourg (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

traumwelt

ich stand an einem strassenzug, der mich stark an eine stelle in buchs erinnerte, wo ich in den 60 jahren lebte und als bub in die schule ging. ich war aber kein junge mehr, sondern ein gestandener mann. und ich wurde rücksichtslos gerempelt. von links kam ein typ, mit einem kinderwagen, und stiess mich offensichtlich zur seite. im ersten moment war ich erstaunt, doch dann bin ich ihm ein paar schritte gefolgt. ich sprach ihn auf den vorfall an, ohne eine reaktion zu bekommen. dafür spürte ich, wie sich meine linke faust ballt.ich erhob meine kampfbereite waffe, schlug aber nicht zu. immerhin hielt ich sie meinem gegenüber unter die nase. dieser schaute mich kurz an, und sagte verächtlich: man wisse ja, dass ich ein randale sei! ich hätte ja schon seine nachbarin verhauen. da war ich schlagartig entwaffnet.

damit hatte ich nicht gerechnet, und ich zottete von dannen. jetzt war ich offensichtlich an der gerechtigkeitsgasse in bern, ganz unten, wo die junkerngasse abzweigt. ich wählte den seitenweg. ich wollte mich zurückziehen, ein wenig besinnen. als ich einige schritte gegangen war, verlief sich die gasse in einen waldweg und dieser endete im dunkel der nacht. doch war auf linker seite eine treppe, die zu einem fenster mit licht führte. ich stieg einige stufen hoch, sah flüchtig eine gruppe junger frauen an mir vorbei runter laufen. eigentlich beachtete ich sie nicht, denn mein auge war ganz auf das licht in den nacht gerichtet. hinter dem fenster entdeckte ich eine bücherei. ich presste die nase ans fenster, und ich las einige der buchtitel, die ich erheischen konnte. es handelte sich ausschliesslich um christliche werke. die letzte der jungen frauen, die an mir vorbei die treppe hinter gelaufen waren, sagte zu mir. „es ist eine grosse klosterbibliothek; sie leihen auch bücher an auswertige aus.“


wohn- und arbeitsort meines verstorbenen grossonkels: fribourg (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

familienwelt

da erwachte ich; und der traum war sofort vergessen. offensichtlich war mir das thema unangenehm. mein überich sammelte sich schneller, als mein ich den traum hätte festhalten können.

ich wusste noch, dass ich etwas spezielles geträumt hatte. beim frühstück erwähnte ich das, ohne mich an den inhalt erinnern zu können. die themen über dem esstisch wanderten, und ich wollte das gespräch auf meinen faustschlag von jüngst lenken, – da machte es unvermittelt click und der ganze traum entlud sich im nu in mir.

wir haben darüber geredet und beschlossen, am letzten vorweihnachtstag einen besinnlichen halt in unserem alltag zu machen, – ganz ohne verpflichtungen; nur für uns und unsere seele.

die innere enge berns haben wir gleich ganz gemieden; dafür sind wir nach fribourg gegangen, haben den samstagsmarkt besucht und einige gassen erkundet. dabei sind wir auf die spuren meiner vorfahren mütterlicherseits gestossen. mein grossonkel lebte als uhrenmacher bei hugentoblers an der rue de lausanne. ich haben ihn als 18jähriger auf einer velofahrt durch die halbe schweiz dort besucht. er hat mir seine junggesellenbude gezeigt, mir all den funkgeräten, die ihn mit der halben welt verbanden, und wir sind zusammen eine fundue essen gegangen.

das ist nun 30 jahre her, und mein grossonkel ist schon lange verstorben. aber ich habe sein haus wieder gefunden. der uhrenladen ist nicht mehr, terre des hommes verkauft jetzt an gleicher stelle waren aus der halben welt. doch den eingang in die wohnung auf der seite erkannte ich unversehens wieder; und ich entdeckte sogar das namensschild, das immer noch am briefkasten klebt und unter den hausglocke angebracht ist. ich war ein wenig gerührt.

danach gings stadtauswerts. an der route de villars machten wir halt, denn jetzt wurden meinen kindheitserinnerungen wach. “da, da bin ich aufgewachsen”, rief ich. wir haben gehalten, und haben “meinen” spielplatz von damals besucht. bambi und bimbo, das kleine reh und der blaue elefant, auf denen ich als knirps geritten bin, stehen immer noch; bimbo aber hat ein ohr verloren! spuren der gewalt, denke ich kurz. wir gehen sogar an der quartierkioso tünterlen; wie damals, als ich erstmals meinem kleinen plüschhasen selber einen fünfermocken kaufen durfte. jetzt gabs caramel von halter, auch seit alters her bekannt.


orte meiner kindheit: fribourg (fotos: stadtwandererIn, anclickbar)

weihnachtswelt

zum abschluss sind wir ins nahe gelegene kloster hauterive“auf der suche nach dem verlorenen paradies”, habe ich im sommer hierzu berichtet. man parkiert in der nähe, macht einige schritte zu fuss, überschreitete eine krete, und manliest ein schild, das einem aufmerksam macht, jetzt in die abtei einzutreten. man wechselt die welt, und man wird angehalten, schönheit und ruhe zu beachten und wahren. selbstverständlich haben wir das auf jedem schritt respektiert.

die stille war wunderbar; die wenigen menschen hier waren wirklich besinnlich: eine familie mit drei kindern, der vater mit einem zerschlagenen gesicht; ein älteres ehepaar, eine mutter mit kind und eine alleinstehende frau. alle waren sie im klosterladen gewesen, und haben ein laib brot gekauft, um teilzuhaben an der christlichen gemeinschaft und sich daran zu stärken.

auch wir sind in den klosterladen gegangen, haben brot gekauft, – vor allem aber tee, – beruhigungstee.


porträt einer gasse: fribourg (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

bloggerwelt

auf dem rückweg war ich müde. ich erinnertee ich mich nochmals an den traum, und den schrecklichen artikel im „blick“ über den pitbull-halter, dessen hund ein kind zu tode gebissen hatte und der gestern vor gericht gestanden waren. erst jetzt wird mir klar, warum pitbull ein schlagwort ist, und warum ich wohl wieder von gewalt geträumt habe. aber ich vergesse alles ebenso schnell, wie ich am morgen meinen traum ausgeblendet hatte.

es ist definitiv nicht meine welt, die der gewalt.
„aber sie ist!“, denke ich mir am abend, vor dem tee und dem stadtwanderer-blog über meiner weihnachtsgeschichte sitzend.

stadtwanderer

die präziose unter den berner chroniken

es ist das speziellste buch, das ich in diesem jahr gekauft und verschenkt habe: die spiezer chronik von diebold schilling. nein, das original vermochte ich nicht zu erwerben, aber eine der nummerierten faksimile ausgaben. über 808 seiten umfasst die schönste der berner chroniken; mehr als 333 kolorierte handzeichnungen von künstlerischer qualität sind in ihr.


das wunderbare buch von innen und von aussen; links: der chronist hält seine arbeit selber fest (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

die beiden schillinge


diebold schillinge gibt es zwei, den jüngeren, in luzern beheimatet, habsburgisch gesinnt, wild wie die reisläufer seiner zeit, aber auch ein angesehener chronist; den meine ich nicht.


diebold schilling der ältere (spiezer chronik, 1484) und der jüngere (luzerner chronik, 1513) im stilvergleich

ich meine den diebold schilling, den man den älteren nennt und der der onkel des jüngeren ist, aus einem solothurner haus stammt, berner kanzlist und grossrat war, franzosenfreundlich eingestellt politisierte, aber ebenso wie sein neffe kriegserfahren war.

der ältere schilling also hat dieses sagenhafte werk kurz vor seinem frühen tod im alleingang geschaffen!

die spiezer chronik

in den burgunderkriegen diente diebold schilling seiner vaterstadt, und noch zu amtszeiten von adrian von bubenberg erhielt er den auftrag, die berner chronik von den anfängen bis in die gegenwart aufzudatieren. seine monumentale burgunderchronik schloss er 1483 ab. danach erhielt den auftrag, eine kurzfassung zu schreiben, die er noch vor seinem tod als 40jähriger im jahren 1485 beendete.

der auftraggeber der spiezer chronik war rudolf von erlach, weiland ein ministeriale im dienste der burgunder grafen von chalon, der im burgunderkrieg die seite wechselte, und seine ehemalige vaterstadt, cerlier, als erlach den bernern überreichte. nach dem burgunderkrieg machte er in seiner neuen heimat bern rasch karriere und stieg bis in den kleinen rat des mächtig gewordenen stadtstaates auf, dessen geschichte er neu verfassen liess.


höhe- und tiefpunkte im berner stadtleben: besuch von kaiser karl IV., stadtbrand und wiederaufbau mit freiburger hilfe (fotos: stadtwanderer)

das werk, das diebold schilling noch vor dem buchdruck handschriftlich und handgemalt erstellte, ist nicht nur die prächtigste unter den bern chroniken. sie ist gerade wegen den lust- und schwungvollen illustrationen ein bleibender ausdruck der europäischen buchkunst eine generation vor dem buchdruck und der reformation.

ewig kann man in der spiezer chronik blättern: stationen der berner geschichte, handlungen, parteiungen, taten und emotionen sie danach nie mehr so handgreiflich, plastisch und anschaulich dargestellt worden! dabei darf man nicht vergessen: wer für die visualisierung der chronik steht, weiss man bis heute nicht so ganz genau. jedenfalls, füge ich als grosser fan dieser zeichnungen bei: es war ein künstlicher ersten ranges!

vom privatbesitz zum forschungsgegenstand und wieder in privatbesitz

das original war lange im besitz der familie von erlach, den neuen herren in spiez, die es wie ein staatsschatz hütete. es kam erst ende des 19. jahrhunderts in öffentlichen besitz. der forschung zugänglich gemacht worden ist es 1991 mit ein kommentarband, der nach wissenschaftlichen gesichtspunkten editiert ist.


derbes leben im spätmittelalter: verschiedene strafpraktiken in ihrer zeit (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

und genau davon habe ich profitiert. eine der faksimilierten ausgaben diese wunderbaren buches habe ich, nach langem warten, im letzten winter gekauft. und ich habe es verschenkt, um freude zu bereiten: zum beispiel mir, weil ich einmal ein so altes, seltenes und kostbares buch in meinen händen gehabt haben, und sodann der neuen besitzerin, die es jetzt in ihren kostbaren händen hält. die sind original!

stadtwanderer

der älteste fait divers aus berner landen

heute hat es eine sichere brücke, wenn man die aare von wohlen nach bern überquert. früher hatte es bloss einen kleinen steg, und davor gab es gar nur einen fährbetrieb. dieser hatte im jahre 1311 eines grossen unfalls wegen eine traurige berühmtheit erlangt, die zum ältesten, überlieferten “fait divers” aus der region führte.


fährunglück von 1311 bei detligen: verheerende folgen für 72 menschen, die dabei grad von meinen haus verstorben seien

1414 wurde bern ein vollwärtiger königlicher stand. man war jetzt wer. nur ein jahr später eroberte man im auftrag von könig sigismund den habsburgischen aargau. man beschloss, erstmals seine geschichte umfassend aufzuzeichnen. conrad justinger, der stadtschreiber, verfasste um 1420 die älteste chronik über das werden der stadt bern.

im 15. und und frühen 16. jahrhunderts entwickelte sich in bern auf dieser basis eine chronistik mit eigenem stil, – textlich und bildlich. höhepunkt dieser auch europäisch vorbildlichen entwicklung war die chronik von diebold schilling, “spiezer chronik” genannt. sie bestreicht nicht nur die jahre der gründung der stadt bis hin zu den burgunderkriegen; sie bringt auch zahlreiche plastische bilder zum leben in bern, wie man es um die jahrhundertwende kannte und wie man es sich für die vergangenheit vorstellte. sie sind, wenn man so will, die frühe “berner illustrierte”.

die meisten ereignisse, die berichtet werden, würden heute in einem magazin in der rubkrik politik erscheinen. gelegentlich gibt es aber auch eigentliche “fait divers”, aus dem leben der region gegriffenes in schillings chronik.

das älteste “fait divers” in schillings chronik ist ein grosses fährunglück. datiert wird es ins jahr 1311. betroffen waren 72 menschen, die ums leben kamen. im gebiet der heutigen eymatt bei bern bestand ein fährbetrieb. von hier aus konnte man auch ein boot besteigen, das reiselustige in die stadt brachte. für marktfahrerInnen war das eine beliebte transportmöglichkeit; denn die nydegg war der umschlagplatz für alle güter, die in die stadt hinaus zu markte gebracht wurden.

am 29. juni 1311, am tag von sankt peter und paul, kam es aber zum grossen fährunglück. die marktfahrerInnen hatten einen kahn genommen, der auf der höhe von detligen kenterte. die abbildung zum unglück in schillings chronik zeigt, wie das schwer beladene schiff umgekippte und wie ruderwerkzeuge, schiffsteile und verzweifelte menschen die aare hinter richtung heutigem wohlensee gespült wurden.

der älteste chronist, der darüber berichtete, hält fest: “Niemand wolle die Heiligen und ihre zwölf Boten ehren. Aber wenn man diese nicht anbete und gleichzeitig lüge und betrüge, so müsse man eben solche Unglücksfälle hinnehmen.” diebold schilling, alles andere als ein heiliger, fasste das schon nüchterner als sein moralisiernder vorbild. er schrieb: “am 29. juni 1311 hatte eine grosse menge von leuten aus dem gebiet des frienisberg, die an diesem dienstag in bern den markt besuchen wollten, das fährboot von dettligen bei wohlen bestiegen, als das schiff auf dem fluss auseinanderbrach. 72 menschen sollen bei diesem unglück ums leben
gekommen sein.”

damit hatten man die erst spalte “unfälle und verbrechen” in der “berner illustrierten”. das lebt bis heute in verwandelter form im lokaljournalismus weiter.

stadtwanderer

der mediävisten ihre these, dem illig seine antithese weiterzuführen, wünscht ich mir

teil 1 der serie: das fröhlich erfundene mittelalter
teil 2 der serie: das fröhlich erfundene mittelalter
teil 3 der serie: das fröhlich erfundene mittelalter

heribert illig hat ein spannendes buch geschrieben. er hat das als aussenseiter in einem wissenschaftsbetrieb gemacht, der sich gewohnt war, nur nach internen regeln zu funktionieren. nur schon deshalb ist er angeeckt. aber auch seine botschaft ist starker tobak: bei der greogorianischen kalenderreform sein bewusst getürkt worden, um einen fälschung der europäischen geschichte im 11. jahrhundert zu decken. mit dieser habe man 297 jahre zwischen 614 und sog. 911 frei erfunden. die karolinger habe es in der überlieferten form nicht gegeben, und damit sei auch der frankenkaiser karl nicht der grosse, sondern der fiktive.


sokrates erschütterte mit seiner philosophie die grundlagen des griechischen denkens und wurde dafür mit dem tod durch den giftbecher bestraft – heute folgt die debatte über wissenschaftliche thesen ganz anderen regeln

die debatte findet längst statt

wie steht es nun um diese behauptungen? – illigs aufruf, die geschichte der karolinger zu revidieren, wurde zunächst ignoriert; er selber wurde der lächerlichkeit preis gegeben. aber er ist hartnäckig geblieben. aus seinem aufruf wurde eine these, und aus der aussenseiterdiskussion wurde eine massenmedial breit in feulletons, talkshow und diskussionsgruppen geführte dabatte. 1997 hat sich die paderborner fachzeitschrift “ethik und sozialwissenschaften” nach den üblichen diskursregeln mit der kontroverse beschäftigt.

heute noch zu sagen, illigs auffassung würde nicht zur kenntnis genommen, ist schlicht falsch. dies weiterhin als anlass zu nehmen, um sich als ungerecht behandelter sonderrechte in der beweispflicht herauszunehmen, eigene regeln der argumentationsbewertung und der dialogkultur zu postulieren, ist eine schutzbehauptung, die das rechtfertigt, was der erfolgsautor früher seinen widersachern vorgeworfen hat. alles andere ist richtig: es gibt eine verzweigte debatte über das erfundene mittelalter!

meine bewertung nach tagen und nächten der lektüre

die mit verve vorgetragene these illigs hat auch mich herausgefordert. ich habe sein zentrales buch, “das erfundene mittelalter”, unvoreingenommen und aufmerksam gelesen. ich habe auch auf dem web die standpunkte
pro und kontra illigs these verarbeitet. ich habe in den letzten wochen mehr bücher über die karolinger angeschafft und gelesen, als in meiner ganzen zeit als historiker bisher!

von illigs these bin ich angeregt, aber nicht überzeugt worden. sein beweis, die kalenderreform von papst gregor XII sie willientilich manipuliert, ist nicht erbracht. letztlich hängt es davon ab, welchen zustand man damit wieder herstellen wollte. hier fehlt der belegt, dass das konzil von nicäa den 21. märz als frühlingsanfang fixierte, doch kann auch illig nicht belegen, dass caesar das 370 jahre früher so klar festgelegt hatte. damit aber wackelt der mathematisch beweis der getürkten kalenderreform erheblich. und ohne diesen beweis wirkt die behauptung, es seien nachträglich 297 jahre in der europäischen geschichte in einer gigantischen fälschungsaktion eingeführt worden, wenig stichhaltig.

entsprechend treffen die einwände der astronomen illigs gedankengebäude am härtesten. seit mehr als 2500 jahren kann die astronomie sonnen- und mondfinsternisse zeitlich und örtlich genau vorhersagen; daraus ist die naturphilosophie – die liebe zu wahrheit in unserer natürlichen umwelt – entstanden, die vor grossen katastrophen bewahrt geblieben ist. da erstaunt es schon, wenn seither 300 jahre mehr oder weniger überhaupt niemand aufgefallen wären.

am härtesten hat illig mit seiner urkundenkritik die mediävisten getroffen. das ist denn auch der hauptgrund, weshalb gerade sie sich nach anfänglichem zögern sich auf seine these einlassen mussten. denn illig hat zurecht die zeit des 7. bis 9. jahrhunderts wegen schwachen belegen auf pergament kritisiert. der belesene illig weiss darum, dass man hier wenig verzeichnet und viel umgeschrieben hat, fälschungen selber produziert und vorhandene verwendet hat. und er weiss, dass gerade die schriftlich beschränkt belegte zeit der karolinger nachträglich aus politischen gründen ins legendenhaft überzeichnet worden ist. so schwach die archivalische basis ist, so hoch ist die monumentale überhöhung, und umso nötig ist die kritische auseinandersetzung damit.

logik der forschung und logig der verschwörung

wer nach einer solche erwägung bei der forderung bleibt, die ganze geschichte sei gefälscht und müsse revidiert werden, überzieht den bogen aus publizistischen gründen erheblich. so anregend die geschichts illigs intelektuell ist, so problematisch bleibt sie, wenn sie aus dem feld der kritik heraustritt. wäre das karolingerreich eine insel gewesen, könnte man sich der historografischen staatsstreich noch ausmalen. dem war aber nicht so, denn man stand damals gerade mit der aufblühenden arabischen welt in verbindung. ist nun auch mohammed, der in der fraglichen zeit lebte, fiktiv? schlimmer noch, auch china hätte ins fälschernetz mit einbezogen sein mussen, denn es stand bis ins 2. und aber dem 10. nachchristliche jahrhundert mit der römischen resp. europäischen welt in enger verbindung. 300 erfundene jahre können deshalb nicht nur an einem ende der welt fehlen!

illigs antithese ist meines erachtens heute so populär, weil sie nicht der logik der forschung, sondern der der verschwörungstheorien folgt. diese sind sich immer ähnlich: es sind die mächtigsten, die nach anderen als vorgegebenen motiven handeln; die welt ist zu dumm, um das zu merken; doch eine kleine gruppe von aussenseiter hat die grosse manipulation durchschaut.

kalenderreformen sind ein beliebter ansatzpunkt für solche vorwürfe; der normale mensch versteht sie nicht; nur mathematiker und computisten können sie nachvollziehen. besser noch ist es, wenn die avisierte kalenderreform von einem papst eingeführt worden ist, der an der spitze der gegenreformation stand. halb europa war damals skeptisch; durchgesetzt hat sich die gregorianische kalenderreform weltweit es nach mehr als 300 jahren!

bücher, wie jene von illig sind heute im schwang, weil das lebensgefühl danach ist, wir würden der ganz grossen manipulation aus wirtschaftlichen interessen, die kommunikaiton und kultur instrumentalisierten, ausgesetzt. andere beispiele wie das buch “sakrileg” stehen gleichsam für den aktuellen zeitgeist. und illigs werk hat auch zurückliegende vorbilder: in der deutschen und russischen gesellschaft ist immer wieder mit zeitsprüngen argumentiert worden, um einen teil der herrschenden kultur, die sich ohne diese nur schwer legitimieren liesse, auszuhebeln.

mein wunsch an die mediävisten

illigs antithese zu herrschenden lehre würde ich wünschen, dass sie eine ebenso spannend geschriebene weiterführung von einem insider erhalten würde. ich sähe es gerne, wenn ein auszeichneter fachvertreter der karolingischen geschichte, eine ebenso anregendes und einprägsames buch verfassen würde, das weder der fiktion noch der legende willen verfasst würde, sondern der wahrheit verpflichtet wäre. das habe ich bis jetzt nämlich noch nicht gefunden.

stadtwanderer

schall und rauch

teil 1 der serie: das fröhlich erfundene mittelalter
teil 2 der serie: das fröhlich erfundene mittelalter

heribert illigs hebel, mit dem er die nachrömische geschichte europas aus den angeln heben will, ist die berechnung des osterdatums. er unterstellt, dass mit der kalenderreform von papst gregor XIII die astronomischen verhältnisse wieder hergestellt worden seien, wie sie bei der einführung des julianischen kalenders 46. vor christus geherrscht hätten. nicht nur sei der 21. märz wieder der 21. märz geworden: der frühlingsanfang 1582 habe gleichzeitig auch die gleiche konstellation gekannt, wie damals, als der vorläuferkalender eingeführt worden sei.


das konzil von nicäa legt erstmals richtlininien für die christliche kirche fest. die stellare konstellation von damals wieder herzustellen, war die absicht der gregorianischen kalenderreform von 1582

was wieder hergegestellt werden sollte

die katholische kirche hat eigentlich gar nicht auf heribert illigs unterstellung der manipulation reagiert. denn sie teilt seine grundlegende annahmen gar nicht.

richtig ist für die katholische kirche, dass sie im jahre 1582 durch papst gregor XIII den gregorianischen kalender eingeführt habe und dieser für die datierung der katholischen kirche verbindlich geworden sei. richtig ist ferner, dass man damit die berechnung des ostertermines neu festgelegt habe. richtig ist schliesslich auch, dass der frühlich seither am 21. märz des kalender jahres beginne.

ob man damit auch eine astronomische gleichschaltung mit jener bei der einführung des julianischen kalenders gesucht habe, ist für die katholische kirche eine ziemlich verwegene annahme illigs selber. sie macht gerade für die katholische kirche auch wenig sinn. zwar sei julius caesar bei seiner liaison mit kleopatra auf den aegyptischen kalender aufmerksam gemacht worden. er habe den damals geltenden mondkalender der römer durch den sonnenkalender der aegypter ersetzt, was ein fortschritt im kalenderwesen gewesen sei. denn habe man mit dem gregorianischen kalender auch übernommen. ob die katholische kirche aber auch mit diesr kalenderreform eine harmonie der sterne und des frühlings nach heidnischem vorbild gesucht habe, stehe auf einem ganz anderen blatt geschrieben.

vielmehr beziehen sich heute die christlichen kirchen auf das verhältnis von frühlingsanfang und stellarer konstellation im 4. jahrhundert. damals traten die zahlreichen christlichen sekten, die sich im gefolge jesus und als abspaltung vom judentum gebildet hatten, aus der opposition heraus. zwar wurden sie unter kaiser diokletian und seinen unmittelbaren nachfahren verfolgt, doch stützte sich konstantin, ein gegner der tetrarchie von diokletian, auf eben diese christliche bewegung. nach seinem militärischen sieg an der milvischen brücke über den letzten anhänger der tetrarchie, erklärte konstantin 313 im edikt von mailand das christentum als zugelassene religion im römischen reich.

da die verschiedenen strömungen in der christlichen glaubengemeinschaft damals noch keine vereinheitlichte religion bildeten, versammelte konstantin, nunmehr kaiser, die vertreter der kirchen 325 zum ersten konzil in nicäa. bei dieser gelegenheit sind die wichtigsten leitlinien der christlichen kirche gegelegt worden, die über das benachbarte konstantinopel, der neuen kaiserstadt im osten, 380 zur allein gültigen staatsreligion führte.

die andere rechnung

325 lebten die christen im römischen reich nach dem römischen, juliansichen kalender, der auf dem sonnenjahr basierte. sie standen aber vor dem problem, ostern, das höchste fest im kirchenjahr, nach dem jüdischen kalender, der sich nach dem mond richtete, bestimmen zu müssen. daraus ergaben sich drei die regeln:

1. ostern fällt immer auf einen sonntag.
2. ostern ist nach dem jüdische pessah-fest (14. nissan oder vollmond).
3. ostern ist immer nach dem frühlingsanfang (vom 21. märz).

oder vereinfacht: ostern ist der Sonntag nach dem ersten vollmond nach frühlingsanfang.

durch den fehler in der schaltjahrberechnung des julianischen kalenders wanderte der frühlingsanfang von 325 bis 1582 alle 128 jahre um einen tag in richtung sommer, und auch weihnachten verschob sich gleichzeitig richtung frühling. das bemerkte man schon im 14. jahrhundert; damalige diskussionen über kalenderreformen setzten sich aber nicht durch.


cleopatra und caesar, darstellung der leidenschaft von l.l.gerome

nicht caesar oder konstantin, sondern kleopatra und alexandria weisen den weg

nimmt man nun nicht den sternenhimmel während julius caesars liaison mit kleopatra als masstab aller dinge für frühlingserwachen und osterberechnungrn, sondern die zeit des konzils von nicäa, verbleiben bis zur kalenderreform von papst gregor XII nicht 1627 jahre, wie illig annimmt, sondern 1257 jahre. die korrektur von 10 tagen ist bei einem fehler effektiven fehler von 9.8 tage plausibel.

nicht die von illig gestrichenen dreihundert jahre sind nachträglich in die chronologie der europäischen geschichte eingeführt worden. vielmehr ist der referenzpunkt, auf den man sich in der christlichen kirche bezieht, rund gut 300 jahre jünger, als es illig unterstellt. schall und rauch, was man da gegen die kalenderreform von 1582 vorbringt.

unbewiesene behauptung, argumentiert illig unverändert dagegen. denn vom konzil in nicäa sind keine dokumente erhalten, die eine solche kalenderreform belegen würden. immerhin hat aber kaiser konstantin die neuen regeln für die christliche osterberechnung in briefform festgehalten.

unbewiesene unterstellung sagt deshalb die katholische kirche an die adresse illig, denn er kann seinerseits nicht beweisen, dass der frühlingsanfang bei caesar und kleopatra effektiv auf den 21. märz und nicht auf den 24. des monats fiel.

der stadtwanderer fügt bei: kleopatra regierte von alexandria aus und herrschte die damalige welt des östlichen mittelmeeres samt regenten potentaten. und auch konstantin bezog sich in seiner osterregel auf alexandria, denn diese stadt bildete den referenz bei seiner bestimmung des ostertages.

frühlingserwachen in alexandria also ist das unbestrittene mass aller dinge, die zu ostern führen, denkt sich der

stadtwanderer

karl der fiktive

teil 1 der serie: das fröhlich erfundene mittelalter

“bitte nicht!”, donnern die ausgebildeten mediävisten zurück, wenn man nur schon den namen “heribert illig” in den mund nimmt. “das ist doch unwissenschaftlich und längst wiederlegt”, tönt es dann von hoher warte. doch illig lässt mit seiner these zum erfundenen frühmittelalter seit jahren nicht locker, und rüttelt immer mehr am politkulturellen fundament der europäischen geschichte: in seinen bestsellern auf dem buchmarkt befördert er karl den grossen, den frankenkaiser aus dem jahre 800, schlicht zu karl dem fiktiven.


karl der grosse, charles le chauve oder einfach karolingischer reiter: darüber streiten die mediävisten angesichts dieser statue im louvre: frei erfundene geschichte donnert ihnen heribert illig entgegen

die provokation an die adresse der mediävistInnen

streicht man, wie illig es vorschlägt, die jahre 614 bis 911 aus der europäischen chronolgie, weil sie nachträglich erfunden und eingeführt worden seien, entfernt man nicht weniger als den aufstieg und den fall der karolinger aus der noch jungen kontinentalgeschichte. das alleine ist schon eine kampfansage!

die machtergreifung der hausmeier im merowingischen königreichreich hätte demnach gar nie stattgefunden; weiteres wäre die auseinandersetzung zwsichen christen und mohamedanern, die in der schlacht von poitiers gipfelte, frei erfunden; der frankenkönig pippin wäre, wenn man den besagten zeitraum annuliert, gar nicht vom papst als nachfolger könig davids gesalbt worden; für das sakrale königtum eine blamage. und last but not least: karl der grosse, der das untergegangenen weströmische reich hat auferstehen lassen, wäre ganz einfach eine fälschung!

abtreten müssten auch karls kontrahenten, herzog tassilio III, der baier, stammeskönig widukind, der sachse, und auch kalif harun al-raschid würde definitiv ins märchenreich von “tausend und einer nacht” verschifft. damit nicht genug: alle ganz alten dynastien der europäischen adelhäuser wären demnach mehr oder minder getürkt; 25 kaiser, vor allen in byzanz, müssten entsorgt werden, und 50 päpste weniger hätte die römische kirche bis heute.


vor der korrektur des erfundenen mittelalters: gewohnter, aber falscher überblick über die nachrömische europäische geschichte

die provokation an die europäische union

das ist nicht nur für eingefleischte mediävisten und die spezialisten der frühen neuzeit starker tobak. was heribert illig vorträgt ist auch politisch brisant! denn mit karl dem grossen würde der viel zitierte “vater europas” verschwinden. das fundament jener geschichte würde bröseln, die von der europäischen union gerne verwendet wird: die herleitung europäischer gemeinsamkeiten und nationaler sonderungen, die legitimierung staatlicher ordnung über der gesellschaftlichen gliederungen, und die verpflichtende überlieferung resp. christlicher sittlichkeit würden in frage gestellt. so sieht es jedenfalls die überwiegende zahl der feuilletonistInnen.

den minderheitlich kritikern von karl mag das alles recht sein, denn es entfällt so auch die fürchterliche geschichte der brutalen schwertmission, mit massenmorden, verwüstungen und deportationen als schaurige vorbilder für spätere zeiten. illig schliesst sich dem im letzten satz seines buches voll an: “Wir können heute erstmals die Einigung eines Gebietes versuchen, das bislang immer heterogen gewesen ist, und wir sollten dazu auch Mittel einsetzen, die humanem Geist entsprechen.”


nach der korrektur des erfundenen mittelalters: ungewohnter, aber richtiger überblick über die nachrömische europäische geschichte

die herausforderung für die burgunder-fans in der schweiz

selbst wenn die auswirkungen auf des stadtwanderers verehrte burgunder geringer sind, füge ich bei: es gibt sie, und sie sind nicht einfach sinnlos!

die burgundia von könig gundobad aus der späten völkerwanderungszeit wäre gar nie im fränkischen reich untergegangen, um nach dessen untergang auf wundersame art und weise wieder aufzuerstehen. vielmehr wäre die ostgermanische, romanisierte herrschaft im rhonetal frühzeitig mit dem kloster von st. maurice christianisiert worden und direkt in die königsherrschaft der rudolfiner gemündet. normalerweise schiebt man auch hier gut 300 jahre ein, über die man aber kaum etwas weiss. streicht sie, muss man mit illig raten! die drei rudolfe und der eine conrad aus dem 10. jahrhundert wären also viel näher an der eigentlichen völkerwanderungszeit gewesen, die sarazennen würden sich als berberische händler entpuppen, und die madyaren, die das burgunderreich verunsicherten, kämen hunnischen reitern gleich aus dem 5. jahrhundert gleich.

bleiben würde aber die geografische und ethnische nähe von burgunder- und langobardenreich, und adelheid, die burgundische prinzessin und lombardische königin, wäre neu der beleg einer frühen und starken verbindungen beider völker, die mit ihrer heirat mit könig otto von sachen und franken das römische reich ohne fränkisch-karolinigisches zwischenspiel eingeleitet hätte. rhonetal, ligurische küste und po-ebene waren, würden, wie seit den zeiten caesars eine weitgehende einheit bilden.

auch wenn sich illig dazu nicht direkt äussert: das gebiet der schweiz wäre seiner auffassung nach nie fränkisch gewesen. die karolingerherrschaft über zürich, müstair und st. maurice wäre erfunden. aus alemannen und rätiern zu römerzeiten wären mehr oder weniger direkt die kernvölker von schwaben entstanden, die sich parallel zu astrasien und sachsen formiert hätten und dann im neuen römischen reiche aufgegangen wären.

die ganzen legenden über karl den grossen schliesslich, der auf dem zürcher münster abgebildet ist, weil er ich mehrfach in zürich aufgehalten habe, können mit illig definitiv ins reich der erfindungen verschoben werden. wenn er nur karl der fiktive ist, muss man auch nicht klären, ob er je in zürich war, oder ob das doch nur sein enkel karl der dicke war! fiktiv wären nämlich beide …


karl der grosse am züricher grossmünster: bitte abmontieren, denn er ist nicht mehr als karl der fiktive!, sagt buchautor illig

vorläufige bilanz zu illigs these


ganz schön spannend! aber auch ganz schön gewagt, der gedankengang von heribert illig. der wahrheitsbeweis muss erst noch erbracht werden!

audiatur et altera pars, höre auch die andere seite, bleibt ein gut begründeter grundsatz bei der prüfung von kontroversen standpunkten. und genau das erzähle ich im dritten teil meiner kleinen serie über das fröhlich erfundene mittelalter.

stadtwanderer

rodolphe le troubadour oder rudolf der minnesänger

am anfang steht eine berühmte rangliste: sie stellt die wichtigsten troubadoure oder minnesänger vor. doch es ist keine hitparade von heute, – es ist eine übersicht über die könner des faches am ende des 12. jahrhunderts. und an 10. stelle steht rudolf aus dem seeland. ihm ist jetzt in neuenburg eine kleine ausstellung gewidmet, die auf die interessante persönlichkeit aufmerksam macht, ohne aber alle fragen zu ihm auszuleuchten. der versuch einer übersicht, erstellt auf dem heimweg aus eben diesem seeland.


quelle: l. bartolini: rodolophe. comte de neuchâtel et poète, neuchâtel 2006, anclickbar

aufstieg und fall des grafengeschlechtes von fenis


das grafenhaus fenis habe ich soeben ausführlich vorgestellt. ausgehend von cerlier/erlach, ihrem stammsitz seit dem erdbeben von 1117, dehnten sich die feniser grafen entlang der verkehrsachse nach nordosten und südwesten aus. sie wurden bald auch in den seitentälern des juras wichtig, und sie hatten durch heirat eine verbindung ins freiburgische arconciel geschaffen.

das neue zentrum der grafschaft wurde neuenburg, – als castellum novum vom letzten burgunderkönig rudolf III. gegründet, dann seiner frau, der königin irmengard, vererbt, war es im nachfolgekrieg um das burgunderreich fast ganz zerstört. bis mitte des 12. jahrhunderts fehlen nachweise, dass es im kastell noch menschliches leben gab.

neuenburg wird 1154 erstmals wieder schriftlich bezeugt, und zwar als herrschaftsort der grafen von neuenburg-fenis. für die zeit nach 1180 sind umfangreiche bauten mit residenz und kirche auf dem jetzigen schlosshügel bezeugt, während sich am fuss der burg handwerker und händler niederliessen. 1214 ist es soweit: die neuenburger bekommen ihre eigene rechtspersönlichkeit, in form eines stadtbriefes der grafen von neuenburg. doch damit kehrt nicht ruhe ein, sondern beginnt der lange streit zwischen den neuen bürgern und dem alten stadtherren erst recht.

ohne das wichtigste herrschaftliche zentrum am neuenburgersee verliert sich der zusammenhalt der grafenfamilie im transitgebiet zusehends. es entstehen innert kürzester zeit vier seitenlinien, die in neuenburg, nidau, aarberg und strassberg (abgegangener ort bei büren) ihre neuen schwergewichte bekommen. neuenburg bleibt das zentrum der romanen, während die anderen neuenburger über germanisches volk regiert.


stammbaum des grafenhauses von fenis (quelle: lionel bartolini: rodolophe. comte de neuchâtel et poète, neuchâtel 2006, anclickbar)

rudolf, der grosse sänger und kulturvermittler

die markanteste figur, die aus diesem gebiet stammt und bis heute gefeiert wird, ist der minnesänger rudolf. er musizierte und textete, was damals im schwang war. er tat das so hervorragend, dass man sich in fachkreisen bis heute seiner erinnert.

gelobt wird, dass er die provanzialische bewegung des unteren rhonetals aufnahm, und sie in das frankoprovenzialische hochburgund und darüber hinaus vermittelte. populär geworden ist damit in den oberen gesellschaftlichen schichte die romantische liebe, denn in der minnelyrik entbrennt der sänger in liebe zu einer meist höher gestellten frau. er besingt ihre schönheit, wohlwissend dass sie ihm immer versagt werden bleibt.

tugenden wie ritterlichkeit, mässigung und ehre wurden so eingeübt, denn sie reflektierten das im 12. jahrhundert gewandelte verhältnis zur ehe, das trotz christianisierung lange den alten regeln der vorchristlichen gesellschaft gefolgt wird.

gerade im raum der schweiz ist der minnegesang früh und stark aufgeblüht. der manesse-codex aus zürich verzeichnet rund 140 könner des faches, die im kaiserreich lebten. davon haben 30 einen gesellschaftlichen hintergrund im mittelland. an erster stelle unter allen “schweizer” minnesänger steht rudolf, – in der zürcher hitparade an zehnter stelle rangiert und nur vom kaiser, von königen, herzögen und markgrafen übertroffen.


rudolf von neuenburg gemäss manesse-codex und rudolf von fenis gemäss weingarten-verzeichnis

inspirierter oder inspirierender – das ist die frage!

wer nun aber war dieser rudolf? das wissen über ihn ist bruchstückhaft: in der weingart-sammlung wird als rudolf von fenis zitiert, im manesse-codex erscheint er als rudolf von neuenburg. beiden beide anthologien sind erst im 14. jahrhundert entstanden, beziehen sich auf eine zeit, in der man noch kaum geschrieben und selbst der stammbaum von adelsgeschlechtern nur bedingt dokumentiert ist.

folgt man dem manesse codex, ist der minnesänger wohl mit dem rodolphe identisch, der in der zweiten hälfte des 12. jahrhundertes in neuenburg residierte, sohn des stadterneuerers war und am ende seines lebens auch graf von neuenburg gewesen sein dürfte. viel genaueres weiss man über sein leben aber nicht.

nimmt man hingegen das weingart verzeichnis zur hand, könnte der berühmte minnesänger auch rodolphes neffe, rudolf von nidau-neuenburg in frage, der anfangs des 13. jahrhunderts den nidauer zweig der grafenfamilie begründete. doch auch über ihn weiss man ausser dem namen fast nicht, jedenfalls nichts, das für eine grosse tat sprechen würde.

aus sicht der familiensaga mag diese frage der historikerInnen egal sein, denn der troubadour/minnesänger rodolphe/rudolf ist unzweifelhaft einer, der zu ihr gehört. aus sicht des frühen kulturtransfers ist die frage indess etwas heikler:

. hat da ein deutschsprachiger adeliger eine kulturelle tradition, die in seiner zweisprachigen familie von der anderen seite einfloss, aufgenommen und in seiner sprache und für seinen sprachraum zur neuen blüte gebracht? das wäre dann der nidauer rudolf, – ein germanisch inspirierter!

. oder hat da ein frankoprovenzialischer adeliger eine eigene kulturelle entwicklung, dank seiner fähigkeit, sich auch in einer anderen sprache gekonnt auszudrücken, für einen anderen kulturraum erschlossen? das wäre dann der neuchâteler rodolphe, – ein romanischer inspirierender!


modell von neuenburg zur zeit der grafen von fenis-neuenburg (foto: stadtwanderer, anclickbar)

aktuelle ausstellung in neuchâtel mit einseitiger antwort

aufmerksam geworden auf den fall des kulturvermittlers rodolphe/rudolf bin ich durch eine ausstellung in neuchâtel, die momentan im kunsthistorischen museum der stadt zu sehen ist.

eindrücklich werden da die entwicklung der stadt neuenburg dokumentiert, und die rolle der grafen von fenis hierfür dargestellt. schön gezeigt wird auch, wie der troubadour/minnesänger aus dem seeland eine kulturelle tat ersten ranges vollbracht hat, und wie das bis heute nachklingt. man entscheidet sich allerdings einseitig für die manesse-version, ohne die problematik der personellen und räumlichen zuordnung explizit aufmerksam zu machen.

kein grosses verdienst der ausstellung ist es, wenn der ausstellungskatalog fast schon propagandistisch festhält: “Connaiseur intime des formes et motifs de la poésie des troubadours et des trouvères, le comte Rodolphe, sans doute bilingue, est le premier passeur entre les espaces culturels roman et germanique.”

ein grosses verdienst der exposition ist es dagegen, an die bedeutung der feniser grafen zu erinnern. sie zählte ohne zweifel noch zum adel, der über den sprachvölkern der bauern lebte und vermittelnd wirkte. wer das damals so hervorragend vollbrachte und man das um 1200 noch machen konnte, wird wohl für immer ein geheimnis bleiben, das die familie mit ihn ihren untergang am aufkeimenden röschtigraben des spätmittelalters nahm.

grenzwanderer zwischen neuchâtel und nidau