dällenbach fragt den verkehrspolizisten: „darf man einen polizisten kamel nennen?“ dieser verneint, das sei beamtenbeleidigung. da will kari es wissen: „darf man zu einem kamel polizist sagen?“ nun ist die antwort positiv, und der scherz folgt auf den fuss: „also, gute nacht, herr polizist!“

D„llebach_Kari_281was bleibt: ein schuh, ein brief und die liebe. annermarie, als sie vom tod von dällenbach erfährt.

man lacht. obwohl man die pointe kennt. denn regisseur kurt früh hat dällenbach kari mit seinem film aus dem jahre 1970 schweizweit bekannt gemacht und ein bild des stadtoriginals aus der jahrhundertwende gezeichnet, das unradierbar in uns steckt. jedenfalls bei mir ist das. seine tochter katja früh hat nun das buch zum musical „dällenbach kari“ geschrieben. moritz schneider und robin hoffman haben es vertont, und andreas gergen führte auf der thuner seebühne regie. eines kann man nach dem besuch im oberland mit bestimmtheit sagen: den charakteren der porträtierten menschen kommt man im film näher, dafür wird man im musical voll von den heftigen emotionen der traurigen lebensgeschichte ergriffen.

alles beginnt mit einer hasenscharte. kari wird dafür schon in der schule gehänselt. sein einziger kamerad ist fritz, der ihm bernische lebensweiseheiten beibringt: er sei schön und reich, kari gescheit und lustig. das sei und bleibe so. wegen einer frau geraten sich die beiden schulfreunde jahre später in die haare. fritz ist aufstrebender oberst und politiker. kari hat einen schlecht frequentierten coiffeursalon. fritz ist sein erster und bester kunde, der ihm rät, mehr unter die leute zu gehen, um sich beliebt zu machen. da lernt der scheue eine tochter aus angesehenem patrizierhause kennen und verliebt sich. doch die geisers wollen vom minderen gewerbler aus der altstadt nichts wissen, denn ihre annemarie ist schon längst fritz haeberli versprochen, dessen einfluss geld in die leere fabrikantenkasse bringen soll. als sich die drei am fest auf der allmend treffen, kommt es zum eklat. annemarie tanz mit kari. fritz kränkt seinen nebenbuhler, indem er ihn einen unnützen hasenscharter schimpft und ihn zum duell herausfordert. der kneift, verfällt freund alkohol und verdirbt im streit die liebe annemaries.

fünfzehn jahre lange verlaufen die lebenswege in der ober- und unterschicht getrennt. da macht sich annemarie an der seite von fritz gedanken, weil seine politische karriere stockt. populärer müsse er werden, genauso wie kari zwischenzeitlich mit seiner volkstümlichkeit sei. fritz zögert, geht dann in den coiffeursalon seinen ehemaligen kameraden, um sich das haar schneiden zu lassen, nicht ohne einen fotografen mitzunehmen. auch kari ist zurückhaltend, schneidet dem bundesratsanwärter jedoch ein schweizerkreuz ins haar, damit jeder sehe, dass ihm der patriotismus über den kopf hinaus wachse.

alles endet, wie es in einem drama enden muss: fritz falliert bei der wahl und stirbt bei einem autounfall. kari geht an seine beerdigung, begegnet da witwe annemarie, wobei ihre liebe zueinander wieder erwacht und sie ein paar werden. kari kann so der weinflasche und seinen saufkameraden entkommen. doch seine leber ist schon krank, und als er weiss, keine woche mehr zu leben, ersäuft er den krebs im schnaps und sich in der aare, während sich die ahnungslose annemarie die frohen farben ihrer zweiten hochzeit ausmalt. ihr bleibt nur ein schuh von kari mit abschiedsbrief, der die beerdigung mit anschliessendem essen mit hame und wein regelt, bei dem man allseits lustig sein soll.

tatsächlich lebte tellenbach karl von 1877 bis 1931. im bernischen walkringen geboren, hatte er 30 jahre lang in bern einen coiffeursalon an der neuengasse 4. weil die leute auf der strasse, selbst die kunden beim rasieren gedankenlos über seine hasenscharte lachten, scherzte der sprücheklopfer mit ihnen, um mitlachen zu können und nicht in sein inneres schauen zu müssen. schliesslich nahm sich der depressive in der nacht zum 1. august das leben.

immer wieder erwacht dällenbachs zweites leben. hanspeter müller-drossaart spielt die hauptrolle pfiffig und einfühlsam zugleich. carin lavey ist seine wunderbare partnerin, die als tochter gefällt, als ehefrau überzeugt und als liebende hinreissend ist. die bühne, auf der sie wirken, ist einfach, wie es sich für bern gehört: der zytgloggenturm ist in der mitte, und alle geschichten entstehen, indem die schauspieler aus bodenfenstern kommen und in sie wieder verschwinden. einzig ein drehbarer coiffeurstuhl und zwei tischreihen skizzieren die umgebung in der altstadt.

das stück hat längen und tempi, aufregende soli und ein mitreissendes ensemble. gelegentlich lacht man herzergreifend, doch dann könnte man vor schmerz heulen. es ist ein wenig wie auf der achterbahn! 76’000 begeisterte zuschauerInnen hatte das freiluft-musical in diesem jahr. keine der früheren produktionen auf der thuner seebühne war so erfolgreich, sodass man sich für 2011 viel vorgenommen hat: was heute samstag im berner oberland derniere feiert, wird ab kommenden frühling in zürich gastieren, um die heisskalte mischung des liebeslebens eines berner stadtoriginals mit folgenreicher hasenscharte in die limmatstadt zu zaubern.

stadtwanderer


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