es war eine unübliche beilage, die gestern mit den berner zeitungen kam: „Décroissance – Die Mutmacherin“ hiess sie. aufgerufen wird damit, sich vom wachstumszwang zu befreien. 120’000 potenzielle leserInnen hat man so bedient, denn die neue politökonomisch inspirierte bewegung will rasch anhängerInnen gewinnen.

untitledsolit
immer mehr städter und städterinnen wollen wissen, woher ihr rüebli kommt

das visuelle am titelblatt des maganzins sprach mich nicht an. eine soziokulturelle beilage, wie man in bern jenseits des mainstream silvester feiern kann, dachte ich mir zuerst. dann blieb ich beim stichwort „mutmachen“ hängen – und begann mich zu interessieren.

das wachstum in den ländern des nordens könne nicht die lösung sein, las ich im editorial von philipp zimmermann, student der geschichte und präsident der grünen in spiez. vielmehr sei der wachstumszwang das hauptproblem. unterlegt wurde das in der folge mit dem neuesten buch der bekannten publizisten urs p. gasche und hanspeter guggenbühl. „Schluss mit dem Wachstumswahn – Pladoyer für eine Umkehr“ ist ihr titel und passt genau ins konzept der décroissance.

entstanden ist die bewegung in frankreich innerhalb der grünlinken aktivistInnen. bisher fand sie vor allem in der französischsprachigen schweiz unterstützung. im märz 2010 fanden sich einige berner sympathisantInnen in der brasserie lorraine zusammen und beschlossen den brückenschlag über die sprachgrenze. basisdemokratisch und offen versteht man sich. im käfigturm, dem alten gefängnis, das zum polit-forum der eidgenossenschaft umgebaut worden war, wagte man sich mit einer vortragsreihe erstmals an die öffentlichkeit. im magazin ist so ein „abc der décroissance“ entstanden, das einem das weltbild der neuen bewegung handlich erschliesst.

scharf kritisiert wird etwa der green new deal, der basis des wirtschaftskonzepts der schweizer grünen werden könnte. widersprochen wird ihm, weil er, in anlehung an den new deal des amerikanischen präsidenten roosevelt, ein neuer wachstumspakt sei, um mit ökologisch ausgerichteten wachstum aus der wirtschaftskrise heraus zu finden. das wirkt für die décroissance-leute wie klimaretten mit easy-jet – und ist damit schon im ansatz diskrediert.

wer in rom nach mailand wolle und im zug nach neapel sitze, müsse umsteigen, nicht die verlangsamung der fahrt verlangen, lese ich einige seiten später. nullwachstum wird so begründet, das ohne arbeitslosigkeit möglich sei. wenn die notwendige umstrukturierung langfristig vorbereitet werde, verlaufe der übergang ohne soziale härten, verspricht der deutsche buchautor helmut knolle. und adriano mannino, philo-student und juso-aktivist in zürich, propagiert das grundeinkommen zur absicherung aller, sollte es nicht klappen.

wenn sich die männer in der broschüre mit der theorie befassen, sind die frauen für die praxis zuständig. ursula schmitter, familienfrau in interlaken, nimmt sich die landwirtschaft vor. empfohlen wird die ernährungssouveränität, die, wie die kleinbäuerliche via campesina, auf selbstversorgung, lokale und regionalen handelt setze. was das im wg-alltag heisst, führt politologin marina bolzli vor. soliTerre, die sich für direkte verträge zwischen produzenten und konsumenten stark macht, liefert den wöchentlichen gemüse- und salatkorb in die vegetarier-haushalte. anti-speziesismus müsse genauso selbestverständlich werden wie anti-rassismus und anti-sexismus, heisst es im weiteren.

es ist ein kunterbund an gelebter alternativer lebensweise, harscher globalisierungskritik und linker ideologiesause, die einem da geliefert wurde. einiges ist mir aus meiner studentenzeit bekannt, vieles ist der ist-zeit angepasst und weniges wirkt auch ein wenig wie eine säkulare religion. verantwortet wird das alles von antidot, einem verein, der meist die woz beliefert, dank grosszügigen spenden aus dem leserInnen-kreis (selbstdeklaration) nun auch via bund und bz 120’000 neue interessentInnen ansprechen konnte.

wow, dachte ich mir, und ertappt mich beim hauptwiderspruch der gross angelegten marketing-aktion: die bewegung décroissance will unbedingt wachsen. sie wird es auch, wie die junge schriftstellerin bolzli selbstbewusst prophezeit. denn immer mehr städtische konsumentInnen wollen wieder wissen, woher ihr rüebli kommt. und das treibt auch die alternative ökonomie an.

stadtwanderer


Comments

2 Comments so far

  1. Alex Schneider on Dezember 30, 2010 09:47

    Energie sparen: Eine Sisiphus-Aufgabe!

    Wenn wir Energie sparen, sparen wir auch Geld. Was machen wir aber mit dem gesparten Geld? Wir geben es anderweitig für Konsumgüter aus, was wiederum Energie – z. B. „graue Energie“ – braucht oder wir bringen es den Banken und Versicherungen, wodurch diese in die Lage versetzt werden, Geld auszuleihen für Investitionsgüter, deren Produktion, Betrieb und Unterhalt wiederum Energie braucht. Das einzig wirksame Mittel gegen zu hohen Energieverbrauch ist die Reduktion des Einkommens für diejenigen Bevölkerungsschichten, die sich das leisten können oder wollen. Weniger Einkommen, dafür mehr Freizeit; das ist doch auch Lebensperspektive für das beginnende Jahr 2011. Alex Schneider, Küttigen

  2. Titus on Dezember 30, 2010 22:46

    Wachstum kann Wohlstand bringen, einen Garanten dafür gibt es aber nicht, schon gar nicht auf die Allgemeinheit bezogen. Und ständiges Wachstum gibt es auch nicht, denn irgendwann erreicht man nun einfach einmal eine (natürliche) Grenze. Ich spreche hier nicht von einer Ideologie, sondern von der Realität, die wir alle kennen, sofern wir bereit sind, sie anzuerkennen…Trotzdem verordnet man uns noch immer das Rezept „Wachstum“, welches jegliches Leid heilen soll.

    Traurig bei dieser Angelegenheit ist, dass kein Mainstream-Medium es wagt, wenigstens einmal über Alternativen nachzudenken oder zu berichten. Schnell würde diesem ein „linkes“ Image anhaften, schnell würden die Autoren als solche dargestellt, die noch immer handgestrickte und juckende Unterhosen tragen…

    Unter diesen Bedingungen kann es darum kaum überraschen, wenn sich idealistisch eingestellte „Andersdenkende“ die Aufmerksamkeit eines breiten Publikums erkaufen müssen.

    Ich denke deshalb – und auch weil zwischen den Zeilen viel Idealismus zu lesen ist – dass dieser Bewegung unrecht getan wird, wenn man ihr vorwirft, sie lege es selber auf Wachstum an. Das Einzige, was hier wachsen soll, ist wohl die Denkweise nach möglichen Alternativen.

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