warum die schweiz ihren heutigen geburtstag nicht auch heute feiert, wollte followerin christine fivian wissen. hier meine schnellantwort.


fassade des bundeshauses in bern – mit 2 gründungsdaten: 1291, das mythologische, und 1848, das verfassungsrechtliche

mit den geburtstagen von staaten ist es so eine sache. sie sind, verkürzt gesagt, ein kind der nationalstaaten des 19. jahrhunderts, die sich damit nach eigenem gutdünken selber inszenieren.

die geburt der schweizerischen eidgenossenschaft in form des bundesstaates war ein schmerzhafter prozess. vereint wurden damit die souveränen kantone, die 1815 am wiener kongress von den europäischen grossmächten in einem losen staatenbund zusammengeführt worden waren. die erneuerung setzte um 1830 mit dem aufbruch der liberalen kantone ein, die sich erneuerten und so die basis schufen, die bestehende konservative mehrheit in der tagsatzung abzulösen.

friedlich geschah dies nicht. nötig war der sonderbundskrieg von 1847, der die basis für den modernen staat von 1848 legte. erforderlich war auch, sich eine gemeinsame verfassung zu geben, welche die bisherigen gesetzeswerke ablösen sollte. auch das ging nicht ohne brüche vonstatten, denn die sonderbundskantone lehnten die neue bundesverfassung in ihrer überwiegenden zahl ab. die gemässigteren unter ihnen waren bereit, den entscheid der mehrheit zu akzeptieren, während sich die hardliner dem widersetzen. freiwillig wären uri, schwyz, ob- un dnidwalden dem bundesstaat nie beigetreten.

am 12. september 1848 bewilligte die tagsatzung die bundesverfassung, und sie löste sich in der folge auf. gewählt wurden national- und ständerat, bundesrat und bundesgericht. mit der wahl konstituierten sind auch bund und kantone, womit die fünf neuen institutionen, welche die verfassung vorsah, entstanden, die bis heute massgeblich das gesicht der schweizerischen eidgenosschaft prägen.

in der sprache der zeitgenossen könnte man sagen, mit dem 12. september 1848 wurde der startschuss gegeben die bislang souveränen kantone zu fusioniert. weniger eindeutig ist, wann sie auch zusammenwuchsen. das geschah, wie bei kulturellen fragen so oft, schrittweise – wenn überhaupt. der konflikt zwischen liberalen und konservativen, der die staatsgründung von 1848 geprägt hatte, wurde politisch 1891 geregelt. beide streitparteien fanden sich zum ersten grossen nationalen fest zusammen, der vorläuferfeier des 1. august. die opposiiton von damals erhielten das lange geforderte recht auf partialrevision der bundesverfassung – das heutige initiativrecht. und die sie wurden mit einem vertreter in den bundesrat aufgenommen. dafür mussten sie sich aus ihrem katholisch-konservativen ghetto heraus bewegen und zum teil der (bürgerlichen) schweiz werden.

symbolisch vollzogen wurde dies, indem man die gründungssymbole des jungen bundesstaaten entpolitisierte. geblieben sind der stolz auf die neue eidgenössisch technische hochschule und bern als bundesstaat. in vergessenheit geraten ist beispielsweise jonas furrer, der erste präsident der schweiz.

dazu gehört auch, dass man auch dem 12. september nicht gedenkt, und die gründung der eidgenossenschaft per dekret des eidg. Justiz- un dpolizeidepartementes auf 1291 vorverschoben hat. der 1. August drängte sich auf, weil der zum staatsgründungsakt hochstilisierte bundesbrief erwähnt, die urschweizerkanton uri, schwyz und unterwalden hätten sich nach dem tod von könig rudolf I. von habsburg zusammengeschlossen, um ihre angestammte rechte auf ewig zu verteidigen.

so ist uns bis heute die mythologische, nicht juristische staatsgründung bewusst.

stadtwanderer


Comments

2 Comments so far

  1. Giorgio Girardet on September 12, 2012 20:19

    Wenn die Followerin christine Fivian wirklich etwas sinnvolles feierlich begehen will: Der erste eigentliche „nationale Feiertag“ war der von den Aargauern an der Tagsatzung 1832 vorgeschlagene „Eidg. Dank-, Buss- und Bettag“. Damals öffnete sich der Graben zwischen liberalen und konservativen Kantonen bedrohlich. Es war der einzige Beschluss schier jener mit Spannungen und Blockaden angefüllten Tagsatzung. Und sinnigerweise fiel der einstimmige Entscheid auf den 1. August 1832. Am 3. Septembersonntag 1832 wurde er in der ganzen Schweiz erstmals begangen. Der eidgen. Dank-, Buss- und Bettag lässt uns das hier und heute anpacken ohne monumentale historische Kulisse: sei es der „idealen Eidgenossen“ des mythischen Rütli-Schwurs oder der aufgeblasenen „1848er“. Auch diese handelten damals nur einen Kompromiss aus, mit schlotternden Knien.

  2. cal on September 13, 2012 12:38

    ich werde am kommenden sonntag auf der schafmatte für alle ausflügler, egal welcher ideologie, bratwürste machen und anbieten, damit man sich etwas erfreuen kann.
    merci für den hinweis.

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