Die Hauptstadt der Schweiz

Die Schweiz hat doch gar keine Hauptstadt. Sie hat eine Bundesstadt, und die ist seit 1848 Bern.
Richtig!
Doch das war nicht immer so.


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Bundesstaat
Erst mit der Gründung des Bundesstaates wurde Bern fester Sitz von Parlament und Regierung. Auf den Titel einer Hauptstadt verzichtete man auf föderalistischen Gründen ganz. Weitere Städte bekamen später Bundesinstitutionen, so Lausanne, Luzern und Zürich. Bis heute kamen noch Bellinzona und St. Gallen hinzu. Mit der Dezentralisierung der Bundesverwaltung wurden weitere Städte bedient.

Restauration
Zwischen 1815 und 1848 lösten sich Bern, Zürich und Luzern in einem zweijährigen Rhythmus als Vorort des Staatenbundes ab, den der Wiener Kongress geschaffen hatte. Der jeweilige Regierungspräsident des Kantons war der Versitzende der Tagsatzung.
Der Versuch 1832, Luzern zur Hauptstadt eines neu zu schaffenden regenerierten Bundesstaates zu machen, scheiterte am Veto des Kantons Luzern.

Mediation
Zwischen 1803 und 1813 teilten sich unter den Mediationsverfassung von Napoleon die sechs Direktorial-Kantone in die Aufgabe. Dies waren die Freiburg, Bern, Solothurn, Basel, Zürich und Luzern. Ihr Regierungspräsident war gleichzeitig Landammann. 1814 ging die Aufgabe an Zürich über, und der prov. Bundevertrag bestimmte eine einen zweijährigen Turnus der Kantonen Zürich, Bern und Luzern.

Helvetische Republik
1798 gab es mit der Helvetischen Republik erstmals eine Hauptstadt auf dem Gebiet der Schweiz. Man folgte damit bis 1803 dem französischen Vorbild. Eigentlich war Luzern als feste Hauptstadt vorgesehen. Aus militärischen und praktischen Gründen wurde Aarau zuerst provisorische, dann definitive Hauptstadt. Indes, die Räumlichkeiten waren zu begrenzt, sodass man im Oktober nach Luzern wechselte, das knapp über Bern obsiegt hatte. Da blieb man bis im Mai 1799. Danach flohen die Behörden nach Bern, da sie sich durch die vorrückenden österreichischen Truppen im 2. Koalitionskrieg bedroht sahen.
Offiziell blieb Bern bis zur Auflösung der Republik im März 1803 Hauptstadt. Allerdings flüchteten die helvetischen Behörden auch hier während dem Stecklikrieg vor den rebellierenden Föderalisten ins franzosentreue Lausanne.
Hauptstädte oder Hauptorte kennen außer Appenzell-Ausserrhodem seit heute alle Kantone. Einige Kantone wie Tessin hatten vorerst mehrere Hauptstädte, dich sich vorerst abwechselten.


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Quelle: HLS

Alte Eidgenossenschaft
Vor 1798 kannte die Schweiz keine Hauptstadt. Man hatte nur Vororte, die eine Tagsatzung einberufen und leiten konnten. Zürich war dabei führend, aber nicht exklusiv.
Denn die Tagsatzung war häufig auch in Baden, eine neutrale gemeinsame Herrschaft der Eidgenossenschaft mit beliebten Bädern. Nach 1712 und der vollen Parität beider Konfessionen war man abwechslungsweise auch im reformierten Frauenfeld.
Seit der Reformation tagten zudem die katholischen resp. reformierten Orte bisweilen auch separat, die ersteren in Luzern, die letzteren in Aarau, das zu Bern gehörte. Vor allem Luzern verstand sich als Vororte der katholischen Schweiz, Aarau war der Ort des Friedens zwischen den Konfession 1712.
Eine besondere Rolle kam danach Bern, Zürich, Luzern und Uri zu, die gemeinsam über den Landfrieden in der konfessionell gespaltenen Schweiz wachen mussten.

Der Vergleich mit dem Ausland
Die Schweiz folgte allermeist nicht dem Muster zentralistischer Staaten wie Frankreich, wo Politik, Wirtschaft und Kultur in Paris konzentriert wurden und damit zwangsläufig eine Hauptstadt als Herrscher- oder Regierungsstadt entstand.
Vielmehr verstand sich die Schweiz als Bündnis zwischen Orten und Kantonen, was politisch nur Vororte begünstigte, zu einem dezentralen Entwicklungsmuster führte und nur spezialisierte “Hauptstädte” wie Zürich für Wirtschaft, Genf für Internationales und Basel für Kultur zuliess.
Bern blieb da nur die Bundesstadt.

D‘Franzose mit de gäle Hose und de rote Finke, pfui, die stinke!

Etwa so wurde ich 1963 von den Nachbarsbuben empfangen, als meine Familie mit ihrem welschen Namen in den Aargau zog. Dort blieb ich trotz dem unfreundlichen Empfang 17 Jahre und absolvierte alle Schulen, zuletzt die Alte Kanti in Aarau.
Zwischenzeitlich mache ich Führungen durch Aarau – und zwar über die Zeit der Helvetischen Republik (1789-1803). Damals war die Stadt, gestützt durch die Revolutionstruppen aus Frankreich, für rund sechs Monate die erste Hauptstadt der Schweiz überhaupt.
Besucht haben wir mit Wanderer Thomas Widmer und seinen KollegInnen die Orte, wo sich die Revolutionsfreunde trafen, und wo die ersten nationalen Institutionen tagten. Sie begründeten im April 1798 das heute noch gültige Zweikammerparlament resp. die Kollegialregierung der Schweiz. Gesehen haben wir auch, wo der Kern der Verwaltung mit seinen vier Ministerien war, den Vorläufern der heute sieben Departemente des Bundesverwaltung.
Am Schluss standen wir auf dem Dach des Aargauer Kunsthauses. Da sahen wir auf einen Blick mit dem kantonalen Regierungs- resp. Parlamentsgebäude und mit der Spitze des (Verwaltungs)Gerichts die drei Gewalten des Staates, die uns basierend auf der Idee der französischen Aufklärung die Helvetische Republik dauerhaft hinterlassen hat.
Allen bösen Kinderreimen gegen die Franzosen und ihren Abkömmlingen zum Trotz!

Stadtwanderer

PS: Heute vor 225 Jahren, am 17. Dezember 1797, begann der französische Aufmarsch im Fürstbistum Basel, dessen südlicher Teil unter dem Schutz Berns stand. Das war der erste Schritt zur Bestetzung der alten Eidgenossenschaft durch Frankreich, welche die notwendig gewordenen Voraussetzung für die Modernisierung unseres Staatswesens wurde. Ich fürchte, es war damals genau so kalt wie heute.

Bilder: Thomas Widmer

Stadtwanderungen 2023: das vorläufige Programm für das erste Halbjahr

Das Programm 2023 für Stadtwanderungen in Bern nimmt schon rasch Gestalt an. Voll ist es noch nicht. S’het, solang s’het!

Fix gebucht sind schon sechs Führungen im ersten Halbjahr. Einige Anfragen sind noch in Bearbeitung.
Hier schon einmal die kleine Uebersicht:

27. Januar: Ochsentour, Chirurgen-Team
23. März: Beizentour, Inlandredaktion Radio SRF
29. März: Auf den Spuren der Ostschweiz in Bern, Ostschweizer Regierungskonferenz (exklusive Spezialtour)
20. April: Jugend und Politik, Feierabendtreff Bern, Männer 60 plus
4. Mai: Barock, Burger und Bourbonen, Kapo Bern
10.5. Konkordanzdemokratie, Heinrich-Böll-Stiftung, Düsseldorf

Kurzbeschreibungen der Führungen finden sich hier.

Und: Ich habe noch Kapazitäten!

Stadtwanderer

Mein Berner Angebot als Stadtwanderer

“Bern erkunden”, ist das Motto meiner Stadtführungen. Sie wollen die Augen öffnen, für das was man gerne übersieht.


Bild: stadtwanderer
Skulptur: Luciano Andreani

Das Prinzip ist einfach: Jede Führung hat ein Thema, das an 6-10 Stationen in der Stadt durchdekliniert wird. Die ausgewählten Orte stehe stets für eine Geschichte. Zusammen ergeben die Geschichte wieder eine Geschichte, meist der zeitlichen Entwicklung des Themas folgt.
Grundsätzlich führe ich nur Wanderungen für Gruppen durch. 8-16 Personen sind ideal. Kontaktnahme wie Twitter DM am besten.
Gelegentlich gibt es auch offene Führungen, die ich hier ankündige.

2023 biete ich in Bern neun verschiedenen Wanderung an. Zwei davon sind ganz neu, sechs schon bekannter.

Barock-Wanderung: Burger, Barock und Bourbonen
Der Berner Barock ist eigen: von der Reformation geprägt, ist er ganz in Sandstein gehauen. So bestimmt er vor allem das Altstadtbild. Im Zentrum der Wanderung stehen die Fassaden der Gebäude, wo es darum geht, was man sieht und was verdeckt wird. Der riesige Einfluss von Louis XIV., der Streit der Franzosen- und der Niederländerpartei in der Burgerschaft kommen genauso zur Sprache wie typische Rundfenster, Dachgiebel. Es mischen sich Architektur- und Sittengeschichte des 17. und 18. Jahrhundert. Garantiert lehrreich und schockierend zugleich.
Zeitbedarf: 1.75 Stunden
Start: Münterplatz
Ende: Hotel de Musique
Charakter: Geschichte

Klimawanderung: von der Eiszeit zur Heisszeit
Wie der Aaregletscher den Raum formte, die ersten Siedler, den Wald rodeten, der Adel Städte gründete, die Pest alles Schöne vermasselte, die kleine Eiszeit Bauernregeln und Kornhäuser entstehen liess und wie die Industrialisierung Wohlstand und Umweltbelastungen brachte. Damit kippt die alte Formel, war gleich gut, denn jetzt wird die Hitze zu Belastung.
Zeitbedarf: 2 Stunden
Start: Rosengarten
Ende: Bahnhofplatz
Charakter: Geschichte und Aktualität

neu!
Beizen-Tour
Gaststätten gibt es seit dem Mittelalter in Bern. Doch lassen sich drei Phasen unterscheiden: die Gasthäuser, vor 1800, die Restaurants und Hotels danach bis 1990 und die zahlreichen Neuerungsversuche, insbesondere in Verbindung mit Kultur, seither. Diese Stadtwanderung ist ganz speziell. Wir kehren dreimal ein, je einmal in einem typischen Beispiel für die drei Phasen, trinken und essen etwas ausgewähltes und enden mit einem Abendbier. Die genaue Auswahl an Oertlichkeiten wird mit Interessierten festgelegt. Strikte nur für Gruppen.
Zeitbedarf: 4 Stunden abends
Start: Mitten in der Altstadt
Ende: vorzugsweise Progr
Charakter: Geschichte und Aktualität
Beginn: März 2023

Jugend&Politik-Wanderung: Jugendstile über die Zeit
1513 stürmten die Jungs aus Köniz die Stadt Bern. Die Klimastreikbewegung ist dagegen vergleichsweise harmlos gewesen. Ich zeige, wo das Jugendparlament im Ancien Regime, die Restaurants der Studentverbindungen, die Debattier-Keller der Non-KonformistInnen und die Buchhandlungen der 68er waren. Klar gemacht wird, wie Jugend als soziologische Phänomen mit dem Jugendstil Ende des 19. Jahrhunderts entsteht und seit dem 20. Jahrhundert (auch von mir) wissenschaftlich untersucht wird.
Zeitbedarf_ 2 Stunden
Start: Zytglogge Turm
Ende: Generationenhaus
Charakter: Geschichte, mit Ausflügen in die Aktualität

Demokratie-Wanderung: Aristokratien demokratisieren
Bern war im 18. Jahrhundert eine Patrizierstadt, paternalistisch regiert, wenn man gehorchte, mit dem Schwert bestraft, wenn man protestierte. Dem setzten die revolutionäre Franzosen und die Demokratie ein jähes Ende. Zur schrittweisen Demokratisierung trugen in der Folge liberale, demokratische und sozialen Bewegungen bei. Ihre neue Rolle fand Bern als Bundesstadt, dem unbestrittenen Politzentrum der Schweiz mit Regierungsviertel und Bundesplatz als Schaubühne für allerlei Opposition im Land.
Zeitbedarf: 1,75 Stunden
Start: Kreuzgassbrunnen /Altstadt
Ende: Bundesplatz
Charakter: Geschichte, mit Ausflüge in die Aktualität

Ochsentour: Unser Verfassungsvater Ochsenbein
Er war Regierungspräsident von Bern. Er war Präsident der Verfassungskommission der Tagsatzung. Er war 1848 erster Bern Bundesrat. Und er war sechs Jahre danach erster abgewählter Bundesrat. Ueli Ochsenbein ist heute kaum mehr ein Begriff, obwohl er der Verfassungsvater des Bundesstaats war. Ich hole ihn mit seiner Geschichte in die Gegenwart zurück, zeige, wo unser Grundgesetz beriet, wo er sich für das Bundesstaatsmodell lobbyierte, wo gewählt wurde und wo er regierte. Die Wanderung ist mehr als nur eine Biografie. Sie zeigt die Stunde Null des Bundesstaats.
Zeitbedarf 1,5 Stunden
Start: Heiliggeistkirche
Ende: Erlacherhof
Charakter: Geschichte, mit Ausflügen im die Aktualität

neu!
Konkordanzdemokratie
Diese Stadtwanderung richtet sich insbesondere an Interessierte aus dem Ausland, die keine Erfahrungen haben mit einer Konkordanzdemokratie. Erklärt werden der Begriff, woran man die schweizerische Form der Demokratie wie Kollegialregierung, Volksabstimmungen, Föderalismus, Frauenvertretung in Regierungen und fehlendes Staatspräsidium erkennt. Konkordanzdemokratie werden gewürdigt, aber auch kritisiert, dass sie nur unvollständig funktionieren, vielsprachigen Ländern wie der Schweiz aber besonders dienlich sind.
Zeitbedarf 1,5 Stunden
Start: Politforum Bern
Ende: Reitschule
Charakter: Zeitgeschichte, Aktualität
Beginn: März 2023

neu!
Föderalismuswanderung
Diese Stadtwanderung konzentriert sich auf die drei Hauptebenen des Schweizer Staatsaufbaus: Bund, Kantone, Gemeinden (Städte). Wir besuchen das Bundeshaus, das Berner Rathaus und den Erlacherhof, der Sitz der Stadtberner Regierung. Dazwischen gibt es einen kurzen Ueberblick über die Geschichte der Staatsebenen, und einen Ausblick auf die Raumentwicklung Schweiz mit ökonomischen Wachstumsgebieten, Regionen mit steigender resp. sinkender Bevölkerungszahlen, Agglomerationsdefinitionen -bildung, Raumplanung und staatlichen Umverteilungsmechanismen. Die Führung ist besonders für Personen aus dem Ausland geeignet, die nicht allzu viel über den Schweizer Föderalismus wissen und sich einen raschen Ueberblick verschaffen wollen.
Zeitbedarf 1,5 Stunden
Start: Bundesplatz
Ende: Erlacherhof
Charakter: Aktualität, Geschichte
Beginn: Januar 2023

Lobbying-Wanderung: Vorhöfe der Macht
LobbyistInnen sind nicht mehr draussen, aber auch nicht ganz drinnen. Sie sind ein Bindeglied zwischen Zivilgesellschaft und Staat. Und sie werden immer mehr. Ich zeige, wie sie auf Parlament, Regierung und Verwaltung Einfluss nehmen, wie sie sich in ausserparlamentarischen Kommissionen einnisten, Clubs für informelle Treffen gründen und für die Grünen genauso wie für Economiesuisse arbeiten und ich stelle die Frage, ob so auch in der Schweiz in den USA der 1970er Jahre diagnostizierte Power Elite entsteht.
Zeitbedarf: 2 Stunden
Start: Hotel Bellevue
Ende: Geheimplatz
Charakter: Aktualität

Stadtwanderer

Bücherliste 2022: Werke zum Lesen und Verschenken

Das ist meine Bücherliste 2022. Rechtzeitig vor Weihnachten fertig geworden. Durchaus als Hinweise für Geschenke zu verstehen. Wie in früheren Jahren habe ich Bücher ausgewählt, die ich gelesen und teils auch besprochen habe. Alle beschäftigen sich mit der Schweiz, von der Gegenwart bis zur tiefen Vergangenheit. Es sind Sach- und Fachbücher, teils aus der Politikwissenschaft, teils aus der Soziologie. Geschichte fehlt auch nicht. 12 haben meine finale Empfehlung.

Natalie Zeindler: Bodenständig und beharrlich. Jacqueline Badrans Weg ins Bundeshaus. Xanthippe, 2022
Badran äussert sich über einschneidende Erlebnisse, ihre politische Motivation und persönliche Mission, über ihr Engagement für die Lex Koller und eine ausgeglichene Wirtschaft sowie über die Klimabewegung, die sie bereits in jungen Jahren erlebt und motiviert hat, unseren Planeten zu schützen.
https://www.xanthippe.ch/buch-details/bodenst%C3%A4ndig-und-beharrlich.html

Silja Häusermann et al. : Wählerschaft und Perspektiven der Sozialdemokratie in der Schweiz. NZZ Libro, 2022
Bedrängt von strukturellem Wandel und neuen parteipolitischen Rivalen ringen sozialdemokratische Parteien in ganz Europa im 21. Jahrhundert um ein zukunftsfähiges Profil, das ihren historischen Anliegen des sozialen Ausgleichs und der Inklusion zu politischer Wirkung verhelfen kann. Auch in der Schweiz wird um die Ausrichtung der SP Schweiz gerungen und debattiert.
https://www.nzz-libro.ch/waehlerschaft-und-perspektiven-der-sozialdemokratie-in-der-schweiz-978-3-907291-79-5

Peter Buomberger, Daniel Piazza: Wer finanziert die Schweizer Politik. Auf dem Weg zu mehr Transparenz und Demokratie. NZZ Libro, 2022
Die Stärke des Buchs liegt in der Präsentation des Zahlenmaterials, das bisher gut gehütet wurde. Verglichen mit bisher publizierten Schätzungen aus Wissenschaft und Medien, ist das ein Meilenstein.
https://www.nzz-libro.ch/wer-finanziert-die-schweizer-politik-978-3-907291-69-6

Hans-Peter Schaub, Marc Bühlmann (Hg.): Direkte Demokratie in der Schweiz. Neu Erkenntnisse aus der Abstimmungsforschung. Seismo Verlag, 2022
Inner- wie ausserhalb der Schweiz werden die Chancen und Risiken von direktdemokratischer Beteiligung mittels Volksabstimmungen sowohl in der Forschung als auch in Politik und Öffentlichkeit immer wieder lebhaft diskutiert. Der Sammelband liefert neue Erkenntnisse zur Funktionsweise der direkten Demokratie, indem er die einzigartige Fülle an praktischen Erfahrungen und Daten aus den über 170 Jahren Abstimmungsgeschichte der Schweiz nutzt.
https://www.seismoverlag.ch/de/daten/direkte-demokratie-in-der-schweiz/

Francesca Falk (Hg.): Der Schwarzenbacheffekt. Wenn Abstimmungen Menschen traumatisieren und politisieren. Limmatverlag 2022
In diesem Buch sprechen Zeitzeug:innen der Schwarzenbach-Initiative über ihr Leben im Provisorium. Sie erzählen von prekären Wohnverhältnissen, zurückgelassenen Kindern, Diskriminierung und Ausgrenzung, aber auch von Freundschaft und Widerstand. Viele von ihnen wurden durch die Initiative politisiert und zu einem Engagement bewegt, das bis heute das gesellschaftliche Leben in der Schweiz prägt.
https://www.limmatverlag.ch/programm/titel/912-der-schwarzenbacheffekt.html

Luzi Bernet: Das Schweiz-Dilemma. 30 Jahre Europapolitik. Hier & Jetzt, 2022
Der Autor legt keine trockene Abhandlung zur Zeitgeschichte vor, sondern eine profunde, leicht lesbare Entwicklungsgeschichte der Irrungen und Wirrungen der Schweizer Europapolitik der letzten drei Jahrzehnte. Hin- und hergerissen steckt das Land seit Jahren im Dilemma zwischen Annäherung und Blockade. Am Ende plädiert Luzi Bernet für einen entspannteren Europadiskurs.
https://www.hierundjetzt.ch/de/catalogue/das-schweiz-dilemma_2200005/

Religionstrends in der Schweiz: Religion, Spiritualität und Säkularität im gesellschaftlichen Wandel. Jörg Stolz et al. Springer, 2022
Diese Publikation beschreibt gegenwärtige Entwicklungen in der Religionslandschaft der Schweiz. Die hier versammelten Beiträge basieren auf der Auswertung aktueller statistischer Daten und bearbeiten Fragestellungen aus der Religions- und Kirchensoziologie sowie aus der Politikwissenschaft.
https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-36568-4

Regula Bochsler: Nylon und Napalm. Die Geschäfte der Emser Werke und ihres Gründers Werner Oswald. Hier & Jetzt, 2022
Dank hartnäckiger Recherchen kann die Autorin zeigen, wie Firmengründer Werner Oswald mit Hilfe von Industriespionage und ehemaligen Nazis in Ems eine Kunstfaserproduktion aufbaute, eine Flab-Rakete, Minen und Zünder sowie eine Napalm-Variante entwickelte, die in mehreren Bürgerkriegen eingesetzt wurde.
https://www.hierundjetzt.ch/fr/catalogue/nylon-und-napalm_2200022

Nicolas von Passavant: Hemmungen und Dynamit. Ueber das Politische bei Mani Matter. Zytglogge, 2022
Erstmals werden hier die politischen Schriften Matters eingehend besprochen: darunter drei theoretische Artikel, die – lange vergriffen – im Anhang mit abgedruckt sind. Vor dem Hintergrund der dortigen Überlegungen erläutert der Autor politische Bezüge in den Liedern und beleuchtet deren Konzept: Mani Matter verstand seine Chansons als «Modelle für politische Sachverhalte».
https://www.zytglogge.ch/nicolas-von-passavant-hemmungen-und-dynamit-978-3-7296-5100-5

Urs Altermatt : Der lange Weg zum historischen Kompromiss. Der schweizerische Bundesrat 1874–1900. Referendumsstürme, Ministeranarchie, Unglücksfälle, NZZ Libro, 2022
Die Bundesverfassung von 1874 beendete die Periode der repräsentativen Demokratie und bildete mit der Einführung direktdemokratischer Instrumente wie dem Referendum eine Zäsur in der Schweizer Geschichte. Die Bundesräte konzentrierten ihre Arbeitskraft immer stärker auf ihr eigenes Departement. Darunter litt das Kollegialitätsprinzip. Doch der Reformversuch mit einem eigenen Aussenministerium scheiterte nach dem Probeversuch an der Eifersucht im Kollegium.
https://www.nzz-libro.ch/urs-altermatt-der-lange-weg-zum-historischen-kompromiss-978-3-907291-49-8

Thomas Schuler: Napoleon und die Schweiz. NZZ Libro, 2022
Der Autor eröffnet einen neuen Blick auf Napoleon, indem er sich auf Archiv- und Literaturrecherchen und auf Besuche an einschlägigen Schauplätzen stützt.So verknüpft Schuler die spannende Schilderung der Ereignisse zwischen 1789 und 1815 mit unserer Gegenwart und macht deutlich, wie bedeutend Napoleon für die Schweiz war und wie viel aus dieser Zeit bis heute wirksam ist.
https://www.nzz-libro.ch/thomas-schuler-napoleon-und-die-schweiz-978-3-907291-85-6

François Walter, Marco Zanoli: Historischer Atlas der Schweiz. Hier & Jetzt, 2022
Marco Zanoli begann vor Jahren, Artikel zur Schweizer Geschichte zu verfassen und diese mit Karten zu illustrieren. Zu diesen Karten verfasste der Westschweizer Historiker François Walter einschlägige Einführungen, und das daraus entstandene Werk erschien im Oktober 2020 auf Französisch. Nun liegt das Standardwerk leicht überarbeitet und mit einem halben Dutzend weiterer Karten ergänzt auf Deutsch vor.
https://www.hierundjetzt.ch/de/catalogue/historischer-atlas-der-schweiz_2100021/

Claude Longchamp

Berner Beizen Tour!

Meine Berner Polit-Beizen-Tour steht. Der (öffentliche) Tisch, an dem politisiert wurde/wird, steht im Zentrum.

Wegen meinen vorübergehenden Gesundheitsbeschwerden hat die bereits angekündigte Lancierung leider etwas vershoben werden müssen. Neu startet die Wanderung mit Trinken und Essen durch Bern im März 2023.

Die Stationen
Ausgewählt habe ich schliesslich 8 Stationen. 5 Mal gibt es vor Ort Geschichten, je einmal Geschichte und Apéro resp. Geschichte und Nachtessen resp. Geschichte und Abendbier.

Der Zeitbogen
Die Führung zeigt Bern in der frühen Neuzeit (15.-18. Jahrhundert) mit seinen Gast- oder Gesellschaftshäusern resp. Weinkellern. Es folgt die Aera der Restaurants und Hotels (19. und 20. Jahrhundert). Schliesslich kommen Treffpunkte der heutigen Szenen (spätes 20. und 21. Jahrhundert) hinzu.

Der Themenbogen

Das Auswahlkriterium war stets die Politik zu ihrer Zeit, die an diesem Ort gespielt hatte. So stehen die Stationen für die ersten hohen Besuche mit Papst und Kaiser in Bern (Krone), den Gerichtsort mit Entscheidungen über Leben und Tod (Distelzwang), die Vermarktung des Weins aus den Untertanengebieten (Klötzlikeller). Die Entstehung der bürgerlichen Politik in Studentenverbindungen (Zimmermania), die Gründung des Bundesstaats (Aeusserer Stand) und das Hauptquartier der Arbeiterschaft (Volkshaus 1914) bilden den zweiten Teil. Der dritte umfasst Lokale der 68er- (Pyrenées) resp. der Frauenbewegung (Progr).

Der Zeitbedarf
Die Tour richtet sich nur an Gruppen: Sie dauert mit den Zwischenhalts zum Essen und Trinken vier Stunden und findet abends zwischen 1730 und 2130 statt. Verlängerungen sind bis zur Sperrstunde möglich …

Die Qual der Wahl
Ich konnte nicht alle Stationen berücksichtigten, die ich sondiert resp. hier vorgeschlagen bekommen habe. Ich bin gerne bereit, andere Stationen, die von Interessent:innen gewünscht werden, nach Möglichkeit zu einzubauen.

Gespannt auf den kommenden Frühling!

Bilder: Twitter, Der Bund, Werbeprospekte, Historisches Lexikon

Perücken. Fassaden. Festivitäten

Katholiken mögen meinen, den Barock gäbe es nur in St. Gallen, Einsiedeln und Luzern, denn er sei die Kunstform der Gegenreformation. Doch Bern lehrt das Gegenteil: Die Berner Altstadt kennt zahlreiche Barockgebäude, wenn auch deutlich reformierter und nüchterner im Baustil.
Ich hatte gestern großen Spaß, mit dem Informationsdienst der Stadt Bern die Stadtwanderung „Burger, Barock, Bourbonen“ machen zu dürfen und Wirtschafts-, Gesellschafts- und Sittengeschichte hinter den Fassaden nochmals auflebende lassen.
Der Söldnerhändler Samuel Frisching, der Postgründer Beat Fischer, die zum Tode verurteilte Pfarrersfrau Carherine de Wattwyl, Diplomat Johann Friedrich Willading, seine Tochter Anna Margaretha und ihr Ehemann Schultheiß Hieronymus von Erlach, Spion in französischen Diensten, kamen vor und illustrierten, was die barocken Fassade zeigen – und verbergen!

Fotos: Michael Sahli

Heute vor 174 Jahren: Bern wird Bundesstadt

“In den letzten Wochen vor der parlamentarischen Abstimmung Ende November 1848 entbrannte ein Duell zwischen den Rivalen Bern und Zürich. Die Wahl wurde zu einer eigentlichen Prestigefrage.
Die Neue Zürcher Zeitung machte mobil gegen Bern: „Wir denken, die wunderlieblichen Ufer des Zürchersees, mit dem romantischen der Gemisch der Zauber der Natur mit den Reizen menschlicher Kunst werden auch in Zukunft, wie bisher, weit mehr anziehen als die wilden Felsmassen des Vierwaldstättersees oder die ernste, melancholische Umgebung Berns.“ Und es gebe noch die Eisenbahn, die als Erholung genutzt werden könne.
Der Nouvelliste vaudois hingegen setzte sich für Bern ein: Es handle sich zwar um eine langweilige Stadt, wo Kälte und Nebel herrschten; ausserdem seien die Einwohner nicht sehr zuvorkommend. Aber dies diene letztlich dem Ratsbetrieb: Die Nationalräte sollten schliesslich nicht ein fröhliches Leben führen, sondern arbeiten. Bern sei glücklicherweise kein „kleines Paris“. Hier seien das Nachtleben und andere Zerstreuungsmöglich-keiten dermassen eingeschränkt, dass die Ratsherren die Sessionen möglichst rasch beenden würden, was dem Steuerzahler Geld spare.”
Quelle: Stadt Bern

Ochsenbein. Unser Verfassungsvater von 1848. Meine Einleitung zur heutigen Stadtwanderung für das GS EDA


links: Beschlussfassung zur Gründung des Bundesstaats, 1847; rechts: Aufruf zum Frauenstreik nach Rentenaltererhöhung für Frauen. Beides liegt 175 Jahre auseinander, aber nur 10 Meter von einander entfernt.

Meine sehr verehrten Damen und Herren.

Am Montag nach dem letzten eidg. Abstimmungswochenende versammelten sich hier mehrere hundert Frauen, um gegen die beschlossene Erhöhung des Rentenalters zu protestieren. «Was bleibt, ist die Wut und Enttäuschung», erklärte die Wortführerin Tamara Funiciello. Dafür wurde sie anschliessend heftig kritisiert. Ihr Einspruch sei aggressiv und undemokratisch gewesen, monierten vor allem rechte Kommentatoren. Sie warfen der Nationalrätin vor, radikal gegen Volksentscheidungen zu sein.
Der Vorwurf des Radikalismus kommt heute normalerweise vom entgegen gesetzten politischen Pol. Entsprechend unterscheidet man Links- und Rechtsradikalismus.
Nicht so im 19. Jahrhundert: Der Radikalismus hat seinen Ursprung in der liberalen Freiheit- und Demokratiebewegung. Radikale Demokraten waren für die Entmachtung der Kirche im Staat und für die Einführung der republikanischen Staatsform. Und sie befürworteten das allgemeine Wahlrecht – jedemfalls für Männer.
Mitte des vorletzten Jahrhunderts waren Radikale auch in der Schweiz gegen die katholische Kirche, die in Luzern, Freiburg und Pruntrut von erzkonservativen Jesuiten angeführt wurde. Dafür waren sie auch bereit, mit Waffen zu kämpfen. Den Sonderbundskrieg von 1847, unser letzter Bürgerkrieg, gewannen sie. Davor gab es zwei paramiliärische Angriffe von Freischärlern, der zweite noch blutiger als der Bürgerkrieg.
Der Umsturz in den katholischen Kantonen formte die Grundlage der Bundesstaatsgründung. Basis war die erste selber geschriebene Verfassung, die demokratische Institutionen und elementare Grundrechte mit dem Ziel beinhaltete, wirtschaftlichen Aufschwung durch die Industrialisierung zu sichern.
Die tragende Bewegung von damals war der Freisinn, in dem sich radikale, liberale und demokratischen Strömungen zusammenfanden. Der erste Schritt der Bundesstaatsgründung gelang innert Jahresfrist. Der zweiten, die Bildung einer Nation dauerte länger, vielleicht dauert er bis heute an.
Deshalb sprechen die geistigen Nachfahren von damals meist von einer Willensnation. Verwendet wurde der Begriff prominent von alt Bundesrat Kaspar Villiger, der ein Buch dazu verfasste.
Geprägt wurde der Begriff jedoch vom französischen Historiker Ernest Renan, der ihn für eine gewollte Gemeinschaft brauchte, die sich aus Bürgern verschiedenster Ethnien, Sprachen und Konfessionen zusammensetze und durch eine Elite zusammengehalten werde.
Wie das damals kam, ist Gegenstand unserer Stadtwanderung. Dabei steht Ueli Ochsenbein, der erster Berner Bundesrat aus dem Jahre 1848, im Zentrum. Doch es geht nicht nur um ihn. Die Führung handelt von der “Stunde Null” des Bundesstaates, wie es Ochsenbeins Biograf Rolf Holenstein einmal nannte.
Einen Vorgriff auf das, was kommt, mache ich hier schon: die Radikalität der 1848er Jahre war ausgeprägter als die der protestierenden Frauen heute. Beide richteten sich gegen weisse, alte Männer. Gemeinsam ist auch, dass beide Initialzündungen hier ihren Anfang nahmen.
Der grosse Unterschied: Der Frauenstreik vom 14. Juni 2023 wurde ausschliesslich von Frauen auf dieser Bank ausgerufen, der Wille zur Staatsgründung wurde im Innern dieser Kirche vor der Kanzel ausschliesslich von Männern ausgedrückt.
Nun los!

Stadtwanderer

Die Schweizmacher

Nicht einmal die SVP hat daran gedacht, dass am 16. November 1848 – also heute vor 174 Jahren – der erste Bundesrat der Schweizerischen Eidgenossenschaft gewählt wurde.
Eine eigene Regierung zu haben, stärkte das Selbstbewusstsein des ganz jungen Staates, sodass man sich sicher genug fühlte, den Bundesvertrag von 1815 auszusetzen, den der Wiener Kongress im Geist der Restauration erlassen hatte. Das war ein eigentlicher Akt der Souveränität.


Der erste Bundesrat vom 16. November 1848

Seit dem 12. September war die selbst verfasste, erste Bundesverfassung in Kraft. Für gültig erklärt hatte sie noch die alte Tagsatzung, noch bevor sie sich auflöste.
Das neue Grundgesetz bildete die Grundlage für die Ausschreibung der ersten National- und Ständeratswahlen. Auf 20000 Einwohner gab es einen Nationalrat. Zusammen vertraten 111 Personen das Volk (im damaligen Sinne) in der großen Kammer. In der kleinen waren es 44.
Die große Mehrheit unter ihren war freisinnig mit radikalen und liberalen Auffassungen. Sie konnte den Bundesrat nach ihren Vorstellungen ausgestalten.

Das wichtigste Traktandum der ersten Session waren die Bundesratswahlen. Bern, Zürich und Waadt bekamen einen festen Sitz in der neuen Regierung. Alle anderen Kantone mussten sich die vier verbleibenden teilen. Bedient wurden dabei Solothurn, Aargau, St. Gallen und Tessin.
Alle sieben damaligen Bundesräte waren Männer. Je einer kam aus den Sprachminderheiten. Zwei waren katholisch. Aber keiner war aus einem Sonderbundskanton. Denn die wollten sich 1847 mit vom Bund lossagen, einen neuen Teilungsplan der Schweiz verfolgten und riskierten dafür auch einen Bürgerkrieg, den sie verloren. Die Hypothek überschattete die Staatsgründung.

Die Lancierung einer neuen parlamentarischen Republik in der Schweiz war die einzig bleibende Staatsgründung von 1848. Alle anderen endeten bis Sommer 1849..
Dass der Bundesstaat als Ausnahme Bestand hatte, erklären sich Fachleute heute damit, dass die Idee der Republik seit dem 17. Jahrhundert bei uns Tradition hatte, Großbritannien das Projekt unterstützte, und mit der Bundesverfassung ein Kompromiss zwischen Demokratie und Föderalismus gefunden wurde, der generellen Fortschritt und autonome Entwicklungen zuließ. Priorität hatte die staatliche Überwindung des konfessionellen Gegensatzes durch Freisetzung einer wirtschaftlichen Entwicklung, die den Anschluss an das Eisenbahnzeitalter und damit die Industrialisierung zuließ.

In einem Jahr wird die Bundesverfassung, die unsere Institutionen begründete 175 Jahre alt – Grund genug, sich dann ausführlicher zu erinnern und zu überdenken, was davon noch zeitgemäß ist.

Stadtwanderer

Blitzbesuch in Porrentruy (oder Pruntrut)

Wie so vieles, ist auch der Ursprung des Namens umstritten. Eine alte Schreibweise lautete «Purentrut», was mit etwas Fantasie aus «pont Ragintrudis» abgeleitet werden kann. Das wäre dann die «Brücke von Ragintrudis», der Uebergang, welcher im 7. Jahrhundert der Gemahlin des Königs der Franken, Dagobert I., gehörte. Daran stimmt, dass Pruntrut, nördlich der Jura-Züge gelegen, immer wieder ein Zentrum in der Provinz des Kaiserreichs war.
Der Fürstbischof von Basel machte die Reichsstadt 1528 zum Sitz seines Machtbereichs, da er angesichts der Reformation in Basel seine Heimatstadt verlassen musste. 60 Jahre später baute Jakob Christian Blarer von Wartensee, ein herausragender Luzerner Adliger auf dem Bischofsstuhl, die zerstörte Burg wieder auf und erweiterte sich zum imposanten Renaissance-Schloss (mit barock geformten Dach). Die Franzosen wiederum formten 1792 aus Pruntrut die Hauptstadt der kurzlebigen Raurakischen Republik. Danach wurde man Hauptort des Départements Mont Terrible, das später dem Elsass untergeordnet wurde. Schliesslich entschied der Wiener Kongress 1815, das ehemalige Fürstbistum in der Ajoie aus Frankreich heraus zu lösen und dem Kanton Bern einzuverleiben. Da blieb der nördliche Teil bis 1979, um danach als Jura der 23. Kanton der Schweizerischen Eidgenossenschaft zu werden. Allerdings wurde Delémont Hauptstadt, und Porrentruy hatte das Nachsehen.
Porrentruy hat in vielem den Charakter einer französischen Provinzstadt bewahrt. Das Schloss über der Stadt ist mit seinem europäischen Format untypisch für die Schweiz. Prägenden Eindruck hat auch die Gegenreformation hinterlassen. Die goldenen Jahre waren vom 1580 bis 1618. Sie endeten mit dem Ausbruch des Dreissigjährige Krieges, der halb Europa niederriss. Fürstbischof Blarer eröffnete in Pruntrut das Jesuitengymnasium, das nach Freiburg und Luzern zum dritten Jesuitengymnasium wurde und für die Erziehung der männlichen Jugend aus der Region im Sinne der Gegenreformation zuständig war.
Zu Blarers Zeiten war man in der Ajoie auch Teil einer wichtigen Durchgangsroute, welche die spanischen Habsburger beanspruchten, um via Mittelmeer, das spanische Mailand ins spanische Brüssel zu gelangen. Diese Verbindung war wichtig geworden, weil sich die nördlichen Provinzen der Niederlande 1568 vom spanisch-habsburgischen Reich abgespalten hatten und Frankreich südlich und östlich umgangen werden musste. Aus Luzern heraus entstand, von Mailand unterstützt, der Goldene Bund, der bestrebt war, in der durch die Reformation zerstückelten Eidgenossenschaft klar abgrenzbare katholische Teile zu erhalten. Luzern, Solothurn und Pruntrut gehörten zu diesem Projekt, das sich Basel der Reformation angeschlossen hatte.
Noch heute heisst der Gymnasiumsplatz «Place Blarer de Wartensee». Und noch heute ist mensch im Jura sehr häufig katholisch. Nur der grosse Durchgang fehlt in der Kleinstadt nit gut 6000 EinwohnerInnen, in dem es auffallend ruhig geworden ist.

Serie Brennpunkte der Demokratie für Swissinfo nun komplett

In den letzten Monaten habe ich für Swissinfo eine mehrsprachige, multimediale Serie zur Demokratieentwicklung in der Schweiz geschrieben. Die Reihe ist heute mit der achten Folge zu Ende gegangen – gerade rechtzeitig auf das Global Forum on Modern Direct Democracy, der als viertägiger Kongress morgen in Luzern startet.

Im Hinterkopf hatte ich stets diese Skizze der Schweiz von einer Autokratie zur Demokratie, die den Weg aufzeigen soll. Wer den Ueberblick vorloren hat, kann die Texte und Videos hier nachschlagen. Die deutschsprachigen Texte führen auch zu den anderen Sprachen.

Teil 1: Aarau
Die Geburt der modernen Demokratie im Herzen Europas

Teil 2: Lugano
Das Tessin lehrt Europa die repräsentative Demokratie

Teil 3: Bern
Die Schweizer Verfassung – ein Kompromiss aus Demokratie und Föderalismus

Teil 4: Schaffhausen
Als die Schweizer Demokratie Weltspitze war

Teil 5: Olten
Wie ein Streik die Schweizer Demokratie umpflügte

Teil 6: Neuenburg
Wie Frau Schweizer den Bann der Schweizer Männer durchbrach

Teil 7: Genf
Wenn Ausgrenzung Demokratisierung anstösst

Teil 8: Luzern
Extra: Luzern, die heimliche Hauptstadt der Schweiz, die an sich selber scheiterte

Verfassungsvater Ueli Ochsenbein

Ochsentour nennt man einen politischen Aufstieg, der wegen vielen Widerständen von Widersacher:innen mühsam ist. Meine Ochsentour – eine Stadtwanderung – handelt von einem Quereinsteiger mit verwandtem Namen.


Bild Vordergrund: Viola Amherd, Hintergrund Barbora Neversil
Foto: Beatrice Simon

Ueli Ochsenbein stieg in nur 8 Jahren vom Gemeindepräsident im seeländischen Nidau zum ersten Berner Bundesrat in der 1848 neu geschaffenen Landesregierung auf. Davor war er Berner Regierungsrat und Regierungspräsident geworden. Er präsidierte die Tagsatzung und ihre Kommission, welche die erste Bundesverfassung ausarbeitete. Sie begründete die moderne Schweiz und schuf unter anderem das Zwei-Kammer-Parlament, die Hoheit des Bundes in der Außenpolitik und die Rechtsgleichheit in den Kantonen.
Der Bundesrat musste da,als Ende Legislaturperiode noch kollektiv zurücktreten. Wer wiedergewählt werden wollte, musste zuerst in den Nationalrat gewählt werden. Erst dann konnte er sich der Bundesversammlung stellen. Ochsenbein schaffte das bei zweiten Mal nicht mehr. Er war der erste arbeitslose Bundesrat. Hauptgrund war, dass er sich von den Radikalen, die ihn portiert hatten, losgesagt hatte, und im zerstrittenen Kanton Bern eine staatstragende Mitte-Partei ins Leben rufen wollte. Das haben dies ihrem früheren Kampfgefährten nicht verziehen. Sein Leben endete voller Tragik.
Gestern hatte ich die Freude, unter Führung der Berner alt-Regierungspräsidentin Beatrice Simon mit einer kecken Gruppe von Mitte-Frauen quer durch die Berner Altstadt wandern zu dürfen, um sie verwischten Spuren unseres Verfassungsvaters aufzuspüren.
Kurz zeigte sich auch Bundesrätin Amherd, die jetzige Departementschefin VBS. Ochsenbein war der erste Chef im Militärdepartement des Bundes.
Es war ein toller Abend!

12. September: von Ueli Ochsenbein zu Beatrice Simon.


Bild Berner Zeitung

12. September 1848: An diesem Tag wurde in der Schweizerischen Eidgenossenschaft die erste Bundesverfassung in Kraft gesetzt. 33 Jahre mit polarisierenden Verfassungskämpfen zwischen Konservativen, Radikalen und Liberalen fanden ihr vorläufiges Ende. Die Verfassung schaffte die Grundlage für eine repräsentative Demokratie mit der Volkswahl des Nationalrats und Kantonsdelegationen für den Ständerat. Gemeinsam wählten beide gleichberechtigten Parlamentskammern den Bundesrat.
Ueli Ochenbein, Anwalt aus Nidau, saß als Berner Regierungspräsident der Kommission der Tagsatzung vor, welche die Verfassung ausgearbeitet hatte. Er ist unser Verfassungsvater, und er verteidigte sie danach gegen den Widerstand aus der Berner Regierung, wo man gerne ein zentralistischeres Projekt gesehen hätte. Ein Nein aus Bern hätte die Staatsgründung zum Scheitern gebracht.
Ochsenbein wurde 1848 in den ersten Nationalrat gewählt, und er war auch der erste Berner Vertreter im neu geschaffenen Bundesrat. 6 Jahre später scheiterte er allerdings an seiner Widerwahl, denn er hatte sich von den Radikalen distanziert, und er war bestrebt, in Bern aus dem Zentrum heraus eine staatstragende Mitte-Partei zu lancieren.
Ich freue mich ausserordentlich, heute 174 Jahre nach dem historischen Moment mit alt Regierungpräsidentin Beatrice Simon und einigen ihrer Gefährtinnen aus ihrer Berner Regierungszeit auf den Spuren von Ochsenbein durch Bern wandern zu können.
Frau Simon hat in ihrer eben beendeten politischen Karriere gar zweimal die Partei gewechselt und ist heute in der Mitte-Partei Mitglied. Wie Ochsenbein kommt sie aus dem Seeland.

Stadtwanderer

Lobbying im Bundesstaat – Stadtwanderung für die Stiftung für direkte Demokratie


Das Lobbying gegenüber Entscheidungsträger:innen im Bundestaat hat in den letzten 30 Jahren stark zugenommen. Die Akteure haben sich diversifiziert. Ihr Verhandeln mit dem Staat ist dauerhafter geworden. Die Ansprache ist heute direkter. Die Oeffentlichkeit wird miteinnbezogen. Und die Pandemie hat einiges digitalisiert.
Ich konnte das alles seit 1995 als Dozent am VMI der Univ. Freiburg resp. an der Berner Fachhochschule hautnahe miterleben. Daraus ist eine meiner Berner Stadtwanderungen entstanden. Bereits teilgenommen haben die Schweizerische Public Affairs Gesellschaft, der Kongress der Schweizerischen Vereinigung für Politischen Wissenschaften, verschiedene politische Parteien, einige Interessengruppen und mehrere Inlandredaktionen von Schweizer Medien.
Morgen führe die gründlich überarbeitete Wanderung 2022 erstmals durch. Zu Gast ist die Stiftung für direkte Demokratie.
Anbei die Wanderroute einmal quer durch das Berner Regierungsviertel samt den Stichworten, was wo zur Sprache kommt.
Ich freue mich auf den Anlass!

Stimmrechtsalter 16: ein Schritt zur Demokratisierung des Kantons Bern


The Making of: Mit Yannic Reber, Operateur der Video-Statements für das Stimmrechtsalter 16 im Kanton Bern, vor dem Zimmermania

Stimmrechtsalter 16: ein Schritt zur Demokratisierung des Kantons Bern
1846 führte der Kanton Bern die erste Verfassung ein, welche demokratischen Prinzipien genügte. Zwar hatte man seit 1831 ein liberales Grundgesetz. Aber es war nicht demokratisch, denn es beinhaltete keine Volkswahl des Parlaments. Das besorgten Wahlmänner.

Geburt der Demokratie im Kanton Bern

Die neue Verfassung war volksnäher. Neu wurde das Parlament vom Männervolk gewählt. Und das Wahlrechtsalter wurde gesenkt.
Die liberale Regierung hatte sich zuvor der Forderung der Radikalen widersetzt, einen Verfassungsrat einzuberufen. Sie willigte aber ein, eine Volksabstimmung dazu durchzuführen, die mit einer deutlichen Niederlage für die Regierung endete.
Der Verfassungsrat arbeitete die neue Verfassung aus. Auf deren Grundlage wurden die neuen Behörden gewählt. Die Radikalen bekamen in der Volksvertretung eine klare Mehrheit, und im Regierungsrat waren sie ganz unter sich.
Davor hiess liberal, Politik als Vorrecht zu verstehen. Radikal dagegen meinte, Viele in die Politik einzubeziehen!

Verjüngung der Politik 1846
Die Berner Regierung von 1846 wurde deutlich verjüngt. Die Mitglieder waren zwischen 54 und 26 Jahre alt.
Die radikalen Protagonisten Ueli Ochsenbein und Jakob Stämpfli wurden beide Regierungsräte. Sie waren sie auch die Benjamine im Gremium.
Beide sollten nach der Gründung des Bundesstaates Bundesräte für die Radikalen werden; heute werden sie der FDP zugerechnet.
Heftig politisiert wurde damals in Wirtshäusern. In der Stadt Bern war das Zimmermania das Zentrum der progressiven Studenten von Prof. Ludwig Snell. Er lehrte an der noch jungen Universität Bern Staatsrecht und war ein Vordenker des demokratischen Bundesstaats.
Im Zimmermania heckte man auch neue Ideen zur Demokratisierung des Kantons aus, die dann in den Verfassungsrat einflossen. Konservative argwöhnten, die neue Verfassung sei gar im Restaurant geschrieben worden und nicht mehr wert als ein paar Bierchen.
Nope, sagte das Volk. Es stimmte der Demokratisierung zu!

Das Zimmermania als Symbol
Ich habe den Ort in der Berner Brunngasse bewusst gewählt, um mein Statement für das Stimmrechtsalter 16 abzugeben, über das der Kanton Bern am 25. September abstimmt. Das Video folgt demnächst, nicht im Restaurant, aber online, um viral zu gehen.
Ich glaube nicht, dass ein Ja ein so grosser Einschnitt für den Kanton wäre, wie das 1846 der Fall war. Aber es wäre ein Schritt des Aufbruchs und der Stärkung der Demokratie.
Sicher, es werden bei Annahme nicht alle 16 und 17jährigen sofort abstimmen geben. Doch das machen auch die 30, 50 und 80jährigen nicht. Den jungen Menschen das Stimmrecht vorzuenthalten, schreckt sie ab, statt sie zu gewinnen. Ich finde, wer sich für die öffentliche Sache interessiert, sollte mitbestimmen können.
Die jungen Menschen können das genauso gut wie wir Aeltere!

Stadtwanderer

Schluss der Luzerner Stadtwanderung: das KKL

Teil 8 und Schluss der Luzerner Stadtwanderung

Das KKL

oder

Die schwierige Sache mit der Inklusion

Wir stehen vor dem KKL. Es ist Luzerns Symbol für das bisherige 21. Jahrhundert. Mit vollem Namen heisst es das „Kultur- und Kongresszentrums Luzern.“
Eröffnet wurde das KKL 1998 mit einem Konzert der Berliner Philharmoniker. Das war Programm. Man ist hier am Europaplatz 1, und man will mindestens auf europäischer Ebene ganz vorne mit dabei sein.
Architekt Jean Nouvel aus Frankreich hätte das KKL gerne direkt in den See gebaut. Doch die Stadt war dagegen. So entwickelte er das architektonisches Konzept der Inklusion: Das Dach des KKLs ragt in den See hinaus, der wiederum fließt in die Anlage vor dem Haus hinein. Ein Springbrunnen verbindet beides.

Lange genug Exklusionen
Unsere Wanderung hat gezeigt, wie oft gerade in Luzern die Exklusion vorherrschte. In der Ständegesellschaft mit dem Patriziat war das fast selbstredend. Doch auch die nachfolgende Bürgergesellschaft mit ihrer Politik ging vom einheimischen Mann aus, der lange genug Frauen, Junge, Fremde, Nicht-Christen von der Politik ausnehmen durfte.
Letztlich kann man erst seit der Gleichstellung der Geschlechter und der Nicht-Diskriminierung der Frauen von Inklusion in Gesellschaft und Politik sprechen. Das war in der Schweiz am 7. Februar 1971 der Fall, zwei Tage Tage nach dem Brand des Luzerner Bahnhofs!
66% der stimmenden Männer waren damals dafür. Die Schweiz war damit eines der letzten westeuropäischen Länder, das den Frauen die vollen Rechte als BürgerInnen gewährte.

Späte Inklusion der Frauen
1984 hatte die Schweiz erstmals eine Frau im Bundesrat. 1986 kandidierte die jüngste verstorbene Luzern Nationalrätin Judith Stamm aus Wut darüber, dass ihre Partei, die CVP, wieder keine Frau nominiert hatte, auf eigene Faust für den Bundesrat. Gewählt wurde sie nicht. Aber sie avancierte zur weit herum anerkannten „Frau für die Frauen“.
2009 waren die Frauen im Bundesrat erstmals in der Mehrheit. Nur für zwei Jahre. Doch in diese Zeit fällt der Ausstieg aus der Atomenergie. Vier Frauen sollen dafür, drei Männer dagegen gestimmt haben. Doris Leuthard, eine der vier Frauen im Bundesrat, meinte, Frauen würden mutiger entscheiden,
Luzern ging bei Frauenstimmrecht der Schweiz ein halbes Jahr voraus. Man war der 8. Kanton, der das Frauenstimmrecht einführte. Man hat den Vorsprung verloren. In der Regierung sitzen nur Männer.
Das könnte sich bald bei ändern. Drei Mitglieder treten zurück. Die Mitte, SP, Grünen und Grünliberalen sondieren vorzugsweise oder ausschliesslich bei Frauen. 2023 dürften 2 der 5 RegierungsrätInnen Frauen sein.

Der Wandel der politischen Kultur
Ein Luzerner Mann, der Exklusion selber erlebt hat, war der wohl berühmteste Künstler Luzerns. Hans Erni wurde 103jährig. Viele Jahre davon verbrachte er als Bildhauer und Maler in Luzern.
Immer wieder hat er sich mit Plakaten in die nationale und kantonale Politik eingemischt. So bei der Einführung der Altersrente. So beim Frauenstimmrecht, so beim UNO-Beitritt. Stets war er auf der progressiven Seite.
Noch im Zweiten Weltkrieg warb er für die Anerkennung der Sowjetunion. Deshalb wurde er als Kommunist verschrieben. Die durfte man ohne Scham ausgrenzen und boykottieren. Auch Erni!
Heute ist man auch in Luzern toleranter. Wenn es um sozio-ökonomische Fragen geht, vertritt der im Kanton bürgerliche Positionen, in sozio-kultureller Hinsicht ist man eingemittet. Die Stadt stimmt linker und moderner. Unter den 10 grössten Städten rangiert als bei der Progressivität gar an vierter Stelle, offen und divers wie eine Großstadt.
Bei eidgenössischen Abstimmungen ist der Kanton Luzern am häufigsten in der der Mehrheit. Die Mitte der Mitte quasi. In 93% aller 673 eidg. Abstimmungen war das so. Wohl auch am 25. September!
Aus dem autokratischen Stadtstaat, aus dem Kanton der Ultramontanen und aus dem Herz der konservativen Regierungspartei ist eine Kanton der schweizerischen Mitte geworden. Das Land ist bürgerlich, die Stadt steht links. Das gibt den Durchschnitt!

Kinderparlament für die Demokratie der Zukunft
Wie der Schweiz ist es Luzern gelungen, wichtige gesellschaftliche Gruppen zu integrieren: das städtischen Bürgertum, konservative Landbewohner, die nicht allzu zahlreiche Arbeiterschaft, aber auch neue Szenen, die sich rund um neuen Bildungsinstitutionen gebildet.
Die Stadt hat seit 1993 eines der wenigen Kinderparlamente in der Schweiz. Hillary Clinton hat es besucht, Aktuell fordert günstigere ÖV Preise für SchülerInnen. Und ausser der jungen SVP sammeln alle Jungparteien gemeinsam aktuell Unterschriften, um Stimmrecht 16 einzuführen.
Mit den sozialen Bewegungen ist auch in Luzern eine aktive Zivilgesellschaft entstanden. Dazu gehörte auch eine verwegene Gruppe von Armeeabschaffern am Ende des Kalten Krieges, die in Luzern beheimatet waren. Ihr erstes Ziel, eine Schweiz ohne Armee zu schaffen, haben sie nicht erreicht. Doch bildet ein namhafter Teil der Aktivisten von damals heute die Spitze des Global Forum on Modern Direct Democracy.
Die Vorbilder der Anti-Demokraten, die wir auf der Stadtwanderung kennen gelernt haben, werden wohl staunen, wie man in Luzern dem globale Megatrend trotzt, und wir DemokratInnen hoffentlich noch etwas lernen, wie wir es noch besser machen können!

Teil 7 der Luzerner Stadtwanderung: der Bahnhofplatz

Teil 7 der Luzerner Stadtwanderung

Bahnhofplatz

oder

der Zeitgeist angesichts des Eisenbahnbaus durch den Gotthard

„Der Zeitgeist ist die Mentalität eines Zeitalters. Er bezeichnet die Eigenart einer bestimmten Epoche beziehungsweise den Versuch, diese zu vergegenwärtigen.“ Das schreibt die deutschsprachige Wikipedia und illustriert es mit der Skulptur über dem Triumpfbogen vor dem Luzerner Bahnhof.
Erstellt wurde das Denkmal vom Künstler Richard Kissling, der zur Wende des 19. zum 20. Jahrhunderts verschiedene Helden der Schweizer Geschichte überdimensioniert ehrte. So Wilhelm Tell in Altdorf, so Alfred Escher, den Eisenbahnbaron in Zürich und so .. Louis Favre in Luzern.

Ingenieur Louis Favre
Favre war der Ingenieur, der den ersten Tunnel durch den Gotthard baute. Es war der längste auf der Welt seiner Zeit, und es wurde zum Präzisionswerk. Auf 15 Kilometern Länge durch den Bern wich man beim Durchstichgerade mal 30 Zentimeter ab.
Favre war mit dem Bau ein hohes Risiko eingegangen. Denn er hatte sich verpflichtet, das zentrale Verbindungsstück zwischen Norden und Süden innert 8 Jahren zu bauen. Sollte es schneller gehen, würde er für jeden Tag einen Bonus von 5000 CHF erhalten, bei einer Verzögerung aber einen eben so hohen Malus bezahlen müssen.
Tatsächlich gelang es nicht! Seine Tochter musste während Jahren eine Konventionalstrafe bezahlen. Er selber erlebte das gar nicht mehr, denn er verstarb mitten Tunnelbau an einem Herzschlag.
Favre war nicht der einzige Tote. 199 Mineure verstarben bei den Arbeiten im und am Gotthard, nicht wenige bei der blutigem Niederschlagung eines Aufstandes in Göschenen.

Der Eisenbahnbau mit dem legendären Bahnhof
Mit dem fertigen Tunnel bekam Nord/Süd-Achse eine durchgehende Eisenbahnlinie, die zunächst Luzern umfuhr. Erstmals seit der Stadtgründung im 12. Jahrhundert war man abseits des Transits geraten. Erst mit dem zweiten Bahnhof, dem Centralbahnhof von 1892 wurde das behoben.
Der neue Bahnhof im Stil der Belle Epoque avancierte rasch zum Verkehrsknotenpunkt für Bahn, Schiff und Tram. Überragt wurde der Bau von einer mächtigen, 40m hohen Kuppel, die ein wenig an den Petersdom in Rom erinnerte, nun jedoch nicht aus der Renaissance, sondern dem Industriezeitalter stammte. Das wurde sogar stilbildend, denn der Bahnhof in Südkoreas Hauptstadt Seoul ist eine Kopie des altern Luzerner Bahnhofs.
Doch brannte der in Luzern am 5. Februar 1971 fast vollständig aus und musste neu, nun im Beton/Stahl/Glas-Stil, gebaut werden. Geblieben ist nur das Nordportal, das heute noch als Erinnerungstück auf dem Bahnhofplatz dasteht.

Joseph Zemp
Verändert hat die Eisenbahn vor allem die politische Kultur Luzerns. Auf dem Land hatte sie viele Gegner. Die katholisch-konservativ geprägte Bevölkerung sah sie mit ihren Dampfwolken und ihrem lauten Hupen als Störung des göttlichen Friedens auf Erden. Ihr Anwalt, Joseph Zemp, Fürsprecher aus dem Entlebuch, wurde in den Nationalrat gewählt, um ihre heile Welt gegen die des liberalen Establishment zu vertreten.
Doch Volksvertreter Zemp entwickelte sich anders als erwartet. 1889 reichte er einen Vorstoß ein, um die Bundesverfassung zu ändern. Das war für die katholisch-konservative Politik ein Novum. Denn er akzeptierte erstmals indirekt die Verfassung des Bundesstaates.
Als der freisinnige Amtsinhaber des Post- und Eisenbahndepartements nach einer verlorenen Volksabstimmung zurücktrat, kam Zemps Stunde. Er wurde als erster Katholisch-Konservativer überhaupt in den Bundesrat gewählt.
Der Kurswechsel der Katholisch-Konservativen unter Zemp war ein Segen für die Schweiz. 1902 gründete er nämlich die SBB. Das Eisenbahnwesen war davor noch eine Kantonsangelegenheit gewesen, die mittels Konzessionen von privaten Gesellschaften betrieben wurde. Zemp machte daraus eine zentralisierte Staatsbahn. Luzern stimmte in der Volksabstimmung dafür. Die Integrationsmaschine Schweiz hatte gewirkt.

Burgfrieden überall, außer …
1891 feierte man übrigens nicht nur die Wahl Zemps in den Bundesrat. Zugelassen wurde auch die konservative Forderung nach einer Partialrevision der Bundesverfassung, heute als Volksinitiative bekannt. Und die Schweizerische Eidgenossenschaft beging ihr 700 Jahr Jubiliäum.
Das war Balsam auf die Wunden, die der Sonderbundskrieg und die schwierigen Verfassungsrevisionen im Zeichen des Kulturkampfes gerissen hatte.
Gestört war die Freude über die vollzogene Nationenbildung nur im Kanton Uri auf der anderen Seite des Vierwaldstättersees. Denn unter dem Denkmal von Wilhelm Tell in Altdorf, auch von Richard Kissling geschaffen, steht noch heute das mythologische Gründungsdatum 1307. Doch der Zeitgeist hatte im gekehrt, genauso wie die Eisenbahn die Postkutschen abgelöst hatte, und er brauchte mit 1291 neues, nicht minder mythologischen Gründungsdatum!

Teil 6 der Luzerner Stadtwanderung: Schwanenplatz

Teil 6 der Luzerner Stadtwanderung

Der Schwanenplatz
oder
die liberalen Pfefferfrauen

Noch ist wenig bekannt, was die Frauen in den Bürgerkriegszeiten machten. Bekannt ist aber, dass einige von ihnen als Pfefferfrauen unterwegs und gefürchtet waren.

Liberale Kämpferinnen gegen Konservative

Der Name war ein konservatives Schimpfwort, das die Frauen aber voller Stolz annahmen. Denn es rührte von ihrer Waffe aus Pfeffer, Salz und Asche, das sie mischten und ihren Feinden in die Augen sprühten.
Überliefert ist eine ihrer Aktionen hier am Schwanenplatz. Die konservative Regierung war 1845 dabei, die Truppen aus dem befreundeten Schwyz zu verabschieden, die sie im Kampf gegen die Aargauer Freischärler aufgeboten hatte. Da traten aus dem Zurgilgenhaus schwarz gekleidete Frauen hervor und wurden mit ihren Sprays aktiv. Die Presse vermeldete, gröbere Handgreiflichkeitem seien nur knapp vermieden worden.

Mutige Informantinnen hinter den Freischärlern

Bekannt war auch, dass die Pfefferfrauen während der Freischarenzüge einen Informationsdienst aufgebaut hatten. Sie waren zuhause bei dem Kindern geblieben, als ihre Männer mit den Freischärlern kämpften. Dabei versorgten sie sie mit Informationen zur politisch-militärischen Lage.
Eine dieser Pfefferfrauen war Sophie Steiger. Ihr Mann Jakob war in liberalen Zeiten Luzerner Regierungsrat gewesen. Er führte später den zweiten Freischarenzug an. Mit 2000 anderen wurde er aber verhaftet.
Als Rädelsführer verurteilte ihn die konservative Regierung zum Tode. Die Pfefferfrauen planten bereits die Entführung ihres Helden, als der populäre Politiker von seiner eigenen Wache befreit wurde.
Nach dem Sieg im Sonderbundskrieg kehrte der studierte Arzt nach Luzern zurück, wurde wieder Regierungsrat, und er vertrat Luzern in der Verfassungskommission, welche die 1848 die Bundesverfassung ausarbeitete.

Gouvernante im Schweizerhof und National

Eine Pfefferfrau, die am Schwanenplatz dabei war, hiess Katharina. Mit 16 heiratete die Wirtstochter, machte eine Lehre außerhalb der Stadt und zog mit ihrem ersten Mann, Heinrich Peyer, als Waschfrau der napoleonischen Truppen nach Moskau. Nochmals ging es danach in die Fremde, diesmal für die Niederlande.
Nach der Rückkehr verstarb Heinrich, und Katharine heiratete erneut. Mit ihrem zweiten Mann, Joseph Morel, war sie erfolgreiche Tuchhändlerin in Luzern. Doch auch er verstarb früh.
Nun nahm Katharina ihr Schicksal in die eigene Hände. Im neuen Tourismusgewerbe machte sie schnell Karriere. Sie stieg bis zur obersten Gouvernante im Hotel Schweizerhof auf. Das machte sie so gut, dass sie im hohen Alter dasselbe auch im Hotel National wurde.

Vom Soldwesen zum Tourismus

Nun steht der Schwanenplatz nicht nur für Pfefferfrauen, sondern auch für den Wandel der Wirtschaft. Denn das Hotel Schwanen war der erste Neubau außerhalb der Altstadt.
Katharinas Leben steht für diesem Wandel der dem Motto, „Vom Soldwesen zum Tourismus“ folgte. Die Fremden Dienste in der Fremde wurden durch die Dienst an Fremden in der Heimat abgelöst!
Vor allem gegen Ende des 19. Jahrhunderts brachte der Tourismus aus Großbritannien Luzern einen ersten großen Aufschwung. Es profitierte das liberale Bürgertum, und es begann die Stadtpolitik zu beherrschen, wie es seinerzeit die Söldnerführer taten.
Verändert hat sich dabei das Stadtbild. Die Stadt trat aus der Altstadt heraus. Am rechten Seeufer verdrängte die Promenade für die Gäste bis in die 1850er Jahren die alte Hofbrücke ganz, die noch älter als die Kapellbrücke war. Beinahe wäre auch diese im Zeichen des Fortschritts abgerissen worden, als man 1870 die Seebrücke baute.
Zum Glück für Luzern hat sie überlebt!

Teil 5 der Luzerner Stadtwanderung: Rathaus

Teil 5 der Luzerner Stadtwanderung

Das Rathaus

oder

Die schwierige Geburt der Demokratie

1848 war wie 1789 und 1830 ein europäisches Jahr der Revolutionen. Auch der Bundesstaat von heute ist damals in seinen Grundzügen entstanden. Und er sollte der einzige dauerhaft neue 48er Staat bleiben. Eine Mischung aus Demokratie und Föderalismus macht sein Geheimnis aus. Dafür brauchte es neue Ideen zum Staat, einen Bürgerkrieg und vermittelnde Stimmen. Und immer wieder hatte es mit Luzern zu tun.

Die liberale Bewegung in den Kantonen

1830 gelang es den Liberalen im Kanton Tessin, eine Verfassung einzuführen, die sich gegen das restaurative Regime des Wiener Kongresses von 1815 wandte. Es war die Geburt der repräsentativen Demokratie in der Schweiz.
Die Mehrheit der Kantone, unterstützt von der neuen Meinungspresse, folgte 1831, auch der Kanton Luzern war dabei. Die Stadt wählte in der Aufbruchstimmung 1832 erstmals einen Stadtpräsidenten. Wieder war es ein Pfyffer, nun aber Casimir, der Kandidat der Liberalen.
Die Liberalen versuchten, einen Bundesstaat zu gründen. Doch die Tagsatzung blieb gespalten. Radikalen ging der Vorschlag zu wenig weit, Konservative wollten lieber gar nichts.
Luzern hätte wieder Hauptstadt werden sollen, lehnte das aber in einer außerordentlichen Volksabstimmung 1833 ab. Das Projekt war eine Todgeburt!

Die konservative Reaktion in Luzern

1841 gewannen die Konservativen im Kanton Luzern die Wahlen dank einer neuen demokratisch-konservativen Bewegung. Sie stützte sich auf Gebetsvereine auf dem Land. Sie waren papsttreu oder ultramontan und gegen den liberalen Staat.
Die Sieger führten eine konservative Verfassung ein. Der Ultramontane Konstantin Siegwart-Müller führte diese wieder als Schultheiß. Er holte die Jesuiten zurück und entwickelte einen Plan zur konfessionellen Teilung der Schweiz.
Im benachbarten Aargau bildeten sich paramilitärische Freischaren, unterstützt von Offizieren und Radikalen. Sie versuchten, die Ultramontanen in Luzern zu stürzen. Doch misslang das zweimal.
Nachdem der Bauernführer ermordet wurde, bildete sich ausgehend von Luzern ein Sonderbund der katholischen Kantone. Er wollte den Katholizismus und die kantonale Souveränität verteidigen. Als er medial aufflog, verlangte die Tagsatzung die militärische Auflösung.
Nach gut drei Wochen endete der Krieg mit dem Sieg der Bundestruppen vor den Toren der Stadt Luzern. Siegwart-Müller und mit ihm die Jesuiten flohen. Alle anderen Sonderbundeskantone kapitulierten ohne Widerstand. Luzern wählte ein liberales Parlament.

Der liberale Bundesstaat

Eine Kommission der Tagsatzung arbeitete 1848 mitten in der ausbrechenden europäischen Revolution eine neue Verfassung mit repräsentativer Demokratie und Personenfreizügigmeit aus.
Die Ausgestaltung des Parlaments als Nachfolge der Tagsatzung war die Knacknuss. Ignaz P. V. Troxler aus dem Luzernischen Beromünster wies den Weg. Der liberale Philosoph der katholischen Demokratie optierte nach amerikanischem Vorbild für ein Zwei-Kammer-Parlament. Beide sollten separat entscheiden und gleichberechtigt sein.
Der Verfassungsvorschlag wurde mehrheitlich von den Kantonen angenommen. Dafür waren 15.5 Kantone. Dagegen votierten 6.5 Kantone. Luzern sagte aber nur deshalb Ja, weil man, wie beim Veto, die Abwesenden zu den Zustimmenden zählte.
Luzern unterlag als Sitz von Regierung und Parlament des neuen Bundesstaats Bern. Es sollte der letzte Anlauf sein, sich an die Spitze der Schweiz zu setzen. Zu viele Sympathien hatte der Widerstand im Bürgerkrieg gekostet!

Die Geburt der Volksrechte in den Kantonen

In diese knapp 20 Jahren entstanden repräsentative und direkter Demokratie. Erstere schufen die Liberalen mit Verfassung, Grundrechten und Parlament, das vom männlichen Volk gewählt wurde. Zweiteres entstand schrittweise. Luzern war zweimal vorne mit dabei. Die Liberalen befürworteten 1831 eine Volksinitiative, um Verfassungen unter Beteiligung des Volks ändern zu können. Wiederum war Troxler ihr Vordenker. Die konservativ-demokratische Partei führte 10 Jahre später ein Veto gegen Parlamentsbeschlüsse ein. Troxler gab auch hier den Segen dazu.
Allerdings waren es noch keine Volksrechte wie heute. Denn die Stimmabgabe erfolgte sie in Gemeinde-Versammlungen. Die heutige direkte Demokratie wurde erst in den 1860er Jahre von der demokratischen Bewegung auch in den Kantonen erkämpft und zwischen 1874 und 1891 auf Bundesebene eingeführt.

Schweizer Demokratie und Luzerner Rathaus

Noch ein Wort zur Schweizer Demokratie und dem Luzerner Rathaus. Die Volksrechte hierzulande haben verschiedene Ursprünge. Sie entstanden lokal und kantonal. Sie wurden erst danach auf Bundeebene realisiert.
Das passt zum Rathaus. Auch seine Architektur ist eine Mischung: Der Hauskörper wurde im Stile der bürgerlichen Rennaissance gebaut, aber mit einem Dach kombiniert, das aus dem bäuerlichen Luzerner Hinterland stammen könnte.

Teil 1 Der Schweizerkönig
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Teil 2 Gegenreformatorische Propaganda
https://www.facebook.com/100040003059338/posts/782959496380812/
Teil 3 Mühe mit der Trennung von Kirche und Staat
https://www.facebook.com/100040003059338/posts/784111182932310/
Teil 4: Hauptstadt der Helvetischen Republik
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