Update: Meine Angebote als Stadtwanderer in Bern, Murten, Luzern und Aarau

Seit 2004 bin ich Stadtwanderer und mache Führungen vorwiegend, aber nicht ausschliesslich in Bern. Hier meine Uebersicht zu meinen Standardangeboten 2023.

Angebote in Bern

Klimawanderung: von der Eiszeit zur Heisszeit

Wie der Aaregletscher den Raum formte, die ersten Siedler, den Wald rodeten, der Adel Städte gründete, die Pest alles Schöne vermasselte, die kleine Eiszeit Bauernregeln und Kornhäuser entstehen liess und wie die Industrialisierung Wohlstand und Umweltbelastungen brachte. Damit kippt die alte Formel, denn jetzt wird die Hitze zu Belastung. – Die Tour kann auch (etwas verkürzt) im umgekehrten Sinne gemacht werden, beginnt dann in der Gegenwart und endet mit der Stadtgründung.

Dauer: 2 Stunden (verkürzte Fassung: 1.75 Stunden)
Start: Rosengarten (verkürzte Fassung: Uniterrasse)
Ende: Uniterrasse (Nydeggkirche)

Beizentour

Mit der Emanzipation der Stadt Bern vom Dominikanerkloster im 15. Jahrhundert entstehen Gastwirtschaft: Gesellschaftsstuben, Herbergen und Weinkeller sind die Urformen. Später kommen Kaffeehäuser, Restaurants, Hotel und Kulturzentren dazu. Wir besuchen typische Formen der Gastronomie im den letzten 600 Jahren in Bern, sehen, wie sich Oeffentlichkeit im modernen Sinn entwickelt, und kehren dreimal (Apéro, Essen und Abendbier) ein.

Dauer: 4 Stunden mit Essen und Trinken
Start: Kreuzgassbrunnen
Ende: Progr

Trennung oder Verquickung? Kirche und Staat seit der Reformation

Die Trennung von Kirche und Staat war eine der wichtigsten Forderungen der französischen Revolution. In der Schweiz wurde sie nur unvollständig realisiert. Die Unabhängigkeit der Universitäten von Kirchen gehört dazu, ebenso die konfessionelle Neutralität des Bundes seit 1874. Anders verhält es sich mit den Kantonen, ganz besonders mit dem Kanton Bern. Wir verfolgen dessen Entwicklungen seit der Reformation und kommen in der Gegenwart an.

Dauer: 2 Stunden
Start: Münsterplatz
Ende: Residenz Frankreichs

Burger, Barock und Bourbonen

Der Berner Barock ist eigen: von der Reformation geprägt, ist er ganz in Sandstein gehauen. So bestimmt er vor allem das Altstadtbild. Im Zentrum der Wanderung stehen die Fassaden der Gebäude, wo es darum geht, was man sieht und was verdeckt wird. Der riesige Einfluss von Louis XIV., der Streit der Franzosen- und der Niederländerpartei in der Burgerschaft kommen genauso zur Sprache wie typische Rundfenster, Dachgiebel. Es mischen sich Architektur- und Sittengeschichte des 17. und 18. Jahrhundert. Garantiert lehrreich und schockierend zugleich.

Dauer: 1.75 Stunden
Start: Münsterplatz
Ende: Hotel de Musique

Aufstieg und Niedergang der Patrizierfamilie von Erlach

Kaum eine andere Familie steht so für den Aufstieg und den Niedergang des Ancien Regimes wie die Familie von Erlach. anhand dreier Patriarchen – Johann Ludwig, Hieronymus und xxx – wird der Werdegang an die Spitze der europäischen und bernischen Politik beleuchtet. Denn die von Erlachs brachten Bern in die Nähe des französischen Königs, lebten wie Kleinkönige auf dem Land und in der Stadt und verloren schliesslich die Entscheidungsschlacht gegen das revolutionäre Frankreich.
Wir besuchen das Erlach-Denkmal, das Rathaus, den Erlacherhof und die Wache des alten Berns.

Dauer: 1,5 Stunden
Start: Erlach-Denkmal
Ende: Wache bei der Nydegg-Kirche.

Jugend&Politik: Jugendstile über im Wandel der Zeit

1513 stürmten die Jungs aus Köniz die Stadt Bern. Die Klimastreikbewegung ist dagegen vergleichsweise harmlos gewesen. Ich zeige, wo das Jugendparlament im Ancien Regime, die Restaurants der Studentenverbindungen, die Debattier-Keller der Non-KonformistInnen und die Buchhandlungen der 68er waren. Klar gemacht wird, wie Jugend als soziologische Phänomen mit dem Jugendstil Ende des 19. Jahrhunderts entsteht und seit dem 20. Jahrhundert (auch von mir) wissenschaftlich untersucht wird.

Dauer: 2 Stunden
Start: Zytglogge Turm
Ende: Generationenhaus

Demokratie-Wanderung: Aristokratien demokratisieren

Bern war im 18. Jahrhundert eine Patrizierstadt, paternalistisch regiert, wenn man gehorchte mit dem Schwert bestraft, wenn man protestierte. Dem setzten die revolutionären Franzosen und die Demokratie ein jähes Ende. Zur schrittweisen Demokratisierung trugen in der Folge liberale, demokratische und sozialen Bewegungen bei. Ihre neue Rolle fand Bern als Bundesstadt, dem unbestrittenen Politzentrum der Schweiz mit Regierungsviertel und Bundesplatz als Schaubühne für allerlei Opposition im Land.

Dauer: 2 Stunden
Start: Kreuzgassbrunnen /Altstadt
Ende: Bundesplatz

Ochsentour: Unser Verfassungsvater Ueli Ochsenbein

Er war Regierungspräsident von Bern. Er war Präsident der Verfassungskommission der Tagsatzung. Er war 1848 erster Bern Bundesrat. Und er war sechs Jahre danach erster abgewählter Bundesrat. Ueli Ochsenbein ist heute kaum mehr ein Begriff, obwohl er der Verfassungsvater des Bundesstaats war. Ich hole ihn mit seiner Geschichte in die Gegenwart zurück, zeige, wo unser Grundgesetz beriet, wo er sich für das Bundesstaatsmodell
warb, wo gewählt wurde und wo er regierte. Die Wanderung ist mehr als nur eine Biografie. Sie zeigt die Stunde Null des Bundesstaats.

Dauer: 1,5 Stunden
Start: Heiliggeistkirche
Ende: Erlacherhof

Ende der Konsensdemokratie?

Dank frühem Proporzwahlrecht bekommt Bern Ende des 19. Jahrhunderts eine überparteiliche Stadtregierung und wird kommunal und kantonal zu einem Modellfall für Konsensdemokratien. Sie bringen politischen Frieden und Wohlstand, kommen aber auch an Leistungsgrenzen. Was man unter Konkordanz versteht, wo sie funktioniert und wo sie scheitert, erfährt man auf dieser Stadtwanderung. Speziell für ausländische Gruppen geeignet.

Dauer: 1,5 Stunden
Start: Politforum im Käfigturm
Ende: Reithalle

Lobbying-Wanderung: Besuche der Vorhöfe der politischen Macht

LobbyistInnen sind nicht mehr draussen, aber auch nicht ganz drinnen. Sie sind ein Bindeglied zwischen Zivilgesellschaft und Staat. Und sie werden immer mehr. Ich zeige, wie sie auf Parlament, Regierung und Verwaltung Einfluss nehmen, wie sie sich in ausserparlamentarischen Kommissionen einnisten, Clubs für informelle Treffen gründen und für die Grünen genauso wie für Economiesuisse arbeiten und ich stelle die Frage, ob so auch in der Schweiz in den USA diagnostizierte Power Elite entsteht.

Dauer: 2 Stunden
Start: Hotel Bellevue
Ende: Geheimplatz

Rotgrünes Bern

Am 6. Dezember 1992 übernahm RGM die Mehrheit in der Berner Stadtregierung. 2024 wird das Bündnis durch BGM (Bürgerlich-Grünliberale-Mitte) herausgefordert. Es ist zeit eine Bilanz zu ziehen, wie RGM die Linke verändert und was das Bündnis erreicht hat, etwa bei der Frauenförderung, bei der Zurückdrängung des Stadtverkehrs oder in der Kulturpolitik. Es geht aber auch um missglückte Projekte und die Aussichten auf einen neuen Bahnhofplatz.
Wir sehen uns hierzu die Altstadt, das Regierungsviertel und das Bahnhofsquartier an.

Dauer: 1,75 Stunden
Start: Volkshaus 1914
Ende: Baldachin

Angebot in Murten

Ein Kunterbunt vor Ort

Murten gilt als Juwel unter den Schweizer Kleinstädten, aber auch ein bisschen ruhig. Das war nicht immer so. Da wurde der savoyische Stadtherr Gegenpapst, da kam es zur Schlacht vor den Toren Murtens, da verbrannte man Hexen im Innern der Stadt und da unterrichtete ein revolutionärer Lehrer aus Zürich die jungen Mädchen. Vor allem aber sicherten mutige Unternehmer und Ingenieure die Stadt durch die Seeland-Korrektion vor Flut und Krankheit.
Alles kompakt erzählt, in der Kleinstadt, die das alles beherbergt.

Dauer: 1,5 Stunden
Start: Mauritius Kirche vor der Stadt
Ende: Französische Kirche

Angebot in Luzern

Facetten der ungekrönten katholischen Hauptstadt

Ludwig Pfyffer von Altishofen galt im 16. Jahrhundert als König der Schweiz. Er förderte die Gegenreformation und wollte eine rein katholische Schweiz mit Luzern im Zentrum begründen. Sein Plan scheiterte, beeinflusste aber die Stadtgeschichte mit den Schulen der Jesuiten, mit Vorreitern der Helvetischen Republik und mit Begründern der kantonalen Demokratie. 1847 war Luzern Kampfplatz des Sonderbundskriegs, der zum Bundesstaat führte. An den schloss sich die Stadt verspätet erst mit dem Sackbahnhof an der Gotthardlinie an. Dank dem KKL schaffte man in der Gegenwart auch den Anschluss an die Postmoderne.

Dauer: 2 Stunden
Start: Kapellplatz
Ende: KKL

Angebot in Aarau

Helvetiopolis

Die Provinzstadt wird 1798 unvorbereitet erste Hauptstadt der Schweiz. Die Jahre der Helvetischen Republik markieren einen der tiefsten Einschnitte in der Schweizer Geschichte. Ich zeige, wo die Franzosen ein Nationaltheater planten, wie die helvetischen Behörden tagten, warum das Experiment scheiterte und die napoleonischen Kantone wie der Aargau entstanden und wo die neuen Institutionen wie Regierung, Parlament und Kantonsbibliothek untergebracht sind. Ich habe selber fast 20 Jahre da gewohnt, und erhelle unterwegs auch mein Aarau.

Dauer: 2 Stunden
Start: Alte Kanti
Ende: Dach des Kunsthauses

Kontakt

Ich führe in aller Regel nur Wanderung für Gruppen durch, minimal 8, maximal 20 Personen. Interessierte melden sich via Facebook Messenger oder Twitter DM (www.stadtwanderer.net) bei mir zur Fixierung eines Themas, eines Datums und der Konditionen.

Die Kirche von Ekshärad


Rund um die Kirche von Ekshärad gibt es viele Geschichten. Eine fängt beim Bogenschützen neben dem markanten Gebäude an. Die Legende besagt, er habe nach der Pest im 14. Jahrhundert einen Vogel im Gebüsch jagen wollen. Doch war der Vogel aus Holz, und das Gebüsch hatte die verlassene Kirche so stark überwachsen, dass man sie nicht mehr bemerkt hatte. Doch sei sie durch den Schuss wieder entdeckt worden.
Seit 1688 steht die heutige Kirche in 300m Entfernung auf einem sicheren Plateau. Alte Pferdestallungen weisen noch den Weg zur vorhergehenden, die bei einer Flutwelle weggeschwemmt wurde. Genutzt werden sie heute von Handwerkern, die an der „Kirchgasse“ ihre Produkte anbieten. Denn zu Pferd kommt heute niemand mehr in die Kirche.
Wie viele des Sonntags mit dem Auto oder Fahrrad noch kommen, entzieht sich meinen Kenntnissen. Von den 1000 Einwohnenden des Ortes dürften es die wenigsten sein.
An der heutigen Kirchenführung waren allerdings ausgesprochen viele Neugierige anwesend. Die meisten dürften wie wir Touristen vor Ort oder auf Durchreise gewesen sein. Vielleicht hatte es auch einige Konzertbesucher vom vergangenen Sonntag.
Von außen fallen einem die rotgefärbten, eingeteerten und gut erhaltenen Schindeln der Kirchfassade auf. Im Innern erkennt man eine einfach, aber stilvolle Barockkirche aus Holz, welche die Form eines Kreuzschiffs hat. In der Länge sind die Bänke und die Kanzel angeordnet, quer findet man die Sakristei und das ehemalige Zeughaus, das heute als Textilkammer genutzt dient.
Das Taufbecken, die Altars- resp. Sakramentenkammer stammen aus dem Mittelalter. Der Glockenturm wurde schon Ende des 17. Jahrhundert beigefügt und mit Kupferdach abgeschlossen. Nur die Orgel und die Fenster wurden erst 1865 eingebaut.
Die Textilkammer bewahrt einige Raritäten auf. So die Krone, die früher Heiratspaaren aufgesetzt wurde, aber auch eine Wanduhr, welche die Zeit vorgab.
Großzügig angelegt ist der Friedhof der Kirche. Seit Generationen werden die Ortsansässigen hier beerdigt. Typisch sind die eisernen Grabkreuze, früher von den lokalen Schmieden kunstvoll in Handarbeit hergestellt. Sie haben die Form eines Lebensbaumes, an deren Äste kleine Eisenblätter hängen, die in der Sonne schon mal glitzern und im Wind fiserln.
So leben die Verstorbenen auch nach dem Tod in der schwedischen Provinz weiter.

Ekshärads kyrka

Det finns många historier kring Ekshäradskyrkan. Man börjar med bågskytten bredvid den framstående byggnaden. Legenden säger att han ville jaga en fågel i buskarna efter pesten på 1300-talet. Men fågeln var gjord av trä, och buskarna hade växt över den övergivna kyrkan så mycket att den inte längre märktes. Men hon upptäcktes igen av skottet.
Sedan 1688 har den nuvarande kyrkan stått 300m bort på en säker platå. Gamla häststallar visar fortfarande vägen till det förra, som sköljdes bort i en flodvåg. Idag används de av hantverkare som erbjuder sina produkter på kyrka getan. För ingen kommer till kyrkan till häst nuförtiden.
Jag vet inte hur många som kommer med bil eller cykel på söndagen. Av de 1 000 invånarna i staden är det förmodligen det minsta.
Däremot var det en hel del nyfikna på plats under dagens kyrkvandring. Precis som vi var nog de flesta turister där eller bara på genomresa. Kanske var det också några konsertbesökare från i söndags.
Från utsidan märker man kyrkfasadens rödfärgade, tjärade och välbevarade bältros. Inuti kan man se en enkel men stilren barockkyrka i trä, som är formad som ett korsskepp. Bänkarna och predikstolen är anordnade på längden, medan man tvärs över hallen finner sakristian och det tidigare vapenhuset, som nu används som textilrum.
Dopfunten, altaret el Sakramentskammarna går tillbaka till medeltiden. Klockstapeln tillkom i slutet av 1600-talet och avslutades med ett koppartak. Endast orgeln och fönstren installerades först 1865.
Textilkammaren håller en del rariteter. Till exempel kronan som förr satt på bröllopspar, men också en väggklocka som visade tiden.
Kyrkogården är rymlig. Här har lokala invånare legat begravda i generationer. Järngravkorsen är typiska, tidigare konstgjort handgjorda av lokala smeder. De har formen av ett livsträd, med små järnblad hängande från sina grenar, som glittrar i solen och flimrar i vinden.
Det innebär att den avlidne fortsätter att bo i de svenska landskapen även efter döden.

Barocke Kammermusik in der schwedischen Provinz


Anders Piscator war mir bis vor kurzem kein Begriff. Doch das war eine unverzeihliche Bildungslücke. Denn der schwedische Komponist war im 18. Jahrhundert nationale Spitze und Mitglied der Königlichen Schwedischen Musikakademie.
Das Ensemble Zellbell, mir ebenfalls lange nicht geläufig, besteht erst seit zwei Jahren und hat es sich unter Rebekka Karlsson zum Ziel gesetzt, die Barockmusik Schwedens neu zu beleben. Als Teil des Projekts gastierte es heute Abend in der Kirche, in dessen Pfarrhaus Piscator 1736 geboren wurde.
Das Konzert mit je zwei Sinfonien und Trios war absolute Klasse. Die Barock-Violinen und -Oboen begleiteten das Cembalo und Cello auch ohne Dirigent so klangvoll harmonisch, dass die große Holzkirche musikalisch bis unter das Dach gefüllt wurde.
Gelegentliche Längen in den Kompositionen löste des Septett mit Spielfreude und -witz spielend auf.
Das meist ältere Publikum dankte ihm und dem Pfarrer herzhaft, dass sie den Mut hatten, weit ab in der schwedischen Provinz, aber eben am Heimatort des Musikers aufzutreten resp. aufspielen zu können.
Für uns war der Besuch des Ensembles in der Pampa eine tolle Gelegenheit, das barocke Schweden musikalisch besser kennen zu lernen und den verregneten Sonntag außer aus dem Saunafenster zu sehen auch beschwingt im historischen Rückblick zu schätzen.
Eigentlchen sollte das Ensemble bald einmal auf Tournee auch auf den Kontinent gehen. Die Kirche von Weggis kennen es schon. Andere Veranstaltungsorte mit tradtionsreicher Musik in der Schweiz könnten da zum eigenen Vorteil nachziehen.

Netzwerke der Prostitution

Vor wenigen Tagen schrieb ich hier erstmals über Netzwerke, die aus Gründen und mit Folgen flexibler als Organisationen handeln. Seither lässt mich das Thema nicht mehr los. Ein neues Beispiel.


Bild: Bund/Bernerzeitung
Bund und BZ berichten heute in einer breiten Reportage der Journalistin Rahel Guggisberg über ein bulgarisches Netzwerk, das in Bern Prostitution betreibt.
Orte und Namen kommen nicht vor, macht aber nichts. Denn die geschilderten Strukturen sind aufschlussreich. Zum Beispiel, weil es nicht nur Zuhälter gibt, welche die Sexarbeit kontrollieren, sonders auch Loverboys, die Sexarbeiterinnen anwerben und verschleppen.
Sie versprechen jungen Frauen meist in Armut in der Heimat ein schönes Leben mit Heirat, das sich auch abzeichnet. Dann reist man gemeinsam in die Schweiz, um Ferien zu machen. Unter dem Vorwand, fehlendes Geld für einen Hauskauf in der Heimat beschaffen zu wollen, werden die Frauen dann von ihrem Loverboy zu Prostitution angehalten.
Zum Ausmass gibt es nur Mutmassungen. So sollen 2023 70 Frauen aus Bulgarien nach Bern verschleppt worden sein.
Der Aarestadt bemüht sich, den Frauen den Ausstieg zu ermöglichen und in ihr Ursprungsland zurückzukehren. Dort sollen sie in speziellen Schutzhäusern in ein normales Leben zurückfinden.
Menschenhandel lässt sich häufig nicht nachweisen. Denn aus Angst werden keine Aussagen und Anzeigen gemacht.
Ganz überraschend ist das alles nicht. Um möglichst unentdeckt operieren zu können, nutzt der Menschenhandel die Form der Netzwerke mit Hotelbesitzern, Bordellbetreibern, Zuhältern und Anwerbern.
Die Angebote sind vielfältig. Sie reichen von Strassenprostitution bis zu Escortservices. Nicht selten werden die Kontakte auch online hergestellt.
Gemeinsam sind die Merkmale der Sexarbeiterinnen. Sie stammen meist aus ärmlichen Verhältnissen oder sind verschuldet, werden zur Migration in ein fremdes Land verführt oder gezwungen, und da unter Gewalt da in Abhängigkeit gehalten und ausgebeutet.
Ich habe schon lange keine so aufschlussreiche Reportage in Bund/Bernerzeitung gelesen.

Stadtwanderer

Berner Matte

Heute war ich hinter Christine Ris in der Berner Matte unterwegs. Niemand kennt das Quartier so gut wie sie, und niemand spricht so fliessend Matteänglisch wie sie. Das war die Geheimsprache der Flösser.
Das zeigte uns Christine anhand unserer Namen. Im Berndeutschen wäre ich Clödu (schrecklich, ich weiss!). In Gedanken trennt man das nach der ersten Silbe und vertauscht sie. Schon wäre ich DuClö. Das verfeinert man, indem man an den Anfang ein I setzt und ans Ende ein e. Steht das nehmen einem Vokal, wird dieser gestrichen.
So heisse ich IduCLe.
Nun wisst ihr das!


Gelernt habe ich heute auch, wo 1971 die Härdlütli gegründet wurden, die sich als erste alternativen Gruppierung an den Berner Stadtratswahlen beteiligten. Sie gewann gar einen Sitz. Der ging nicht an Polo Hofer, dem Promi auf der Liste, sondern an die weniger bekannte Magrit Probst. Sie gehört zu den allerersten Frauen in der Berner Legislative überhaupt
Bekannt wurden die Härdlütli zuvor durch ihr Plakat. Alle vier KandidatInnen posierten nackt, wenn auch gut arrangiert!
Margrit blieb übrigens nicht lange Politikerin. Nach einem Jahr trat sie wieder aus der Stadtrat aus und wanderte später sogar ganz aus der Schweizer aus. Kürzlich kehrte sie wieder zurück und meinte, die vielen Leute auf den Plätzen in Bern seien etwa das, was sie sich damals für die Politik gewünscht hätte, nicht die öden Traktandenlisten im Stadtrat.
Nun wisst ihr auch das!
Iducle

Bild: Sonntagsblick: Im grünen Haus wurde die Partei gegründet

Stadtwanderung zu Netzwerken

Ich bin gerade mit Netzwerken beschäftigt. Nein, nicht dem Eisenbahnnetz oder dem Internet, sondern mit gesellschaftlichen Netzwerken. Ich denke eher an Kirchen oder Offiziersgesellschaften, Frauenorganisationen und Wirtschaftsverbände, aber auch an Drogendealer oder Spione. Sie alle sind eine Art Netzwerk.

Netzwerke beginnen mit Knotenpunkten und Verbindungen dazwischen. Sie informieren und kommunizieren. Die verleihen Macht und Einfluss. Sie mobilisieren und unterstützten, sie befördern Karrieren und sie integrieren die Gesellschaft.
Das Milizparlament ist wohl das grösste Netzwerk der Schweiz. Jedes Mitglied ist nebst der Partei, die ihn nominiert hat, im Schnitt Teil von 10 Organisationen. Mit zwei Badges erhalten einige davon privilegierten Zugang zum Parlament. Andere sind bestrebt, mit bezahlten Mandaten ihren Einfluss zu mehren. Dritte heuern PA-Firmen an, um sie Gehör zu verschaffen. So ist in den letzten Jahren eine gut vernetzte, bunte Szene rund um das Bundeshaus entstanden, die alle Netzwerke sind.
Heute sind so verschiedene Gruppierung dabei wie Alliance F, ein bewegungsnahes Netzwerk, Economiesuisse, ein Politiknetzwerk, das Bundespolitik zu steuern versucht, oder Farner AG, eine PR Agentur, welche Oppositionelle zum Rahmenabkommen wie auch zur Schuldenbremse unterstützt. Erwähnt seien auch die Klima-Senior:innen, die medial stark unterstützt, in Strassbourg gegen die Umweltpolitik klagten.
Ich bin eingeladen worden, am diesjährigen Tag des Denkmals eine Stadtwanderung zu „Vernetzt“ zu machen. Zuerst zögerte ich. Denn weder ein Denkmal noch eine Skulptur gibt es in Bern, die an gesellschaftliche Netzwerke erinnern würden. Aber es gibt genügend symbolische Orte, wo Netzwerke tagen, ihre Zentrale haben oder ihre Arbeit planen.
Am 8. September ist es soweit. Die neuartige Führung findet gemeinsam mit Memoriav statt, dem Verein für die Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes. Ton, Bild und Erzählungen sollen so ein gemeinsames Denk-Mal der heutigen Politik bilden!

Der Wein des Regierungsrats

Dubonna ist keltisch und der Name von Twann. Das leitet sich vom mittelalterlichen Duana ab, das zuerst zu Duanna und dann zu Twann mutierte. In historischen Zeiten dürfte Sprach- und Herrschaftsgrenze gewesen sein.

Doch ist Dubonna auch ein Wein. Traditionsgemäß gehört das Rebgut einem Regierungsrat, der zuvor SVP-Parteisekretär war. Das trifft auf Peter Schmid, Werner Luginbühl und Christoph Neuhaus zu.
Letzterer ist auch die aktuelle Eigentümer. Weinbauer nennt sich Neuhaus allerdings nicht, aber stolz, den Flecken Erde aus seiner Heimat, dem Seeland, sein Eigen nennen zu dürfen, ist er schon. Und ein wenig in der Tradition der bernischen Patrizier mit ihrem eigenen Wein steht er auch!
Zur Flasche kam ich vor kurzem, als ich eine Mail aus der Baudirektion erhielt. Der Chef wolle sich mit mir treffen.
Ich nahm an, und wir kehrten im eniline in der Berner Altstadt ein, da wo einstmals die Gesellschaft zum Narren war, die dann mit der zu Distelzwang fusionierte. Die wiederum war im alten Bern Treffpunkt der politischen Elite. Schultheißen, Staatsschreiber, hohe Offiere und Kirchenmänner gehörten ihr an und versammelten sich in der Gesellschaftsstube.
Regierungsrat Christoph Neuhaus wollte mit der kleinen Einladung ganz einfach danken – für meine historischen Exkursionen in Bern und im Internet. Er sei auch geschichtsinteressiert und ortsverbunden. Das eint uns.
Die Flaschen habe ich heute zu Lachs, Bratkartoffeln und Gurkensalat geöffnet. Der Wein war ganz fein. Gerne bedanke ich mich auch.
Bald schon sehe ich mehr Lachse, aber keinen Wein mehr. Denn in Gedanken bin ich – bei aller Liebe zu Bern – bereits unterwegs nach Sverige!

Hugenotten in Bern – Was man neu über sie weiss

„Auf den Spuren der Hugenotten und Waldenser“ heißt das neue Wanderbuch von Florian Hitz. Der Experte für Integration in Biel/Bienne teilt die Strecke von Genf bis Schaffhausen in 28 Teile und beschreibt die wichtigsten Stationen der Hugenotten, die nach 1685 Frankreich zahlreich verließen. Bis zu 200000 Hugenotten und 4000 Waldenser aus Italien kamen in Genf an und suchten Schutz bei unseren Vorfahren.





Bilder: 1 Entlang der Aare, 2. Schiffahrt 3. Zentrum bei der Französischen Kirche, abgerissen, 4. heutige Centrum der französischen Reformierten Kirche (früher ebenfalls von Hugenotten benutzt). Quellen: erwähntes Buch, Der Bund, Stadtwanderer

Bern verpflichtete sich 32% aufzunehmen, Zürich 23%, Basel 14%, Schaffhausen 13%, St. Gallen 13%, Appenzell Ausserrhoden und Glarus je 3 sowie Biel und Mühlhausen je 2%. Die katholischen Orte passten. Ihnen waren gute Beziehungen zum französischen König wichtiger.
Im reformierten Bern hausten die Hugenotten im Quartier des ehemaligen Dominikanerklosters, heute nach ihnen Französischen Kirche benannt. Sie diente ihnen auch als wiederhergestelltes Gotteshaus.
Ihre Unterkünfte sind nur noch teils erhalten. Sie waren auch Arbeitsorte. Andere waren unten an der Aare. Tätig waren sie vor allem in der Textilproduktion. Hüte, Uhen und Schmuck kam mit ihnen nach Bern. Die Obrigkeit reagierte mit strengen Kleidermandaten.
Vor allem im Gebiet der heutigen französischen Schweiz erinnert man die Hugenotten als Gemüsepflanzer. Sie brachten Artischoken, Spargeln und Schwarzwurzeln mit.
Der anfängliche Enthusiasmus wich allerdings viel Skepsis, bis zur Ablehnung vor allem der Waldenser. Schlechte Ernten verschärften die Lage.
Nach dem Frieden von Rijswijk (1697) verließen viele der Verbliebenen die Schweiz. Nur wer unternehmerisch tätig war, konnte in der Eidgenossenschaft bleiben. Einige Familien, die man heute noch kennt, gehörten dazu. So die Rinigier und die Ogis …

Claude Alain Longchamp

Namenstage sind etwas aus der Mode gekommen – jedenfalls in den reformierten Gebieten. Katholiken sehen das anders. Denn sie erinnern sich am Namenstag in der Regel an den Todestag des heiligen oder seligen Namensgeber.


Kaiser Claudius des Römischen Reiches, der Hinkende

Bei mir ist das wohl nicht der Fall. Denn Claude stammt von Claudius. Claudus wiederum meint hinkend wie der römische Kaiser Claudius, der im ersten Jahrhundert regierte und der erste behinderte Kaiser war.
Im Französischen ist Claude ein ein geschlechts- und genderneutaler Name. Königin Claude war die Frau des Renaissance Königs Francois I. in Frankreich. Sie liebte gelbe Pflaumen, die nach ihr benannt sind. Und Claude Monet muss ich ja noch weiter erläutern.
Mein Freiburger Taufpfarrer weigerte sich deswegen in den 1950ern, mich nur Claude zu taufen. Und so heiße ich eigentlich Claude Alain.
Alain wiederum hat zwei Herleitungen: einmal kommt es vom englischen Alan, sodann von den Alanen, einem Wandervolks, dass während der großen Völkerwanderungszeit von der heutigen Ukraine bis nach Spanien wanderte.
Deutsch ist Claude kein Unisexname. Wäre ich als Mädchen geboren worden, hiesse ich Claudia. Aber in Fribourg wäre das eh heikel gewesen. Meine Nachbarin nannte man als Mädchen Claudine.
Ach ja, Eigentlich wollte ich nur sagen: Heute ist für alle Claudes Namenstag!

Stadtwanderung zum Lobbying

Unentwegt unterwegs bei Wind und Wetter: Stadtwanderung zum Lobbying für Mitarbeitende vom SEM.



Zuerst ging es um Definitionen, dann um die Einflussnahme auf Parlament und Regierung, Campaigning und Volksabstimmungen, ausserparlamentarischen Kommissionen und erlauchte Clubs, Botschaften und Parteien, die Lobbying für ihre Zwecke einsetzten. Bisweilen standen wir arg im Regen, doch das war passend für die Sache! Am Schluss waren dennoch alle zufrieden.

Galantes Bern

Der Berner Twingherren-Streit von 1470 war ein grosses Ereignis während der spätmittelalterlichen Geschichte der Stadt. Twingherren waren private Inhaber der Gerichtsbarkeiten auf dem Lande, meist Junker aus der Stadt. Im Streit ging es darum, dass die Twingherren die Einnahmen daraus als ihre betrachteten, während sie für die Handwerker und Kaufleute ausschliesslich der Stadt gehörten.
1470 wurde mit Metzgermeister Peter Kistler für einmal kein Stadtadeliger Schultheiss von Bern. Er fackelte nicht lange und zitierte die Frau von alt Schultheiss Adrian von Bubenberg und weitere adelige Gemahlinnen vor das Sittengericht. Anlass war ihre höfische Kleidung der Junker, die den Stadtbürgern als burgundisch-extravagant galt. Der Prozess endete mit der vorübergehenden Verbannung verschiedener Adelsfamilien aus der Stadt.

Im kleinen Büchlein “Galantes Bern” von Sergius Golowin (und Oskar Weiss), das ich über Pfingsten wieder gelesen habe, wird der Twingherrenstreit auf die spezielle Art des verstorbenen, sagenhaften Geschichtenerzählers aufgenommen.

Das lebensfrohe Leben der Frauen und Kinder
Da verstehen sich die eigenwilligen Stadtadeligen mit ihren Frauen nicht an die Gebote von Papst und Kaiser gebunden. Gemäss den Sagen kleidet sich letztere nach orientalischer Sitte. Die Frauen tragen eine Tracht mit tiefem Ausschnitt bis zum Bauch, verhüllen dafür ihr Gesicht mit leichten Tüchern. Selbst Glöcklein hätten an ihren Kleidern gehangen, um Aufmerksamkeit zu erregen.
Auch die Kinder der Stadtadeligen sollen vom Morgenland träumen. Die Söhne schlossen gerne Kreuzzügen nach Jerusalem an, und die Töchter erlernten mit Vorliebe das Tanzen vor Männern. Ziel war es gewesen, durch Ruhm und Ehre sozial aufzusteigen. Das erregte den Widerspruch der Handwerker für die nur der berufliche Erfolg zählte.
Sagenhafter Startschuss für die fremdländischen Frivolitäten im frohen 15. Jahrhundert sei der Besuch des Kaiseraspiranten König Sigismund von Ungarn gewesen, steht im Buch. Die Stadt habe selbst die Bordelle angewiesen, die hohen Besucher auf Stadtkosten zu unterhalten. Zahlreiche Damen hätten sie bereits nackt badend in den städtischen Brunnen empfangen.

Viel Sagenhaftes wohl mit wenig Wahrheitsgehalt
Golowin und Weiss erzählen auf gut 60 Seiten noch viele ähnliche Geschichten. In der Stadt habe die Strenge der Reformation schliesslich gesiegt. Nicht so auf dem Land, wo zahlreiche Bäder und Tanzbühnen für allerlei Vergnügen bestanden. Neu aufgelebt sei das frohe Stadtleben aber mit den Weinkellern, welche die Franzosen in grosser Zahl wieder erlaubten.
Einiges erinnert einem an den Kulturkampf von heute zwischen sittenstrengen Bürgern und Anhänger:innen der verschiedenen Alternativkulturen, der sich immer wieder an Kleidern entzündet.
Das ganze Büchlein zu damals ist leicht und flüssig geschrieben, sodass man gelegentliche Hinweise, dass die Quellen die mündlichen Überlieferungen oft nicht stützen würden, gerne übersieht.
Die Autoren haben dafür auch eine Erklärung. Die Herren in Ämtern der Stadt seien dem Gemeinwohl verpflichtet gewesen und hätten sich an die obrigkeitlichen Normen gehalten. Anders die Frauen und Töchter, die frei von solchen Verpflichtungen zahlreiche Kontakte zu Fremden pflegten, dabei viel Wissen erwarben und eine Art Gegenmacht mit viel Eigenleben geblieben seien.
Keine konforme, aber eine galante Macht in Bern.

Gastliches Emmental, zum Beispiel der Löwen in Grosshöchstetten

Heute waren wir auf Beizentour im Emmental angesagt. Inspiriert hat mich dieses kleine Büchlein, das ich beim Zügeln wieder gefunden und nun neu entdeckt habe.

Es entstand zwar schon 1988. Dennoch gibt es eine gute Uebersicht über fünfzig empfehlenswerte Gasthäuser, Restaurants und Hotels im Emmental. Ergänzen kann man es mit der aktuellen Zusammenstellung auf Internet 😊 https://emmental.ch/de/essen-trinken.html).
Besonders gefallen hat mir der Löwen. Das ursprüngliche Gasthaus stammt aus dem 15. Jahrhundert und ist so alt wie die erste gesicherte Taverne in der Stadt.
Grosshöchstetten liegt 30 km von Bern entfernt, der klassischen Distanz im Pferdezeitalter für einen Zwischenhalt auf dem Weg durchs Emmental und Entlebuch nach Luzern.
Der Löwen ist heute ein prächtiges Landhaus. Ursprünglich diente es kirchlichen Zwecken, vielleicht als kleines Kloster, wie uns eine kleine Glocke davor zeigt. heute noch erinnert.
Lange war der Loie das einzige Gasthaus im Dorf. 1427 wird es erstmals als das geführt. Deshalb diente es auch aus Gerichtsstätte im alten Bern, und in neuerer Zeit befand sich die Post hier.
Mitten im 18. Jahrhundert begann der Neubau, abgeschlossen war er erst nach über 100 Jahren. Früher bestand eine direkte Verbindung zur Dorfmetzgerei. Heute ist es repräsentativer Treffpunkt mit gutbürgerlicher Küche. Angegliedert ist eine Bar und zum Badi-Restaurant gibt es eine enge Bindung.
Wir haben die Milchkaffees mit Nussgipfel genossen und ein wenig dem angeregten Jass-Gebrabbel am Tisch nebenan gelauscht. Die Bedienung war sehr aufmerksam und nett.
So können wir nur Gutes berichten!

Der Territorialstaat der Zähringer

Die Tage im Schwarzwald haben gut getan. Genau gesagt waren wir im Markgräfler Land, dem Gebiet nahe dem Rhein auf deutscher Seite.
Ich habe auch einiges über die Zähringer gelernt. Denn der Schwarzwald war eines der (vielen) Gebiete, die im Hochmittelalter (10.-13. Jahrhundert) besiedelt wurden. Massgeblich waren dabei die kirchlichen Klöster und der weltliche Adel.

Im Schwarzwald muss man die Zähringer an erster Stelle nennen. Ursprünglich waren sie Grafen mit Stammsitz in Staufen (bei Freiburg i. Br.). Später trugen sie den Titel eines Herzogs, doch hatten sie nie eines der existierenden Stammesherzogtümer (wie das von Schwaben) beherrscht. Nur kurzzeitig waren sie im entfernten Kärnten Herzöge gewesen. Doch wurde ihnen das Lehen entzogen, als sie sich bei der Königswahl auf die Seite von Rudolf von Rheinfelden und damit gegen die aufstrebenden und siegreichen Staufer stellten.
Genau das sollte jedoch der Wendepunkt in ihrer Geschichte mit dem Schwerpunkt im 12. und 13. Jahrhundert werden. Denn sie nun trieben zuerst nördlich des Rheins, dann auch südlich die Kolonisierung bisher kaum besiedelter Gebiete systematisch voran, um als Konkurrenten zu den begüterten Staufer zu werden.
Wir erinnern uns an sie als Städtegründer, doch waren sie eher Strassenbauer, zuerst von Staufen, ihrem Stammsitz nach Rheinfelden, dann aber südlich der Aare von Herzogenbuchsee bis Bern und dann in die heutige Suisse romande.
Gerne vergleicht man diese Modernisierung im Schwarzwald nicht ohne Stolz mit den Normannen in Sizilien, die auch am bisherigen Adel vorbei einen eigenen neuartigen Territorialstaat aufbauten. Die strategisch wichtigen Uebergänge über Flüsse wie Rheinfelden über den Rhein, in Burgdorf über die Emme, in Bern über die Aare und in Fribourg über die Saane bildeten die Ausgangspunkte ihres Territorialstaates, vollendet mit Städten dazwischen, die als Raststätten dienten und je einen Markt für den lokalen Handel erhielten. So verwoben sie zusehends ein wirtschaftliches Territorium.
Die Konkurrenz zu den Stammesherzogtümer mit ihren alten Landschaftskammern sollte von Erfolg gekrönt sein. Denn der zähringische Territorialstaat entwickelte sich als wirtschaftliche Alternative zu den herrschaftlich bestimmten Stammesherzogtümern hervorragend. Vor allem die beiden letzten Zähringer, Berchtold IV. und Berchtold der V., waren gezielte Kolonisatoren des westlichen Mittellandes.
1218 verstarb letzterer kinderlos. Der Sage nach, weil die Kiburger, Konkurrenten im südlichen Schwaben, Berchtolds Kinder vergiftet haben sollen. Zudem verloren die Zähringer im Burgundischen verschiedene Schlachten gegen die Savoyer und ihre Vasallen, bis die erfolgreiche Hauptlinie in der Mannesfolge ausstarb.
Die Nebenlinie existierte übrigens weiter und stellte bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Markgrafen von Baden – eben da, wo wir in den Ferien waren!

“Laut ist out.”

Diesen Spruch einer Kampagne gegen Lärm haben wir uns gut gemerkt, bevor wird gezügelt haben. Gemeint haben wir damit, dass einer unserer Nachbarn in der Aumatt mit seinen regelmässigen nächtlichen Parties heftig aus dem Rahmen fiel, was uns (und anderen) das Leben zunehmend schwer machte.

Nun sind wir in ein ruhiges Nachbar-Quartier gezogen, denn Hinterkappelen gefällt uns als Schweizer Wohnsitz weiterhin.
Einige meinten, der Kappelenring sei ein einfach grosses Altersheim. Ganz falsch ist das nicht, wirklich richtig aber auch nicht. Der Altersdurchschnitt ist tatsächlich gestiegen. Die Menschen sind hier aber rücksichtsvoll und freundlich – ein wenig wir in einem Dorf.
Jedenfalls geniessen wir nach 10 Tagen bereits die Ruhe. Morgens keine Autobahngeräusche und tagsüber keinen Fluglärm! Und des Nachts können wir auch wieder ruhig schlafen.
Das ehemalige Haus haben wir Mieter:innen heute aufgeräumt und geputzt abgegeben. “Besenrein plus” steht im Protokoll, das der Vertreter des Hauseigentümerverbands erstellt hat. Grossen Dank an unser ukrainisches Putzteam, das heute nochmals vor Ort war.
Mit der Unterschrift der beteiligten Parteien ist dieses Kapitel nach 24 Jahren oder einem Drittel meines Lebens nun definitiv abgeschlossen!
Ab morgen widme ich mich wieder dem Stadtwandern!
Claude Longchamp

Max zügelt! Wir auch!

Heute ist der letzte Tag in unserem noch ungetrennten Grosshaushalt am Aumattweg im Berner Vorort Hinterkappelen.

Morgen um 8 stehen die ersten Zügelmannen auf der Matte. Dann geht der ausgeschiedene Teil ins Lager Bümpliz. Am Samstag reisen einige Büchergestelle nach Courfaivre ins Archiv für Demokratie. Und am übernächsten Dienstag beziehen wir unsere neue, viel kleinere, aber eigene Wohnung am Kappelenring im gleichen Ort.
Damit nicht genug: Im Sommer geht der letzte Teil nach Schweden!
Es war eine schöne Zeit hier in der Flachdachsiedlung. Die Aussicht auf die Aare war herrlich, der Vogelgesang im benachbarten Wald jeden Frühling einmalig.
Aber es gab auch Probleme – typisch für Reiheneinfamilienhäuser: Spätestens seit der Pandemie und dem homeoffice wissen wir: Laut ist out!
Das hat uns gelehrt, nach unserer Pensionierung in einem ruhigeren Umfeld wohnen und leben zu wollen.
Die logistische Pack-Herausforderung für einen solchen Prozess hat heute ihren ersten Höhepunkt erreicht. Wir sind froh, wenn es Morgen Abend ist!
Max auch!

Im Zeichen des Zügelns

Die Vorbereitungen des Zügelns machen rasche Fortschritte.

Diese Woche habe ich den Grossteil meiner Mittelalter-Bibliothek entsorgt. Die Berner Wirkstätte für das Alte Wissen, auch als Menhir an der Kramgasse bekannt, bekam 7 Kisten mit rund 250 Büchern geschenkt. Die Trennung war schmerzhaft, denn die Literatur betraf auch das Stadtwandern. Ich habe aus den vielen Büchern viel über Bern gelernt. Vieles davon habe ich bei Dirk Dienel gekauft, der das Antiquaritat betreibt – und jetzt habe ich es symbolisch zurückgegeben.
Die Ostertage wiederum stehen ganz im Zeichen der Haushaltsreduktion. Während Jahren betrieben wir eine typischen Haushalts von Dinkies – geprägt durch viel Arbeit! Die Pandemie warf uns auf uns zurück. Seither sind wir vermehrt zuhause, und haben wir uns auf die Veränderungen eingestellt. Nun folgt das Zügeln in eine altersgerechte, deutlich kleinere Wohnung. Heute war unter anderem das Geschirr an der Reihe. Es wurde stundenlang gewaschen und verkleinert. 56 Tassen für einen 2-Personen-Haushalt sind ja auch wirklich genug!

Etwas verkürzte Stadtwanderer-Saison 2024 – update

Die Stadtwanderer-Saison 2024 ist vorerst kürzer als sonst. Aber interessant wird sie trotzdem!

Hauptgrund: Ich muss beruflich und privat zügeln. Deshalb starte ich erst im Mai.
Zweiter Grund: Ich plane, von Anfang Juli bis Mitte September auf eine Reise in den Norden zu gehen.
Und das sind meine bisherigen Termine und Themen:
22.5. Was hat das rotgrüne Bern (nicht) geschafft (VASO, geschlossene Gruppe)
30.5. Lobbying (SEM, geschlossene Gruppe)
4.6. Vom Ancien Regime zum Bundesstaat; Bruch oder Kontinuität (Fortbildung für Gymnasiallehrer Köniz)
7.6. Beizentour (private Führung)
13.6. Burger, Barock und Bourbonen (Fortbildung pens. Lehrer:innen Bernm 1. Runde)
14.6. Lobbying (Generis, Schaffhausen, geschlossene Gruppe)
19.6 Burger, Barock und Bourbonen (Fortbildung pensi. Lehrer:innen, 2. Runde)
21.6. Demokratieführung (Swisspeace, intern. Delegation)
24.6. Bern erleben (private Führung)
27.6. Demokratieführung (Bundeskanzlei, geschlossene Gruppe)
8.9. Vernetzt (Spezialführung zum Tag des Denkmals)
25.9. Militärunternehmer, Lebemann und Schlachtenverlierer. Aufstieg und Niedergang der Familie von Erlach im barocken Bern (Matte-Englisch, geschlossene Gruppe)
22.10. Lobbying (Sozialdirektorenkonferenz, geschlossene Gruppe)
21.11. Lobbying (Europadelegierte, geschlossene Gruppe)
Es ist noch eine Anfrage pendent. Ab Mitte September hat es noch Platz!
Im Prinzip mache ich meine Führungen nur für Gruppen. Interessent:innen melden sich am einfachsten via DM bei mir.
Claude

Pracht und Macht mit Schultheissen Hieronymus von Erlach auf dem Höhepunkt

5. Teil meiner Familiengeschichte über die von Erlachs

Der Kaiser ahnt nicht, was Hieronymus alles treibt, obwohl es Gerüchte gibt. Er hält zu General Hieronymus, weil er die Protestanten auf seiner Seite haben will.

Der Vermittler
Hieronymus nutzt seinen Einfluss in Wien, um die Entscheidungsschlacht zwischen den eidgenössischen Konfessionen 1712 in Villmergen einzudämmen. Oesterreich soll sich enthalten. Die Reformierten unter Bern gewinnen und schliessen einen Vergleich. Beide Konfessionen sind seither gleichberechtigt. Hieronymus wähnt sich als Friedenstifter.
Der Reichsgraf wird Schultheiss
In Wien wird er zum Reichsgraf erhoben, ein hoher Adelstitel, der erblich ist und auf seinen Sohn Albrecht übergehen wird.

Hieronymus wird auch in der Heimat aktiv. Der Grossrat wird Landvogt in Aarwangen, baut Schloss Thunstetten, später auch Schloss Hindelbank, wo die Familie ganz im österreichischen Stil residiert.
1715 wird Hieronymus Kleinrat, bevor er sechs Jahre später zum Schultheiss von Stadt und Republik aufsteigt.

Schwieriger Start
Der Anfang im neuen Amt ist holperig. Ein letztes Mal geht es um den verstorbenen Louis XIV.m denn der Sonnenkönig hinterlässt einen bankrotten Staat. Bern ist ein wichtiger Gläubiger. Der Rettungsversuch mit Aktien der Mississippi-Gesellschaft platzt. Die hohen Verluste der privaten Berner Banken polarisieren das Berner Patriziat.
Nach knapp 10 Jahren lebt man wieder auf, und bringt dem reformierten Vorort mit dem Bau der Heiliggeistkirche und des Burgerspitals wieder Glanz. Mit seinem Erfolg wird Hieronymus 25 Jahren lang Schultheiss sein. Zwölf Mal wird er wiedergewählt, um jeweils für je ein Jahr amtierender resp. stillstehender Stadtherr zu sein.

Auf dem Höhepunkt
Pracht und Macht entfalten sich unter ihm. Das Patriziat wird ausdifferenziert. Es entstehen die fünf Klassen mit Wohledelfesten, Edelfesten, Festen, Lieben und Getreuen. Alle anderen Einwohner werden politisch ausgegrenzt.
Noch vor seinem Tod will Hieronymus sein Lebenswerk mit dem Bau des Erlacherhofs anstelle das maroden Familiensitzes an der Junkerngasse krönen.
Noch heute bestaunt man das Stadtschloss von europäischem Rang.
Gesehen hat Hieronymus sein Stadtschloss allerdings nie. Er stirbt, bevor der Bau fertig ist. Erst sein Sohn Albrecht vollendet und bezahlt ihn.
Die Familie von Erlach zeigt damit der Stadt Bern, wie reich sie geworden war und schön sie leben konnte.

Die Maskerade und ihre Aufdeckung

Das Leben von Hieronymus wäre eine perfekte Barock-Maskerade gewesen, hätte nicht 1934 der französische Diplomatiehistoriker Henry Mercier sein Buch “Un secret d’Etat sous Louis XIV et Louis XV” veröffentlicht. Da weist er nach, dass die Handschriften des anonymen Baron d’E und des Schultheissen d’E. identisch sind.
Hieronymus gilt seither als Agent, der gegen Bezahlung seinen eigenen Kriegsherr geschädigt hat! Nadir Weber, Professor für Schweizer Geschichte an der Uni Bern, schreibt über ihn, er sei “too big to fail” gewesen: zu mächtig, um zu fallen!

Die Opposition des Samuel Henzi
Doch hat auch diese Geschichte ein Nachspiel. Ein Jahr nach dem Tod von Hieronymus kommt es in Bern zu einer Rebellion. Die Burgergeschichte nennt sie verächtlich “Burgerlärm”.
Ihr Anführer ist Samuel Henzi, Spross einer Burgerfamilie, die 1720/21 viel Geld verloren hat und verbittert ist.
Die Obrigkeit spricht sofort ein Machtwort gegen die Verschwörer. Das aufgebotene Militär verhaftet sie, der Schultheiss macht ihnen einen kurzen Prozess. 1749 werden sie auf der Schosshalde mit dem Schwert gerichtet.
Es sollte für lange Zeit der letzte Aufstand gegen das prächtige und mächtige Patriziat sein.

Wie das Doppelleben des Hieronymus von Erlach Stück für Stück entsteht

4. Teil meiner Familiengeschichte über die von Erlachs

Hieronymus von Erlach wird 1667 in Bern geboren. Er stirbt 1748 in Hindelbank, kurz nach seinem Rücktritt als Schultheiss von Stadt und Republik Bern.
Der Jüngling wird der Familientradition folgend zur Offiziersausbildung nach Paris geschickt. Danach kommt er nach Südfrankreich, denn der König plant einen militärischen Angriff auf Katalonien.


Wo alles begann: die südfranzösische Stadt Carcassonne

Die katholische Heirat in Frankreich
Hieronymus’ Arbeit in der Armee wird gelobt. Dennoch ist ihm langweilig. Er lacht sich Francoise de Montrassier, die Tochter des Munitionswartes, an. Bald kommt Klein-Francoise zur Welt.
Die streng katholische Familie verlangt die Heirat – nachdem der Gatte seiner Berner Heräsie abgeschworen habe.
In der Bischofskirche von Carcassonne werden Jerome und Francoise als Ehepaar d’Erlach getraut. Auch die Tochter erhält den berühmten Familiennamen.

Die reformierte Ehe in Bern
Doch hält die Ehe nur ein Jahr. Denn Hieronymus bekommt aus seiner Vaterstadt einen Brief. Johann Friedrich Willading, schwerreicher Aufsteiger im Patriziat und möglicher Schultheiss verspricht ihm sein einziges Kind.
Das ist eine win-win-Sitatuion! Für die Willadings ist es der Aufstieg nach ganz oben in Bern, für Hieronymus ein wichtiger Schritt auf dem Weg, selber Schultheiss zu werden.
Hieronymus zahlt seiner französischen Ehefrau ein Schweigegeld und reist nach Bern, wo er Anna Margarete Willading ehelicht. Die ungeschiedene Ehe in Frankreich verheimlicht er in seiner Vaterstadt.

Der spanische Erbfolgekrieg als Chance
Der Schwiegervater ist allerdings Anführer der Niederländer-Partei. Das Engagement der von Erlachs für Frankreich sieht er skeptisch. Vielmehr wünscht er sich den Schweigersohn auf der niederländischer Seite.
Ein Ausweg zeichnet sich ab, als in Spanien der letzte Habsburger auf dem Königsthron kinderlos stirbt. Frankreichs König Louis XIV nominiert seinen Vetter Philipp von Anjou für die Nachfolge. Spanien wendet sich Frankreich zu. Philipp wird König von Spanien.
1702 bricht der Spanische Erbfolgekrieg aus, Frieden gibt es erst 1715. Frankreich und Spanien sind auf der einen Seite, der Kaiser, Grossbritannien und die Niederlande auf der anderen.
Der Kaiser bestellt bei den Eidgenossen zwei Regimenter, je eines in Luzern und Bern.
Für Hieronymus ist das die Chance! Die die Niederlande auf kaiserlicher Seite.
Hieronymus wird Oberst der österreichischen Versorgungstruppen und rekrutiert seine Berner Untertanen als Söldner. Am Rhein hat er Erfolg und steigt zum Feldmarschall-Leutnant auf.

Der trickreiche König von Frankreich
Alles wäre schön aufgegangen, wenn der trickreiche französische König nicht gewesen wäre. Er spinnt an einer Intrige. Er hat sich die Heiratsurkunde von Hieronymus und Francoise geben lassen und schickt sie seinem Ambassadeur in Solothurn.
Der wird bei Hieronymus vorstellig. Der soziale Tod droht, würde es publik, dass er ein Konvertit und Bigamist ist.
Man einigt sich, die Affäre unter dem Deckel zu halten, wenn Hieronymus sofort als Informant Frankreichs arbeite.
Was auch geschieht! Einmal sind seine Berichte sogar entscheidend. Geschrieben sind sie von Baron d’Elcin, auf dem Landsitz in Jegenstorf übergibt er sie Meldeläufern nach Versailles.
Dank den Informationen verhindert der französische König den Uebertritt der kaiserlichen Truppen über den Rhein.

Das Berner Regiment beim französischen König bringt Einkommen und Verderben

Teil 3 meiner Familienserie

Der 30jährige Krieg hat mit Johann Ludwig von Erlach einen führenden Militärunternehmer. Die gab es in Europa seit dem Mittelalter. Denn die Armeen waren noch nicht stehend und gehörten nicht dem Staat. Sie wurden von Privatleuten organisiert und den Monarchen und Fürsten gegen gutes Geld angedient. Ihre Anführer entschieden weitgehend alleine, für wen sie arbeiteten.

Festes Regiment in Frankreich
Ein Viertel Jahrhundert nach dem 30jährigen Krieg nimmt der französische Königshof allerdings einen Kurswechsel vor und bestellt ein festes Berner Regiment. Neues Einkommen lockt. Johann Jakob von Erlach greift zu und wird Kommandant. Hinfort nennt er sich Jean-Jacques, Baron d’Erlach. Er lebt ganz im französischen Barock-Stil mit Perücke und so.
Die Stadt handelt noch unerfahren ein Abkommen aus, wonach das Regiment nicht gegen Reformierte eingesetzt werden dürfe und stets in Berner Händen bleiben müsse. Als es unterzeichnet ist, interessiert sich der mächtige Sonnenkönig in Versaille nicht mehr für den Fetzen Papier. Er lässt das Berner Regiment gegen die calvinistische Niederlande kämpfen und zwingt Johann Jakob zum Uebertritt zum Katholizismus.
In Bern ist die Hölle los!
Johann Jakob muss auf seine Berner Privilegien verzichten und lässt sich in Fribourg einburgern. Erst nach seinem Tod kommt sein Regiment wieder in Berner Patrizierhände, wo es bis 1798 bleibt.

Die grosse Polarisierung der Berner Politik
Die knallharte Interessenpolitik polarisiert den Grossen Rat. Die von Erlachs bilden eine eigentliche Franzosenpartei. Ihnen steht eine Niederländerpartei aus aufstrebenden Berner Burgerfamilien gegenüber. Sie werben für die calvinistische Republik, die Bern eigentlich nähersteht.
Die Situation ist angespannt. Denn viele hugenottischen Flüchtlinge aus Frankreich sind in der Stadt. Man nimmt sich ihnen an, bis eine Hungersnot droht. Dann kippt die Stimmung. Es kommt zur Ausschaffung.
Zudem decken die Niederländer einen heimlichen Informationsdienst in Bern für den französischen König auf.
Katharina von Wattenwyl, ein Teil der Franzosenpartei, wird gefangen genommen. Ihr wird der Prozess gemacht. Sie wird wie eine Hexe gefoltert, bis sie gesteht, für den Sonnenkönig gearbeitet zu haben. Dann wird sie nach Valangin im Neuenburgischen ausgeschafft.

Die Katastrophe von Malplaquet
Die Rivalität zwischen den “Parteien” und ihren Kriegsherren gipfelt 1709 in einer Katastrophe. Frankreich und die Niederlande stehen gegeneinander im Krieg und setzen je ein Berner Regiment ein. Das Verderben naht.
Am 11. September kommt es in Malplaquet vor den Toren Brüssels zu Schlacht. 8000 Berner Söldner finden an diesem Tag auf beiden Seiten den Tod.
Die Tagsatzung interveniert und legt fest, dass keine Eidgenossen in Fremden Diensten gegen Eidgenossen antreten dürfen. Das hält man bis ans Ende der alten Eidgenossenschaft 1798 ein.

Der rücksichtlose Aufstieg der Familie von Erlach als Militärunternehmer der Stadt Bern

Teil 2 meiner Familienserie

Wir stehen von dem Berner Rathaus. Hier führte seit 1414 ein Schultheiss das Regiment mit einem Kleinen und einem Grossen Rat.
Unterhalb gab es Gesellschaften. Sie organisierten die Berufszweige. Höchste Gesellschaft war stets die zu Distelzwang. Da versammelten sich die ehemals führenden Mitglieder der Behörden, der Armee und der Kirche.
So auch die Familie von Erlach!

Johann Ludwig von Erlach
Uns interessiert hier Johann Ludwig besonders. Nennen wir ihn einfach Hans. Er lebte von 1595 bis 1650. Zentral in seinem Leben war der 30jährige Krieg in Europa. Dieser dauert von 1618 bis 1648 und wird eine riesige menschliche Tragödie.
Es stehen sich der katholische Habsburger Kaiser zuerst gegen das reformierte Böhmen, dann gegen Dänemark und später auch gegen Schweden gegenüber. Beide Königreiche sind reformiert, sodass man von einem grossen Konfessionskrieg spricht. Bis der katholische König von Frankreich eingreift: nun geht es um die Vor-Macht in Europa!
Am Ende gibt es keinen richtigen Gewinner. Der Westfälische Frieden bringt aber die Parität zwischen den Konfessionen, die jetzt gleichberechtigt sind. Und: Die Niederlande und die Eidgenossenschaft scheiden aus dem Kaiserreich aus.

Die neutrale Eidgenossenschaft
Die alte Eidgenossenschaft ist davor erstmals neutral. Im Innern stehen Katholiken und Reformierte gegeneinander. Eine Beteiligung am Krieg wäre die Spaltung gewesen.
General der Tagsatzungstruppen wird der evangelische Berner Hans von Erlach. 1627 heiratet er Ursula von Mülinen, eine Dame aus einer begüterten ursprünglich Brugger Adelsfamilie der Stadt Bern.
Ein Jahr danach wird Hans Berner Kleinrat, wo er für die Reorganisation der Berner Armee zuständig ist. Er steigt auch zum Reformer der Tagsatzungsarmee auf, was ihn als eidgenössischer General mit Standort im Berner Aargau empfiehlt.
Denn Schweden drängt bedrohlich nach Süden. Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar, der Anführer der protestantischen Fürsten im Kaiserreich, unterstützen sie. Es sitzt in Pruntrut im katholischen Fürstbistum Basel und bereitete den Angriff auf das österreichische und katholische Fricktal vor.
General von Erlach wird von den kaiserlichen Truppen beschuldigt, sich nicht neutral zu verhalten. Er sympathisiere offensichtlich mit von Sachsen-Weimar. Die Tagsatzung zitiert ihn – und setzt ihn ab!

Der doppelte Seitenwechsel von Erlachs
Die Absetzung als General erfolgt nicht zu unrecht!
Denn Hans schliesst sich 1638 dem protestantischen Bernhard von Sachsen-Weimar an und hilft bei der Säuberung am Rhein, von Basel bis Laufenburg und zurück nach Rheinfelden. Das Vorgehen ist äusserst brutal. Misshandlungen katholischer Geistlicher tragen den von Erlachs den Uebernamen “Banditen” ein.
Doch Hans ist bei der nachfolgenden Besetzung von Breisach weiter erfolgreich. Er wird gar Gouverneur der Stadt. Da stirbt sein Herzog, nicht ohne Hans zum Testamentsvollstrecker bestimmt zu haben.
Anders als Bernhard ist Hans der Ansicht, Breisach lasse sich ohne fremde Hilfe nicht halten. Er nimmt Kontakt mit dem Nachbarn Frankreich auf. Mit Kardinal Richelieu, der für das Kind Louis XIV. die Geschäfte führt, vereinbart er die Uebergabe der rechtsrheinischen Stadt Breisach an Frankreich.
Dafür wird der skrupellose Hans-Ludwig fürstlich belohnt. Er wird französischer Staatsangehöriger mit Aussicht auf militärische Ehren in Frankreich.
Hans, der sich nun Jean-Louis nennt, bekommt eine unglaublich hohe Belohnung. Mit der zieht er sich in den Berner Aargau zurück. Im Schenkbergertal an der Grenze zum Fricktal baut er 1643 das Barock-Schloss Kasteln. Sieben Jahre später stirbt er da und wird in der Kirche von Schinznach beigesetzt, wo er heute noch ruht.

Bilanz
Mit Johann Ludwig von Erlach steigt das politisch führende Geschlecht zu einer der führenden Militärfamilien Bern auf. Der Protagonist war rücksichtslos, ja brutal. Er war durch den Krieg geprägt, machtversessen, und folgten allen Wünschen seiner Kriegsherren. Doch er etablierte auf diese Weise die künftig wichtige Einkommensquelle der Stadt und Republik Bern und seiner Familie.

Fortsetzung folgt