„Selbstverständlich zurückzugreifen auf die Konensressourcen eines von einer breiten Mehrheit geteilten Gesellschaftsvertrages ist heute nicht mehr möglich.“ georg kohler, der das sagt, forschte als professor für politische philosophie an der universität zürich unter anderem zum schweizerischen selbstverständnis. darüber schreibt er in der woche nach dem ja zur ausschaffungsinitiative in der nzz am sonntag ein essay zu lage der nation.

011106BEX500wenn politik zur pokerrunde jede(r) gegen jede(n) verkommt, stirbt das gemeinwohl – und damit auch die fähig, in einer welt des globalen verhandels sinnvoll bestehen zu können.

kohler zentrale frage lautet „Wie kann ein Land, dessen Lebensformen stets darin bestanden hat, in grösstmöglicher Weise neutral zu bleiben, mit der Tatsache einer mehr und mehr supranational regulierten Welt fertig werden?“ seine antwort ist nicht einfach: kluge politik erfordere heute anpassung an normen, die man nicht selber gesetzt habe; sie verlange ein gefühl für die stimmungslagen von funktionseliten, welche die multipolare welt beherrschten.

kohler weiss es selber: das alles widerspricht dem kollektiven unbewussten der schweiz. dieses sei durch den krieg bestimmt worden, aus dem der wille zum zusammenhalt jenseits kultureller unterschiede entstanden sei. heute bestimme indessen nicht der krieg das geschehen, sondern die verhandlung. in verhandlungen zu bestehen, setze gemeinsame ziele voraus, die man kohörent verfolge. genau daran kranke die schweiz.

denn die inneren polarisierungen hätten tiefe gräben in den boden für eine gemeinsamen strategie jenseits der abkapselung geschlagen. anders als auch schon, seien nicht mehr verschiedene interessen die ursache. vielmehr gehe es um das eigene, den kampf um das selbstverständnis der schweiz.

die nationalkonservative seite habe mit ihrer abgrenzung von allem zunächst die besseren karten, sei es durch den rückgriff auf mythen in der geschichte oder durch die mobilisierung von unsicherheit angesichts realer veränderungen. doch all das sei trügerisch, hält kohler dezidiert dagegen, denn in der jetztzeit könne man sich gar nicht mehr abkoppeln. die bewältigung der grossen probleme der gegenwart liesse sich nur druch kooperationen lösen.

zu dem, schliesst kohler, ist die schweiz der gegenwart nicht mehr in der lage. innerlich zerrissen, beschäftige sie sich nicht mehr mit dem aussenpolitischen notwendigen, sondern nur noch mit dem eidgenössisch verträglichen. sie wähle nicht mehr den kompromiss, sondern setze auf extreme. das sei gefährlich. sinnvoller sei die suche nach dem gemeinwohl, was stets das „gut schweizerische“ gewesen sei. wer das beschädige, falsch oder überflüssig finde, „der tue dem Land keinen Dienst“, meint philosoph georg kohler.

stadtwanderer


Comments

1 Comment so far

  1. Ernst Grob on Dezember 5, 2010 22:28

    ein schreckliches Bild

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