flickr für den stadtwanderer

hätte man mich vor dem wochenende gefragt, was “flickr” ist, hätte ich gesagt: ein tippfehler! doch dann stiess ich zufällig auf dieses angebot von “yahoo” und war begeistert. ein fotoalbum, einfach zu bedienen, weltweit benutzt, spannend zum suchen, kommentieren und selber zu verwenden, – eine web 2.0 – anwendung!


mein icon: I, me and myself …

da mein blog-layout für fotos nur beschränkte gestaltungsmöglichkeiten zulässt, habe ich natürlich sofort ein konto eröffnet, und meine favoriten geladen. alles fotos, die ich in diesem sommer beim morgendlichen, mittäglichen oder abendlichen stadtwandern gemacht habe. “myberne” quasi im taschenformat!

leider ist meine kapazität schon belegt für diesen monat, das dutzend ist voll! ich werde aber bald neue themen aufführen, für alle, die gerne etwas von der stadt bern und ihrer umgebung sehen, von geschichte, politik und kultur haben! also, nichts wie hin zu meinen bildern: kritisieren, kommentieren und korrigieren!


da schon mal eine kostprobe zum “stadtpräsident (sp)”

meine 12 themen im august sind

. bellevue
. bowäger
. erholung
. gemüsemarkt
. morgenerwachen
. münster
. regierung und parlament
. spiegelung
. staatsschutz
. stadtgründer
. stadtpräsident (sp)

und natürlich …

stadtwanderer

flickr stadtwanderer
wikipedia flickr

nachwort zum geschichtsunterricht

es war eine überraschung für sie. der nachdiplomkurs „Politische Kommunikation“ der zürcher hochschule winterthur kannte mich zwar als dozenten. dass ich auch stadtwanderer bin, wussten sie jedoch nicht. Und schon gar nicht ahnten sie, dass sie von mir durch bern geführt würden!

die leistungs-klasse aus winterthur …

seit die ausbildung fertig ist, trifft sich der kurs regelmässig und besucht gemeinsam eine stadt. am samstag war bern dran. monia hatte alles eingefädelt, eine spezielle stadttour versprochen, von einem bekannten unbekannten geführt.


foto: stadtwanderer (anclickbar)

ich warte um 14 Uhr 01 schon leicht ungeduldig im nydegghof auf meine ehemaligen studentInnen. sie waren es spät, es war, wie wenn ich unterrichten müsste. aber ich hatte keinen beamer bei mir, keine powerpointpräsentation vorbereitet, die ich nochmals rasch durchgehen konnte. denn ich weiss, in dieser klasse ist leistung gefragt.

ich hatte an diesem tag nur zu einer stadtwanderung geladen. „In 80 Minuten um die Welt“, lautete der Titel,- ein anspielung, dass meine gäste an diesem tag ein volles programm zu bewältigen hatten, und man (im Voraus) nur beschränkt zeit opfern konnte.

da kamen die Ersten von der nydegg-brücke in den hof hinunter. Sie staunten nicht schlecht. ihr dozent für demoskopie als stadtführer? Der theoretiker der meinungsbildung als lokalhistoriker?

die klasse-leistung aus bern …

die Begrüssung war freundlich, aber kurz: „Keine Angst“, sage ich. „Meine Welt ist nicht der erdrund. Meine Zeit ist nicht die von Jules Vernes. Und ich führe Sie nicht 80 Tage an der nase herum. Ich bin Stadtwanderer. Ich führe sie durch Bern. Ich zeige Ihnen in 80 Minuten meine kleine Welt.“


foto: stadtwanderer (anclickbar)

es sollte ein städterundflug im zeitalter des SWISSAIR-groundings werden. deshalb blieben wir auf dem boden der harten realitäten: “Die Schweiz ist passé, es lebe Bern!”, war mein motto. doch anders als es im alten bern üblich war, geht die zeit heute schnell. so habe ich die stadtgeschichte im “20 minuten”-format, aber mit nzz-qualität gegliedert: eindrückliche bilder, kleinere geschichten und ein paar infoboxen. sind noch fragen? iht stadtwanderer!

• wir starten mit der schwäbischen stadtgründung 1191 im burgunderland beim zähringer-denkmal.

• wir betrachten die stadt, oben von der Rathaustreppe aus, wie das Sigismund, der deutsche könig, bei der einweihung 1414 gemacht hatte.

• wir stehen zwischen münster und chorherrenstift auf dem platz an der sonne, wie 1476 adrian von bubenberg, als er die herzöge von burgund besiegt hatte.

• wir hören von theater ums “Du Théâtre”, dessen bau mit der ersten berner aktiengesellschaft 1766 erfolgte, und revolutionäre kultur fördern wollte, die dann in form von französischen truppen kam.

• wir lauschen der gründung des bundesstaates 1848, berns erhebung zur bundesstadt, und der demokratisierung von macht, basierend auf ideen eines deutschen flüchtlings.

und wir besuchen den neuen bundesplatz, wo der unbekannte stadtführer eine lobrede auf den bekanntesten beamten in Bern hält. einstein, der beamter III. klasse im amt für geistiges eigentum gelingt mit der erfinder des heutigen physikalischen weltbildes eine geistige tat erster klasse!

schöner könnte der schluss nicht sein, also finale!

mehr klasse im geschichtsunterricht: mehr stadtwandern im curriculum!

„Geschichte war mit immer ein Gräuel“, erzählt mit ein student unterwegs. „Mein klassenlehrer in der Sek war fürchterlich“, ergänzt eine weitere. „Erst im Gymnasium, bei unserer tollen Geschichtslehrerin, begann ich zu verstehen, um was es da geht“, höre ich im hintergrund tuscheln. und: „Es ist schade, dass man im unterricht den zweiten weltkrieg von vorne bis hinten behandelt, sich aber nicht mit der eigenen geschichte befasst … „


foto: stadtwanderer (anclickbar)

„Das war spannend“, werde ich am schluss heimlich gelobt. „Danke!“, sage ich da. es ist motivation für mehr. „Es gibt keinen Grund, Geschichte langweilig zu erzählen“, las ich am morgen in einem spannenden buch zur frage: „Was wäre geschehen wenn …?“ ich habe es mir zu herzen genommen, heute, wie schon bei früheren stadtwanderungen. und ich hoffe, ich werde mich auch inskünftig immer daran erinnern!

„Stadtwandern als Nachwort zum Geschichtsunterricht“, gar kein schlechtes motto! mehr klasse während den geschichtslektionen bedeutet: raus aus dem klassenzimmer, rein in die stadt! stadtwandern ist angesagt, lebendige geschichte vor ort ist spannend, nicht jahreszahlen beigen und befreiungsgeschichte büffeln!

an den 80 minuten als zeitliche begrenzung für meine meine geschichtslektion muss ich allerdings noch etwas arbeiten …

stadtwanderer

in 80 minuten um die welt!

nein, damit ist nicht der erdball gemeint, und es geht auch nicht 80 tage wie bei jules verne! wir haben es eilig, und wir bleiben in bern! ein stadtrundflug wie in guten alten swissair-zeiten ist angesagt, aber im format von “20 Minuten”, exklusiv für die NDK-abschlussklasse der zürcher hochschule winterthur!

12. august 2006, genau 14 00: tafel zum UNESCO-welterbe


jules verne als vorbild: die ganze welt erkunden!

auf dem nydegg-hof


zähringische pioniere, savoyische strategen und bernische burgenbrecher – adolph von nassau, die berner mission eines europäers – historische erläuterungen des berner wappens

kurzer spazierflug (bitte rasch aufschliessen!)

auf dem rathaus

schlagzeilen: der komet, die pest und der stadtbrand – könig sigismund und das bordell – bourgogne au revoir, grüezi eydgenossenschaft!

kurzer spazierflug (bitte rasch aufschliessen!)

auf dem münster(platz)

ablassgelder, sponsoringverträge und andere einnahmequellen der kirche – bern nimmt frankreich den bären ab! – die Reformation, das mass aller dinge

kurzer spazierflug (bitte rasch aufschliessen!)

rund ums casino

henzi aus bümpliz und das du théatre – napoléon, d’falke – revolution und restauration nur wegen politologieprofessoren

kurzer spazierflug (bitte rasch aufschliessen!)

rund um den predigerplatz

asylanten und direkte emokratie – bundesstadt, nicht bundeshauptstadt – demokratie, liberalismus und sozialismus

kurzer spazierflug (bitte rasch aufschliessen!)

meinstein-city (wo auch immer das ist!)

der bekannteste beamte bern – der unbekannte stadtwanderer verabschiedet sich!

der stadtwanderer

PS: “www.stadtwanderer.net/blog” berichtet in der ausgabe von “heute” darüber!

friedrich barbarossa, der wirkliche deutsche kaiser

teil 1: kaum zu fassen …

teil 2: das leben der kaiserin adelheid


teil 3: adelheids land

jetzt feiern sie wieder! seit dem 6. august 2006, dem 200. jahrestag der auflösung des heiligen römischen reiches deutscher nation, erinnert man sich gerne und häufig des “reichs der deutschen.” der stadtwanderer hat schon die ganze woche den kopf geschüttelt, und versucht jetzt, als abschluss, einen gliederungsversuch zum “1000jährigen reich”!

karl der grosse …

in der dümmsten aller interpretationen, begann das deutsche kaierreich am 25. dezember 800. es wäre also im 1006. lebensjahr gestanden, als es sich selber auflöste. erster deutscher kaiser wäre demnach karl der grosse gewesen. wie man weiss, war er franke aus dem geschlecht der karolinger, die unter karls grossvater, karl martell, die macht im maroden fränkischen reich usurpiert hatten, die mit betrügerischen schenkungen den papst bestochen hatten, und dank ihm zu fränkischen königen und eben: zum deutschen kaiser gekrönt worden seien.


friedrich barbarossa, der legendäre, wirkliche deutsche kaiser

diese interpretation der reichsgeschichte vertreten heute nur noch exoten wie das pm magazin, denn auch die franzosen, die holländer, die belgier und die luxemburger sehen in karl dem grossen einen frühen vorfahren. ein deutscher war er wahrlich nicht! auch die gut-euorpäische zusammenarbeit in der eu gebietet es heute, von solchen projektionen deutlich abstand zu nehmen. und das ist selbst gut für die deutschen: was der charismatiker karl zusammengehalten hatte, bröckelte schon unter seinem sohn, und seine enkel zerstörten sein werk in einer brutalen schlacht, nahe dem heute französischen fontenay, vollends. niemals hätten deutsche so etwas gemacht! fränkische idioten mussten das gewesen sein. 888 war man deshalb soweit, dass man als schutz des christentums einen unehelichen karolinger aus kärnten zum kaiser machen musste, weil die ehelichen nachfrahren nicht in der lage waren, die vikinger aus ihrem reich zu vertreiben. der neu war zwar mässig erfolgreich, aber sein sohn, ein kind, unterlag räberbanden der magyaren, was dem ostfränkischen reich definitiv das ende bereitete!

otto der grosse …

in der zweitdümmsten aller interpretationen gibt es das deutsche kaiserreich seit dem 2. februar 962. es wäre also 844 jahre, sechs monate und vier tage alt geworden, wie der “spiegel” in seiner jüngsten ausgabe nachgerechnet hat. könig otto I., aus dem geschlecht der sächsischen liudolfinger, die man heute nach ihm stolz “die ottonen” nennt, wäre demnach der deutsche reichsgründer. räumlich hätte es wie unter karl von der ostsee bis rom gereicht, wäre aber einiges schlanker gewesen als der koloss des frankenkaiser. wo die grenze im osten war, wusste man nicht so recht, denn mit den slawen lagen die ottonen im dauerstreit, und im westen war die verteilung des alten fränkischen mittelreiches zwischen den ost- und westfranken einer klaren grenzziehung hinderlich.


friedrich barbarossa, der authentische, wirkliche deutsche kaiser

doch auch diese interpretation vertritt heute nur noch eine beschränkte anzahl hamburger journalisten. deutsch auf dem pass, aber nestbeschmutzer in ihrer arbeit! denn die andern deutschen wissen: regierbar war das nicht, römische traditionen und richtiges germanentum in einem reich, das geht seit dem treffen im teutoburger wald nicht! der beste belegt, dass das damals kein deutsches reich war, ist doch, dass man das wort deutsch noch gar nicht kannte. das wurde erst am ende des 11. jahrhunderts verwendet, zu zeigen der salischen kaiser. das waren deutsche! leider noch gefangene im römischen reich. und das gab dann zoff: der papst demütigte den deutschen könig, indem er ihn im harten winter 1077 in italien auf seine burg zitierte, so tief, dass es seither für deutsche politiker heisst: “nach canossa gehen wir nicht!” nur mühsam wurde damals der konfikt zwischen papst und gekittet, doch der streit war wichtig: er liess im reichsadel deutsches selbstbewusstsein entstehen!

friedrich barbarossa, der unverwechselbar deutsche …

in der einig richtigen interpretation des reichs der deutschen entstand es aus den trümmern des investiturstreites. friedrich von hohenstaufen, heute noch als barbarossa bekannt war der erste, der beste, der wirlliche deutsche kaiser! gekrönt wurde der kraftvolle macher am 18. juni 1155. doch das von ihm begründete reich wurde nicht 651 jahre alt, wie man meinen könnte. es endete viel zu früh und viel zu banal, als der der nichtschwimmer friedrich am 10. juni 1190 in saleph, dem heutige göksu in anatolien, auf dem hinweg zum grossen kreuzzug nach jerusalem ertrank.


friedrich barbarossa, der unglücklich gestorbene, wirkliche deutsche kaiser

doch was für eine figur friedrich barbarossa in den 35 jahren dazwischen war: schwäbischer herzog war er schon früh, römisch-deutscher könig wurde er mit eleganz, und selbst zum burgundischen könig liess er sich nach entsprechender heirat später erheben. komplett war seine macht, sein glanz, seine würde! den schrecklichen streit zwischen seinen beiden elterlichen familien, den staufern väterlicherseits, den welfen mütterlicherseits, pariierte er so meisterlich. dem papst, der sich fortwährend auf dem hohen ross überschätzte, leistete er keine unnützen dienste mehr. und den oberitalienischen städten, die nach einer kaiserfreien handelszone trachteten, lehrte er das fürchten. 1183 schloss er mit ihnen kaiserlichen frieden: die oberitalienischen städte waren wieder fest ins deutsche reich eingebunden, wenn auch mit zugeständnissen. dem adel in deutschland erklärte friedrich den frieden von konstanz als “sieg!” und feierte ihn mit dem grössten wurst- und saufgelage, das es im reich je gegeben hat, während man über den aufstieg der städte in der toskana zu den zentren der republikanischen moderne gefliessentlich schwieg. die toskana-fraktion der rot-grünen eliten interessiert es bis heute, was daraus geworden ist!


friedrich barbarossas heiliges deutsches kaiserreich

kaiser friedrich war so einmalig, dass er in den olymp der geschichte aufgenommen wurde. dank seiner grösse muss man die geschichte in einem wurf erzählen, kann man die wenigen wendepunkte der weltgeschichte als vorstufen zum deutschen reich sehen. friedrich selber hat ganze arbeit geleistet. er hat karl den grossen aus dem grab holen und ihn heilig sprechen lassen, den ein bisschen deutsche war er schon! er hat den corpus iuris civilis des christenkaiser justinian zur basis des reichtsrechts gemacht, denn ein rechtstaat ist deutschland seit ihm! und er hat den titel des heiligen römischen reiches, denn einen papst braucht es für das heilsame wirtschaftswunder nicht!


friedrich barobarossas liebste kaiserpfalz in gelnhausen

leider war das engagement in der türkei so wenig sinnvoll. schmählich ist friedrichs ende. denn der versuch, seinen leichnam mit essig zu konservieren, misslang, sodass man nach friedrichs tod gezwungen war, seine herrlichkeit aufzuteilen, sein fleisch in antiochia, seine knochen in tyros und sein herz in tarsos beizusetzen. seit diesem tragischen vorfall gibt es das deutsche reich nicht mehr, denn was kam, war des kaisers nicht wert!

die unrealistsichen universalististen …

am wenigsten schlimm waren barbarossas direkte nachfahren. sie entwickelten jedoch die idee eines universalistischen kaisertums. was daran, bitte, ist deutsch? sein enkel war der schrecklichste dieser universalisten ohne augenmass. herrscher über das mittelmeer wollte er werden, so wie es die alten römischen kaiser waren! und dafür war er zu allen schandtaten bereit: zuerst liess er sich vom gehassten papst instrumentalisieren, um den deutschen könig zu stürzen, der nördlich der alpen regierte; dann gelang es dem aegyptischen sultan den tunichtgut mit einem harem zu verführen, um ihn zum schach spielen mit den mohammedaner zu bringen, statt an den zweikampf gegen die ungläubigen zu denken; und selbst die gottlose wissenschaft der südländischen falkenjagd förderte der ketzer vor seinem ende, statt die jagd mit speer und hund zu pfelgen, wie es seit alters her in den deutschen wäldern gebräuchlich ist.


friedrich barbarossa, stammvater der wirklich deutschen kaiserlichen

schlimmer noch war das haus luxemburg-böhmen. es sei erinnert, dass sie eine europäische herrschaft erreichten wollte. der dynastiegründer konnte nur noch französisch und kein wort deutsch mehr. karl V. machte prag zu seiner hauptstadt, und liess alle deutschen kleinstädte, die friedrich ihrer pfalzen wegen so geliebt hatte, vermodern. und sigismund, der letzte luxemburger, vereinigte gar ungarn mit dem reich. kein wunder, dass in diesem europäischen projekt die mehrheit der reichsuntertanen nicht mehr deutsch sprach!

die unnützen emporkömmlinge …

unterboten wurde diese schande nur noch durch die kranken habsburger, die sich als abkömmling der deutschen nation wähnten. nichts davon ist richtig! aus brugg an der aare in der heutigen schweiz stammen sie! nur durch heirat gross zu werden, paktierten sie mit spanieren und residierten sie in wien. sie waren sich nicht zu schade, sich auf die goldene bulle als wahlurkunde zu berufen, um bei bedarf gegen sie zu verstossen! zu schlechter letzt besiegelten sie das ende des reiches gar noch. franz II. kapitulilerte vor einem dahergelaufenen korsen, und rette seine herrlichkeit als österreichischer kaiser in die provinz. die deutschen, ihres reiches, ihrer nation, ihrer staates beraubt, überliess er treulose napoléon, dem kaiser der franzosen. was zum teufel suchte der in den rechtsrheinischen gebieten?


friedrich barbarossa: republikanisches andenken an den wirklichen deutschen kaiser

tja, seit dem ende des römischen reichs, beschäftigt sich die geschichtswissenschaft mit dem auf- und abstieg von imperien. wenn man sich das anhand des “1000jährigen” reiches vergegenwärtig, sagt sich der stadtwanderer: wahrlich, dieser rotbart aus schwaben ist der einzige, wirkliche deutsche kaiser, den es je gab! nur schwimmen hätte er lernen müssen, um ohne rückgriffe auf die geschichte, aber mit vorgriffe auf die zukunft ein 1000jähriges deutsches reich zu schaffen!

stadtwanderer

adelheids land

der römisch-katholische wie auch der griechisch-orthodoxe kalender, und selbst der protestantische, erinnern mit dem namenstags am 16. dezember an adelheids leben. nur der „spiegel“ dieser woche übergeht sie in seiner story, „der deutschen reich“, das es ohne sie nicht gegeben hätte. der stadtwanderer schaut deshalb in den rück-spiegel und ergänzt die dramatische geschichte ihres lebens im 10. jahrhundert, das irgendwio in der nähe seines wohnortes begann. seine gegend selber versteht er als adelheids land. würde er es “heidi-land” nennen, wäre seine hauptdarstellerin wohl wenigstens im hohl-spiegel erwähnt worden.

teil 1: kaum zu fassen …

teil 2: das leben der kaiserin adelheid

adelheids kindheit

prinzessin adelheid kam 931 zur welt. ihre eltern, könig eudolf und königin berta, waren das fürstenpaar in hochburgund. dieses umfasste die heute westschweiz und, ennet dem jura, die gebiete der heutigen franche-comté. geistiges zentrum war st. maurice, das mächtige kloster am oberen ende des genfer sees, von wo aus man den übergang über den grossen st. bernhard in die lombardei kam, die den weg nach rom, vendedig und byzanz eröffnete.


adelheids eltern, der burgundische könig rudolf II. und die königin berta

gleich nach dem tod des vaters wurden die geschwister getrennt. die beiden aufstrebenden machthaber im norden und süden legten hand an: könig otto nahm den minderjährigen prinz conrad in seinen schutz und erhob damit anspruch auf hochburgund als protektoreat. erzogen am hofe des sächsischen königs, von seiner Heimat aber hunderte von kilometern entfernt, konnte konrad nur mit ottos hilfe burgundischer könig werden. denn er musste sich gegen hugo, könig der lombardei, der seinen vater rudolf schon als lombardischen könig verdrängt hatte, durchsetzen. dieser hatte nicht nur conrads schwester in gewahrsam genommen, sondern auch die mutter der beiden. berta musste sich nach dem tode ihres mannes mit hugo verehelichen, und dieser verlobte gleichzeitig mit der heirat von berta, ihre totcher, adelheid, mit seinem sohn, lothar.auch das war programm und zielte ins burgundische.

adelheids jahre in pavia waren nicht unbeschwert. könig hugo hatte berta nur aus machtpolitischen gründen geheiratet. sein ausschweifendes leben am hof änderte er deshalb nicht. er hielt sich gleichzeitig mehrere nebenfrauen und verfügte über ein ganzes arem. Und er soll adelheid als erster verführt haben. berta, ganz unglücklich darüber, verliess hugo wieder, musste jedoch ihre verlobte tochter in pavia zurücklassen.

die lombardische königin

könig hugo, der in der stolzen königsstadt pavia residierte, war, wie auch otto, drauf und dran, der neue kaiser zu werden. doch er sollte es nicht schaffen. 947 geriet er in der lombardei in bedrängnis, flüchtete ins rhonetal und setzte seinen sohn, lothar, der zwischenzeitlich adelheid geheiratet hatte, als neuen könig ein. nun waren sie die machthaber in pavia, mussten sich aber gegen die veroneser markgrafen, die selber lieben gerne, den königstitel beansprucht hätten, behaupten. berengar, der kopf der opposition, wurde an den hof in pavia berufen, und war der berater des königspaar, – bis zum tod von lothar. bis heute ungeklärt, vermutete man einen Anschlag, der auf berengar selber zurückgehen sollte. dieser beanspruchte jedenfalls, gleich nach dem Tod von lothar, neuer könig zu sein.

am hof in pavia galt das langobardische recht. dieses bestimmte, dass die witwe des königs selber entscheiden dürfe, ob und wenn sie heiraten wolle, und somit auch die nachfolge im amt des königs bestimme. das hiess nichts anderes, als dass die junge adelheid über die geschicke der oberitalienischen Grossen entscheiden würde. nun setzten diplomatische aktionen von nördlich der alpen ein. es meldete sich der herzog von schwaben, der herzog von bayern und der König der Sachsen und Franken. alle hatte hatten nur ein ziel: die lombardische erbschaft anzutreten.

die römische kaiserin

könig otto hatte die besten karten in den händen, war er doch der erzieher von adelheids bruder conrad gewesen, der zwischenzeitlich könig von burgund geworden war. so will es die fügung, das adelheid otto auserwählte. das war nicht ohne, für die folgende Ggschichte. denn erst mit der heirat der beiden richtete der sächsisch-fränkische könig ernsthaft seine Politik nach Süden aus. zusammen mit der lombardischen erbin, mit dem burgundischen könig bot sich ihm die möglichkeit, von der nordsee bis rom ein neues reich zu gründen. es zwar halb so gross, wie das von kaiser karl dem rrossen, und auch dieses umfasste erst einen Drittel des untergegangenen römischen reiches.

anders als karl, der sich eher widerwillig im päpstlichen rom aufhielt und lieber in achen heimatlichen weilte, verschrieben sich otto und adelheid ganz der römischen perspektive. heruntergekommen, wie es seit den wirren im späten 9. jahrhundert war, wollte sie es erneuern. Sie wollten ein zweites byzanz schaffen, so wie seinerzeit kaiser konstantin aus byzantium ein zweites rom geschaffen hatte. die anerkennung des kaisers am bosporus war ihnen wichtig. nicht zuletzt vermählten sie deshalb ihren sohn, könig otto II., den anwärter auf die kaiserkrone mit einer nichte des byzantinischen herrschers.


kaiserkrünung von otto und adelheid in einer zeitgenössischen darstellen

ganz in der tradition der byzantinischen theokratie, sah sich otto selber als spitze der kirche, der reichskirche, wie er es nannte. er beanspruchte deshalb auch, bischöfe in ihren diözesen und den papst in rom selber einzusetzen. Begründet wurde damit das ottonische reichskirchensystem, dass im 11. Jahrhundert während des investiturstreits zum zerwürfnis zwischen kirche und staat, zwischen kaiser und papst führen sollte.

auch adelheid stützte sich ihr ganzes leben als kaiserin stark auf den rat der bischöfe. sie waren ihre ratgeber, und sei nutzten dieses position auch, um ihre macht zu stärken. In der ottononischen Theokratie gaben am schluss die bischöfe von köln, mainz und trier den ton an. Doch dabei liess sie es nicht bewenden. Sie baut klöster auf, die man angesichts streitender päpste vor ihrer herrschaft hatte zerfallen lassen, und sie gründet unermüdlich neue klöster, die sie als lombardische erbin reich beschenkte.

die burgundische heilige

adelheid war an dieser schrittweisen auflösung des königreichs burgund nicht unbeteiligt. im Jahre 999 kehrte sie dorthin zurück, wo sie geboren worden war. könig rudolf III., der sohn ihres bruders, war nur noch ein schwacher burgundischer könig. die macht über das riesige rhonetal hatte er aufgegeben. den königssitz, den sein vater in chambery festgemacht hatte, um die alpenübergänge zu beherrschen, hatte er aufgeben müssen. In einer intrige hatten sich die grafen von savoyen dort festgesetzt, sodass dudolf neuenburg gründete, und von dort aus, mehr wie ein landgraf als ein könig residierte. die alte kaiserin hatte das vakuum, das so im königreich ihres vaters und grossvaters entstanden war, gesehen. Um die grossen Besitztümer vor dem Zuggriff der Savoyer zu retten, vermachte sie ihre klöster den umliegenden kirchenfürsten. st. maurice, das burgundische hauskloster, vermachte sie dem Bischof von Sitten. moutier-grandval, das jura-kloster schenkte sie dem bischof von basel.

ihr liebstes kloster in der heimat, kloster payerne, das sie mit ihrem bruder conrad als grab ihrer mutter berta gestiftet hatte, ging an das führende kloster cluny. Dem dort entstandenen, neuen kirchenorden war die kaiserin besonders verpflichtet. in ihm sah sie die vollendung der welt. Der Abt von cluny, odilo, bedankte sich für die reichen schenkungen, die er von der kaiserin erhalten hatte. niemand geringer als er, war der erste biograph der ersten kaiserin. er legte damit den grundstein, dass adelheid keine 100 jahre nach ihrem tod von urban V., einem cluniazenser papst, als heilig gesprochen wurde.

„heidi land“? – adelheids land!

adelheid ist die grösste persönlichkeit in der geschichte des neugegründeten römischen reiches, das 1806 als heiliges römisches reich deutscher nation unterging, die aus dem gebiet der heutigen schweiz stammte. sie war jene, der aus dem verbund der stammeshezogtümer nördlich der alpen, die ihr zweiter mann, könig otto regierte, ein reich mit europäichen dimensionen machte.


heidi: bild der schweiz, wie man sie gerne hätte – wann nur entdeckt man das adelheid-bild der schweiz, wie sie wirklich war

erinnert man sich wie “der spiegel”, nur an der deutschen reich, kann man auf diese europäische „schweizerin“ verzichten, so wie die schweizerinnen auf diese „europäerin“ verzichten, und heidi adelheid vorziehen. für den stadtwanderer ist „heidi-land“ aber immer noch „adelheids-land“!

stadtwanderer

literaturangaben:

Odilo (Abt v. Gluny): Epitaphium Adelheidae Imperatricis, in: MG SS IV, 633 ff.; bearb. v. Herbert Paulhart, 1962
J. Bentzinger: Das Leben der Kaiserin Adelheid, Gemahlin Ottos I., während der Reg. Ottos III. (Diss. Breslau), 1883
Franz Paul Wimmcc: Kaiserin Adelheid, Gemahlin Ottos I. des Grossen, in ihrem Leben und Wirken von 931-973 (Diss. Erlangen), 1897
Karl Uhlirz: Jahrbücher des deutschen Reiches unter Otto II., 1902
Gertrud Bäumer; Adelheid, Mutter der Königreiche, 1936
Gertrud Bäumer, Krone und Kreuz, 1938;
Gertrud Bäumer, Otto I. und Adelheid, 1951
Maria Andrea Goldmann: Die hleilige Kaiserin Adelheid, 1947
Thilo Vogelsang, Consors regni. Die Frau als Herrscherin im Mittelalter (Diss. Göttingen), 1950, 44 ff.
Herbert Paulhart: Zur Heiligsprechung der Kaiserin Adelheid, in: MIÖG 64, 1956, 65 ff.
Die Lebensbeschreibung der Kaiserin Adelheid / Odilo Abt von Cluny, bearbeitet von Herbert Paulhart, Böhlau, Graz/Köln 1962
Erich Beyreuther, Adelheid, Gemahlin Ottos I., Mutter der Königreiche, in: Menschen vor Gott, hrsg. v. Alfred Ringwald, II, 1958, 354 f.
Bruno Keiser: Bevor das Jahr Tausend anbrach. Adelheid, Königin, Kaiserin, Heilige. Ein Leben in bewegter Zeit, Düsseldorf 1995 (auch als Taschenbuch verfügbar)
Queenship ans sanctity. The Lives of Mathilda and the Epitaph of Adelheid. Washington, DC 2004
Kaiserin Adelheid und ihre Klostergründungen in Selz, hgg.von Franz Staab und Thorsten Unger. Speyer 2005.

und nicht vergessen:
stadtwanderer: meine nachbarin. spaziergänge beim schloss bümpliz, eigenverlag, bern 2006

das leben der kaiserin adelheid

teil 1: kaum zu fassen …

wo genau kaiserin adelheid zur welt gekommen ist, weiss man bis heute nicht. aber es könnte bümpliz gewesen sein, damals ein königshof, heute ein kleines schloss in einem berner aussenquartier.


schloss bümpliz, am ort, wo die burgundische königspfalz stand

der bisher letzte biograf adelheids, bruno keiser, bleibt bemerkenswert ungenau: “Die Stimmung am Hof des Königs von Hochburgund war gedrückt. Die Geburt einer Tochter am 27. 6. 931 verbesserte die Laune des Herrschers kaum. Stammhalter besass die Familie bereits. In die Wiege der kleinen Adelheid lugten zwei Brüder, Konrad und Rudolf, ein schon betagter Onkel Ludwig und dessen Sohn Heinrich. Das Interesse für den Nachwuchs verflog rasch. Man musste abwarten, ob der Säugling die ersten Monate überleben würde.”


adelheid (931-999, von 962 bis 996 erste kaiserin des neu gegründeten römischen reiches)

sicher ist also nur, dass adelheid im damaligen hochburgund, dem herrschaftsgebiet beidseits des jura, zur welt kam, wo ihre eltern, könig rudolf und königin berta, bei ihrer geburt, am 27.juni 931 lebten. gestorben ist kaiserin adelheid am 16. dezember 999 im elsässischen seltz, wo sie begraben war, bis der rhein 1307 ihre letzte ruhestätte wegschwemmte.

epochale persönlichkeit

aus der kleinen adelheid wurde im 10. jahrhundert eine epochale persönlichkeit. begonnen hat alles präzise an ihrem 16. geburtstag, an dem sie ihren verlobten lothar, könig der lombardei heirate. das grosse glück währte indes nicht lange: gut drei jahre danach viel lothar einem attentat zum opfer, und adelheid wurde gefangen gesetzt.


kaiser otto und kaiserin adelheit, als “consortium” herrscher und herrscherin über das reich

befreit hat sie otto, könig von sachsen und franken, welcher der mächtigste herrscher nördlich der alpen war. mit der heirat von adelheid am 23. September 951 wurde otto auch könig der lombardei. mit seiner zweiten frau hatte er insgesamt fünf kinder. den kleinen otto, 955 geboren, machte er zum neuen könig, den selbst strebte er nach mehr: nach der kaiserkrone. diese erlangte er am 2. Februar 962 gemeinsam mit adelheid. zusammen begründeten sie das römische reich von neuem. ihr sohn otto II., genauso wie dessen sohn otto III., strebte nach der renovatio imperii romanorum. sie wollten die herrschaft roms über die westliche welt erneuern. beide verstarben jung in italien, sodass ihre träume unerfüllt blieb.


sohn otto II. mit theophanu, seiner frau, ebenfalls kaiser und kaiserin, dank der regenschaft von adelheid

dass die beiden jungs überhaupt kaiser wurden, verdanken sie beide adelheid. sowohl otto II. wie auch otto III. waren beim tod ihres vorfahren zu jung, um die herrschaft selber antreten zu können. in beiden fällen sicherte adelheid die dynastische folge als regentin des reiches. erst 996 dankte sie als kaiserin ab, als die schweden und dänen ins reich eingefallen und die slawenaufstände erneut ausgebrochen waren. ihr enkel otto III. wurde ihr nachfolger, lag aber so stark im feld, dass adelheids tochter, mathilde, äbtissin in quidlingburg zur regentin des reiches berufen wurde. die reichsregierung der damaligen zeit war und blieb fest in frauenhänden.


enkel otto III., ebenfalls kaiser dank der regentschaft von adelheid

mutter der königreiche

adelheid war 68 Jahre alt, als sie verschied. sie hatte zweimal geheiratet und ihre beiden männer überlebt. sie hatte insgesamt sechs kinder gehabt, die, wenn sie die kindheit überstanden, alle zum europäischen adel des 10. jahrhunderts zählten. sie waren am französischen königshof verheiratet. sie am zentralen reichskloster der herrscher äbtissin, und sie waren könige und kaiser. adelheid selber war burgundische prinzessin, lombardische königin, königin von sachsen und franken, und sie war kaiserin. in der geschichtsschreibung gilt sie deshalb, nicht zu unrecht, als pendant zu karl dem grossen. so wie er zum “vater des fränkisch geeinten europas” wurde, so wurde adelheid zur mutter der königreiche, die aus dem fränkischen niedergang entstanden. dank ihr bestand das römische reich im kern aus den ostfränkischen, dem lombardischen und dem burgundischen regnum, war ein multikulturelles projekt.

erst unter den nachfolgern der ottonen zerfiel diese tradition, wurde sie von den saliern nur noch mit militärischer macht zusammen gehalten, um unter den staufern ganz auseinander zu brechen. zum heiligen römischen reich stilisierte friedrich I., seines legendären roten bartes wegen, barbarossa genannt, als es keine einheit mehr aus dem irdischen imperium und dem himmlischen sacerdotium mehr gab.

als adelheid geboren wurde, waren ihrem eltern der germanischen tradition folgend, nomadisierende herrscher. einen festen königssitz gab es in hochburgund, das im wesentlichen die ländereien dies- und jenseits des juras umfasste, nicht. vielmehr lebten könig rudolf und königin berta auf ihren verschiedenen pfalzen. das waren keine schlösser, eher burgen. sie waren meist nicht einmal aus stein, sondern aus holz. aber sie waren befestigt, am liebsten auf einer kleinen anhöhe oder mit einem wassergraben rund herum. jedenfalls waren sie mit palissaden gesichert, und man hatte in ihnen vorräte angelegt, für schlechte zeiten.

eine dieser königspfalzen war pimpiniugum, das heutige bümpliz am rande berns. das alte schloss bümpliz steht nachweislich am ort, wo die burgundische palissadenburg stand.

adelheids vermächtnis

der stadtwanderer hat verschiedene verbindungen zu kaiserin adelheid. seine wichtigste ist natürlich bümpliz, denn des stadtwanderers prinzessin lebte eine weile lang am berner indermühleweg, just zwei häuser neben dem alten schloss. im schlosspark ist heute ein restaurant, wo man sich köstlich bewirten und es sich gut gehen lassen kann. dort hat sich der stadtwanderer schon mal überlegt, wie es gewesen sein könnte, vor mehr als 1000 jahren, aber an gleicher stelle. ist adelheid hier zur welt gekommen? habt ihre mutter berta sie hier in die wiege gelegt, derweil ihr vater rudolf mit dem bau weiterer holzburgen, etwas in laupen, beschäftigt war. genauer wissen wird man es nie. denn die geburt einer prinzessin wurde in der regel nicht aufgezeichnet.


herrschaftsgebiet von otto und adelheid

ganz entscheidend ist das auch nicht, denn adelheid war keine lokalgrösse, sondern eine europäische persönlichkeit. drei leistungen sind bleibend: die schaffung eines zentralisierten reichssitzes, heute würde man sagen, einer hauptstadt, und die etablierung einer dynastischen nachfolgeregelung, die weniger konfliktreich war, als in der spätantiken, im merowingerreich und bei den karolingern.

adelheids eltern waren noch nomadisierende herrscher ohne festen wohnsitz. ihre generation änderte das gründlich. adelheids bruder conrad, der könig von ganz burgund war, hatte in chambery einen festen königssitz, von dem aus er zwischen der rhonemündung bis zur reuss regierte. adelheid wiederum hat in pavia gesehen, was einen königsstadt sein konnte, und sie war beteiligt, in magdeburg das eigentliche herrschaftszentrum der ottonen aufzubauen. sich der metropole rom anzunähern, war ihr erklärtes ziel.

das zweite ziel der generation adelheids, an dem sie massgeblich mitwirkte, war die zweite christianisierung, jene in die breite. nicht mehr nur die königssippe, nein, die ganze bevölkerung sollte christlichen glaubens sein. sie bewirkte einen fortschritt in der zivilisierung der germanisch-frühmittelalterlichen gesellschaften. letzlich markiert sie den übergang von den sippen mit häuptlingen hin zu familien mit eltern. dass sie so stark und eigenständig neben kaiser otto bestehen konnte, bewirkte im 10. jahrhundert auch, dass frauen (vorübergehend) eine höhere gesellschaftliche stellung inne hatten. erst unter den nachfolgern der ottonen, den fränkischen saliern, nahm die patriachalisierung der gesellschaft, die herausbildung der männlichen herrschaft kräftig zu.

direkt mit ihr verbunden, ist adelheids dritte grosse leistung. mit ihrem kaisertum hat sie einen essentiellen beitrag zum aufbau von stabilen dynastien geleistet. gerade die wechselvolle geschichte des fränkischen könig- und kaisertums zeigt, wie wenig dieser politik das verständnis für stabile herrschaft bekannt war. auf charismatische könige folgten endlose bruderkämpfe. genau da überwand man mit der ottonischen dynastie im neuen römischen reich. die primogenitur, die erbfolge des sohnes, wurde durchgesetzt. damit das auch funktionieren konnte, brauchte es aber erweiterungen des rechts, vor allem für den immer wieder eintreffenden fall, dass der älteste sohn des königs bei dessen tod noch minderjährig war. genau das hat adelheid überwinden helfen, indem sie ottos herrschaft auch nach seinem tod für ihren gemeinsam sohn sicherte. sie hat das nach vielen misserfolgen vor ihr vollbracht. adelheid war somit nicht nur 37 jahre kaiserin. sie war auch die erste kaiserin des 962 neu entstanden römischen reiches.

unglaublich, dass man sie im spiegel über das “fast 1000 jahre währende reich” schlicht weggelassen hat. eigentlich sollte das nicht nur den stadtwanderer ärgern, denn es ist eine schande für die geschichtsschreibung!

stadtwanderer

mehr biografisches zur kaiserin adelheid

kaum zu fassen …

“Der Deutschen Reich. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation: gegründet 962 – untergegangen 1806.” so titelt der “Spiegel” – der deutschen spiegel? – fristgerecht zum 200. jahrestag des untergangs des kaiserreiches. der artikel beschäftigt sich jedoch nicht nur mit dem ende, sondern auch dem anfang. und begeht einen krassen fehltritt: otto I. wird als begründer und erster Kaiser mit bild vorgeführt; seite an seite mit seiner ersten frau, edith, die verstorben war, als die krönung stattfand. die wahre erste kaiserin kommt dafür in der 14seitigen reportage gar nicht vor.

das schmerzt den stadtwanderer ganz besonders, denn adelheid ist seine kaiserin. sie war nicht nur lombardische königin, die ihr reiches erbe ins reich des sachsen otto einbrachte. sie, nicht otto, garantierte das römische erbe im reich. denn sie war auch eine waschechte hochburgunderin, die unter anderem über das hauskloster st. maurice d’agaumne verfügte. doch sie ist kaum zu fassen: selbst hierzulande ist sie vielen in vergessenheit geraten. zu unrecht, sagt der stadtwanderer, denn sie könnte gar eine bümplizerin gewesen sein. ein spiegel-bild als zusatz-report.

die magyaren-frage

im 10. jahrhundert gab es eine zentrale frage: wer wird herr über die magyaren? beim zerfall des karolingischen kaiserreiches rief arnulf von kärnten die magyarischen reitertruppen zur hilfe. als “letzter karolinger”, der aber aus einer illegitimen beziehung stammte, konnte er sich er nach 887 nicht gesichert halten. dennoch stieg er 896 zum “kaiser” auf, nicht zuletzt weil er sich auf die auf die asiatischen kämpfer, die sich in der theiss-ebene niedergelassen hatten, stützen konnte. als er starb, verschwanden die magyaren nicht wieder, sondern liessen sich am plattensee definitiv nieder und bauten von hier auf ihre eigene herrschaft aus, die sie mit plünderungen im “kaiserreich” jeden, der sich widersetzte, klar machten.


stammesherzogtümer, die im 10. jahrhundert aus dem ost- resp. mittelfränksichen reich hervorgegangen waren, und das zentrale herrschaftsgebiet der ersten “deutschen” könige darstellten

gegen diese ausfälle stellte sich 926 der sächsische könig heinrich. alles, was damsls rang und namen hatte und von den magyaren überfallen worden war, versammelt er an einem reichstag in worms. könige waren da, herzöge kamen aus allen richtungen, und man schwor, unbedingte treue zu heinrichs plan zu halten, die magyaren zu besiegen. zehn jahre lang wollte man tribute zahlen, um ruhe zu haben. derweil rüstete man aber kräftig auf. das land der germanen wurden erstmals mit burgen versehen, befestigte motten aus holz, die der flucht dienten. sogar notvorräte wurde angelegt, um bei allfälligen belagerungen stand halten zu können.


der mottenbau gehörte zu den leistungen von könig heinrich bei der abwehr der magyaren

933 liess man das befristete stillhalte-abkommen einseitig und vorzeitig auslaufen, denn man fühlte sich nun stark genug. tatsächlich besiegt heinrichs koalition die magyaren in der schlacht von riade an der unstrut. doch heinrich erlag nur wenig später einen schlaganfall bei der jagd, und im sommer 936 starb er in memleben. weil es ihm gelungen war, sein herrschaftsbereich zu konsolidieren, gilt er in der geschichtsschreibung als erster deutscher könig.

das sächsisch-fränkische königtum

bereits 929 hatte heinrich seine nachfolge geregelt. alleiniger erbe sollte sein sohn otto werden. Der für ihn auserwählten frau, edith, der tochter des mächtigen angelsächsischen königs edward, sicherte ein erbschaftsvertrag die einheit des reiches. diese heirat band die sachsen nach norden, und es wäre auch denkbar gewesen, dass sie das zentrum eines reiches über die nordsee geworden wäre, die in erster linie das dänische reich bedroht hätte. doch edith starb 946 bereits, und otto hatte mit liudolf und liutgard bereits zwei kinder, die in der schwäbischen resp. bayrischen provinz regierten oder verheiratet waren.


erweiterung des “deutschen” königreichs durch die heirat von könig otto I. und adelheid, königin der lombardei

zur gleichen zeit wie es einen prominenten witwer nördlich der alpen gab, lebte auch eine ebenso prominente witwerin südlich der alpen. adelheid, königin der lombardei, war jedoch nach dem tod ihres mannes lothar 950 von berengar aus verona gestürzt worden, denn sie weigerte sich, ihn zu heiraten. das aber wäre nach langobardischem recht nötig gewesen, denn das königtum vererbte sich in diesem stamm über die witwe eines verstorbenen königs. berengar usurpierte die macht in der lombardei, und hielt adelheid in der nähe von como gefangen.

otto nutzte diese gelegenheit der machterweiterung und intervenierte in der lombardei. von adelheid gerufen, überschritt er erstmals die alpen, befreite die legitime königin, und er heiratete sie 952 in pavia. berengar wurde militärisch besiegt, doch mit dem königreich der lombardei belehnt, als sich otto und adelheid nach norden begaben. von nun an lebte das königspaar vorwiegend in magdeburg, dass man zum zentrum eines neuen reiches ausbaute. gemeinsam haben otto und adelheid fünf kinder, im jahre 955, als otto, wie sein vater die magyaren in einer schlacht, diesmal aber an der lech bei augsburg, besiegte, sogar zwei! unter anderem kam damals otto II., der nachfolger von otto I., zur welt.

otto, der soldatenkaiser

nach seinem sieg durch seine truppen zum “soldatenkaiser” ausgerufen, sah man in ihm den neuen caesar. sachsen und franken waren gefestigt und unter einer krone, der ostfränkischen vereinigt. die nord-ausrichtung war ganz erloschen, dafür die südost-ausrichtung seines Reiches aufgebaut. die südlichen herzogtümer schwaben und bayern waren nach einem erfolglosen aufstand durch seinen sohn aus erster ehe in seine anhängigkeit geraten. und die magyaren liessen sich nach ihrer niederlage an der lech definitiv nieder, siedelten entlang der donau, wurden christianisiert und bauten nach ottos vorstellungen ein eigenes königreich, das ungarische, auf.


könig otto besiegt 955 an der lech die magyaren und leitet ihre zivilisierung als königreich ungarn ein

intern war otto nicht ganz unbestritten. er musste seine macht vor allem auf seinen jüngeren bruder, brun(o), kanzler des reiches und erzbischof von köln stützen. selst wilhelm, ein unehelicher sohn ottos, war in diesem system als bischof von mainz von nöten. sie bildeten zusammen das rückgrat in der ottonischen reichskirche, auf die sich der könig verlassen konnte.

an die mehr römische tradition knüpfte dagegen adelheid an, die den mauritius-kult, dessen zentrum das burgundische st. Maurice an der oberen rhone war, nach magdeburg mitbrachte. selbst eine teil der gemeine von könig sigimund, dem ersten heilig gesprochenen könig eines germanischen reiches, liess am aus st. maurice nach magdeburg transportieren, um das neue religiöse zentrum zu demonstrieren.

das alles nützte nichts, denn otto erkrankte 958 schwer und stürzte sein reich in einer tiefe krise, die berengar in der lombardei nutzte, um sich zu verselbständigen und den papst in rom zu bedrängen. wie sein vorvorgänger leo III., rief nun auch johannes XII. einen nördlichen herrscher auf, ihn zu schützen. und wie sein vorbild karl der grosse, wurde nun auch otto der grosse begründer eines kaiserreiches mit päpstlichem segen. am 2. Februar 962 wurde er in rom zum kaiser des römischen reiches gekrönt.

das kaiserliche consortium

doch das war otto eben nicht allein. sein spiegelbild war adelheid, fortan nicht nur die (vernachlässigbare) frau des kaisers, wie man in der deutschen historiografie häufig meint. sie war gleichzeitig kaiserin. beide regierten gemeinsam, in einem consortium, wie man es damals nannte. das damals begründete kaisertum war kein deutsches, sondern ein römisches. diese verbindung löste sich erst in der zweiten dynastie, den fränkischen saliern, die sich fortwährend mit dem papst um die vorherrschaft im reich stritten, bis 1157 unter kaiser friedrich I., genannt barbarossa, ganz zerbrach. damals entstand das teutonische kaisertum, das deutsche kaisertum, weil imperium und sacerdotium nicht mehr identisch war.


kaiserkrone, suggeriert, das eine person die macht inne hatte, doch die ottonische dynastie konnte nur dank dem mitkaisertum von adelheid gesichert werden

ein solches denken war den ottonen fremd. nach byzantinischem vorbild, wo es seit konstantin dem grossen immer einen kaiser gegeben hatte, verstanden sie ihre herrschaft theokratisch. sie regierten den staat, indem sie die kirche regierten. denn die kirche war der staat. das war die sächsische tradition seit der christianisierung. südlich der alpen stiess das stets wenig verständnis, denn auch der papst verstand sich als theokrat. ohne adelheids reichtum südlich der alpen, ohne ihre würde als lombardische erbin, ohne ihre macht als eigentliche königin, wäre den ottonen der dauerhafte schritt über die Alpen wohl so wenig gelungen, wie den den schwaben und den bayern und das kaisertum wäre im 10. jahrhundert nicht neu entstanden.


das römische reich und seine nachbarn gegen ende der ottonischen herrschaft

die verbindung zwischen otto und adelheid begründete am 2. februar 962 das, was sich am 6. august 1806 auf druck napoléons, dem kaiser der franzosen, von selber auflöste. der “Spiegel” verschweigt das, weil es auch nicht so recht in das bild passen will: “der deutschen reich”, ist mindestens im 10. Jahrhundert eher “der (mittel)europäer reich.”, in dem sich sächsisch-fränkische und burgundisch-lombardische traditionen verbanden. Otto begründete nur die eine, die vergessene adelheid die andere.

das ist offenbar kaum zu fassen, wenn man nur in den spiegel schaut!

stadtwanderer

ps:
von wo im hochburgund die kaiserin stammte, erzähle ich morgen.

schock: sergius golowin und das burgunder sind nicht mehr

bei einer meiner ersten stadtrundgänge nach meiner rückkehr nach bern war ich schockiert. das “burgunder “ist nicht mehr, ausgerechnet! meine beiz, das kleine café, das letzte symbol voreidgenössischer geschichte in bern, ist während meinen sommerferien eingegangen.

sergius golowin (1930-2006), bild aus dem café litteraire (foto: stadtwanderer, anclickbar)

doch das war nicht alles, das mich schockierte. auch sergius golowin verstarb, als ich in schweden war. er ist am 17. juli 76jährig von uns gegangen. auch wenn ich jetzt ein bisschen spät dran bin, einen moment inne halten muss ich da schon!

meine erste direkte begegnung


als ich 1980 nach bern kam, kannte ich hier wenige leute. ein paar
archivmäuse von meinen historischen recherchen als student, einige bewohnerInnen aus der damaligen wg-szene, – und sergius golowin! erstmals begegnet war ich ihm an einer dichterlesung in der aarauer “tuchlaube”. kurrlig kam er mir damals vor, wie von einer anderen welt. in seiner skurilität hat er mich aber angezogen. wir war gleich per du mit ihm, – schon in der ersten diskussion. damals war mir das sehr wichtig.

ich bin sergius in bern wieder begegnet, als ich, mehr verwirrt als interessiert, im berner altstadt-labyrinth zu meinen ersten abmachungen hetzte. ich habe mich immer wieder verlaufen, und ich habe deswegen zahlreiche treffen verpasst. da passierte es: ich bin sergius wieder begegnet! doch er kannte mich nicht mehr, siezte mich erstaunt, – und er war sichtlich mit sich und seiner welt beschäftigt:

er studierte die lauben.
er musterte die gassen.
er befragte die häuser.
er philosophierte in den cafés.
er versank gerne in der stadt bern.

ein satz hätte damals über die stadt genügt, den er hätte mir geholfen.

auf und ab während der ersten lektüre

ich wollte wissen, was einen menschen so vereinnahmen kann, dass er wie ein gefangener wirkt. ich begann seine bücher zu lesen: “lustige eidgenossen” und “frei sein wie die väter waren” bildeten den anfang. später schlug ich nach, im “lexikon der symbole”, und noch viel später in den “mythen der menschheit”. ich lernte so eine welt kennen, die mir ziemlich fremd war. ich verstand wenig von dem, was da stand.

ich war damals keine 30 und auf erlebnisse aus. ich hatte kaum lebenserfahrung, war aber politisiert. ich wollte veränderungen sehen, nicht symbole interpretiert bekommen. mit bewegten taten, nicht worte. und mit diesen rügte der schriftsteller golowin immer wieder den materialismus der damals jungen historikergeneration. gegen den zeitgeist der 70er jahre empfahl er dafür das studium der kulturgeschichte, der einfachen volksgeschichten und der lebensweisheiten von fahrenden. das alles wollte mir gar nicht passen, schien mir unaufgeklärt, unpolitisch, unwichtig. ich beschloss, mich für vergangenes wieder an bert brecht und für gegenwärtiges an max frisch zu halten.

die öffnung zur zweiten lektüre

die alternativ-bewegung der 80er jahre öffnete auch mich für den post-materialismus. und ich begann mich, vorsichtig genug, ein zweites mal für sergius golowin zu interessieren. ich lernte die biografie des bernrussen kennen, ich vernahm vieles über den bibliothekar aus burgdorf, man las den frühen nonkonformisten unter den kulturschaffenden allenthalben, – und gelegentlich machte er sogar als landesringpolitiker im grossen rat von sich reden.

die zweite lektüre stiess mir die türe auf zum werk von golowin. zu seiner eigenen ruhe, zu seiner liebe zu den menschen, zu seinem respekt vor der schöpfung, zu seiner hingabe für magie, zu seinen kenntnissen über geschichten, und seiner begeisterung für bern.

seit ich stadtwandere, ist mir sergius golowin noch näher gekommen. seine “stadtgespenster”, seine “stadtlauben” und die “stadtbeizen” mit seinem vorwort liegen bei mir ganz oben auf der bücherbeige. selbstverständlich habe ich lektüre von seinem “adrian von bubenberg und die krone burgunds” aufgearbeitet. ich ärgere mich heute nicht mehr über ihn, sondern über mich, über meine verpassten chancen.

es ist phänomenal, wieviel er wusste, das die andern vergessen hatten, wieviel er beschrieb, das ausser ihm niemand mehr sah, und wieviel er mitteilt, selbst wenn man nicht mit ihm reden kann.

sein reiches erbe bleibt

ich glaube, sergius golowin war nie sehr reich, – wenigstens nicht im wörtlichen sinne. im übertragenen war er es dafür ausgesprochen: er hat gesammelt, ohne zu horten; er hat gesichtet, ohne zu besitzen; und er hat vererbt, ohne ein testament zu machen.

lieber spät als nie, sage ich dafür gerne: danke, sergius golowin, für alles, was ich zu lernen gelernt habe, was ich sonst nicht gekannt hätte!

sein erbe wird bleiben, und seine bücher werden auch mich weiter begleiten.


berner restaurant burgunder, im sommer 2006 ebenfalls von uns gegangen (foto: stadtwanderer, anclickbar)

jetzt um so mehr, wo er, fast schon symbolisch, mit dem café “burgunder” von uns gegangen ist.

stadtwanderer

mit meinen neuen favoriten unterwegs (august 06)

tja, “die favoriten” scheint ja nicht nur unsere bevorzugten blogs zu bezeichnen, sondern auch die lieblingsseite unserer fans zu werden! neidlos empfehlen wir deshalb auch im august jene weiter, die noch besser und noch anerkannter als der junge “stadtwanderer” sind.

die kleine redaktion ist wieder komplett, denn der boss aus den ferien zurück. und: die neue hit-parade der blogs aus stadtwanderersicht ist durch die vorübergehende landesabwesenheit nicht unbeeinflusst geblieben! und auch die illustrationen sind neu; bootssteg-wandern gehörte zu seinen lieblingsbeschäftigungen während den ferien.

1. hälge (neu)

es ist unser bevorzugter “bericht aus schweden”, ohne grosse worte zu verlieren, versprüht er viel hintergründige humor. lars mortimer ist der bekannteste schwedische karikaturist, der jeden tag seine website mit einem neuen “hälge”, dem träfen elch aus den schwedischen wäldern, ergänzt. so kann man ganzjahresstimmungen im norden minutiös mitverfolgen, was ihm gegenwärtig den ersten rang einträgt.

today’s strip

2. auswanderer-blog (neu)

es ist bevorzugter “bericht aus der eu”. der autor war mal in der svp, er war mal bei den grünen, er war mal schweizer, und er will grad französischer eu-bürger werden. sogar nationalrat war er, und er hat die schweiz im unfrieden verlassen. das hält den politsch bekannten auswanderer ruedi baumann wach, die schweiz von aussen zu betrachten, als als blogger und als kommender buchautor. obwohl auch neu in der liste, gleich unser zweiliebster blog!

auswanderer-blog

3. zueri-berlin (neu)

es ist unser bevorzugter “bericht aus der metropole”. sie ist zürcherin, und sie studiert in berlin. an der uni und die stadt. sie macht wunderbare reportagen, in bild und text, über kulturelle themen, und sie stellt alles so wunderbar dar. obwohl der stadtwanderer berlin krasser in erinnerung hat, lobt er diesen blog, und vermacht dem neuling im august platz 3.

zueri-berlin

4. apropos (neu)

es ist unser bevorzugter “bericht aus urbania”. edithrina alias rinaa zeichnet verantwortlich, doch viel schlauer wird man daraus auch nicht. macht nichts! die serie “bilder einer stadt” hat der stadtwanderer ins herz geschlossen, ästhetisch in jeder beziehung, wie architektur, kultur und natur vorgestellt werden. auch dieser blog war bisher nicht verzeichent, diesmal ist er aber direkt auf platz 4 gelandet.

apropos

5. weiach-blog (1)

es ist unser bevorzugter “bericht aus dem dorf”. weiter vorstellen muss man den weiach-blog ja hier nicht mehr. er wurde schon zweimal gerühmt. nun hat auch wikipedia die beiträge des besten dorfchronisten ausgezeichnet, sodass wir auch uns erlauben, die trouvaille weiterhin zu empfehlen. platz 5 in augustus’ monat!

weiach-blog

6. e-demokratie eu (8/neu)

es ist unser bevorzugter “bericht aus der e-demokratie”. doch diesmal empfehlen wir nicht die schweizer variante (obwohl die serie über die delibarative politik es verdient hätte, ausgezeichnet zu werden), sondern die europäische. ebenso liberal im geist wie die schweizer schwester, wird hier die bürgernahe eu gesucht. das lob ich mir als konkrete reaktion auf die jüngsten verfassungsabstimmungen. verbesserung auf platz 6. als motivationsspritze.

e-demokratie eu

7. wanderer von arlesheim (6)

es ist unser bevorzugter “bericht aus der agglomeration”. hat angebissen, auf unsere jüngste empfehlung, führt, stringenter als wir, das lokalwandern durch, und hat für blogger und nicht-blogger schon mal wanderer-tage erfunden. bravo!, lob ich da, und vergebe platz 7. für den kollegen!

wanderer von arlesheim

8. blogkritik.ch (2)

es ist der bevorzugte “bericht aus der blogosphäre”. er arbeitet weiter an unserer frage, was überhaupt ein blog ist. gut so, denn so schreibt er einmal über das, über das er sonst schreibt! wir ehren ihn dafür mit dem platz 8 in unserer favoritenliste.

blogkritik

9. sbb-blog (neu)

es ist unser bevorzugter “bericht aus dem zug”. genau genommen berichtet er aus der sicht des kondis, der täglich viele menschen sieht, geschichten erlebt, frustrationen einfängt und spass an seinem job hat. er ist kein stadtwanderer, aber ein moderner fahrender, der die zentren verbindet und dabei die kühe sieht. und er ist ein pionier in seinem fach, berichtet er doch als einziger (inoffiziell) über das innenleben der schweizerischen zugkondukteure. platz 9 als dank!

sbb-blog

10. hochparterre zürich (neu)

er ist unser bevorzugter “bericht aus der architektur”. ja, es ist der ort, wo der andere stadtwanderer arbeitet, berner wie wir, aber nach zürich ausgewandert. er ist kulturbefliessener als wir! er ist künstlericher als wir! und er ist seit neuestem wieder aktiv auf dem web, wegen uns? wir freuen uns, und geben der website, die auch internationale partner in der ganzen welt hat, den 10. platz!

hochparterre zürich

ach ja, wie das zustande kommt, will man von uns wissen: wir verraten mal soviel:

E=mc2,

wobei E Erfolg (oder Rang) ist, m die mittlere click-rate im letzten monat darstellt, und c für des chefs freude steht, die er beim besuch empfand! man sieht, es hat alles seine nachvollziehbaren gründe …

stadtwanderer

spionagestadt bern!?

“Geheime Agentin” und “Kairo” in verbindung, tönt ganz spannend. man hört die schiffe auf dem nil tuuten.. man sieht die engen gassen der alten stadt. und man riecht den duft in ihrem herzen, das zeichen des basars und der cafés, wo entscheidendes geschieht. eine Agentin des cia stützt sich in der lobby des grossen internationalen hotels nebenan auf ein netz von stadtgewaltigen, die, spinnen gleich, lokale spitzel haben, die alle auf den geplanten staatsstreich warten.


foto: stadtwanderer (anclikcbar)

und wenn das “Kairo” in bern ist? tönt das dann weniger spannend? – dieser Ansicht war zunächst “Der Bund” nicht, denn er lud im rahmen seiner regelmässigen kulturveranstaltungen im keller des kaffee “Kairo” zu einer lesung über die “Spionagestadt Bern” im zweiten weltkrieg ein. langeweile erwarteten aber auch die zahlreichen zuhörerInnen nicht, die sich entweder an elizabeth wiskemann erinnern konnten, von ihr gehört hatten oder interessiert waren, einen neo-romancier kennen zu lernen.

der autor

peter kamber heisst er. an sich ist er kein unbeschriebenes blatt mehr. der doktor designatus der geschichte – seit 15 jahren wartet seine wissenschaftliche these gedruckt zu werden – lebt in burgdorf, ist als journalist tätig und publizierte seit 1990 in recht engen abständen verschiedene bücher: über unkonventionelle zürcherInnen schrieb er, denn tod von niklaus meienberger veranlasste ihn zu einem buch, aber auch über das verhältnis der konventionellen neutralität und den allierten dachte er schriftlich nach, um 1998 kritische fragen an die schweiz in erklärungsnotstand zu stellen.

doch jetzt hat er die seite gewechselt: vom sachbuchautor will er zum romanschriftsteller werden. seit 8 Jahren arbeitet er an diesem projekt, in bern hat er recherchiert, selbstverständlich, aber auch im fernen berlin war, um nachzufragen und nachzuschlagen.

die these


seine these ist der “Krieg hinter dem Krieg”: der diskrete spionagekrieg, der in der Schweiz stattfand, während der zweite weltkrieg auf dem ganzen erdrund tobte. internationale und nationale politik mischten sich damals wie selten zuvor, sodass dies die geschichte interessieren müsse. und: der nachrichtendienst der schweizer armee und die schweizerische bundesanwaltschaft mit ihrem polizeilichen arm, der bundespolizei, liessen sich in das räderwerk hineinziehen, dessen geschichte erst in teilen geschrieben ist.

immerhin, soviel weiss man: sie war neutral. wie war klein. und sie war verdunkelt. das war die schweiz, welche die kulisse bot, dass sich die spionage der wehrmacht wie auch jene der allierten hier ansiedelten. agenten in allen chargen zogen sich hier im kleinen gegenseitig an, bespitzelten sich direkt oder indirekt, tricksten sich mit intuition oder nach auftrag aus, um informationen zu bekommen. sie hätten den grossen krieg draussen entscheiden können, ist peter kamber heute überzeugt. der autor ist überzeugt, dass die geschichte der drehscheibe schweiz im zweiten weltkrieg noch nicht geschrieben ist. er weiss, dass es auch nach der bergier-kommission geheime papiere gibt. er weiss, dass die deutsche spionage hier so kräftig zuschlug, dass die amerikaner in arge bedrängnis kamen und ihren geheimdienstspezialisten allen dulles zum wiederaufbau der allierten spionage schicken mussten. und er hat persönliche informationen über das wirken der britischen geheimagentin elizabeth wiskemann in bern.

der tatsachenroman

was ganz genau er weiss, sagt er jedoch nicht, noch nicht! denn das will in einem tatsachenroman schildern, der fast fertig sei, wie er sagt, und nächstes jahr erscheinen soll, wie organisator alexander sury beifügt. als Vorgeschmack präsentiert er, auf einladung der Zeitung “Der Bund”, der ihn bei der recherche finanziell unterstützt, erste passagen aus seinem unveröffentlichten werk. dabei kommt im kairoer untergrund schon mal gehörig spannung auf: kambers sprache ist schnörkellos, seine erzählung ist linear. man folgt im gerne, denn die geschichten sind hautnah. nur den faden zur these will man nicht finden, – vielleicht auch, weil der autor die haupthandlung immer wieder auslässt oder nur mündlich wiedergibt. während der lesung begnügt er sich mit passagen aus der nebenhandlung.

der star ist hier der ehemaliger deutscher vertreter, der in zürich kaffee verkaufte, und jetzt deutscher agent in bern ist. er hat mit einem lokalen coiffeur einen willigen helfer, der den informationsaustausch deckt. in ihrem netz zappelt ein simpler schweizer, der auf der amerikanischen botschaft briefe verträgt, sie aber nicht der post übergibt, sondern dem deutschen geheimdienst vermittelt. und man führt grosses im schilde: adèle, eine junge französin aus lyon, arbeitslos in zürich lebend, wird angeheuert, um näher an die allierten pläne heranzukommen. dafür verwickelt sie unpolitisch, wie sie ist, aber auch leidenschaftlich, wie sie wird, den botschafter aus uruguay in eine liebesaffäre.

elizabeth wiskemann kommt an diesem abend nicht vor. aber sie spielt die titelrolle im roman „Geheime Agentin“. zwei deutsche spione besetzen die weiteren hauptrollen. selber kommt der autor nicht vor, aber 30 nebenrollen hat er aufbauen müssen, um das komplizierte geflecht der internationalen spionage abzubilden, das in Bern im bellevue wie in schummerbars, zwischen bahnhofquartier und kirchenfeld und entlang renommierter hotels und diskreten diplomatenvillen agierte. das alles tönt verheissungsvoll, weckt interesse auf mehr! man möchte den roman morgen kaufen gehen, sich einlesen, die geschichten der menschen kennen lernen, sich an die these erinnern, und sie prüfen.

die lesung

doch darauf muss man noch warten. denn der autor macht erst testlesungen. zudem ist kamber im geschäft als romanschreiber offensichtlich neu. keine lesung zu keinem roman fasst das werk zusammen. souverän wüsste das der romancier, und er würde ohne bedenken weglassen, wenn er dem puls des lebens auf der spur bleibt. anders verhält sich peter kamber. er scheint noch kein konzept zu haben, was er preisgeben will und was nicht. er überspringt textpassagen, die vorlesen wollte, kehrt bei auslassungen, die er geplant hatte, zurück, stolpert über seine eigenen sätze, – und bisweilen korrigiert er während der lesung das unfertige manuskript. das alles irritiert!

diese unsicherheit überträgt sich auch auf die diskussion: eignet sich das genre, um historisch aufzuarbeiten? wie kann man wahres und frfundenes in einem historischen roman unterscheiden? wird ein solcher tatsachenroman vor der kritik aus literatur und geschichte standhalten können? – peter kamber glaubt daran, und wirkt wieder ganz ruhig, wenn er erklärt: der historische roman sei der wissenschaftlichen geschichtsschreibung überlegen, denn er eröffne dem autor einen ganzheitlichen zugang zum geschehen. gerade bei spionen müsse man sich auch mit intuition behelfen, denn die klassischen quelle versagten zwangsläufig. zu geheim bleibt ihr wirken. doch er schreibe gleich zwei „bücher“: den angekündigten roman für den buchhandel und einen noch längeren anhang für die recherche. den werde er auf internet veröffentlichen, und man werde mit elektronischen stichwortsuchen im dandumdrehen klären können, was die fakten hinter den episoden seien. und den möglichen kritikerInnen hält er schon mal entgegen, dass die ereignisgeschichte der traditionellen biografien längst tot sei. die strukturgeschichte habe zwar wesentliches geleistet, um zusammenhänge besser zu verstehen. aber jetzt gehe es um neue experiment, man müsse als historiker wieder lernen, handlungen, mit motiven und menschliches in die analysen übersichten einzubauen, um identifikationen und meinungsbildung mit zeitgeschichtlichen vorgängen zu ermöglichen.

… und das gebannte und gespannte hoffen

seit 2003 ist der roman angekündigt, uns so hofft man weiter, im publikum, im kairoer-keller und beim veranstalter. man hofft, dass deutlich mehr im schrittweise gewachsenen werk steckt als ein Krimi. man hofft, dass die vermittlung zwischen these und erzählung, zwischen geschichten und geschichte gelingt. an diesem abend mag niemand überschwänglich vorschüsse verteilen, aber auch niemand heftig vorverurteilen. alle sind gespannt, ob der seitenwechsel vom sachbuch zum roman, von der wissenschaft zur unterhaltung, vom fachartikel zum populären buch gelingt. spionage kennen das, um müssen den seitenwechsel beherrschen, wenn die geopolitik sich ändert. seiten wechseln wollen aber auch die leserInne der „Geheimen Agentin“, um mehr über den krieg hinter dem krieg, die spionagestadt bern und das leben der elizabeth wiskemann im unvermittelt verdunkelten bern des zweiten weltkrieges zu erfahren.

erhellt hat den lesungsraum vorerst eine ständerlampe aus den 50ern, kein scheinwerfer aus dem 21. jahrhundert.

stadtwanderer

peter kambers website

fahnenmeer …

zur lage der nation am bundesfeiertag 715, dem 1. august 2006, nachmittags um 5 in bern

1. strophe: offizielle schweiz


foto: stadtwanderer (anclickbar)

2. strophe: verschämte schweiz


foto: stadtwanderer (anclickbar)

3. strophe: cliché schweiz


foto: stadtwanderer (anclickbar)

4. strophe: glückliche schweiz



foto: stadtwanderer (anclickbar)

5. strophe: neues heimatwerk


foto: stadtwanderer (anclickbar)

6. strophe: selbstbewusste schweizerin


foto: stadtwanderer (anclickbar)

7. strophe: im banne der eu


foto: stadtwanderer (anclickbar)

8. strophe: insel schweiz


foto: stadtwanderer (anclickbar)

9. strophe: von der mobilität überholte schweiz



foto: stadtwanderer (anclickbar)

10. strophe: scharfer export “schweiz”


foto: stadtwanderer (anclickbar)

11. strophe: sein und bewusstsein


foto: stadtwanderer (anclickbar)

12. strophe: alarmlampe für schlappe schweiz


foto: stadtwanderer (anclickbar)

allseits beliebter refrain: “seh ich keine fahnen mehr …”


foto: stadtwanderer (anclickbar)

stadtwanderer

bester blog-beitrag zum 1. august

boss

ja, ich weiss: ich bin selber einer. nein, ich versichere es: ich wars nicht! ich schreibe keine kommentare zu meinen bloggs. ich kommentiere mit meinen blogs. doch da gibt es einen?/eine?/viele?, der/die meine kommenatare kommtiert/kommentieren. schön, denk man sich, endlich feedis! doch was man dann liesst, ist nur einmal enttäuschend: “boss”, “boss”, “boss”, und sonst nichts!

ich weiss, heute ist alles möglich! in schweden kann man sich jetzt die autonummer selber zusammenstellen. da bekommt man schon allerhand zu lesen, wie mein schnappschuss aus dem ferienalbum zeigt.


(foto: schweden-wanderer, anclickbar)

doch damit nicht genug! auch im internet ist alles möglich. da schreib ich meine buchrezension zu lucien febvres buch: der rhein und seine geschichte. und erhalte promt 8 kommentare, als da sind:

“boss
Geschrieben von Good Watch Stopping am Montag, 24. Juli 2006, 06:57
boss
Geschrieben von Model Undressed am Montag, 24. Juli 2006, 18:18
boss
Geschrieben von Sheet Metal Fabrication am Dienstag, 25. Juli 2006, 00:06
boss
Geschrieben von TramadolDog am Dienstag, 25. Juli 2006, 16:01
boss
Geschrieben von Fairfield Inn Portland Maine am Mittwoch, 26. Juli 2006, 12:06
boss
Geschrieben von TramadolDog am Freitag, 28. Juli 2006, 21:38
boss
Geschrieben von TramadolDog am Sonntag, 30. Juli 2006, 05:53
boss
Geschrieben von TramadolDog am Sonntag, 30. Juli 2006, 21:27”

das könnte ich fortsetzen, mit anderen einträgen, aber mit den gleichen reaktionen. also lass ich’s! füge aber bei: ehrlich, es ärgert mich!


(foto: schweden-wanderer (noch in dänemark), anclickbar)

mann/frau/viele nehme(n) sich ein vorbild an hugo boss, der im kopenhagener flughafen sich schon mal selber reduziert. wäre ja schon ein erster schritt zur kommunikativen beseitigung des missstands!

stadtwanderer

zeig mir deine socken

“zeig mir deine socken, und ich sag dir wo du warst!” diese alte stadtwanderer-weisheit gilt auch heute noch. wo der stadtwanderer in den ferien war, kann man auf zwei arten erfahren: entweder man liesst seine blogs, oder man schaut ihm auf die socken!

lambieks comicopledia, ein internet-sammlung von cartoonisten der gegenwart auf der ganzen welt, schreibt über lars mortimer, 1948 in schweden geboren, er zeichne seit den frühen 70er jahren. er habe typen wie ‘bobo’ (1978) kreiiert und natürlich ‘Hälge’ erfunden (1991). dies ist ein aufmerksamer elch, der zu einem der populärsten cartoon-helden schwedens aufgestiegen sei. er erscheine in vielen zeitungen, und im eigenen monatlichen comic-book.


meinem schwedisch angemessene dialoge … (foto: stadtwanderer, anclickbar)

das alles stimmt! wenn man dann aber vor vor lars steht, ist man noch mehr beeindruckt. ein riesentöff kündet seine präsenz schon mal von weitem an. mit seiner maschine durchfährt er von alfta in langhed die schwedischen weiten, erkundet er die unendlichen wälder, und beobachtet er die interessantesten tiere darin: eben die elche.

hälge ist sein star-elch! er weiss immer etwas zu erzählen, hat schwedischen geist und humor, kooperiert und übertölpelt die jäger, und kommuniziert dabei viel über die lebensweisheiten seiner mitbewohnerInnen. hälge ist der super-schwede par excellence.

seit einem jahr stehen wir gar auf seiner einladungsliste. das ist, wie vieles in schweden, gar nicht so kompliziert: wenn man lars hört oder sieht, bilden sich schon mal menschenschlangen, die um ein autogramm bitten. steht man dann endlich ganz vorne in der schlange, wird man von einem grossen elch, der hinter einem kleinen tisch sitzt, gemustert.

und der zeichenstift lässt bald erkennen, was man ist: ein tolptasch? ein tausendsassa? eine touristin? ein jäger? eine bäuerin? oder ein stockholmer? alle erfasst lars in sekundenschnelle, und jeder bekommt seinen ganz eigenen Hälge.

meiner ist schon ein jahr alt, – und privatsache! halbprivat sind meine socken, die ich für die kommende stadtwanderer-saison in ekshärad erstanden habe. bisweilen wird man sie in bern wandern sehen, und Hälge mit ihnen! kopfsteinpflaster kennt er noch kaum … denn er liesst wenige blogs, blaubeeren hat er lieber. aber er hat einen topaktuellen blog (“today’s strip”) und eine unterhaltsame website. er ist halt ein schwede, der sich gerne überall zeigt!


foto: stadtwanderer (anclickbar)

und ich zeig dir meine socken, damit du weisst, wer ich bin, — ähh, wo ich war!

stadtwanderer (zurück aus den ferien)

potenzial der ethnohistorie

seit herodot oszilliert geschichte zwischen geschriebener und nicht-geschriebener variante. dabei favorisiert die geschichtswissenschaft die schriftliche form, weil sie der kritik besser zugänglich ist. das hat seine guten gründe! doch nun erhebt die ethnohistorie den vorwurf, dass so wesentliches der überlieferung unerfasst bleibe und im geschichtsbewusstsein verloren gehe. und der stadtwanderer doppelt nach; sie verschliesst einem den blick auf geschichte, die noch nicht geschrieben wurde, aber in grosser zahl rund um uns herum existiert. soweit die these zu meiner auseinandersetzung mit herodot und seinen folgen, – 3. teil!

folge 1: herodot – vater der geschichtsschreibung

folge 2: räume sehen und lesen lernen

unterschätzte ethnohistorie


während meines geschichtsstudium bekam ich von der verbindung der historie mit der ethnologie nur wenig mit auf den weg. ethnologie galt uns damals bestenfalls als erneuerte völkerkunde, die durch den missbrauch im dritten reich diskreditiert war. was danach folgte, war der versuch einiger intellektuellen, die nicht mehr kolonisierte, aber weiterhin traditionelle Welt zu verstehen. sie zu studieren, erschien mir wenig lohnend.

einen ersten gegenpunkt setzten die befreiungsbewegungen in aller welt, über die die medien im gefolge des vietnam-krieges berichteten. sie waren anti-amerikanisch, anti-imperialistisch, und sie hatten die sympathien meiner generation, was sich in der lektüre von unzähligen rororo-taschenbüchern äusserte. ernsthaft studieren konnte man dieses neue teilfach der geschichte jedoch nicht, und wenn sich einer wie (der schon früh verstorbene) albert wirz daran machte, da sah man darin den versuch, einen ganz spezialisierten lehrstuhl an einer fernen uni zu erwerben.

zwischenzeitlich hat sich die ethnologie kräftig gewandelt, und sie beginnt uns weltverständnis gründlich zu verändern. sie lehrt uns, die kulturellen selbstverständnisse der religionen, der philosophien und der sozialwissenschaften zu entdecken und zu reflektieren. dabei macht sie nicht halt vor der geschichtswissenschaften. wie alle kulturwissenschaften unterliegt sie zeitlichen und räumlichen einflüssen, ist sie selber kulturell gefangen.

assmanns und müllers grosser wurf

das markanteste buch, das ich hierzu letztes jahr in den schwedischen wäldern zu lesen begonnen und jetzt endlich verstehe, heisst „Der Ursprung der Geschichte“. herausgegeben wurde der sammelband von jan assmann und klaus e. müller.


(foto: schweden-wanderer, anclickbar)

der historiker assmann war bis vor kurzem professor für aegyptologie an der universität heidelberg; er erhielt 1998 mit dem deutschen historikerpreis die begehrtes auszeichnung der profession und hat seither eine fast unübersichtliche zahl von büchern, artikeln und interviews veröffentlicht. klaus e. müller ist emeritierter professor für ethnologie an der universität frankfurt und arbeitet seither an verschiedenen kulturwissenschaftlichen instituten. auch er hat in den letzten 10 jahren zahlreiche bücher veröffentlicht.

die beiden herausgeber beschäftigen sich mit ihren mitstreiterInnen mit den archaischen kulturen, dem alten ägypten und dem frühen griechenland. dabei geht es ihnen nicht um die schon so oft erzählte ereignisgeschichte: sie beschäftigen sich auch nicht mit neuen erkenntnisse der archäologie. vielmehr beschäftigt sich das wissenschaftsteam mit dem Verhältnis von zeit und geschichte, mit den geschichtsverständnissen vor herodot.

der verschlossene blick auf die orale ueberlieferung


vor allem im einleitenden kapitel von klaus e. müller zum ursprung der geschichte wird eine faszinierende ethnologische theorie von gegenwart, vergangenheit und zukunft, dem entstehen von erinnerung, ihre aufbewahrung und ihre darstellung vorgeführt. es geht darum, wie zeitverständnisse überhaupt entstehen, wie traditionen gebildet werden, wie trennungen davon perspektiven eröffnen und zurückgelassenes historisieren. und genau damit werden die voraussetzungen der geschichte geschaffen: denn nicht nur texte, auch kulturen archivieren wissen, sind gedächtnisse, museen vergangener zeiten gleich, die so in die gegenwart reichen.

das gebotene ist nicht zuletzt eine raffinierte kritik am geschichtsselbstverständnis der profession im gefolge herodots. denn geschichte ist viel älter als die vorherrschende geschichte der geschichtsschreibung vorgibt. geschichte existierte auch ohne die philosophie der griechen und das alphabet der phöniker. geschichte ist eine viel grundlegendere kulturelle leistung des menschen.

das alleine lässt aufhorchen, – und mahnt zur vorsicht: völker ohne schrift werden gemeinhin auf tieferem kulturellen niveau angesiedelt als solche mit schrift. und völker ohne schrift gelten deshalb den meisten als geschichtslos. damit sind wir wieder nahe bei wertlos, so wie die aussereuropäische geschichte in meinem studium. und wir sind auch bei herodots selbstverständnis.

dieses denkschema geht nicht zuletzt auf herodot zurück: wie bis heute üblich, unterschied er führende hochkulturen von abhängigen pflanzerinnen- und züchterkulturen, diese wiederum hat er gegen hirtennomadische kulturen abgegrenzt, die sie schliesslich über sammlerinnen- und jägerkulturen zu stellen.

formen der oralen geschichte

um aus diesem, vor literalität geprägten kulturverständnis auszubrechen, muss man sich, so der sammelband von assmann und müller, den annahmen der griechischen geschichtsschreibung versagen:

. man muss die geschichte vor der geschichtsschreibung entdecken wollen. . man muss sich den nicht-schriftlichen formen der überlieferung öffnen.
man muss dabei der falle der alten überlieferungen entweichen, die herodot vor 2500 jahren endlich überwunden hatte.

das ist ihr modernes programm der ethnohistorie, die ueberlieferung sehr wohl kennt, wenn auch nicht in literarischer form.

auf dieser suche nach traditionellen überlieferungsformen hat die ethnologie ziemlich allgemein sechs gattungen gefunden, die nicht-schriftlich von vergangenem berichten; es sind dies:

. mythen, die von der entstehung der welt durch die götter erzählen;
. legenden und sagen, welche die grossen taten tradieren, die halbgötter und urahnen vollbracht haben,
. genealogien, die die stämme aufzeigen, die von der gegenwart zurück zu den urahnen führen,
. grabreden, die gehalten werden, wenn jemand bedeutsames verstirbt und damit der genealogie übergeben wird,
. preisgesänge, die von den taten lebender menschen berichten, wenn sie in der öffentlichkeit auftreten, und
. geschichten, die man sich im alltag vor allem über die vielseitige tun und lassen der herrschenden erzählt.

mythen, legenden, sagen und genealogien sind für das weltverständnis traditioneller gesellschaften von grundlegender und wenig hinterfragter bedeutung. grabreden, preislieder und geschichten ihrerseits tragen zur stärkung des gemeinschaftsbewusstseins bei.

das führt zur zentrale these der ethnohistorie: geschichte entsteht nicht mit ihrer verschriftlichung; sie setzt mit jeder ethnischer differenzierung ein. denn sie soll die unterschiedlichkeit der lebensformen erklären, die man in verschiedenen räumen, aber auch zu verschiedenen zeiten vorfindet. dabei neigen kulturen, die sich selber für besser halten, dazu, mit geschichte die bestehenden, ungleichen verhältnisse zu legitimieren.

die autoren gehen in der kritik an herodot noch weiter. er habe gar nichts neues erfunden. er habe nur die damaligen akzente des umfassenderen geschichtsbewusstsein verschoben. ihn faszinierten sagen, weil sie von sterblichen handelten; doch erklärten sie den gang der dinge nach dem persischen krieg nicht mehr. deshalb habe er sich der jüngeren und jüngsten vergangenheit zugewandt, die sich durch vertrauenswürdige gewährleute, durch augenzeugen und vom hörensagen bestätigen liess. denn sie galten als die verlässlichsten quellen, die einem die aktuelle veränderung erschliessen können. sie festzuhalten, war sein ziel, um athens gewachsene grösse zu zeigen und zu sichern. herodot sah seine stadt als d i e hochkultur seiner zeit; doch sie stand nicht unbestritten, nicht alleine da. sie musste sich gegen persien und sparta verteidigen, und genau deshalb habe herodot so geschichte als eindringliche warnung, als neue sage erzählt und geschrieben.

merkverfahren der ueberlieferung

selbst wenn man die kulturellen implikationen herodots geschichtsschreibung heute hinterfragen kann, eröffnen sich einem mit seinen quellen die merkverfahren der nicht-geschrieben geschichte. ss zeigt sich einem der weg, den die literale geschichte zurückgelegt hat, als sie die orale und gegenständliche tradierung überwand. zu den gängigsten verfahren der überlieferung zählten:

. merkörter: orte mit namen und wege dazwischen, die einen folgezusammenhang zwischen den lokalen geschehnissen herstellten,

. merksachen: objekte aus beuten (insbesondere waffen) oder sonstigem erinnerungswert (grabsteine und menhire, reliquien und sakralobjekte, die vererbt wurden und in geheimbünden zum sprechen gebracht werden konnten

. merkhölzer und merkschnüre, die das zählen auf einer reise oder bei tauschgeschäften erleichterten, oder an vereinbarte treffen erinnerten

. merkmotive, die durch reim, versform, sprechgesang oder als lieder vorgetragen wurden, wobei melodien und rhythmen für ganze geschichten stehen

. merkbilder wie darstellungen der urzeitwesen und porträts grosser ahnen in den versammlungshäusern.

der nutzen für die vergangenheit und die gegenwart


spannend ist dieses geschichtsbuch, weil es die kulturellen leistungen der griechischen geschichtsschreibung und der historiographie, die sich darauf bezieht, nicht leugnet. doch es historisiert sie, lässt sie selber zu geschichte werden, um eines zu verstehen: geschichte wurde nicht erfunden, vielmehr hat sie selber geschichtliche ursprünge. diese erkennt die literatur seit herodot nicht, weil sie in ihrer eigenen kulturellen tradition gefangen ist. diese zu überwinden, gelingt jedoch der ethnologie. denn sie macht klar, dass überlieferung nicht literal, sondern oral entsteht. und orale traditonen der ueberlieferungen entstehend aus symbolen, zeichen, die der mensch mit objekten, tönen, bildern und wörtern ganz bewusst setzt, um das erinnern zu erleichtern, selbst wenn man örtlich oder zeitlich vom geschehen entfernt ist.

nun zeigt die ethnologische erkundung in der gegenwärtigen welt, dass dieser übergang auch heute noch stattfindet. deshalb lassen sich in gegenwart wie in der vergangenheit die traditionellen formen der tradierung und ihre techniken der memorierung studieren. sie sind heute genauso so, wie sie es früher waren, vordergründung individuelle leistungen, in denen sich jedoch kollektives erinnern äussert. das ist die aufgabe der historikerInnen nicht erst sein herodot, sondern auch ihrer kulturell älteren vorfahren.

an diesem dedankengang der ethnohistorie fasziniert mich weniger das tor zu den ganze alten kulturen. vielmehr spricht mich an, dass sich damit auch türen für die alltagsgeschichte öffnen, die bei weitem nicht immer verschriftlicht ist. dazu meine vorläufigen anregungen.

nicht-schriftliche formen der alltagsgeschichte wieder erkennen

erstens, wer erinnert sich nicht schon daran, vor bilderfolgen mit zeitlichem sinn gestanden zu sein? Ist nicht der heutige film das adäquate medium der alltagsgeschichte?

zweitens, wer erinnert sich nicht an kinderreime, schulgedichte, weihnachtslieder und demo-skandierungen? bedient sich nicht die werbung heute massiv der merkmotive mittels slogans und musak?

drittens, wer hat nicht selber schon einen knopf ins taschentuch gemacht (also sie noch nicht aus papier waren!), oder mit dem sackmesser kerbhölzer geritzt, und weiss heute noch, was er oder sie damit memorieren wollte? ist nicht das armband der kinder die heutige form, ferienerinnerungen aufzubewahren?

viertens, wer war noch nie in einer kunstwarenhandlung, wo man exotische teppiche und skulpturen ausgestellt hat? ist nicht die schatulle, in der man erbstücke aufbewahrt, die geheime form des familienzusammenhalts?

und fünftens, wer war noch nie auf einem vita-parcours, bei dem man erinnert wird, welche vergessen gegangenen Bewegungen für einen gesunden Körper nötig sind? ja, damit bin ich bei meiner pointe: ist nicht die stadtwanderung die heute adäquate form der nicht-schriftlichen vermittlung von stadt- und landesgeschichte, von raum- und kulturgeschichte?

mehr über filme, werbung, armbänder, schatullen als kulturelle ueberlieferungstechniken, wenn ich wieder stadtwandern kann!

stadtwanderer

jan assmann im perlentaucher.de

klaus e. müller im perlentaucher.de

insel erobert, welt in sicht

so ist das heute: da erhält man in den schweden ferien eine postkarte, wird zum weekend nach arboga eingeladen und erhält dort ein taufrisches buch zur schweiz übereicht: „Guidebook to Direct Democracy. In Switzerland and beyond“, herausgegeben von Initiative&Referendum Institute Europe habe ich geschenkt erhalten und eine kleine wanderung mit dem herausgeber gemacht; – der report!


wie alles begann: eine postkarte in unserem briefkasten
(foto: stadtwanderer)

Mr. President and beyond …

bruno kaufmann ist schweizer und stammt aus dem luzernischen. 1989 war er aktivist bei der versuchten abschaffung der armee. trotz der niederlage, die er und seine getreuen damals einfingen, ist er ein dezidierter befürworter der direkten demokratie (das BK mit zwei grossen DDs schreibt) geworden. aus prinzip, wie er sagt, nicht aus vorteil. anders als ein französischer europaparlamentarier, der ihn gerade wegen einer eu-initiative angerufen hat. weil bruno die initiative positiv dokumentiert hat, sie aber quer in der politischen landschaft frankreichs steht, hat ihm der französische politiker präventiv die unterstützung gekündigt.


bruno kaufmann, president iri-euorpe

ihm, das ist das IRI, das Initiative&Referendum Institute, ein think thank für direkte demokratie, dessen europäischer präsident bruno seit 2001 ist. angefangen hat es noch ziemlich abenteuerlich: bruno hat, wie er über sich selber schreibt, an der University of Gothenburg einen master in sozialwissenschaften erworben. seither ist er berichterstatter über den europäischen norden für die „Zeit“ und den „Tagi“ gewesen; gegenwärtig arbeitet er für radio DRS in gleicher sache. nächstes jahr soll die karriere des 40jährigen den vorläufigen höhepunkt erreichen, ist bruno kaufmann doch der wegbereiter der 1. weltkonferenz für direkte demokratie, die auf seine veranlassung hin im heimischen luzern stattfinden wird.

representative democracy and beyond …

arboga, wohin bruno kaufmann uns einlud, hat mir natürlich gefallen: mittelalterlich, mit kopfsteinpflaster und historisch bedeutsam. 1435 tagte hier der erste schwedische reichstag, der vorläufer des heutigen parlamentes. volksheld eckebrecht mobilisierte damals gegen den dänisch-schwedischen könig, der die in schweden ungeliebte kalmarer-union repräsentierte, und er versammelte seine getreuen oppositionellen in der schwedischen kleinstadt. gerne wird er mit der armbrust abgebildet, – und gleicht so, wenigstens für schweizer, ein wenig willi tell. den verhassten könig konnte eckebrecht jedoch nicht stürzten; das gelang erst drei generationen später gustav wasa, der dann das moderne schwedische königreich – nationalstaatlich, lutheranisch und militärische expansiv – begründete. davon profitierte 1648 auch die schweiz, denn schweden war neben frankreich die zweite garantiemacht bei der unabhängigkeit des landes vom heiligen römischen reich deutscher nation, zu dem es damals formell noch gehörte. von da entwickelte sich schweden – ganz anders als die schweiz – zur parlamentarischen monarchie, in der die sozialdemokraten seit jahrzehnten den ton angeben. vorläufig noch, denkt sich bruno kaufmann insgeheim!


strasse von arboga, an welcher sich 1435 der erste schwedische reichtstag traf
(foto: stadtwanderer)

einige kilometer ausserhalb von arboga hat der schweizerisch-schwedische doppelbürger bruno mit seiner frau elisabeth, mit seinen töchtern wanja und nina und den beiden meerschweinchen mümla und semla ein kleines ferienhaus. da leben sie, weg vom neuheimischen falun, wie wir, seine 300 kilometer entfernten „nachbarn“, mitten im wald. aber mit internet: „studio Arboga“ nennt bruno kaufmann das, denn gelegentlich spricht er direkt aus der pampa, wenn man ihn in der schweiz hört. in die 8 kilometer entfernte stadt einkaufen gehen die grünen kaufleute nur mit dem fahrrad. ein auto haben sie nicht. und schliesslich ist der politologe ein grossen anhänger des road pricings in stockholm, über das am 17. september 2006, gleichzeitig mit den schwedischen parlamentswahlen, in einer volksabstimmung entschieden wird.

und das ist auch sein thema: den weltweiten export der einzigen schweizerischen politischen erfindung zu fördern. vielleicht wird bruno kaufmann einmal als henry dunant der direkten demokratie weltweit bekannt sein. dafür fliegt er jetzt schon mitten in den sommerferien nach japan, jettet er an einem wochenende von bern, wo er an meiner stadtwanderung teilnimmt, nach stockholm, wo er seine weltkonferenz für DD vorbereitet, und geht dann mit dem flugzeug wieder nach zürich, wo er eine ungarische oder bulgarische oder spanische oder deutsche oder französische oder polnische oder russische studiengruppe durch die schweiz führt.

the big challenge and beyond …

zusammen mit zwei anderen schweizerInnen, dem politologen rolf büchi, der in helsinki lebt und arbeitet, und mit der juristin nadja braun, die in der berner bundeskanzlei für volksrechte zuständig ist (und da natürlich auch viel arbeitet!), hat er vor zwei wochen das genannte buch als 2007er edition des „IRI Guidebooks“ herausgegeben. es stellt analysen und meinungen zur direkten demokratie vor, und es stellt essays zur direktdemokratischen schweiz schweiz resp. fakten zur noch nicht direktdemokratischen welt zusammen.


(foto: stadtwanderer)

es ist nicht für schweizerInnen gedacht, sondern für freunde der direkten demokratie in der ganzen welt. deshalb ist es von a bis z auf englisch erschienen, hat es ein prominentes vorwort, von der aussenministerin micheline calmy-rey, und wurde es von präsenz schweiz unterstützt. roger de weck, kaufmanns ehemaliger chef bei der „Zeit“ und beim „Tagi“ schreibt über das buch in leichter abwandlung von churchills spruch: „Direkte Demokratie ist die schlechteste Form der Demokratie – ausser aller anderen.“ und brian breedham vom economist lobt gleich weiter: „das ist das klarste und überzeugendste buch, das ich je über direkte demokratie gelesen habe.“

direct democracy in switzerland and beyond …

die herausgeberInnen sehen sich in einem grossen trend: direkte demokratie, in den liberalen kantonen der schweiz des 19. jahrhunderts soeben 175 jahre alt geworden, ist die adäquate antwort auf die kommende weiterentwicklung der demokratie. heute lebt die mehrheit der menschen unter mehr oder minder demokratischen verhältnissen, doch genügend freie wahlen für das parlament und verfassungsmässig garantierte menschen- und frundrechte nicht mehr. gefordert wird die demokratisierung der demokratie! die bürgerInnen-mitsprache muss bei sachfragen ausgebaut werden; abgehobene politische behörden müssen zurück verortet werden, und der bevölkerungswille muss in der politischen planung und in der willensbildung von regierung und parlament besser verankert werden.

gleich weltweit wollen die autorInnen das system der schweizerischen demokratie nicht einführen; dafür sind sie realistisch genug. das parlamentarische politische system durch volksabstimmungen auf stadt- und länderebene erweitern jedoch schon, dafür sind sie hartnäckig genug.

deshalb haben sie 12, leider nicht gezeichnete essays verfasst oder verfassen lassen. am anfang steht astrid r., die nicht in altdorf, sondern in zürich lebt. auch in der grössten schweizer stadt regiert die direkte demokratie; 2003 hat sie als stadtzürcherin an sechs wahlgängen und 30 referenden teilgenommen. sie ist modern, zu modern für zürich, und sie unterliegt deshalb in der mehrzahl der fälle bei sachabstimmungen. aber sie ist stolz, einen persönlichen beitrag zur politische verantwortung für ihr land beitragen zu können. dann geht nach den prinzipien von IRI rasant durch das politische system der schweiz:

. wie das volk dank direkter demokratie gas geben kann, wird beschrieben.
. wie die demokratische revolution mitten in europa entstand, wird berichtet.
. wie die direkte demokratie aus bürgerInnen glücklichere menschen macht, bekommt man zu lesen.

überhaupt: direkte demokratie wird am beispiel des kantons juras als zeitgemässe und friedliche form der geburt von gliedstaaten empfohlen, und als sinnvolle regierungsweise in ihnen und ihren kommunen dazu. dann kontern die herausgeberInnen knallhart den härtesten vorwurf an die schweiz im ausland: dass die bürgerInnen überfordert seien, wenn sie mehr als zwischen zwei parteien auszuwählen hätten.

doch auch damit nicht genug: abschliessend wird auch gezeigt, wie das design von institutionen die qualität von demokratie beeinflusst und wie der verbesserungsdiskurs in der schweiz geführt wird. das alles mündet ins schlusskapitel: „Utopia becomes reality“. hier werden die ansätze der direkten demokratie von norwegen bis taiwan präsentiert, um schliesslich bei den europäischen verfassungsabstimmungen zu landen. falsches design, entsprechender misserfolg!, könnte man nach der lektüre des bandes zur direkten demokratie hierzu sagen.

guidebock and beyond …

die kapitel sind kompetent, kritisch und kurz. von lehrerhaften ausführungen resp. fussnoten-exkursen sind sie gottseidank ganz befreit worden. wer das buch mehr als lexikon nutzen will, schlägt hinten nach: bei der ausführlichen literaturliste, bei den factsheets, bei den statistiken über die volksabstimmungen in der schweiz und 32 weiteren europäischen staaten. und wer in der schweiz einmal einen vortrag an einer ausländischen botschaft machen sollte, bekommt das beste glossar aller begriffe geboten, die von der direkten demokratie handeln, freihaus geliefert: in fachlich korrektem und stilistisch perfektem englisch, für das der übersetzer und korrektor paul carline von der manchester university gesorgt hat. momentan sucht man noch sponsoren für buchübersetzungen ins französische, ins deutsche und ins spanische. eine arabische version ist schon unterwegs!


traditionelle form der direkten demokratie: landsgemeinde im rahmen der versammlungsdemokratie

es wäre zu wünschen, dass aus dem guidebook ein regelmässig erscheindes jahrbuch würde. trotz den 333 eng bedruckten seiten ist vieles, was nötig ist oder in diskussion steht, nicht gesagt resp. geschrieben worden. es fehlt immer noch an aussagekräftigen bildern über die modernen formeb der direkten demokratie in der schweiz. die ersten anfänge im buch wirken noch etwas zaghaft. und es darf nicht übersehen werden, dass seit einigen jahren die mehrheit der volksabstimmungen nicht mehr in der schweiz, sondern darüber hinaus stattfindet.

„Switzerland and beyond“ ist nicht nur ein schöner untertitel für ein buch. es ist eine harte realität der politischen entwicklung heute. diese mit und aus dem schweizerischen hintergrund zu verfolgen und einen beitrag zur demokratiepraxis weltweit zu leisten, ist wohl eher eine dauerbeschäftigung als eine von bucheditorInnen im frühling 2006.


moderne form der direkten demokratie: einwohnerInnen-votum im rahmen der abstimmungsdemokratie

besonders wertvoll fand ich beim lesen „factsheet 3“, wo über die unterschiede der vor- und der modernen demokratie berichtet wird. da geht es auch den schweizerInnen ans eingemachte: propagiert wird die individualistische demokratie, die alles andere als die landsgemeinde oder gemeindeversammlung ist. sie ist kein gegenkonzept mehr zur aristokratischen regierungsweise; vielmehr ist sie die alternative zur repräsentativen demokratie. begründet wird sie ganz im naturrecht, und die prinzipien der direkten demokratie sollen nicht für die ingroups einer nation, sondern für alle menschen eines raumes gelten. partizipationsausbau rund herum, als bester schutz gegen politische korruption, die mit ämter- und stimmenjagd der parteien, wird hier empfohlen. “das alles ist auf unserem mist gewachsen”, sagt kaufmann.

ein ander mal würde ich gerne mehr und ausführlicher darüber lesen. und ich würde gerne mehr nicht-schweizerische autorInnen zur direkten demokratie schreiben lassen. dafür könnte man die eine oder andere dokumentation getrost ins internet stellen. ich glaube nicht, dass jemand die vollständige liste der eidgenössischen volksabstimmungen von 1848 bis heute auf englisch lesen wird; ich bin aber sicher, dass man über die thematischen anknüpfungspunkte und ergebnisse staunt, wenn man im www über die schweiz recherchiert.

beyond the first island …

ein paar schritte wandern wir noch gemeinsam, bruno und ich. diesmal nicht in bern, sondern an den arboga-fluss. das politisieren lassen wir. aber bruno erzählt von seinen nachbarn im wald: der eine pensioniert, lebt mit seiner frau das ganze jahr abseits, – „hejhej“, denn sie strecken gleich die köpfe raus, als wir kommen. der andere ist lutheranischer bischof, vormals arbeiterpfarrer in arboga, – und schliesslich sind wir doch noch bei den politikerInnen angelandet. die sind jedoch nicht zuhause; sie ist parlamentarierin für die sozis in stockholm; er war berater von anna lind, bevor sie ermordet wurde. er wird nun staatssekretär im aussenministerium, deshalb zügeln sie gerade. “vielleicht”, orakelt der in schweden oppositionelle kaufmann, “wird das nur ein kurzes gastspiel; gut ist es nicht, wenn eine partei so lange alleine regiert.” schön grün, ist es in ihrem garten jedenfalls schon!

nach arboga eingeladen hat uns bruno mit einer für ihn typischen postkarte. sie zeigt in einem der vielen schwedischen seen eine klitzekleine insel, – mit einem haus oben drauf, das genauso gross wie die insel ist. der erste stock ist erheblich, der aufbau darauf gering, das dach ist schon fast flach. vielleicht war das als symbol für die schweiz gemeint: flächendeckende direkte demokratie, welche den unterbau der politik stärkt und die spitzen schwächt. noch ist die insel durch wasser vom umliegenden land mit viel wald abgetrennt.

ebenso symbolisch könnte man bruno erwidern: am liebsten würdest du einen grossen brand auslösen, in den vielen wäldern schwedens und der welt. dort, wo wir unsere ferien verbringen, hat es in diesem trockenen sommer schon mal so viele waldbrände wie seit 15 Jahren nicht mehr gegeben. eben: man ist weltweit in brunos trends!


foto: iri-euorpe

und im herbst sind wahlen in schweden, verbunden mit volksabstimmungen wie dem road pricing in stockholm. eckebrechts nachfolger in den schwedischen städten mobilisieren schon, weniger laut, aber vielleicht erfolgreicher als der unglückliche held von 1435. ueber das ergebnis der wahl und der abstimmung wird der journalist kaufmann sicher mit ebenso grossem engagement in der schweiz berichten, wir er die direkte demokratie in schweden und anderswo vorstellt: „präsente Schweiz, präsente Welt“, ist das motto des weltenbummlers, lokalaktivisten, familienmanns und meerschweinchenhüters.

stadtwanderer

iri-europe

ode ans kopfsteinpflaster (5)

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schluss mit pflastersteinen

wer denkt, die mittelalterlich geprägte stadt könne vorgestellt werden, ohne vom pflasterstein sprechen zu müssen, der oder die täuscht sich gewaltig. pflastersteine erschliessen einem den raum, sagt der stadtwanderer. was will man mehr?


foto: stadtwanderer (anclickbar)

man bekommt sie gerne, wenn man kopfsteinpflasterstrassen (fast) täglich erwandert. sie fehlen einem, wenn man von ihnen getrennt ist. so klein ein jeder kopfsteinpflaster ist, so gross ist das leben, über das sie berichten.

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ode ans kopfsteinpflaster (4)

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zur sozialforschung der pflastersteine

damit sind wir definitiv bei der sozialforschung der pflastersteine angelangt: soziologisches bewusstsein wird nötig, psychologische Kenntnisse sind von vorteil, diskursfähigkeit im team ist gefragt, bei gleichzeitig methodisches vorgehen, das sich aufdrängt: denn es geht um pfalstersteine als soziale haut. man nähert sich in dieser perspektive dem ort der (fast unmittelbaren) begegnung von mensch und stein. Der content dieser website ist ebenso unvollendet, wie das buch der historiker, das gespräch mit der politologin. Doch er hat schon einen arbeitstitel: „Stadterfahrung durch Pflastersteine. Möglichkeiten und Grenzen einer modernen Lebensform“. auf der homepage sind drei bilder von franz von assisi, max weber und niklas luhmann. Darunter die ersten textentwürfe: als erinnerung an die franziskanerklöster, wo man noch barfuss natur und kultur erfuhr. den click zum zweiten bild schafft man über einen birkenstockschuh, um dann zu lesen. Im wissen um die protestantische ethik, die die welt entzauberte, das subjekt rationalisierte und der moderne durch objektivierung der dingbar gewordenen objekte zum durchbruch verhalf. nur mit luhmann kann man noch nicht direkt kommunizieren, „under construction“ steht da vielsagend. Immerhin: ein pflasterstein steht zum unverbindichen anclicken da, um dann „Autopoesis des Kopfsteinpflasters“ aufblinken zu sehen und „Die Herausforderung der soziologischen Theoriebildung“ vorgesetzt zu bekommen. man ist froh, nicht weiter zu kommen „404 this page not found“ und beim gegenständlichen von max weber bleiben zu können, denn da geht es noch empirisch, das heisst einigermassen erfahrbar, halberwegs verständlich und mehr oder weniger plausibel zu und her.


foto: stadtwanderer (anclickbar)

„Buckelig“, hiesse der erste erkundungsbericht, den man sich herunterladen kann. es geht um das leben benachteiligter. von spitzen pflastersteinen ist die rede, von erosionen des untergrunds wird berichtet, über die unebenheiten des realen wird geklagt. da weiss jede und jeder: es geht um kopfsteinpflaster! um pflasterstrassen! um bsetzisteine! sie alle schaffen diskriminierungen, denen man sich in der viel beschäftigten alltagswelt oft zu wenig bewusst wird. erfahren wird man das erst, wenn man im rollstuhl sitzt, nach einem skiunfall oder aus altersgebrechlichkeit. doch dann wird man sehen, wie hinderlich pflastersteinstrassen sind. symbol der sozialen qual steht da im deutsch der sozialarbeiterInnen. doch es stimmt: man sitze gesund in einen rollstuhl und befahre diese buckeligen strassen, bewege die ganze körpermasse nur mit der bescheidenen kraft der eigenen arme. die kleinen vorderräder werden unkontrolliert herumzappeln, der rollstuhl wird nicht steuerbar sein, durch vertiefte wasserrinnen geführt werden, an erhöhte randsteinen anschlagen. selber wird man bis aufs mark vom kopfsteinpflaster geschüttelt werden, und entnervt aufgeben! test bestanden, steht auf der website zu lesen. gründen sie eine selbsthilfegruppe, um das sozialamt zu mobilisieren. aktivieren sie das sozialamt, um die stadtplanung zu beeinflussen. politisieren sie die stadtplanung, um die architekturschulen sensibilisieren! erleben sie die genese der kopfsteinpflaster-bewegung! Wahrlich, diese website fährt ein.


foto: stadtwanderer (anclickbar)

„ganz unten“ ist der zweite erkundungsbericht betitelt. eigentlich müsste man hier nicht mehr mit den augen, sondern mit der nase die virtualität und realität erkunden. denn es geht um abfall, den keine andere form der strassenbedeckung besser aufbewahrt als das kopfsteinpflaster. archäologie der pflastersteine hat foucault diese sektion des fachs schon mal genannt. es geht um die alltäglichkeit von kaugummis, drogenspritzen und zigarettenstummeln., sie alle finden sich im auf strassen mit kopfstein gepflästert zuhauf. Im schwang ist gerade das seminar zu „wende im sozialen“. die vorbereitungslektüre lieferte die bewusstseinsindustrie mit dem slogan „Rauchen schadet der Gesundheit“, nachgedoppelt hat das administrative system der gerichte, die den befund der aerzteschaft im streitfall bestätigt hat, und seither privatisiert die öffentlichkeit die sucht. um saubere kopfsteinpflaster zu bekommen, wird eine übung zu „Raucherstüblis“ veranstaltet. Es geht darum, für alle schichten, generationen und geschlechter in der passenden form den sozialen kontrolle zu finden. denn ein essay in den berliner heften „soziales pflaster“ hat jüngst darauf verwiesen, wie die zusammenhänge von sexualität, kultur und kopfsteinpflaster funktioniert. zunächst der typ „Schüchterner an der Bushaltestelle“, der schon lange und nur zu gerne mit der attraktiven frau von nebenan in kontakt getreten wäre, die zigarette stets bereit hält, für den fall, dass sie kommt, um nach feuer, „Feuer!“ fragen zu können, doch dann, welche katastrophe für das ich, als er nur ein achtloses „Da!“ zur streichholzschachtel hinzugefügt bekam, kein kuss sich ergab, der weiteres ermöglicht hätte, und der sich hier mit der bestrafung von natur und kultur revanchiert, indem er die noch ungebrauchte Zigarette auf das trottoir schmeisst. sodann den typ „wartende im strassenkaffee“, die umschwärmt und angebetet werden will und bis dies eintrifft, die ewigkeit des alleinseins mit lutschen am raucherstengel überbrückt, um dann, wenn sie erlöst werd, die zigarette flugs einzutauschen gegen das vielversprechende gespräch der augen und der hände; und schliesslich der typ „macho“, der sich seiner sexuellen macht bewusst über die gehsteige der stadt schlendert, bis ein fisch anbeisst, um der sich dann, als untrügerisch es zeichen des beginnenden vorspiels als erstes der zigarette zu entkleiden beginnt, die er auf die ühne des lebens schmeisst, sobald sie unwesentlich geworden ist. ja, „pflaster&stein“ hat unsere übungsteilnehmerInnen daran erinnert, wie wichtig kopfsteinpflasterstrassen sind, wie viele menschentypen froh sind, dass ihr persönlicher widerstand gegen das normative der gesellschaft irgendwo sichtbar aufbewahrt bleibt. Mehr dazu gibt es in der nächsten ausgabe, die man dann wieder runter laden kann.


foto: stadtwanderer (anclickbar)

vorerst muss man sich mit den dritten und letzten link „spuren zum sein“ begnügen. es geht um taubenkot und katzenfutter, um teddybären und menschenkleider, über die das kopfsteinpflaster regelmässig vermisstmeldungen erstellen könnte. doch nicht nur das: kopfsteinpflaster sind eine form von kunst. sie sind der restposten ornamentaler gestaltung in der westlichen welt, wie die reportage der hiesigen fachhochschule für visuelle kunst zeigt. zudem erschliessen einem farbkleckser in jeder form den strassenraum. da hat noch eben der maler von nebenan gewirkt, und mit wasser geputzt; hier hat die künstlerin aus dem dachstock ihre farben als szenische kunst auf die strasse fallen lassen. Es gibt städte, da werden die vorbeiziehenden touristen periodisch geduscht, um den speziellen witz des ortes zu erfahren. pflastersteinspuren sind manchmal noch unangenehmer: ist das nicht der rest der katze, die jüngst überfahren worden ist? und war das hier, wo letzte nach jemand erstochen worden ist? angenehmer ist es, wenn pflastersteine schöne plätze formen, die schon mal fotosessions für japanische modezeitschriften gesehen haben. überhaupt, wenn ein hauch von welt über die pflastersteine duftet, lebt man auf. da raucht einer mal wasserpfeife auf der kopfsteinpflasterstrasse, während vis-à-vis weinduft aus dem keller emporsteigt. ein blumenladen gestaltet den raum vor der eigenen türe mit schönen pflanzen, und der antiquar, der vergangenes wissen bewahrt, will mit weihrauch das strassengeschäft ankurbeln. bisweilen wird man überrascht, wenn selbst in der protestantischsten aller städte die kontrolle nicht mehr funktioniert, weil doch tatsächlich konfettis seitlich zum münster im kopfsteinplaster aufgebahrt von der letzten kinderfasnacht zeugen. spannend wird das pflaster bei brunnen. abflüsse gestalten die pflasterstrassen und lassen schon mal ein paar blumen platz, während sich bei zuflüsse oftmals metall und stein verbinden. tröge wieder gewähren an heissen tagen durstigen tieren einen kühlen schluck. am interessantesten ist es aber, die spuren des lebens von steinen selber zu bestimmen. frisch gepflästerte steinstrassen erkennt man sofort daran, dass sie wie hunde aussehen, die gerade aus dem coiffeursalon kommen. altes Pflaster dagegen ist abgewetzt, hat panzerspuren, ist von tramerschütterung zerfallen, ist mit gummistreifen auf bremsmanövern überzogen oder wurde immer wieder mit kies überdeckt. gleichsam höhepunkt der sozialforschung auf pflastersteinstrassen ist es, wenn namen eingraviert wurden. „Therese Schlicht“, ist da schon mal zu lesen. und wo man hinschaut. jedem stein seine person. jeder person ihren stein. gott sei dank ist letzte die unpersönlichkeit des steins verschwunden, und die endlichkeit der person verewigt.


foto: stadtwanderer (anclickbar)

petrus, du bist der pflastersein, auf den ich meine kirche gebaut habe, suche ich allerdings verzweifelt immer noch.

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vorwärts zum ende (schluss mit pflastersteinen)

ode ans kopfsteinpflaster (3)

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zur politologie der pflastersteine


nahtlos kann man so die politologen begrüssen, die dem staunenden publikum mediengerecht das zeitgenössische wesen der pflastersteine erläutern könnten. anders als die historiker, die sich mit tönen vergangenen zeiten erklingen lassen müssen, können die politologen authentische bilder kommentieren. doch auch sie müssen mut zur fantasie haben, zum beispiel die politische symbolik der pflastersteine erkennen können. denn in tat und wahrheit stehen sie wie kein anderes symbol stellvertretend für politische kultur in allen städten.


foto: stadtwanderer (anclickbar)

mit der ersten antwort müssten die medienpolitologen sinnlich erfahrbare bezüge zu den zuschauern des 21. jahrhunderts schaffen. Es gilt, aus stummsteinen stimmsteine zu machen. denn die pflastersteine bevölkern wie die bürger die städte. wie diese versammeln sie sich auf plätzen, um sich kund zu tun. dabei darf keiner den anderen überragen, um alleine zu dominieren; es wird auch keine elite geduldet, die sich zusammenschliesst, um besser sehen zu können. dafür werden schon mal gehsteige eingeebnet, womit sie ihren wortsinn verlieren. dafür wird, wie in jeder demokratischen gesellschaft, basale solidarität geübt: jeder stein stützt den nachbarn soweit, dass er aufrecht steht, aber stets das gesicht wahren kann. denn jeder mndige pflasterstein soll stets und überall das öffentliche leben mitverfolgen und seine meinung zum ausdruck bringen dürften. nur so ertragen sie die alte bürokratische herrschaft, vor der demokratie zu so vielen aufständen anlass gegeben hat und dennoch unverzichtbar ist: was wäre eine gesellschaft aus pflastersteinen ohne separierte fussgängerstreifen, ohne strassenspuren für taxis und busse, ohne parkplätze für autos und velos, ohne stoppsignal und ohne pfeil, der mal nach rechts oder links weist. und was wäre eine stadt, deren stadtwappen nicht irgendwo im pflasterstein verewigt wurde.


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wenn man so den bezug von pflastersteinen und bürgerschaft geschafft hat, könnte man getrost zur zweiten frage übergehen, und sich mit der strukturanalyse der pflastersteine beschäftigen. jetzt ginge es zentral um ihre maserung. man würde den mainstream herausarbeiten, den immer wiederkehrenden halbrund auf pflastersteinstrassen erwähnen, und ihn ihm die stetige erinnerung an die französische revolution sehen, die nation jeden tag auferstehen lassen, das parlament erwähnen, das sich in genau so einem halbrund versammelt, um links und rechts in der politischen landschaft unterscheiden zu können. Man müsste aber auch gleich den sonnenstand mitdenken, das licht und den schatten im tagesablauf über eben diesen halbrund wandern sehen, um regierung und opposition, mehrheit und minderheit erläutern zu können. denn das wesen der demokratie ist es, dass niemand mehr die macht auf sicher hat. die vergänglichkeit des tages würde sich in der reversibilität der herrschaft spiegeln, denn gerade diese reversibiliät reversibler verhältnisse ist es, die den glauben an das politische system, an die demokratie, sichert.


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in einem exkurs über spezielle politische systeme würde man dann auf eigenheiten verweisen, die allem amerikanischen denken zum trotz auch in kopsteinpflasterstrassen verblieben sind: gelegentlich kommt jede strasse an ihr ende, genauso wie die politik gegelegentlich eine wende nimmt. das stellte die strassenbauer im kopfsteinzeitalter oft vor probleme. der halbrund will hier so selten passen, sodass man sich für neue formen entschied. und tatsächlich auf den pflastersteinstrassen der kreis zurück! da ist sie also wieder, die landsgemeinde, die weder ein links noch ein rechts kennt, dafür aber fein säuberlich die inneren von den äusseren Ringen voneinander trennt. nur wer nahe des zentrums ist, wird nicht übersehen, kann druck ausüben, um effektiv mitreden zu können. die andern müssen sich anstrengen, dass ihre nachnachfahren auch ins zentrum vorrücken, um wenigstens dann mitreden zu können.


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die dritte antwort der politologen wäre nun der krise der demokratie gewidmet: von den verschiedenen ursprüngen und formen der demokratie und der diktatur muss gesprochen werden! man müsste vom führerstaat reden, vom tief sitzenden wunsch, nach dem tohuwabohu der demokratie wieder klare verhältnisse zu bekommen. das versammelt sich nicht mehr anarchisch; vielmehr wird es vom führer angezogen, zu kolonnen, zu kohorten gebündelt und im reich zusammengehalten. Auch das findet sich im kopfsteinpflaster wieder: zahllos sind die plätze der herrschaft, ist der wunsch nach ordnung, auch wenn der führer gestürzt worden ist. schurgerade sind die pflastersteine bis heute vor räthäuser und kirchen, vor kasernen und firmen ausgerichtet. sie lassen bis heute die individualität der pflastersteine in sich verschwinden.

die vierte und vorläufig letzte antwort der politologie der pflasterstein wäre den gegenwärtigen trends gewidmet. sie sind weder optimistisch, wie die demokratie der amerikaner, noch pessimistisch, wie jene der europäer. Sie sind ubiquitär und postmodern zugleich! zwar hat das gute sich gegenüber dem bösen fast über all durchgesetzt; demokratie findet sich fast weltweit auf dem siegeszug. Doch ihr wird vorgeworfen, unvollendet geblieben zu sein; es brauche eine demokratisierung der demokratie verlangt: partizipation ist angesagt! selbstentfaltung wird verlangt! so wird stadtverschönerung zum programm. spezielle zonen des kopfsteinpflasters werden eingezont. gepflasterte plätze werden belebt; dafür muss der autoverkehr beruhigt, ja verdrängt werden! inseln der neuen politik sollen sich von der umgebung der alten politik unterscheiden. so werden altehrwürdige pflastersteine aus ihrer angestammten ordnung herausgenommen, denn mutter erde darf nicht länger hinter vater staat zurückstehen: bäume sollen sich entfalten können, kinder sollen sandhaufen bekommen, frauen sollen sich auf parkbänken ausruhen und pensionierte am schachbrett entfalten können. doch das hat auch seine kehrseite: die stadtgärtnerei muss regelmässig säubern kommen, und auch der fuchs liebt es, im sand zu geschäften. jugendgruppen wiederum geniessen die abwechslung, und filmen schon mal das ganze mit ihrer webcam; die clips kann man sich dann im webcorner unter www.mypflaster.net immer wieder ansehen.

stadtwanderer

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schluss mit pflastersteinen

ode ans kopfsteinpflaster (2)

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zur geschichte der pflastersteine


pflastersteine kann man vor allem hören. sie klingen nach pferdehufen, man vernimmt den kutscher, brrr …, und kann sogar im dunkeln schnaubende nüstern erkennen! wem kommt bei kopfsteinpflaster und kleinstadt nicht unweigerlich das 18. jahrhundert in den Sinn? wer sieht nicht gleich das zeitalter der europäischen postkutsche wiederaufleben? wer denkt nicht automatisch an stadttore, die über nacht geschlossen werden, einsame laternen, welche die dunkelheit ein wenig erleuchten, und stadtwächter die nach banditen ausschau halten? und wer stellt sich dabei nicht enge gassen vor, die zum nächsten gasthof, der „Krone“, führen? es muss ja nicht gleich napoléon sein, der von paris nach wien unterwegs ist, und in einer seiner zahlreichen garnisonsstädte anhält, um zu etwas essen und ein wenig zu schlafen, bevor es auf holprigen strassen weitergeht, sodass man froh ist, wenn es wenigstens in der stadt sichere brücken und gängige pflastersteinstrasse hat. es kann ja auch eine einfache gesellschaft sein, die mit dem kutscher unterwegs ist, um in der stadt geschäfte zu tätigen. auch sie sind froh, das gesuchte haus sicher gewiesen zu bekommen und übers Kopfsteinpflaster gehen zu können, um sich und ihre kleider vor erdpfützen schützen.


foto: stadtwanderer (anclickbar)

die geschichte der pflastersteinstrassen ist meines wissens noch nicht geschrieben. doch in kenne den aufbau schon: die präliminarien müssten die pest einführen, die sich kurz vor 1350 fast flächendeckend über europa ausbreitete und einen drittel der bevölkerung wegraffte. sie müsste flagellanten erwähnen, die gegen falsche kirchenreligionen predigen. Man müsste das todesgeschrei in stinkenden spitäler zu hören bekommen, in denen unvorbereitete pflegerinnen einen verzweifelten kampf gegen den schwarzen tod führen. und man müsste dem bewusstsein für stadthygiene nachgehen, um zu verstehen, wie es ebenso fast überall auf dem kontinent zu kopfsteinpflästerungen kommt. doch man könnte dabei nicht stehen bleiben: zur sprache kommen müsste auch der verblichene glanz des hochmittelalterlichen kaiserreiches, der niedergang des ewig streitenden adels, der das aufkommen des weitsichtigen fernhandels und des fleissigen gewerbes in den städten ermöglichte. man würde dann die revolution der zünfte verstehen, die sich rheinaufwärts von köln bis basel ausbreitete. so würde man unweigerlich marktplätze hören, die hunderte von Menschen anzogen, um sich und seine waren auszutauschen. sinnlich würde man dann an die Kraft erinnert, die so von städten ausging und am ende des 14. jahrhunderts exemplarisch zum oberrheinischen städtekrieg gegen die aristokratie führte. in schwaben verloren die bürger diesen zwar, doch in der eidgenossenschaft gewann ihn luzern mit seinen verbündeten gegen habsburg. „Sempach!“, müsste man das kapitel betiteln, das vom protostaat zwischen zürich und bern berichten würde. und endlich müsste man auf die wichtigste städtebauliche Veränderung von basel über solothurn bis in die innerschweiz hinweisen: das kopfsteinpflaster! quasi als symbol des stadtbewusstseins verbesserte man jetzt die elenden erdstrassen in den stadtzentren der erwachenden eidgenossenschaft. der stein sollte nicht nur den politischen aufstieg markieren; er sollte auch zeigen, dass die adelige gründerzeit der holzstädte vorbei ist. er sollte jedem der den stadtbezirk betrat sichtbar machen, dass man sich hier und jetzt dauerhaft niedergelassen hat, niemandem mehr weichen wird, und niemanden mehr über sich tolerieren wird.


foto: stadtwanderer (anclickbar)

das geschichtsbuch zu den pflastersteinen in den europäischen städten würde sein vorläufiges ende in den jugendunruhen des späten 20. jahrhunderts finden. von „68“ würde berichtet werden, der revolte der jugend gegen die kleinbürgerliche erwachsenenwelt, die man gleichsam mit pflastersteinen zerstören wollte. um den verklemmten zeitgeist gehörig eins auszuwischen, wurden die strassen aufgerissen, das verdeckte private hinter der gepanzerten öffentlichen hervorgezerrt. endlich befreit! pflastersteine en masse wurden dafür eingesetzt, und sie waren das aequivalent für die frei gewordenen energien: pflastersteine gleich freiheit mal energie im quadrat, hätte einstein das auf den punkt gebracht.


foto: stadtwanderer (anclickbar)

politisch war diese revolte, denn sie formulierte lauthals ihren gesellschaftlichen gegenentwurf. anders war das dann 1980, als die autonome jugendbewegung das zeitalter der antipolitik verkündete. doch auch jetzt dienten die verbliebenen pflastersteinstrasse als schauplätze der geschichte. auf dem von wasserwerfern glitschig gespritzten pflaster, taatüü-taatüü, wurde der strassenkampf gegen gummischrot ausgetragen, ziff, ziff, ziff. autonome räume wollte man so öffnen und alternativen kultur sollte zugelassen werden. „Freie Sicht auf die Alpen!“, war die losung. erobert wurden hierfür leer stehende häuser in den stadtkernen und ungenutzte industrieareale in den aussenquartieren, die nicht selten aus rötlichem backstein waren und innenhöfe hatten. in diesen fanden die ersten vollversammlungen statt: es wurde kaskadenartig geklatscht, wenn eine(r ) zu lange sprach, und es wurde laut skandiert, wenn eine(r ) dummes zeug erzählte. und all dies auf den kopfsteinpflaster, das schon fast vergessen, mancherorts der geburtsort der alternativkultur ist,.

stadtwanderer

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schluss mit pflastersteinen

ode ans kopfsteinpflaster (1)

müsste man ein porträt der europäischen kleinstadt machen, würde man es mit kopfsteinpflaster grundieren. denn die pflastersteinstrassen, die pavés, die clobbet streets und die kleddstengatarna sind das leben in der stadt, egal, ob sie in der schweiz oder schweden stehen. doch sie sind nicht nur orte der verbindung und des austauschs in der vergangenheiten; sie sind das auch heute noch. sie haben der zeit getrotzt. wer glaubt, sie seien dabei alle gleich geblieben, der täuscht sich mächtig. sie sind jung und alt, haben farben und formen, sie duften und stinken, und man kann ihren klang hören. sind waren früher meist unförmig; während sie heute in der regel quadratisch sind.


foto: stadtwanderer (anclockbar)

gäbe es keine stadtpläne und landkarten, man würde an ihnen eine stadt erkennen und den weg weisen können. denn pflastersteinstrassen sind unverwechselbar: sie sind, wo immer man auch hinschaut, die elemantare beziehung zwischen stadt und mensch. man braucht nur ein wenig fantasie, historische, politologische, soziologische und psychologische, um sich das leben mit ihnen vorzustellen: eine ode ans kopfsteinpflaster, das der stadtwanderer schon ein wenig vermisst.

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schluss mit pflastersteinen