#Beizentour: Wie die frühe Oeffentlichkeit in Bern und anderswo mit dem traditionellen Gastgewerbe entstand

Ich habe meine ersten Probeführungen für die neue Beizentour gemacht. Sie fanden durchwegs Anklang. Sie haben mir auch gezeigt, was ich noch verbessern sollte. Vor allem wurde mir klar, dass ich die Begriffe zum Gastgewerbe für den historischen Ueberblick im Voraus klären muss.

Vom Kloster zum Gasthäuser und Schenken
Heute dominieren das Restaurant und das Hotel als Begriffe. Doch sie stammen bei uns beide aus dem 19. Jahrhundert. Davor unterschied man primär zwischen Gasthäusern und Schenken.
Das Historische Lexikon der Schweiz schreibt, erstere hatten ein Beherbungsrecht für Mensch und Pferd, durften Speis und Trank ausgeben, und sie übten öffentliche Funktionen aus, die man dank obrigkeitlicher Konzession betreiben durfte. Zweitere durften kein Nachtlager anbieten, waren bei den Speisen meist auf kalte Platten beschränkt und hatten seltener öffentliche Funktionen.

Beginn der städtischen Oeffentlichkeit
Mit Gasthäusern entsteht in der mittelalterlichen Welt ein Ort der Oeffentlichkeit, der nicht mehr wie in der Antike an einen zentralen Platz mit Tempeln und Markthallen gebunden war. Nun entsteht sich verteilt mit speziellen Gebäuden entsteht. Ueber die neue, mittelalterliche Oeffentlichkeit bestimmten die kirchlichen oder weltlichen Grundherren resp. die Städte. Ein Eid der konzenssionierten Inhaber band sie an die Obrigkeit.
Gasthäuser garantierten die kontrollierte Unterbringung in Friedenszeiten von Auswärtigen, aber auch von Geiseln, Häftlingen und Verwundenten in Kriegszeiten. Sie waren waren verpflichtet, alle aufzunehmen, die bar bezahlen konnten und nicht rechtens ausgeschlossen waren wie Unehrliche, Geächtete oder Randständige.
In der frühen Neuzeit waren Gaststätten auch bevorzugte Orte für Gerichte. Denn die Beratung über Recht und Unrecht verlagerte sich markanten Orten im Freien in Gasthäuser, die dafür Gerichtsstuben einrichteten.
Das Gesellschaftshaus zu Distelzwang war in der Stadt Bern ein typischer Ort dafür.
Wer eine öffentliche Aufgabe wahrnahm, zahlte eine einmalige Gebühr resp. eine jährliche Abgabe. Konzessionsnehmer waren verpflichtet, ihnen bekannte Rechtsverstösse zu melden.
Ein besonderer Fall ist Bern war der Falken, später das Gesellschaftshaus zu Mittellöwen, das heute vom C&A bevölkert wird. Bern nahm ihn nach der Reformation dem Bischof von Lausanne ab und förderte ihn zum vorherrschenden Gasthaus, wo die hohen Gäste vom Kaiser bis Schriftsteller abstiegen.
Aehnliche Aufwertungen geschahen auch mit der Krone und dem Schlüssel. Damit wollte man dem Wildwuchs an Schenken, die gasthausähnliche Aufgaben übernommen hatten, Einhalt gebieten.

Wirtshäuser und Stuben ohne öffentliche Aufgaben und eingeschränkten Rechten
Die aufgeführten öffentlichen Aufgaben unterschieden Gasthäuser nicht nur von Schenken, sondern auch von Trinkstuben der Zünfte oder Gesellschaften, die im 15. Jahrhundert meist aus Privathäusern heraus entstanden und nur für Mitglieder bestimmte Gruppen wie Kaufleute oder Handwerker und Gesellen zugänglich waren. Sie bilden den zweiten Strang, aus dem heraus traditionelle Gasthäuser entstehen. Die Zünfte und Gesellschaften bildeten eigene Gemeinden, und die Zunftmeiste oder ähnliche Organe mit der niederen Gerichtsbarkeit ausgestattet.
Besonders erwähnen muss in Bern auch die Weinkellereien, die häufig zu einer Schenke gehörten. Gereicht wurden hier einfache Platten und vor allem viel Wein. Denn Bier war in die Mitte des 19. Jahrhunderts weitgehend unbekannt. Und Kaffee- oder Teehäuser gab es im alten Bern nicht.
Der Wein kam zuerst aus den Untertanengebiete am Bieler- und Murtensee. Nach der Eroberung der Waadt wurde das Gebiet entlang dem Genfersee zur Quelle der Weinversorgung. Parallel dazu wurden die Weinkellereien zahlreicher, ja zur vorherrschenden Form der einfachen Wirtshäuser.
Einer der wenigen Nachkommen davon ist in Bern der städtisch betriebene “Klötzlikeller”. Denn die meisten Weinkellereien sind in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eingegangen.

Lage und Person als Erfolgsfaktoren
Der ökonomische Erfolg der Gasthäuser hing sowohl von der Person des Wirts als auch vom Standort ab: Geschäftsfördernd waren Lagen an Transitrouten, an Wallfahrts-, Markt- und Messeorten, in städtischen und dörflichen Zentren nahe von Kirche und Markt sowie die Verbindung mit Bädern.
In Bern kennt man eine Häufung entlang der alten “Märitgasse” (heute Gerechtigkeits- und Kramgasse), aber auch der Aarbergergasse. Zudem gab es in der Matte mehrere Gasthäuser, die zum Badbetrieb gehörten.
Der Wirt entsteht als markante Figur zwischen Obrigkeit und Bevölkerung. Beide waren Männer. So wie die Wirte und die Wirtshausbesucher auch,
Geschlafen wurde in Herbergen lange in eigens eingerichteten Sälen. Gegessen in der Gaststube an langen Tischen. Gereicht wurde für alle das gleiche Essen.

Vom Busch zum Schild
Zur Kennzeichnung von Gasthäuser und Schenken schmückte man sie mit Büschen, Kränzen oder Reifen, was sich bei Schenken lange hielt, bei Gasthäusern durch Schilder und Namen abgelöst wurde. Beliebt waren Namen Kirchenpatrone, aber auch Wappen der Landes- oder Stadtherren.
In Bern ist hier insbesondere der Adler bekannt, der nach dem Neubau ein prächtiges Wirtshausschild bekam.
Aber auch die “Wäbere” gehört dazu. Schliesslich fällt eine auch die Gesellschaft zu Mittellöwen ein, die den Falken übernahm mit mit einem Roten Löwen versah, den es heute noch gibt.

Claude Longchamp

Stadtwandern für ausländische ExpertInnen der Raumplanung

Das wird morgen eine Herausforderung: Für eine internationale Delegation, die sich im Bundesamt für Raumplanung trifft, mache ich eine Stadtwanderung. Wir werden gegen den Winter kämpfen!

Der Typ der Führung ist bekannt: Beleuchtet werden die drei Ebenen des schweizerischen Staatswesens mit je einer Station zum Bund, den Kantonen und den Gemeinden/Städten. Dafür Besuchen wir das Bundeshaus, das Berner Rathaus und den Erlacherhof.
Dazwischen gibt es spezifische Exkurse zur Geschichte der schweizerischen Staatsentwicklung resp. zu direkten Demokratie als herausragendem Merkmal des Politsystems. Sie finden am Eingang zur Berner Altstadt resp. über der Plattform beim Münster statt.
Ich hoffe, wir sehen so etwas auch von der Agglomeration, denn die Fachleute aus dem Ausland sind für das Studium der hiesigen Raumplanung da.
Angenehmer Nebeneffekt: Die Führung findet auf französisch statt, was mir Gelegenheit gibt, das Vokabular von “Hotel de Ville” für Rathaus bis “tendences centrifugales“ für den aktuellen Zustand der Politik zu memorieren.
Auf den Winter haben ich mich eingestellt. Und meine Gäste sind vorgewarnt! Schnee wird es auch morgen auf jeden Fall haben. Vielleich zeigt sich Bern im weissen Zuckerguss – oder dann halt im Grau der trüben Januartage.

Bern Tourismus

#Beizentour: spätmittelalterliches Stadtleben in Bern

Zu den Besonderheiten der mittelalterlichen Stadt Bern zählte das Fehlen eines eigentlichen Marktplatzes. Die Berner retten sich normalerweise mit dem Hinweis, stets eine breite Hauptgasse gehabt zu haben, die als Ersatz diente. Doch wo war das politische Zentrum?


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Quelle: Berns mutige Zeit. Das 15. Jahrhundert neu entdeckt

Die Quartiere der Gründungsstadt
Die Gründungsstadt war perfekt in die Aareschlaufe eingepasst. 1218 ging sie bis zum heutigen Zytgloggenturm. 1255 reichte sie bis zum Käfigturm, und 1346 war sie mittelalterliche Stadt fertig gebaut. Sie endete beim westlichen Stadttor mit dem hl. Christopherus, im Bereich des heutigen Bahnhofplatzes.
Charakteristisch waren die Gassen in den Ost/West-Richtung, wobei die mittlere, damals durchgehend Märitgasse genannt, die markanteste war. Quer zu ihr war in der Gründungsstadt die Kreuzgasse. Beide zusammen begrenzten die vier ursprünglichen Stadtquartiere.
Die Kreuzung in der Gründungsstadt ist denn auch das eigentliche Zentrum, das die vier Enden verband.

Herrschaftszentrum im Kreuz
Im Kreuz stand seit 1433 der Kreuzgassbrunnen. Der heutige ist der vierte mit diesem Namen. Seit dem dritten Brunnen, also seit 1657, steht er leicht westliche der Kreuzung, davor leicht östlich.
Die Wichtigkeit des Kreuzes zeigt, was um den Kreuzgassbrunnen war. Auf der westlichen Seite stand der steinerne Richterstuhl, auf der östlichen der Schandpfahl, wo Verbrecher dem Spot der Passanten ausgesetzt wurden.
Beides waren höchste herrschaftliche Symbole, denn die Stadt Bern besass seit 1415 das Recht, selber über Leben und Tod zu entscheiden. Vollstreckt wurden die Todesstrafen ausserhalb der Stadt. Verurteilt wurden die Delinquenten in der Stadtmitte.
Das Rathaus, seit 1415 nur ein paar Schritte nebenan, ergänzte die Szenerie. Auch es hatte zu Beginn keinen Platz davor. Das wertete das Kreuz mitten in der heutigen Altstadt nochmals auf.

Kein Marktplatz aber eine Märitgasse
Die Märitgasse war nicht nur herrschaftlicher Sammelpunkt. Es fanden an mehreren Stellen auch spezialisierte Märkt statt. Am östlichen Stadtende der Ankenmarkt (Buttermarkt), gefolgt vom niederen Viehmarkt, dem unteren Kornmarkt, dem oberen Viehmarkt und dem Gemüsemarkt.
Die Märitgasse fasst das problemlos, denn sie war für eine mittelalterliche Stadt unüblich breit. Ursprünglich wurde sie auf 60 Fuss oder 26 Meter angelegt. Selbst nach dem Bau der Lauben im 15. Jahrhundert mass sie noch 20 Meter. 2 davon gingen an den Stadtbach. Damit blieben je 9 Meter links und rechts davon.
Mitten auf der Märitgasse standen über dem Stadtbach auch die Schal, an denen Brot und Fleisch verkauft wurde. Sie waren ummauert und ohne Dach. Im Innern waren Bänke, auf denen die Waren feilgeboten wurden. Weiter östlich gab es zudem noch die Gerberhäuser. Da wurde mit auf der Strasse Leder hergestellt.

Gentrifizierung des Stadtzentrums
Alle Handwerker schlossen sich seit dem späten 14. Jahrhundert entlang ihrer Tätigkeit zu Gesellschaften zusammen. Zuerst traf man sich in der Stube des wichtigsten Berufsmannes.
Im 15. Jahrhundert beteiligten verschiedene Gesellschaften an der repräsentativen Umgestaltung der Berner Hauptschlagader, indem sie spezielle Gesellschaftshäuser mitten in der Stadt eröffneten. Die Bäcker und Metzger dominierten die untere Stadt, die Gerber und Schmiede die oberen Quartiere. Sie lösten die alten Quartierverwaltungen unter einem Venner ab.
Man kann auch ab 1450 von einer Art frühen Gentrifizierung der Stadt sprechen.
Im Zentrum waren die Gesellschaften der Politik, peripheren die Handwerksorganisationen. Verdrängt wurde so auch der Markt, der sich nach Westen verlagerte, als die Verkaufsstellen für Fleisch und Brot zwischen 1468 und 1488 abgebrochen wurden und die Lederproduktion in die Matte verlagert wurden. Der Name Märitgasse änderte allmählich in Gerechtigkeits- resp. Kramgasse, getrennt durch die Kreuzgasse. Die Marktgasse ist heute ausserhalb der Gründungsstadt.
Speziell waren zwei weitere Gesellschaften: Der Gesellschaft zu Distelzwang, ursprünglich Narren und Distelzwang geheissen, gehörten ab 1420 vor allem der Stadtadel und der Klerus der Reichsstadt an. Und in der Gesellschaft zu Mittellöwen waren die Fernkaufleute organisiert, die im 15. Jahrhundert bis nach Spanien und Polen aktiv waren.

Auch keine Zünfte, sondern Gesellschaften
In Bern waren Zünfte Verboten, es herrschte die Stadtaristokratie alleine, ähnlich wie etwa in Lübeck oder Venedig. Die Junker, wie sich die besseren Stadtberner im Mittelalter nannten, standen den Handwerker skeptisch gegenüber. Ihre Zusammenkünfte galten als Orte der Unruhe, weshalb man sie streng kontrollierte und vom Regiment ausschloss.
So hatten die Gesellschaften keinen direkten Zugang zum Rat. Dch bildeten sie keine Einheit: Die Vennergesellschaften, der Distelzwang und der Mittellöwen organisierten nicht nur Berufsleute, sie waren auch für Menschen offen, die eine Behördenlaufbahn anstrebten. Denn der Posten des Venners, dem Quartiermeister in militärischen und polizeilichen Fragen, versprach auch einem Metzger, Bäcker, Schmied oder Geber eine politische Karriere. Schuhmacher, Weber und Schiffleute hatten dagegen kam Chancen.

Gesellschaftshäuser als Geburtsstätten der Weinschenken
Welche Rolle die Weinschenken spielten, die zuerst in den Gesellschaftsstuben entstanden, erzähle ich im nächsten Post. Vorerst nur so viel: Der Wein floss reichlich!

#Beizentour: eine kleine Geschichte der Wirtshäuser in und um Bern

1975 publizierte die «Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde» einen Abriss zur Geschichte der Berner Wirtschaften. Er war zwar schon 100 Jahre alt. Doch gab und gibt er eine geraffte Uebersicht über die Entwicklung der Gastgewerbes von 1415 bis zum Ende des 19. Jahrhundert, die ich als Basis für meine Beizentour hier gerne zusammenfasse.


Links: Restaurant Zum Aeusseren Stand Bern. Rechte Bären Münsingen
Quelle Wikipedia

Anfänge bis zur Reformation

Bern wurde 1415 Reichsstadt. Man war das unbestrittene Zentrum im Aaretal. Das Handwerk in der Stadt aufblühte auf. Organisiert war es in Gesellschaften (Zünfte), die sich Gesellschaftshäuser oder geschlossene Vereinigungsorte hielten.
In diesen Gesellschaftshäusern entwickelten sich die ersten Weinschenken. Sie war jedoch nicht zwingend an ein Lokal gebunden. Denkbar war auch ein Platz oder ein Veranstaltungsort. In aller Regel war damit verbunden, nebst Wein auch Brot und Fleisch feilzubieten. Ein solcher Ort war in der Stadt Bern am oberen Ende der heutigen Gerechtigkeitsgasse.
Für Reisende entstanden separat Herbergen und Tavernen, auch Gasthöfe resp. Gasthäuser genannt. Gasthöfe habe es in Bern im 15. Jahrhundert nur zwei, den abgegangenen Hirschen an der Aarbergergasse und die immer noch bestehende Krone an der Märitgasse (heute Gerechtigkeitsgasse).
Auf dem Land waren die adeligen Grundherren für die Bewilligung zuständig. In der Stadt machten das die Behörden, welche die Gasthöfe mit Privilegien förderte.
Gegen Ende des 15. Jahrhunderts nahm das Gastgewerbe raschen Aufschwung und entwickelt sich ziemlich unkontrolliert.

Die Reformation und ihre Folgen

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts hatte das Gastgewerbe raschen Aufschwung genommen und sich ziemlich unkontrolliert entwickelt. Damit macht die Reformation 1528 Schluss. Gasthäuser galten nun als Orte des Verderbens, wo Männer Hab und Gut verprassten und Frau und Kind in Not stürzten.
Der reformierte Staat baute die Wirtschaftspolizei aus, hielt bindende Tarife für Essen und Trinken fest und verbot gleich alle Neben- oder Winkelwirtschaften. Wer keinen Zins entrichtete, wurde geschlossen. Ausserhalb der Stadt beliess man in der Regel ein Wirtshaus je Dorf.
Ab 1546 verkaufte die Stadt ihre Wirtshäuser und Herbergen, so zum Beispiel den legendären Falken, der später zum Gesellschaftshaus zu Mittellöwen wurde, aber auch die Krone und den Schlüssel, damals führende Gasthöfe.
1628 und 1688 drohte man allen neu entstandenen Tavernen auf dem Land mit der Schliessung. Nur wer einen geregelten Betrieb garantieren konnte, hatte Bestand. 1628 waren das in der Republik 185 Tavernen, 4 Pinten und 4 Bäder. 1688 wiederholte man die Aktion, beliess 192 Tavernen, 41 Pinten und 13 Bäder. 50 Wirtschaften wurde geschlossen.
In der Stadt kam es von 1637 bis 1713 fünfmal zu Verboten vor allem von Gesellschaftshäusern, die wie Herbergen funktionierten und unerlaubt Mahlzeiten reichten, Reisenden Zimmer anboten und ihre Pferde unterbrachten.
Ab Mitte des 18. Jahrhunderts gab es die ersten zu Lockerungen der protestantisch geprägten Wirtschafsethik, allerdings verbunden mit neuen Zinszahlungen, die sich nun nicht mehr nur auf die Nutzung des Bodens, sondern auch der Wirtshäuser selber bezogen.

Die kurzlebige Helvetische Republik

Die Helvetische Republik brachte einen massiven Einschnitt in die gewachsenen Strukturen und langlebigen Traditionen. 1798 deregulierte man das Gewerbe in drei Schritten. Generell galt nun Gewerbefreiheit, auch Gastgewerbefreiheit-
Doch bereits im Herbst 1799 gab es eine hefitge Gegenreaktion gerade aus dem Gastgewerbe. Behördlich eingeführt wurden nun hohe Patentgebühren, welche die neuen Wirtshäuser zahlen, während die alten nur eine einfache Taxe errichten mussten.
Ein halbes Jahr später wurde die Zahl neuer Patente zuerst beschränkt, weitere sechs Monate wurde später ganz untersagt. Das rasche Wachstum der Branchen kam zu einem jähen Ende.

Neuordnung mit dem Kanton zu Beginn der Mediation

1804, bereits zu Zeiten der Mediation, ordnete der neue Kanton Bern das Gastgewerbe neu. Nun unterschied man Tavernen oder Gasthöfe (286), Pintenschenken/Weinkeller (111) und Bäder mit einer Wirtschaft (39). Das blieb bis Ende der Restauration 1831 so.
Doch stellte sich 1816 eine neue Herausforderung, als das Fürstbistum Basel (Jura) dem alten Kantonsteil angeschlossen wurde. Das brachte dem Kanton auf einmal 531 neuen Wirtschaften. Zudem waren sie in auberges, cabarets, bouchons, cafés et bains unterteilt. 291 davon hob man gleich auf, 240 Teile man den bestehenden Tavernen, Pintenschenken/Weinkeller und Bäder zu. Freunde verschafften man sich damit im neuen katholischen Kantonsgebiet nicht!

Der Durchbruch in die liberale Moderne
Der liberale Kantons Bern einigte sich 1833 auf ein neues Patentrecht für Wirtschaften. Zwar brauchte es noch eine längere Zeit, bis es sich gegen die alten Rechte und Strukturen durchgesetzt hatte. Aber es regelt das Wirtschaftsrecht neu.
Man kann es auch als Durchbruch in die liberale Moderne nennen. Denn das Angebot vervielfältigte sich. Das war die neue Einteilung mit den neuen Definitionen:

Gasthöfe: Gäste bewirten und beherbergen sowie Pferde und Fuhrwerke aufnehmen
Gesellschafts- oder Stubenwirtschaften: Gäste bewirten, egal ob sie auch beherbergt werden
Pintenschenken oder Kellerwirtschaften: Gäste mit kalten Speisen zu bewirten und Feste bedienen
Badwirtschaften: Badegäste während einer beschränkten Zeit bewirten oder beherbergen
Pensionshäuser: ordentliche Kostgänger bewirten und möblierte Zimmer vermieten
Leistwirtschaften: Mitglieder geschlossener Gesellschaften bewirten
Speisewirtschaften (Traitorien): ordentliche Tafel halten, Gäste zu allen Stunden des Tages bewirten
Kaffeewirtschaften: Kaffee, Schokolade, Tee, Erfrischungen, Flaschenweine, Bier und andere geistige Getränke ausschenken
Bierwirtschaften: Bier und gebrannte geistige Getränke ausschenken und verkaufen

Die erste Zählung auf dem Stadtgebiet von 1836-8 zeigte 260 Wirtschaften. 100 davon waren im Radius von 100 Metern rund um den Zytgloggenturm, viele von ihnen waren Weinkeller.
Doch sollte sich die Struktur mit der Moderne rasch ändern, denn bis am Ende des 19. Jahrhunderts verschwanden fast alle der Weinkellereien in der Stadt. Entweder wurde aus ihnen eine Speisewirtschaft, oder sie gingen ein – bis auf den Kornhauskeller und den Klötzlikeller, welche die Stadt zur Erinnerung an eine typische Form der Berner Wirtschaften unterstützte.

Noch fehlten Restaurants und Hotels. Sie kamen mit dem Tourismus auf, und mit Bern als Bundesstadt. Dazu später mehr!

Stadtwanderer

Quellen:
https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=zgh-001%3A1975%3A37%3A%3A199
https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=zgh-001%3A1977%3A39%3A%3A168

#Beizentour: erste Caffees in Bern

Caffeewirtschaften, wie es das Amtsdeutsch nennt, kamen in Bern erst spät auf. Gasthöfe, Stubenwirtschaften, Weinkeller, Pinten und Badwirtschaften sind älter.
Wohl entstanden die Caffees unter französischem Einfluss während der Helvetischen Republik (1798-1803) oder kurz danach. Die erste städtische Übersicht über Wirtschaften mit einem Patent in Bern erwähnt für die Zeit 1836/8 gerade mal 10 Caffees auf 260 Wirtschaften.
Gemäss Gesetz von 183374 hatten sie das Recht, Kaffee, Schokolade, Tee, Erfrischungen, Wein (in Flaschen), Bier und geistige Getränke anzubieten.
Eines dieser Caffees war das der Witwe Thalmann an der Münsterhasse 22. Heute ist es ein Teil des traditionsreichen Restaurants Harmonie an der Hotelgasse, das Fritz (Jimmy) Gyger führt. Geblieben ist der Eingang mit der Türe der Harmonie zur Münstergasse.
Ich war da heute wie einmal Mittagessen. Ganz bewusst im alten Caffee-Abteil.
Es war, wie immer, fein!

PS:
Weitere frühe Caffeewirtschaften in Berns Altstadt: Das erste Verzeichnis der Wirtschaften in Bern, das ich bereits für den vorangegangenen Beitrag benutzt habe, erschließt einem nach dem Caffee Thalmann auch acht weitere Caffeewirtschaften, die Ende der 1830er Jahren Bestand hatten. Ob eine von ihnen die älteste ist, weiss ich nicht. Es könnte aber gut sein!
Das ist das Ergebnis meiner Recherchen zu den Fotos vor Ort.

Foto 1 Hotelgasse 10, damals Münstergasse 22, Caffee Ludwig Rouillet (Patent von 1836), heute Nebeneingang zum Restaurant Du Theatre.

Foto 2 Münstergasse 78, Caffee Rodolphe Jaccard (1836), heute Interieur Möbelgeschäft

Foto 3 Junkerngasse 58, Caffee Carl Zetzendeker (1838), heute Nebeneingang eniline GMbH, Restaurant, Bar, Styling Modeberatung

Foto 4 Gerechtigkeitsgasse 74, damals Caffee Fornallaz (1837, ab 1838 Speisewirtschaft F.)), heute Restaurant (Café) du Commerce

Foto 5 Rathausgasse 50, damals Caffee Abraham Neuhaus (1838), heute leer stehend

Foto 6 Kramgasse 26, damals Caffee Witwe Giudice (1836), heute O. Scherer Antiquitäten

Foto 7 Käfiggässlein 8, damals Caffee Gypsermeister Giobbe (1836), heute Hintereingang Restaurant Santa Lucia

Foto 8 Neuengasse 44, damals Caffee Friedrich Wagner (1838), heute Burger King Bern an der Genfergasse 4

Demnach sind mit dem Caffee Thalmann 6 im Gastgewerbe geblieben (wenn auch keines mehr als Caffee bezeichnet werden kann, 2 haben die Branche gewechselt und ein Lokal steht leer .

Die 10. Caffeewirtschaft, welche die städtische Statistik erwähnt, habe ich übrigens noch nicht gefunden. Sachdienliche Hinweise können gerne hier abgegeben werden!

Stadtwanderer

Spurenlese für meine neue Beizentour

Ein ganz normaler Recherche-Samstag …

Das schöne Januar-Wetter lockte mich heute auf eine Erkundungstour durch Bern. Mein Ziel war es, die Standorte der acht traditionsreichen Gasthöfe im Alten Bern (vor 1798) zu finden und zu dokumentieren. Ein Teil davon wird in meine neue Beizentour integriert werden, die im Frühling 2023 startet.

Eine handliche Geschichte der alten Gasthöfe Berns kenne ich nicht. Ich weiss nur, dass sie ausserhalb der Stadt als Herbergen und Orte für Speis und Trank schon seit dem 13. Jahrhundert Bestand hatten. In der Stadt war das noch lange Aufgabe der damaligen Klöster allen voran des Prediger- oder Dominikanerklosters bei der heutigen Französischen Kirche. Da sollen König Sigismund von Ungarn und Kaiseranwärter sowie Papst Martin V. gehaust haben, als sie das Rathaus einweihten resp. den Startschuss für den Münsterbau gaben.
Hilfereiche Spuren zu den Gasthöfen finden sich vor allem beim verstorbenen Berchtold Weber, der mit dem Historisch-topographischen Lexikon der Stadt Bern eine wertvolle, akribischer Kleinstarbeit geleistet hat.

Mein Fazit der heutigen Wanderung: Drei der traditionsreichen Gasthöfe findet man heute noch an bekannter Stelle und verwandtem Namen. Es sind dies die Krone (2), der Adler (vormals aber Weisses Kreuz, 4) und der Goldene Schlüssel (6), alle in der unteren Altstadt. Eine Altstadt-Herberge, den Wildemann (3), gibt es gar nicht mehr, es ist ein einfaches Wohnhaus.
Alle alten Gasthöfe in der oberen Altstadt sind verdrängt worden. Ein Standort, den Gasthof Hirschen, beherbergt heute noch die Casa Marcello, ein Treffpunkt für Aussenseiter. Der Gasthof Storchen (5) ist trotz Umzug ganz verschwunden, verdrängt durch den heutigen Globus. Auch der Gasthof Sternen (8) ist durch ein langweiliges Geschäftshaus für ICT-Berufsbildung abgelöst worden. Immerhin gibt es eine indirekte Nachfolge in Bümpliz. Der Gasthof Bären (7) schliesslich steht noch, wenn auch an einem anderen Ort.

Bis vor Kurzem war mir nicht klar, dass ich selber vom Verdrängungsprozess profitiert habe: Da, wo ich mein erstes Büro als selbständiger Politforscher hatte, dem heutigen “Vatter.Business Center” war der besagte Gasthof Bären. Mein Eingang zum Haus war aber am Bärenplatz 5, nicht wie früher an der Spitalgasse 1.

Hier schon mal der Stadtplan mit den acht Standorten und den Namen.

Bald kommt mehr!

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Die Hauptstadt der Schweiz

Die Schweiz hat doch gar keine Hauptstadt. Sie hat eine Bundesstadt, und die ist seit 1848 Bern.
Richtig!
Doch das war nicht immer so.


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Bundesstaat
Erst mit der Gründung des Bundesstaates wurde Bern fester Sitz von Parlament und Regierung. Auf den Titel einer Hauptstadt verzichtete man auf föderalistischen Gründen ganz. Weitere Städte bekamen später Bundesinstitutionen, so Lausanne, Luzern und Zürich. Bis heute kamen noch Bellinzona und St. Gallen hinzu. Mit der Dezentralisierung der Bundesverwaltung wurden weitere Städte bedient.

Restauration
Zwischen 1815 und 1848 lösten sich Bern, Zürich und Luzern in einem zweijährigen Rhythmus als Vorort des Staatenbundes ab, den der Wiener Kongress geschaffen hatte. Der jeweilige Regierungspräsident des Kantons war der Versitzende der Tagsatzung.
Der Versuch 1832, Luzern zur Hauptstadt eines neu zu schaffenden regenerierten Bundesstaates zu machen, scheiterte am Veto des Kantons Luzern.

Mediation
Zwischen 1803 und 1813 teilten sich unter den Mediationsverfassung von Napoleon die sechs Direktorial-Kantone in die Aufgabe. Dies waren die Freiburg, Bern, Solothurn, Basel, Zürich und Luzern. Ihr Regierungspräsident war gleichzeitig Landammann. 1814 ging die Aufgabe an Zürich über, und der prov. Bundevertrag bestimmte eine einen zweijährigen Turnus der Kantonen Zürich, Bern und Luzern.

Helvetische Republik
1798 gab es mit der Helvetischen Republik erstmals eine Hauptstadt auf dem Gebiet der Schweiz. Man folgte damit bis 1803 dem französischen Vorbild. Eigentlich war Luzern als feste Hauptstadt vorgesehen. Aus militärischen und praktischen Gründen wurde Aarau zuerst provisorische, dann definitive Hauptstadt. Indes, die Räumlichkeiten waren zu begrenzt, sodass man im Oktober nach Luzern wechselte, das knapp über Bern obsiegt hatte. Da blieb man bis im Mai 1799. Danach flohen die Behörden nach Bern, da sie sich durch die vorrückenden österreichischen Truppen im 2. Koalitionskrieg bedroht sahen.
Offiziell blieb Bern bis zur Auflösung der Republik im März 1803 Hauptstadt. Allerdings flüchteten die helvetischen Behörden auch hier während dem Stecklikrieg vor den rebellierenden Föderalisten ins franzosentreue Lausanne.
Hauptstädte oder Hauptorte kennen außer Appenzell-Ausserrhodem seit heute alle Kantone. Einige Kantone wie Tessin hatten vorerst mehrere Hauptstädte, dich sich vorerst abwechselten.


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Quelle: HLS

Alte Eidgenossenschaft
Vor 1798 kannte die Schweiz keine Hauptstadt. Man hatte nur Vororte, die eine Tagsatzung einberufen und leiten konnten. Zürich war dabei führend, aber nicht exklusiv.
Denn die Tagsatzung war häufig auch in Baden, eine neutrale gemeinsame Herrschaft der Eidgenossenschaft mit beliebten Bädern. Nach 1712 und der vollen Parität beider Konfessionen war man abwechslungsweise auch im reformierten Frauenfeld.
Seit der Reformation tagten zudem die katholischen resp. reformierten Orte bisweilen auch separat, die ersteren in Luzern, die letzteren in Aarau, das zu Bern gehörte. Vor allem Luzern verstand sich als Vororte der katholischen Schweiz, Aarau war der Ort des Friedens zwischen den Konfession 1712.
Eine besondere Rolle kam danach Bern, Zürich, Luzern und Uri zu, die gemeinsam über den Landfrieden in der konfessionell gespaltenen Schweiz wachen mussten.

Der Vergleich mit dem Ausland
Die Schweiz folgte allermeist nicht dem Muster zentralistischer Staaten wie Frankreich, wo Politik, Wirtschaft und Kultur in Paris konzentriert wurden und damit zwangsläufig eine Hauptstadt als Herrscher- oder Regierungsstadt entstand.
Vielmehr verstand sich die Schweiz als Bündnis zwischen Orten und Kantonen, was politisch nur Vororte begünstigte, zu einem dezentralen Entwicklungsmuster führte und nur spezialisierte “Hauptstädte” wie Zürich für Wirtschaft, Genf für Internationales und Basel für Kultur zuliess.
Bern blieb da nur die Bundesstadt.

D‘Franzose mit de gäle Hose und de rote Finke, pfui, die stinke!

Etwa so wurde ich 1963 von den Nachbarsbuben empfangen, als meine Familie mit ihrem welschen Namen in den Aargau zog. Dort blieb ich trotz dem unfreundlichen Empfang 17 Jahre und absolvierte alle Schulen, zuletzt die Alte Kanti in Aarau.
Zwischenzeitlich mache ich Führungen durch Aarau – und zwar über die Zeit der Helvetischen Republik (1789-1803). Damals war die Stadt, gestützt durch die Revolutionstruppen aus Frankreich, für rund sechs Monate die erste Hauptstadt der Schweiz überhaupt.
Besucht haben wir mit Wanderer Thomas Widmer und seinen KollegInnen die Orte, wo sich die Revolutionsfreunde trafen, und wo die ersten nationalen Institutionen tagten. Sie begründeten im April 1798 das heute noch gültige Zweikammerparlament resp. die Kollegialregierung der Schweiz. Gesehen haben wir auch, wo der Kern der Verwaltung mit seinen vier Ministerien war, den Vorläufern der heute sieben Departemente des Bundesverwaltung.
Am Schluss standen wir auf dem Dach des Aargauer Kunsthauses. Da sahen wir auf einen Blick mit dem kantonalen Regierungs- resp. Parlamentsgebäude und mit der Spitze des (Verwaltungs)Gerichts die drei Gewalten des Staates, die uns basierend auf der Idee der französischen Aufklärung die Helvetische Republik dauerhaft hinterlassen hat.
Allen bösen Kinderreimen gegen die Franzosen und ihren Abkömmlingen zum Trotz!

Stadtwanderer

PS: Heute vor 225 Jahren, am 17. Dezember 1797, begann der französische Aufmarsch im Fürstbistum Basel, dessen südlicher Teil unter dem Schutz Berns stand. Das war der erste Schritt zur Bestetzung der alten Eidgenossenschaft durch Frankreich, welche die notwendig gewordenen Voraussetzung für die Modernisierung unseres Staatswesens wurde. Ich fürchte, es war damals genau so kalt wie heute.

Bilder: Thomas Widmer

Stadtwanderungen 2023: das vorläufige Programm für das erste Halbjahr

Das Programm 2023 für Stadtwanderungen in Bern nimmt schon rasch Gestalt an. Voll ist es noch nicht. S’het, solang s’het!

Fix gebucht sind schon sechs Führungen im ersten Halbjahr. Einige Anfragen sind noch in Bearbeitung.
Hier schon einmal die kleine Uebersicht:

27. Januar: Ochsentour, Chirurgen-Team
23. März: Beizentour, Inlandredaktion Radio SRF
29. März: Auf den Spuren der Ostschweiz in Bern, Ostschweizer Regierungskonferenz (exklusive Spezialtour)
20. April: Jugend und Politik, Feierabendtreff Bern, Männer 60 plus
4. Mai: Barock, Burger und Bourbonen, Kapo Bern
10.5. Konkordanzdemokratie, Heinrich-Böll-Stiftung, Düsseldorf

Kurzbeschreibungen der Führungen finden sich hier.

Und: Ich habe noch Kapazitäten!

Stadtwanderer

Mein Berner Angebot als Stadtwanderer

“Bern erkunden”, ist das Motto meiner Stadtführungen. Sie wollen die Augen öffnen, für das was man gerne übersieht.


Bild: stadtwanderer
Skulptur: Luciano Andreani

Das Prinzip ist einfach: Jede Führung hat ein Thema, das an 6-10 Stationen in der Stadt durchdekliniert wird. Die ausgewählten Orte stehe stets für eine Geschichte. Zusammen ergeben die Geschichte wieder eine Geschichte, meist der zeitlichen Entwicklung des Themas folgt.
Grundsätzlich führe ich nur Wanderungen für Gruppen durch. 8-16 Personen sind ideal. Kontaktnahme wie Twitter DM am besten.
Gelegentlich gibt es auch offene Führungen, die ich hier ankündige.

2023 biete ich in Bern neun verschiedenen Wanderung an. Zwei davon sind ganz neu, sechs schon bekannter.

Barock-Wanderung: Burger, Barock und Bourbonen
Der Berner Barock ist eigen: von der Reformation geprägt, ist er ganz in Sandstein gehauen. So bestimmt er vor allem das Altstadtbild. Im Zentrum der Wanderung stehen die Fassaden der Gebäude, wo es darum geht, was man sieht und was verdeckt wird. Der riesige Einfluss von Louis XIV., der Streit der Franzosen- und der Niederländerpartei in der Burgerschaft kommen genauso zur Sprache wie typische Rundfenster, Dachgiebel. Es mischen sich Architektur- und Sittengeschichte des 17. und 18. Jahrhundert. Garantiert lehrreich und schockierend zugleich.
Zeitbedarf: 1.75 Stunden
Start: Münterplatz
Ende: Hotel de Musique
Charakter: Geschichte

Klimawanderung: von der Eiszeit zur Heisszeit
Wie der Aaregletscher den Raum formte, die ersten Siedler, den Wald rodeten, der Adel Städte gründete, die Pest alles Schöne vermasselte, die kleine Eiszeit Bauernregeln und Kornhäuser entstehen liess und wie die Industrialisierung Wohlstand und Umweltbelastungen brachte. Damit kippt die alte Formel, war gleich gut, denn jetzt wird die Hitze zu Belastung.
Zeitbedarf: 2 Stunden
Start: Rosengarten
Ende: Bahnhofplatz
Charakter: Geschichte und Aktualität

neu!
Beizen-Tour
Gaststätten gibt es seit dem Mittelalter in Bern. Doch lassen sich drei Phasen unterscheiden: die Gasthäuser, vor 1800, die Restaurants und Hotels danach bis 1990 und die zahlreichen Neuerungsversuche, insbesondere in Verbindung mit Kultur, seither. Diese Stadtwanderung ist ganz speziell. Wir kehren dreimal ein, je einmal in einem typischen Beispiel für die drei Phasen, trinken und essen etwas ausgewähltes und enden mit einem Abendbier. Die genaue Auswahl an Oertlichkeiten wird mit Interessierten festgelegt. Strikte nur für Gruppen.
Zeitbedarf: 4 Stunden abends
Start: Mitten in der Altstadt
Ende: vorzugsweise Progr
Charakter: Geschichte und Aktualität
Beginn: März 2023

Jugend&Politik-Wanderung: Jugendstile über die Zeit
1513 stürmten die Jungs aus Köniz die Stadt Bern. Die Klimastreikbewegung ist dagegen vergleichsweise harmlos gewesen. Ich zeige, wo das Jugendparlament im Ancien Regime, die Restaurants der Studentverbindungen, die Debattier-Keller der Non-KonformistInnen und die Buchhandlungen der 68er waren. Klar gemacht wird, wie Jugend als soziologische Phänomen mit dem Jugendstil Ende des 19. Jahrhunderts entsteht und seit dem 20. Jahrhundert (auch von mir) wissenschaftlich untersucht wird.
Zeitbedarf_ 2 Stunden
Start: Zytglogge Turm
Ende: Generationenhaus
Charakter: Geschichte, mit Ausflügen in die Aktualität

Demokratie-Wanderung: Aristokratien demokratisieren
Bern war im 18. Jahrhundert eine Patrizierstadt, paternalistisch regiert, wenn man gehorchte mit dem Schwert bestraft, wenn man protestierte. Dem setzten die revolutionäre Franzosen und die Demokratie ein jähes Ende. Zur schrittweisen Demokratisierung trugen in der Folge liberale, demokratische und sozialen Bewegungen bei. Ihre neue Rolle fand Bern als Bundesstadt, dem unbestrittenen Politzentrum der Schweiz mit Regierungsviertel und Bundesplatz als Schaubühne für allerlei Opposition im Land.
Zeitbedarf: 1,75 Stunden
Start: Kreuzgassbrunnen /Altstadt
Ende: Bundesplatz
Charakter: Geschichte, mit Ausflüge in die Aktualität

Ochsentour: Unser Verfassungsvater Ochsenbein
Er war Regierungspräsident von Bern. Er war Präsident der Verfassungskommission der Tagsatzung. Er war 1848 erster Bern Bundesrat. Und er war sechs Jahre danach erster abgewählter Bundesrat. Ueli Ochsenbein ist heute kaum mehr ein Begriff, obwohl er der Verfassungsvater des Bundesstaats war. Ich hole ihn mit seiner Geschichte in die Gegenwart zurück, zeige, wo unser Grundgesetz beriet, wo er sich für das Bundesstaatsmodell lobbyierte, wo gewählt wurde und wo er regierte. Die Wanderung ist mehr als nur eine Biografie. Sie zeigt die Stunde Null des Bundesstaats.
Zeitbedarf 1,5 Stunden
Start: Heiliggeistkirche
Ende: Erlacherhof
Charakter: Geschichte, mit Ausflügen im die Aktualität

neu!
Konkordanzdemokratie
Diese Stadtwanderung richtet sich insbesondere an Interessierte aus dem Ausland, die keine Erfahrungen haben mit einer Konkordanzdemokratie. Erklärt werden der Begriff, woran man die schweizerische Form der Demokratie wie Kollegialregierung, Volksabstimmungen, Föderalismus, Frauenvertretung in Regierungen und fehlendes Staatspräsidium erkennt. Konkordanzdemokratie werden gewürdigt, aber auch kritisiert, dass sie nur unvollständig funktionieren, vielsprachigen Ländern wie der Schweiz aber besonders dienlich sind.
Zeitbedarf 1,5 Stunden
Start: Politforum Bern
Ende: Reitschule
Charakter: Zeitgeschichte, Aktualität
Beginn: März 2023

neu!
Föderalismuswanderung
Diese Stadtwanderung konzentriert sich auf die drei Hauptebenen des Schweizer Staatsaufbaus: Bund, Kantone, Gemeinden (Städte). Wir besuchen treffen das Bundeshaus, das Berner Rathaus und den Erlacherhof, der Sitz der Stadtberner Regierung. Dazwischen gibt es einen kurzen Ueberblick über die Geschichte der Staatsebenen, und einen Ausblick auf die Raumentwicklung Schweiz mit ökonomischen Wachstumsgebieten, Regionen mit steigender resp. sinkender Bevölkerungszahlen, Agglomerationsdefinitionen -bildung, Raumplanung und staatlichen Umverteilungsmechanismen. Die Führung ist besonders für Personen aus dem Ausland geeignet, die nicht allzu viel über den Schweizer Föderalismus wissen und sich einen raschen Ueberblick verschaffen wollen.
Zeitbedarf 1,5 Stunden
Start: Bundesplatz
Ende: Erlacherhof
Charakter: Aktualität, Geschichte
Beginn: Januar 2023

Lobbying-Wanderung: Vorhöfe der Macht
LobbyistInnen sind nicht mehr draussen, aber auch nicht ganz drinnen. Sie sind ein Bindeglied zwischen Zivilgesellschaft und Staat. Und sie werden immer mehr. Ich zeige, wie sie auf Parlament, Regierung und Verwaltung Einfluss nehmen, wie sie sich in ausserparlamentarischen Kommissionen einnisten, Clubs für informelle Treffen gründen und für die Grünen genauso wie für Economiesuisse arbeiten und ich stelle die Frage, ob so auch in der Schweiz in den USA der 1970er Jahre diagnostizierte Power Elite entsteht.
Zeitbedarf: 2 Stunden
Start: Hotel Bellevue
Ende: Geheimplatz
Charakter: Aktualität

Stadtwanderer

Bücherliste 2022: Werke zum Lesen und Verschenken

Das ist meine Bücherliste 2022. Rechtzeitig vor Weihnachten fertig geworden. Durchaus als Hinweise für Geschenke zu verstehen. Wie in früheren Jahren habe ich Bücher ausgewählt, die ich gelesen und teils auch besprochen habe. Alle beschäftigen sich mit der Schweiz, von der Gegenwart bis zur tiefen Vergangenheit. Es sind Sach- und Fachbücher, teils aus der Politikwissenschaft, teils aus der Soziologie. Geschichte fehlt auch nicht. 12 haben meine finale Empfehlung.

Natalie Zeindler: Bodenständig und beharrlich. Jacqueline Badrans Weg ins Bundeshaus. Xanthippe, 2022
Badran äussert sich über einschneidende Erlebnisse, ihre politische Motivation und persönliche Mission, über ihr Engagement für die Lex Koller und eine ausgeglichene Wirtschaft sowie über die Klimabewegung, die sie bereits in jungen Jahren erlebt und motiviert hat, unseren Planeten zu schützen.
https://www.xanthippe.ch/buch-details/bodenst%C3%A4ndig-und-beharrlich.html

Silja Häusermann et al. : Wählerschaft und Perspektiven der Sozialdemokratie in der Schweiz. NZZ Libro, 2022
Bedrängt von strukturellem Wandel und neuen parteipolitischen Rivalen ringen sozialdemokratische Parteien in ganz Europa im 21. Jahrhundert um ein zukunftsfähiges Profil, das ihren historischen Anliegen des sozialen Ausgleichs und der Inklusion zu politischer Wirkung verhelfen kann. Auch in der Schweiz wird um die Ausrichtung der SP Schweiz gerungen und debattiert.
https://www.nzz-libro.ch/waehlerschaft-und-perspektiven-der-sozialdemokratie-in-der-schweiz-978-3-907291-79-5

Peter Buomberger, Daniel Piazza: Wer finanziert die Schweizer Politik. Auf dem Weg zu mehr Transparenz und Demokratie. NZZ Libro, 2022
Die Stärke des Buchs liegt in der Präsentation des Zahlenmaterials, das bisher gut gehütet wurde. Verglichen mit bisher publizierten Schätzungen aus Wissenschaft und Medien, ist das ein Meilenstein.
https://www.nzz-libro.ch/wer-finanziert-die-schweizer-politik-978-3-907291-69-6

Hans-Peter Schaub, Marc Bühlmann (Hg.): Direkte Demokratie in der Schweiz. Neu Erkenntnisse aus der Abstimmungsforschung. Seismo Verlag, 2022
Inner- wie ausserhalb der Schweiz werden die Chancen und Risiken von direktdemokratischer Beteiligung mittels Volksabstimmungen sowohl in der Forschung als auch in Politik und Öffentlichkeit immer wieder lebhaft diskutiert. Der Sammelband liefert neue Erkenntnisse zur Funktionsweise der direkten Demokratie, indem er die einzigartige Fülle an praktischen Erfahrungen und Daten aus den über 170 Jahren Abstimmungsgeschichte der Schweiz nutzt.
https://www.seismoverlag.ch/de/daten/direkte-demokratie-in-der-schweiz/

Francesca Falk (Hg.): Der Schwarzenbacheffekt. Wenn Abstimmungen Menschen traumatisieren und politisieren. Limmatverlag 2022
In diesem Buch sprechen Zeitzeug:innen der Schwarzenbach-Initiative über ihr Leben im Provisorium. Sie erzählen von prekären Wohnverhältnissen, zurückgelassenen Kindern, Diskriminierung und Ausgrenzung, aber auch von Freundschaft und Widerstand. Viele von ihnen wurden durch die Initiative politisiert und zu einem Engagement bewegt, das bis heute das gesellschaftliche Leben in der Schweiz prägt.
https://www.limmatverlag.ch/programm/titel/912-der-schwarzenbacheffekt.html

Luzi Bernet: Das Schweiz-Dilemma. 30 Jahre Europapolitik. Hier & Jetzt, 2022
Der Autor legt keine trockene Abhandlung zur Zeitgeschichte vor, sondern eine profunde, leicht lesbare Entwicklungsgeschichte der Irrungen und Wirrungen der Schweizer Europapolitik der letzten drei Jahrzehnte. Hin- und hergerissen steckt das Land seit Jahren im Dilemma zwischen Annäherung und Blockade. Am Ende plädiert Luzi Bernet für einen entspannteren Europadiskurs.
https://www.hierundjetzt.ch/de/catalogue/das-schweiz-dilemma_2200005/

Religionstrends in der Schweiz: Religion, Spiritualität und Säkularität im gesellschaftlichen Wandel. Jörg Stolz et al. Springer, 2022
Diese Publikation beschreibt gegenwärtige Entwicklungen in der Religionslandschaft der Schweiz. Die hier versammelten Beiträge basieren auf der Auswertung aktueller statistischer Daten und bearbeiten Fragestellungen aus der Religions- und Kirchensoziologie sowie aus der Politikwissenschaft.
https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-36568-4

Regula Bochsler: Nylon und Napalm. Die Geschäfte der Emser Werke und ihres Gründers Werner Oswald. Hier & Jetzt, 2022
Dank hartnäckiger Recherchen kann die Autorin zeigen, wie Firmengründer Werner Oswald mit Hilfe von Industriespionage und ehemaligen Nazis in Ems eine Kunstfaserproduktion aufbaute, eine Flab-Rakete, Minen und Zünder sowie eine Napalm-Variante entwickelte, die in mehreren Bürgerkriegen eingesetzt wurde.
https://www.hierundjetzt.ch/fr/catalogue/nylon-und-napalm_2200022

Nicolas von Passavant: Hemmungen und Dynamit. Ueber das Politische bei Mani Matter. Zytglogge, 2022
Erstmals werden hier die politischen Schriften Matters eingehend besprochen: darunter drei theoretische Artikel, die – lange vergriffen – im Anhang mit abgedruckt sind. Vor dem Hintergrund der dortigen Überlegungen erläutert der Autor politische Bezüge in den Liedern und beleuchtet deren Konzept: Mani Matter verstand seine Chansons als «Modelle für politische Sachverhalte».
https://www.zytglogge.ch/nicolas-von-passavant-hemmungen-und-dynamit-978-3-7296-5100-5

Urs Altermatt : Der lange Weg zum historischen Kompromiss. Der schweizerische Bundesrat 1874–1900. Referendumsstürme, Ministeranarchie, Unglücksfälle, NZZ Libro, 2022
Die Bundesverfassung von 1874 beendete die Periode der repräsentativen Demokratie und bildete mit der Einführung direktdemokratischer Instrumente wie dem Referendum eine Zäsur in der Schweizer Geschichte. Die Bundesräte konzentrierten ihre Arbeitskraft immer stärker auf ihr eigenes Departement. Darunter litt das Kollegialitätsprinzip. Doch der Reformversuch mit einem eigenen Aussenministerium scheiterte nach dem Probeversuch an der Eifersucht im Kollegium.
https://www.nzz-libro.ch/urs-altermatt-der-lange-weg-zum-historischen-kompromiss-978-3-907291-49-8

Thomas Schuler: Napoleon und die Schweiz. NZZ Libro, 2022
Der Autor eröffnet einen neuen Blick auf Napoleon, indem er sich auf Archiv- und Literaturrecherchen und auf Besuche an einschlägigen Schauplätzen stützt.So verknüpft Schuler die spannende Schilderung der Ereignisse zwischen 1789 und 1815 mit unserer Gegenwart und macht deutlich, wie bedeutend Napoleon für die Schweiz war und wie viel aus dieser Zeit bis heute wirksam ist.
https://www.nzz-libro.ch/thomas-schuler-napoleon-und-die-schweiz-978-3-907291-85-6

François Walter, Marco Zanoli: Historischer Atlas der Schweiz. Hier & Jetzt, 2022
Marco Zanoli begann vor Jahren, Artikel zur Schweizer Geschichte zu verfassen und diese mit Karten zu illustrieren. Zu diesen Karten verfasste der Westschweizer Historiker François Walter einschlägige Einführungen, und das daraus entstandene Werk erschien im Oktober 2020 auf Französisch. Nun liegt das Standardwerk leicht überarbeitet und mit einem halben Dutzend weiterer Karten ergänzt auf Deutsch vor.
https://www.hierundjetzt.ch/de/catalogue/historischer-atlas-der-schweiz_2100021/

Claude Longchamp

Berner Beizen Tour!

Meine Berner Polit-Beizen-Tour steht. Der (öffentliche) Tisch, an dem politisiert wurde/wird, steht im Zentrum.

Wegen meinen vorübergehenden Gesundheitsbeschwerden hat die bereits angekündigte Lancierung leider etwas vershoben werden müssen. Neu startet die Wanderung mit Trinken und Essen durch Bern im März 2023.

Die Stationen
Ausgewählt habe ich schliesslich 8 Stationen. 5 Mal gibt es vor Ort Geschichten, je einmal Geschichte und Apéro resp. Geschichte und Nachtessen resp. Geschichte und Abendbier.

Der Zeitbogen
Die Führung zeigt Bern in der frühen Neuzeit (15.-18. Jahrhundert) mit seinen Gast- oder Gesellschaftshäusern resp. Weinkellern. Es folgt die Aera der Restaurants und Hotels (19. und 20. Jahrhundert). Schliesslich kommen Treffpunkte der heutigen Szenen (spätes 20. und 21. Jahrhundert) hinzu.

Der Themenbogen

Das Auswahlkriterium war stets die Politik zu ihrer Zeit, die an diesem Ort gespielt hatte. So stehen die Stationen für die ersten hohen Besuche mit Papst und Kaiser in Bern (Krone), den Gerichtsort mit Entscheidungen über Leben und Tod (Distelzwang), die Vermarktung des Weins aus den Untertanengebieten (Klötzlikeller). Die Entstehung der bürgerlichen Politik in Studentenverbindungen (Zimmermania), die Gründung des Bundesstaats (Aeusserer Stand) und das Hauptquartier der Arbeiterschaft (Volkshaus 1914) bilden den zweiten Teil. Der dritte umfasst Lokale der 68er- (Pyrenées) resp. der Frauenbewegung (Progr).

Der Zeitbedarf
Die Tour richtet sich nur an Gruppen: Sie dauert mit den Zwischenhalts zum Essen und Trinken vier Stunden und findet abends zwischen 1730 und 2130 statt. Verlängerungen sind bis zur Sperrstunde möglich …

Die Qual der Wahl
Ich konnte nicht alle Stationen berücksichtigten, die ich sondiert resp. hier vorgeschlagen bekommen habe. Ich bin gerne bereit, andere Stationen, die von Interessent:innen gewünscht werden, nach Möglichkeit zu einzubauen.

Gespannt auf den kommenden Frühling!

Bilder: Twitter, Der Bund, Werbeprospekte, Historisches Lexikon

Perücken. Fassaden. Festivitäten

Katholiken mögen meinen, den Barock gäbe es nur in St. Gallen, Einsiedeln und Luzern, denn er sei die Kunstform der Gegenreformation. Doch Bern lehrt das Gegenteil: Die Berner Altstadt kennt zahlreiche Barockgebäude, wenn auch deutlich reformierter und nüchterner im Baustil.
Ich hatte gestern großen Spaß, mit dem Informationsdienst der Stadt Bern die Stadtwanderung „Burger, Barock, Bourbonen“ machen zu dürfen und Wirtschafts-, Gesellschafts- und Sittengeschichte hinter den Fassaden nochmals auflebende lassen.
Der Söldnerhändler Samuel Frisching, der Postgründer Beat Fischer, die zum Tode verurteilte Pfarrersfrau Carherine de Wattwyl, Diplomat Johann Friedrich Willading, seine Tochter Anna Margaretha und ihr Ehemann Schultheiß Hieronymus von Erlach, Spion in französischen Diensten, kamen vor und illustrierten, was die barocken Fassade zeigen – und verbergen!

Fotos: Michael Sahli

Heute vor 174 Jahren: Bern wird Bundesstadt

“In den letzten Wochen vor der parlamentarischen Abstimmung Ende November 1848 entbrannte ein Duell zwischen den Rivalen Bern und Zürich. Die Wahl wurde zu einer eigentlichen Prestigefrage.
Die Neue Zürcher Zeitung machte mobil gegen Bern: „Wir denken, die wunderlieblichen Ufer des Zürchersees, mit dem romantischen der Gemisch der Zauber der Natur mit den Reizen menschlicher Kunst werden auch in Zukunft, wie bisher, weit mehr anziehen als die wilden Felsmassen des Vierwaldstättersees oder die ernste, melancholische Umgebung Berns.“ Und es gebe noch die Eisenbahn, die als Erholung genutzt werden könne.
Der Nouvelliste vaudois hingegen setzte sich für Bern ein: Es handle sich zwar um eine langweilige Stadt, wo Kälte und Nebel herrschten; ausserdem seien die Einwohner nicht sehr zuvorkommend. Aber dies diene letztlich dem Ratsbetrieb: Die Nationalräte sollten schliesslich nicht ein fröhliches Leben führen, sondern arbeiten. Bern sei glücklicherweise kein „kleines Paris“. Hier seien das Nachtleben und andere Zerstreuungsmöglich-keiten dermassen eingeschränkt, dass die Ratsherren die Sessionen möglichst rasch beenden würden, was dem Steuerzahler Geld spare.”
Quelle: Stadt Bern

Ochsenbein. Unser Verfassungsvater von 1848. Meine Einleitung zur heutigen Stadtwanderung für das GS EDA


links: Beschlussfassung zur Gründung des Bundesstaats, 1847; rechts: Aufruf zum Frauenstreik nach Rentenaltererhöhung für Frauen. Beides liegt 175 Jahre auseinander, aber nur 10 Meter von einander entfernt.

Meine sehr verehrten Damen und Herren.

Am Montag nach dem letzten eidg. Abstimmungswochenende versammelten sich hier mehrere hundert Frauen, um gegen die beschlossene Erhöhung des Rentenalters zu protestieren. «Was bleibt, ist die Wut und Enttäuschung», erklärte die Wortführerin Tamara Funiciello. Dafür wurde sie anschliessend heftig kritisiert. Ihr Einspruch sei aggressiv und undemokratisch gewesen, monierten vor allem rechte Kommentatoren. Sie warfen der Nationalrätin vor, radikal gegen Volksentscheidungen zu sein.
Der Vorwurf des Radikalismus kommt heute normalerweise vom entgegen gesetzten politischen Pol. Entsprechend unterscheidet man Links- und Rechtsradikalismus.
Nicht so im 19. Jahrhundert: Der Radikalismus hat seinen Ursprung in der liberalen Freiheit- und Demokratiebewegung. Radikale Demokraten waren für die Entmachtung der Kirche im Staat und für die Einführung der republikanischen Staatsform. Und sie befürworteten das allgemeine Wahlrecht – jedemfalls für Männer.
Mitte des vorletzten Jahrhunderts waren Radikale auch in der Schweiz gegen die katholische Kirche, die in Luzern, Freiburg und Pruntrut von erzkonservativen Jesuiten angeführt wurde. Dafür waren sie auch bereit, mit Waffen zu kämpfen. Den Sonderbundskrieg von 1847, unser letzter Bürgerkrieg, gewannen sie. Davor gab es zwei paramiliärische Angriffe von Freischärlern, der zweite noch blutiger als der Bürgerkrieg.
Der Umsturz in den katholischen Kantonen formte die Grundlage der Bundesstaatsgründung. Basis war die erste selber geschriebene Verfassung, die demokratische Institutionen und elementare Grundrechte mit dem Ziel beinhaltete, wirtschaftlichen Aufschwung durch die Industrialisierung zu sichern.
Die tragende Bewegung von damals war der Freisinn, in dem sich radikale, liberale und demokratischen Strömungen zusammenfanden. Der erste Schritt der Bundesstaatsgründung gelang innert Jahresfrist. Der zweiten, die Bildung einer Nation dauerte länger, vielleicht dauert er bis heute an.
Deshalb sprechen die geistigen Nachfahren von damals meist von einer Willensnation. Verwendet wurde der Begriff prominent von alt Bundesrat Kaspar Villiger, der ein Buch dazu verfasste.
Geprägt wurde der Begriff jedoch vom französischen Historiker Ernest Renan, der ihn für eine gewollte Gemeinschaft brauchte, die sich aus Bürgern verschiedenster Ethnien, Sprachen und Konfessionen zusammensetze und durch eine Elite zusammengehalten werde.
Wie das damals kam, ist Gegenstand unserer Stadtwanderung. Dabei steht Ueli Ochsenbein, der erster Berner Bundesrat aus dem Jahre 1848, im Zentrum. Doch es geht nicht nur um ihn. Die Führung handelt von der “Stunde Null” des Bundesstaates, wie es Ochsenbeins Biograf Rolf Holenstein einmal nannte.
Einen Vorgriff auf das, was kommt, mache ich hier schon: die Radikalität der 1848er Jahre war ausgeprägter als die der protestierenden Frauen heute. Beide richteten sich gegen weisse, alte Männer. Gemeinsam ist auch, dass beide Initialzündungen hier ihren Anfang nahmen.
Der grosse Unterschied: Der Frauenstreik vom 14. Juni 2023 wurde ausschliesslich von Frauen auf dieser Bank ausgerufen, der Wille zur Staatsgründung wurde im Innern dieser Kirche vor der Kanzel ausschliesslich von Männern ausgedrückt.
Nun los!

Stadtwanderer

Die Schweizmacher

Nicht einmal die SVP hat daran gedacht, dass am 16. November 1848 – also heute vor 174 Jahren – der erste Bundesrat der Schweizerischen Eidgenossenschaft gewählt wurde.
Eine eigene Regierung zu haben, stärkte das Selbstbewusstsein des ganz jungen Staates, sodass man sich sicher genug fühlte, den Bundesvertrag von 1815 auszusetzen, den der Wiener Kongress im Geist der Restauration erlassen hatte. Das war ein eigentlicher Akt der Souveränität.


Der erste Bundesrat vom 16. November 1848

Seit dem 12. September war die selbst verfasste, erste Bundesverfassung in Kraft. Für gültig erklärt hatte sie noch die alte Tagsatzung, noch bevor sie sich auflöste.
Das neue Grundgesetz bildete die Grundlage für die Ausschreibung der ersten National- und Ständeratswahlen. Auf 20000 Einwohner gab es einen Nationalrat. Zusammen vertraten 111 Personen das Volk (im damaligen Sinne) in der großen Kammer. In der kleinen waren es 44.
Die große Mehrheit unter ihren war freisinnig mit radikalen und liberalen Auffassungen. Sie konnte den Bundesrat nach ihren Vorstellungen ausgestalten.

Das wichtigste Traktandum der ersten Session waren die Bundesratswahlen. Bern, Zürich und Waadt bekamen einen festen Sitz in der neuen Regierung. Alle anderen Kantone mussten sich die vier verbleibenden teilen. Bedient wurden dabei Solothurn, Aargau, St. Gallen und Tessin.
Alle sieben damaligen Bundesräte waren Männer. Je einer kam aus den Sprachminderheiten. Zwei waren katholisch. Aber keiner war aus einem Sonderbundskanton. Denn die wollten sich 1847 mit vom Bund lossagen, einen neuen Teilungsplan der Schweiz verfolgten und riskierten dafür auch einen Bürgerkrieg, den sie verloren. Die Hypothek überschattete die Staatsgründung.

Die Lancierung einer neuen parlamentarischen Republik in der Schweiz war die einzig bleibende Staatsgründung von 1848. Alle anderen endeten bis Sommer 1849..
Dass der Bundesstaat als Ausnahme Bestand hatte, erklären sich Fachleute heute damit, dass die Idee der Republik seit dem 17. Jahrhundert bei uns Tradition hatte, Großbritannien das Projekt unterstützte, und mit der Bundesverfassung ein Kompromiss zwischen Demokratie und Föderalismus gefunden wurde, der generellen Fortschritt und autonome Entwicklungen zuließ. Priorität hatte die staatliche Überwindung des konfessionellen Gegensatzes durch Freisetzung einer wirtschaftlichen Entwicklung, die den Anschluss an das Eisenbahnzeitalter und damit die Industrialisierung zuließ.

In einem Jahr wird die Bundesverfassung, die unsere Institutionen begründete 175 Jahre alt – Grund genug, sich dann ausführlicher zu erinnern und zu überdenken, was davon noch zeitgemäß ist.

Stadtwanderer

Blitzbesuch in Porrentruy (oder Pruntrut)

Wie so vieles, ist auch der Ursprung des Namens umstritten. Eine alte Schreibweise lautete «Purentrut», was mit etwas Fantasie aus «pont Ragintrudis» abgeleitet werden kann. Das wäre dann die «Brücke von Ragintrudis», der Uebergang, welcher im 7. Jahrhundert der Gemahlin des Königs der Franken, Dagobert I., gehörte. Daran stimmt, dass Pruntrut, nördlich der Jura-Züge gelegen, immer wieder ein Zentrum in der Provinz des Kaiserreichs war.
Der Fürstbischof von Basel machte die Reichsstadt 1528 zum Sitz seines Machtbereichs, da er angesichts der Reformation in Basel seine Heimatstadt verlassen musste. 60 Jahre später baute Jakob Christian Blarer von Wartensee, ein herausragender Luzerner Adliger auf dem Bischofsstuhl, die zerstörte Burg wieder auf und erweiterte sich zum imposanten Renaissance-Schloss (mit barock geformten Dach). Die Franzosen wiederum formten 1792 aus Pruntrut die Hauptstadt der kurzlebigen Raurakischen Republik. Danach wurde man Hauptort des Départements Mont Terrible, das später dem Elsass untergeordnet wurde. Schliesslich entschied der Wiener Kongress 1815, das ehemalige Fürstbistum in der Ajoie aus Frankreich heraus zu lösen und dem Kanton Bern einzuverleiben. Da blieb der nördliche Teil bis 1979, um danach als Jura der 23. Kanton der Schweizerischen Eidgenossenschaft zu werden. Allerdings wurde Delémont Hauptstadt, und Porrentruy hatte das Nachsehen.
Porrentruy hat in vielem den Charakter einer französischen Provinzstadt bewahrt. Das Schloss über der Stadt ist mit seinem europäischen Format untypisch für die Schweiz. Prägenden Eindruck hat auch die Gegenreformation hinterlassen. Die goldenen Jahre waren vom 1580 bis 1618. Sie endeten mit dem Ausbruch des Dreissigjährige Krieges, der halb Europa niederriss. Fürstbischof Blarer eröffnete in Pruntrut das Jesuitengymnasium, das nach Freiburg und Luzern zum dritten Jesuitengymnasium wurde und für die Erziehung der männlichen Jugend aus der Region im Sinne der Gegenreformation zuständig war.
Zu Blarers Zeiten war man in der Ajoie auch Teil einer wichtigen Durchgangsroute, welche die spanischen Habsburger beanspruchten, um via Mittelmeer, das spanische Mailand ins spanische Brüssel zu gelangen. Diese Verbindung war wichtig geworden, weil sich die nördlichen Provinzen der Niederlande 1568 vom spanisch-habsburgischen Reich abgespalten hatten und Frankreich südlich und östlich umgangen werden musste. Aus Luzern heraus entstand, von Mailand unterstützt, der Goldene Bund, der bestrebt war, in der durch die Reformation zerstückelten Eidgenossenschaft klar abgrenzbare katholische Teile zu erhalten. Luzern, Solothurn und Pruntrut gehörten zu diesem Projekt, das sich Basel der Reformation angeschlossen hatte.
Noch heute heisst der Gymnasiumsplatz «Place Blarer de Wartensee». Und noch heute ist mensch im Jura sehr häufig katholisch. Nur der grosse Durchgang fehlt in der Kleinstadt nit gut 6000 EinwohnerInnen, in dem es auffallend ruhig geworden ist.

Das Bankett vom 6. November 1848 – Fakten und Hintergründe in Kürze

Zwischen 1803 und 1848 war (erneut) die Tagsatzung das oberste gemeinsame Organ der
Bundesglieder. Die eidgenössische Kanzlei zügelte seit 1815 alle zwei Jahre zwischen den
Vororten Bern, Zürich und Luzern hin und her. Bern war in den Jahren 1847 und 1848 Vorort.
Diese beiden Jahre waren entscheidend für die weitere Geschichte der Eidgenossenschaft
(1847 Sonderbundskrieg, 1848 Inkrafttretung der neugeschaffenen Bundesverfassung).1 Die
Bundesverfassung von 1848 hatte die Frage, welcher Ort Bundesstadt werden sollte,
wohlweislich offengelassen, um die Abstimmung nicht noch mehr zu belasten.
In den letzten Wochen vor der parlamentarischen Abstimmung Ende November 1848
entbrannte ein Duell zwischen den Rivalen Bern und Zürich. Die Wahl wurde zu einer
eigentlichen Prestigefrage.
Die Neue Zürcher Zeitung machte mobil gegen Bern: „Wir
denken, die wunderlieblichen Ufer des Zürchersees, mit dem romantischen der Gemisch der
Zauber der Natur mit den Reizen menschlicher Kunst werden auch in Zukunft, wie bisher,
weit mehr anziehen als die wilden Felsmassen des Vierwaldstättersees oder die ernste,
melancholische Umgebung Berns.“ Und es gebe noch die Eisenbahn, die als Erholung
genutzt werden könne.
Der Nouvelliste vaudois hingegen setzte sich für Bern ein: Es handle
sich zwar um eine langweilige Stadt, wo Kälte und Nebel herrschten; ausserdem seien die
Einwohner nicht sehr zuvorkommend. Aber dies diene letztlich dem Ratsbetrieb: Die
Nationalräte sollten schliesslich nicht ein fröhliches Leben führen, sondern arbeiten. Bern sei
glücklicherweise kein „kleines Paris“. Hier seien das Nachtleben und andere
Zerstreuungsmöglichkeiten dermassen eingeschränkt, dass die Ratsherren die Sessionen
möglichst rasch beenden würden, was dem Steuerzahler Geld spare.
Am Sonntag, 5. November 1848, trafen die National- und Ständeräte in den schweren
Postkutschen durch die Ehrenpforten beim Untertor, Aarbergertor und über die 1844
eingeweihte Nydeggbrücke in Bern ein.
Am Montag, dem 6. November, fand die Eröffnung
der ersten Bundesversammlung statt. Eine kalte Bise pfiff. Bern war herausgeputzt wie noch
nie: Wehende Fahnen, Kerzen auf den Fenstersimsen, Blumen und Girlanden an den
Fassaden. Die ältesten Stadtbewohner waren sich darin einig, Bern nie glänzender gesehen
zu haben als am Tage der Eröffnung der ersten Bundesversammlung.
Auf der Münsterterrasse zündete ein leuchtendes Schweizer Kreuz ins Land hinaus. An den
Haupteingängen der Stadt hielten Ehrenpforten Wache. Um sieben Uhr früh wurden 155
Kanonenschüsse abgefeuert – für jeden Parlamentarier ein Schuss. Nach den Gottesdiensten
begaben sich diese, begleitet von Glockengeläut, in ihre Tagungszimmer. Der Nationalrat
tagte im Casino (an der heutigen Bundesterrasse), der Ständerat im Rathaus des Äusseren
Standes. Bald schon beklagte sich der Nationalrat über den Saal und die schlechte
Beleuchtung.

Die Festmahlzeit (6. November 1848)

Doch der Tag der ersten konstituierenden Bundesversammlung endete mit einem
denkwürdigen Abend: Die Einwohnergemeinde Bern lud zu einem glänzenden Bankett in das
„Hôtel de Musique“, dem späteren „Café du Théâtre“. Die Zünfte liehen ihr Silber- und
Goldgeschirr für diese Festmahlzeit. Geladen waren alle Parlamentarier sowie rund 100
Vertreter der Gemeinde Bern. Nach übereinstimmenden Berichten wurde eifrig gebechert.
Der berühmte und „ehrwürdige“ Waadtländer von 1795, „Kriegsräthler“ genannt, habe
selbst den alten Bordeaux aus dem Felde geschlagen, berichten Chronisten. Dann floss der
Champagner. „Und ein künstlicher Springbrunnen für die Bedienung der Gäste mit rotem
Wein, der aus den Röhren floss, fand besondere Beachtung. Die schönste Seite des Festes
aber war die gesellschaftliche Fröhlichkeit, Eintracht und ein wahrhaft erhebender
eidgenössischer Sinn, der alle Gemüther erfasst hatte.“3 Das Fest war eines der
grossartigsten, das in Bern je gesehen wurde. „Die Stadt hatte alles aufgewendet, um die
Gäste zu befriedigen.“ Das Essen dauerte bis zum andern Morgen. Die Damen durften von
den Galerien dem fröhlichen Treiben zuschauen.
Ein grosses Defizit resultierte wegen der Verlängerung des Banketts und des Eindringens
ungeladener Gäste, welche einen „viel grösseren Verbrauch an Wein, besonders an
Champagner“, zur Folge hatte. Die Rechnung übertraf die budgetierten 3’671 Franken um
1’271 Franken; begleitet von „leisem Hohn“ deckte die Burgergemeinde den Fehlbetrag.
Am Tag nach dem Fest begann die Sitzung des Nationalrates ausnahmsweise erst um 3 Uhr
nachmittags…

Die Wahl Berns zur Bundesstadt

Der 28. November 1848 war Abstimmungstag. Schon im ersten Wahlgang siegte Bern im
Nationalrat mit 58 Stimmen gegenüber Zürich mit 35, Luzern mit 6 und Zofingen mit einer
Stimme. Auch im Ständerat kam ein deutliches Mehr für Bern zustande. Alle Tessiner und
Welschen stimmten für Bern, nicht zuletzt aufgrund der geografischen Lage (im Zeitalter der
Postkutschen). Die Stadt war danach laut Berner Presse „in freudiger Bewegung“: Es folgten
Kanonenschüsse und Fackelumzüge. Die NZZ schrieb, Bern habe die romanischen Stimmen
„zu erschleichen gewusst“.
Alfred Escher, Zürcher Politiker und späterer Eisenbahnunternehmer, wies darauf hin, dass
Zürich nun nun immerhin die grossen ökonomischen Opfer erspart bleibe, die der Bundessitz
mit sich führe – ohne entsprechenden materiellen Nutzen. In der Tat: Die Stadt musste dem
Bund die Räume für die Bundesversammlung, für den Bundesrat und seine Departemente,
die Münzstätte, sowie Wohnungen für den Kanzler und seine Stellvertretung gratis zur
Verfügung stellen mitsamt der Möblierung der Räume. Zwar hatten damals noch alle
Departemente im Erlacherhof Platz. Insgesamt musste Bern aber neben den Sitzungsräumen
für die Räte 99 Büro- und Archivräume frei machen. Das waren drückende Lasten für eine
wirtschaftlich noch unentwickelte Stadt mit 26’000 Einwohnern. Bern kaufte sich denn auch
1875 durch Vertrag mit der Eidgenossenschaft davon los und trat das von ihr erbaute
Bundeshaus unentgeltlich ab.

Quellen:
Originalquellen: Protokolle des Nationalrates (1848), Protokolle des Gemeinderates Bern (1848),
Bundesblatt, Verhandlungen über den Sitz der Bundesbehörden.
Beat Junker, Christian Pfister: Geschichte des Kantons Bern seit 1798 (Historischer Verein des Kantons
Bern), 4 Bände, Bern 1982-1996
Peter Martig (Hg.): Berns moderne Zeit. Das 19. und 20. Jahrhundert neu entdeckt, Stämpfli-Verlag,
Bern 2011
Dossier Feier zum Hundertjährigen Bestehen, Stadtarchiv, diverse Beiträge und Zeitungsausschnitte,
u.a. Wie Bern zur Bundestadt wurde von Dr. E. Bärtschi, Broschüre, 1948

Serie Brennpunkte der Demokratie für Swissinfo nun komplett

In den letzten Monaten habe ich für Swissinfo eine mehrsprachige, multimediale Serie zur Demokratieentwicklung in der Schweiz geschrieben. Die Reihe ist heute mit der achten Folge zu Ende gegangen – gerade rechtzeitig auf das Global Forum on Modern Direct Democracy, der als viertägiger Kongress morgen in Luzern startet.

Im Hinterkopf hatte ich stets diese Skizze der Schweiz von einer Autokratie zur Demokratie, die den Weg aufzeigen soll. Wer den Ueberblick vorloren hat, kann die Texte und Videos hier nachschlagen. Die deutschsprachigen Texte führen auch zu den anderen Sprachen.

Teil 1: Aarau
Die Geburt der modernen Demokratie im Herzen Europas

Teil 2: Lugano
Das Tessin lehrt Europa die repräsentative Demokratie

Teil 3: Bern
Die Schweizer Verfassung – ein Kompromiss aus Demokratie und Föderalismus

Teil 4: Schaffhausen
Als die Schweizer Demokratie Weltspitze war

Teil 5: Olten
Wie ein Streik die Schweizer Demokratie umpflügte

Teil 6: Neuenburg
Wie Frau Schweizer den Bann der Schweizer Männer durchbrach

Teil 7: Genf
Wenn Ausgrenzung Demokratisierung anstösst

Teil 8: Luzern
Extra: Luzern, die heimliche Hauptstadt der Schweiz, die an sich selber scheiterte

Verfassungsvater Ueli Ochsenbein

Ochsentour nennt man einen politischen Aufstieg, der wegen vielen Widerständen von Widersacher:innen mühsam ist. Meine Ochsentour – eine Stadtwanderung – handelt von einem Quereinsteiger mit verwandtem Namen.


Bild Vordergrund: Viola Amherd, Hintergrund Barbora Neversil
Foto: Beatrice Simon

Ueli Ochsenbein stieg in nur 8 Jahren vom Gemeindepräsident im seeländischen Nidau zum ersten Berner Bundesrat in der 1848 neu geschaffenen Landesregierung auf. Davor war er Berner Regierungsrat und Regierungspräsident geworden. Er präsidierte die Tagsatzung und ihre Kommission, welche die erste Bundesverfassung ausarbeitete. Sie begründete die moderne Schweiz und schuf unter anderem das Zwei-Kammer-Parlament, die Hoheit des Bundes in der Außenpolitik und die Rechtsgleichheit in den Kantonen.
Der Bundesrat musste da,als Ende Legislaturperiode noch kollektiv zurücktreten. Wer wiedergewählt werden wollte, musste zuerst in den Nationalrat gewählt werden. Erst dann konnte er sich der Bundesversammlung stellen. Ochsenbein schaffte das bei zweiten Mal nicht mehr. Er war der erste arbeitslose Bundesrat. Hauptgrund war, dass er sich von den Radikalen, die ihn portiert hatten, losgesagt hatte, und im zerstrittenen Kanton Bern eine staatstragende Mitte-Partei ins Leben rufen wollte. Das haben dies ihrem früheren Kampfgefährten nicht verziehen. Sein Leben endete voller Tragik.
Gestern hatte ich die Freude, unter Führung der Berner alt-Regierungspräsidentin Beatrice Simon mit einer kecken Gruppe von Mitte-Frauen quer durch die Berner Altstadt wandern zu dürfen, um sie verwischten Spuren unseres Verfassungsvaters aufzuspüren.
Kurz zeigte sich auch Bundesrätin Amherd, die jetzige Departementschefin VBS. Ochsenbein war der erste Chef im Militärdepartement des Bundes.
Es war ein toller Abend!