Blitzbesuch in Porrentruy (oder Pruntrut)

Wie so vieles, ist auch der Ursprung des Namens umstritten. Eine alte Schreibweise lautete «Purentrut», was mit etwas Fantasie aus «pont Ragintrudis» abgeleitet werden kann. Das wäre dann die «Brücke von Ragintrudis», der Uebergang, welcher im 7. Jahrhundert der Gemahlin des Königs der Franken, Dagobert I., gehörte. Daran stimmt, dass Pruntrut, nördlich der Jura-Züge gelegen, immer wieder ein Zentrum in der Provinz des Kaiserreichs war.
Der Fürstbischof von Basel machte die Reichsstadt 1528 zum Sitz seines Machtbereichs, da er angesichts der Reformation in Basel seine Heimatstadt verlassen musste. 60 Jahre später baute Jakob Christian Blarer von Wartensee, ein herausragender Luzerner Adliger auf dem Bischofsstuhl, die zerstörte Burg wieder auf und erweiterte sich zum imposanten Renaissance-Schloss (mit barock geformten Dach). Die Franzosen wiederum formten 1792 aus Pruntrut die Hauptstadt der kurzlebigen Raurakischen Republik. Danach wurde man Hauptort des Départements Mont Terrible, das später dem Elsass untergeordnet wurde. Schliesslich entschied der Wiener Kongress 1815, das ehemalige Fürstbistum in der Ajoie aus Frankreich heraus zu lösen und dem Kanton Bern einzuverleiben. Da blieb der nördliche Teil bis 1979, um danach als Jura der 23. Kanton der Schweizerischen Eidgenossenschaft zu werden. Allerdings wurde Delémont Hauptstadt, und Porrentruy hatte das Nachsehen.
Porrentruy hat in vielem den Charakter einer französischen Provinzstadt bewahrt. Das Schloss über der Stadt ist mit seinem europäischen Format untypisch für die Schweiz. Prägenden Eindruck hat auch die Gegenreformation hinterlassen. Die goldenen Jahre waren vom 1580 bis 1618. Sie endeten mit dem Ausbruch des Dreissigjährige Krieges, der halb Europa niederriss. Fürstbischof Blarer eröffnete in Pruntrut das Jesuitengymnasium, das nach Freiburg und Luzern zum dritten Jesuitengymnasium wurde und für die Erziehung der männlichen Jugend aus der Region im Sinne der Gegenreformation zuständig war.
Zu Blarers Zeiten war man in der Ajoie auch Teil einer wichtigen Durchgangsroute, welche die spanischen Habsburger beanspruchten, um via Mittelmeer, das spanische Mailand ins spanische Brüssel zu gelangen. Diese Verbindung war wichtig geworden, weil sich die nördlichen Provinzen der Niederlande 1568 vom spanisch-habsburgischen Reich abgespalten hatten und Frankreich südlich und östlich umgangen werden musste. Aus Luzern heraus entstand, von Mailand unterstützt, der Goldene Bund, der bestrebt war, in der durch die Reformation zerstückelten Eidgenossenschaft klar abgrenzbare katholische Teile zu erhalten. Luzern, Solothurn und Pruntrut gehörten zu diesem Projekt, das sich Basel der Reformation angeschlossen hatte.
Noch heute heisst der Gymnasiumsplatz «Place Blarer de Wartensee». Und noch heute ist mensch im Jura sehr häufig katholisch. Nur der grosse Durchgang fehlt in der Kleinstadt nit gut 6000 EinwohnerInnen, in dem es auffallend ruhig geworden ist.

Das Bankett vom 6. November 1848 – Fakten und Hintergründe in Kürze

Zwischen 1803 und 1848 war (erneut) die Tagsatzung das oberste gemeinsame Organ der
Bundesglieder. Die eidgenössische Kanzlei zügelte seit 1815 alle zwei Jahre zwischen den
Vororten Bern, Zürich und Luzern hin und her. Bern war in den Jahren 1847 und 1848 Vorort.
Diese beiden Jahre waren entscheidend für die weitere Geschichte der Eidgenossenschaft
(1847 Sonderbundskrieg, 1848 Inkrafttretung der neugeschaffenen Bundesverfassung).1 Die
Bundesverfassung von 1848 hatte die Frage, welcher Ort Bundesstadt werden sollte,
wohlweislich offengelassen, um die Abstimmung nicht noch mehr zu belasten.
In den letzten Wochen vor der parlamentarischen Abstimmung Ende November 1848
entbrannte ein Duell zwischen den Rivalen Bern und Zürich. Die Wahl wurde zu einer
eigentlichen Prestigefrage.
Die Neue Zürcher Zeitung machte mobil gegen Bern: „Wir
denken, die wunderlieblichen Ufer des Zürchersees, mit dem romantischen der Gemisch der
Zauber der Natur mit den Reizen menschlicher Kunst werden auch in Zukunft, wie bisher,
weit mehr anziehen als die wilden Felsmassen des Vierwaldstättersees oder die ernste,
melancholische Umgebung Berns.“ Und es gebe noch die Eisenbahn, die als Erholung
genutzt werden könne.
Der Nouvelliste vaudois hingegen setzte sich für Bern ein: Es handle
sich zwar um eine langweilige Stadt, wo Kälte und Nebel herrschten; ausserdem seien die
Einwohner nicht sehr zuvorkommend. Aber dies diene letztlich dem Ratsbetrieb: Die
Nationalräte sollten schliesslich nicht ein fröhliches Leben führen, sondern arbeiten. Bern sei
glücklicherweise kein „kleines Paris“. Hier seien das Nachtleben und andere
Zerstreuungsmöglichkeiten dermassen eingeschränkt, dass die Ratsherren die Sessionen
möglichst rasch beenden würden, was dem Steuerzahler Geld spare.
Am Sonntag, 5. November 1848, trafen die National- und Ständeräte in den schweren
Postkutschen durch die Ehrenpforten beim Untertor, Aarbergertor und über die 1844
eingeweihte Nydeggbrücke in Bern ein.
Am Montag, dem 6. November, fand die Eröffnung
der ersten Bundesversammlung statt. Eine kalte Bise pfiff. Bern war herausgeputzt wie noch
nie: Wehende Fahnen, Kerzen auf den Fenstersimsen, Blumen und Girlanden an den
Fassaden. Die ältesten Stadtbewohner waren sich darin einig, Bern nie glänzender gesehen
zu haben als am Tage der Eröffnung der ersten Bundesversammlung.
Auf der Münsterterrasse zündete ein leuchtendes Schweizer Kreuz ins Land hinaus. An den
Haupteingängen der Stadt hielten Ehrenpforten Wache. Um sieben Uhr früh wurden 155
Kanonenschüsse abgefeuert – für jeden Parlamentarier ein Schuss. Nach den Gottesdiensten
begaben sich diese, begleitet von Glockengeläut, in ihre Tagungszimmer. Der Nationalrat
tagte im Casino (an der heutigen Bundesterrasse), der Ständerat im Rathaus des Äusseren
Standes. Bald schon beklagte sich der Nationalrat über den Saal und die schlechte
Beleuchtung.

Die Festmahlzeit (6. November 1848)

Doch der Tag der ersten konstituierenden Bundesversammlung endete mit einem
denkwürdigen Abend: Die Einwohnergemeinde Bern lud zu einem glänzenden Bankett in das
„Hôtel de Musique“, dem späteren „Café du Théâtre“. Die Zünfte liehen ihr Silber- und
Goldgeschirr für diese Festmahlzeit. Geladen waren alle Parlamentarier sowie rund 100
Vertreter der Gemeinde Bern. Nach übereinstimmenden Berichten wurde eifrig gebechert.
Der berühmte und „ehrwürdige“ Waadtländer von 1795, „Kriegsräthler“ genannt, habe
selbst den alten Bordeaux aus dem Felde geschlagen, berichten Chronisten. Dann floss der
Champagner. „Und ein künstlicher Springbrunnen für die Bedienung der Gäste mit rotem
Wein, der aus den Röhren floss, fand besondere Beachtung. Die schönste Seite des Festes
aber war die gesellschaftliche Fröhlichkeit, Eintracht und ein wahrhaft erhebender
eidgenössischer Sinn, der alle Gemüther erfasst hatte.“3 Das Fest war eines der
grossartigsten, das in Bern je gesehen wurde. „Die Stadt hatte alles aufgewendet, um die
Gäste zu befriedigen.“ Das Essen dauerte bis zum andern Morgen. Die Damen durften von
den Galerien dem fröhlichen Treiben zuschauen.
Ein grosses Defizit resultierte wegen der Verlängerung des Banketts und des Eindringens
ungeladener Gäste, welche einen „viel grösseren Verbrauch an Wein, besonders an
Champagner“, zur Folge hatte. Die Rechnung übertraf die budgetierten 3’671 Franken um
1’271 Franken; begleitet von „leisem Hohn“ deckte die Burgergemeinde den Fehlbetrag.
Am Tag nach dem Fest begann die Sitzung des Nationalrates ausnahmsweise erst um 3 Uhr
nachmittags…

Die Wahl Berns zur Bundesstadt

Der 28. November 1848 war Abstimmungstag. Schon im ersten Wahlgang siegte Bern im
Nationalrat mit 58 Stimmen gegenüber Zürich mit 35, Luzern mit 6 und Zofingen mit einer
Stimme. Auch im Ständerat kam ein deutliches Mehr für Bern zustande. Alle Tessiner und
Welschen stimmten für Bern, nicht zuletzt aufgrund der geografischen Lage (im Zeitalter der
Postkutschen). Die Stadt war danach laut Berner Presse „in freudiger Bewegung“: Es folgten
Kanonenschüsse und Fackelumzüge. Die NZZ schrieb, Bern habe die romanischen Stimmen
„zu erschleichen gewusst“.
Alfred Escher, Zürcher Politiker und späterer Eisenbahnunternehmer, wies darauf hin, dass
Zürich nun nun immerhin die grossen ökonomischen Opfer erspart bleibe, die der Bundessitz
mit sich führe – ohne entsprechenden materiellen Nutzen. In der Tat: Die Stadt musste dem
Bund die Räume für die Bundesversammlung, für den Bundesrat und seine Departemente,
die Münzstätte, sowie Wohnungen für den Kanzler und seine Stellvertretung gratis zur
Verfügung stellen mitsamt der Möblierung der Räume. Zwar hatten damals noch alle
Departemente im Erlacherhof Platz. Insgesamt musste Bern aber neben den Sitzungsräumen
für die Räte 99 Büro- und Archivräume frei machen. Das waren drückende Lasten für eine
wirtschaftlich noch unentwickelte Stadt mit 26’000 Einwohnern. Bern kaufte sich denn auch
1875 durch Vertrag mit der Eidgenossenschaft davon los und trat das von ihr erbaute
Bundeshaus unentgeltlich ab.

Quellen:
Originalquellen: Protokolle des Nationalrates (1848), Protokolle des Gemeinderates Bern (1848),
Bundesblatt, Verhandlungen über den Sitz der Bundesbehörden.
Beat Junker, Christian Pfister: Geschichte des Kantons Bern seit 1798 (Historischer Verein des Kantons
Bern), 4 Bände, Bern 1982-1996
Peter Martig (Hg.): Berns moderne Zeit. Das 19. und 20. Jahrhundert neu entdeckt, Stämpfli-Verlag,
Bern 2011
Dossier Feier zum Hundertjährigen Bestehen, Stadtarchiv, diverse Beiträge und Zeitungsausschnitte,
u.a. Wie Bern zur Bundestadt wurde von Dr. E. Bärtschi, Broschüre, 1948