bern ohnmächtig

September 26, 2012 | Leave a Comment

ich war heute an einer veranstaltung von stattland – dem verein für historische stadtführungen in bern. seit 20 jahren gibt es ihn, und jedes jahr werden ein bis zwei neue themenwanderungen angeboten. was ich heute hörte, hat mich arg enttäuscht.

angeschlossen habe ich mir der führung „Bern mächtig“, bei der über die ursprünge des stadtstaates berichtet werden sollte. doch schon der start war verpatzt, denn die stadtführerin kam 20 minuten zu spät. dann leistete sich die ausgebildete geografin einige historische fehlleistungen: das kaiserreich zu zeiten der stadtgründung nannte sie „heiliges römisches reich deutscher nationen“ – schon „deutscher nation“ ist für das 12. jahrhundert unsinnig, und im plural wird der spätere titel noch unpassender, fast schon ideologisch. weiter bezeichnete sie den berner schultheiss als eine art bürgermeister – ein amt für das die berner patrizier von damals nur hohn und spott übrig gehabt hätten. schliesslich stilisierte sie die berner zünfte zu mächtigen organen berns, ohne zu erwähnen, dass sie, ganz anders als etwa in zürich, in bern seit 1373 verboten waren und nur noch als gesellschaften ohne politische aufgaben funktionierten.

„schade, schade!“, sage ich da, dass so wenig erzählt wurde, was hätte interessieren können. beispielsweise hat die doktorarbeit von stefan altorfer, vor zwei jahren erschienen, mehrfach lobend besprochen und in jeder besseren buchhandlung der stadt erhältlich, viel neues und erhellendes gerade zum stadtstaat bern vorgestellt. genau das wäre es wert, in eine themenführung durch das alte bern umgesetzt zu werden. denn mit dem berner stadtstaat entstand, ausgehend vom salzhandel eine art staatsunternehmertum, das auf milizarmee setze, um ausgaben zu vermeiden und es lange schicklich erscheinen liess, auf überbordende repräsentation zu verzichten, um steuernarm privates kapital anzuhäufen, das bis heute eher träge ist.

man mag mir vorwerfen, zu hart zu sein! ich bin aber überzeugt, dass angesichts der medialen ankündigung, über die ursprünge des stadtstaates zu berichten, folgendes keinesfalls sein darf: auf die höchst berechtigte publikumsfrage, wie es mit den angriffen auf bern zum beispiel seitens freiburg in der geschichte stand, meinte unser reiseleiterin kurzerhand, das wisse sie nicht. dabei steht ausgerechnet das gefecht vom dornbühl im jahre 1298, wo die berner über die freiburger obsiegten, für den anfang der territorialentwicklung aus der engen mittelalterlichen stadt auf das weite land hinaus – und die antwort hätte anlass gegeben, die geschichte, um die es eigentlich gegangen wäre, auszurollen.

die anekdoten während der stadtführung, etwa zum ehgraben als jauchgrube hinter dem mittelalterlichen haus, zur sozialen stockwerkgliederung im traditionellen gewerbebetrieb oder zum münsterscheisser, der aus rache der steinmetzer für entgangenen lohn die passanten mit seinem hintern beehrt, gefielen durchaus. über den stadtstaat, seine ursprünge, seine entwicklungen und seine (problematische) umgestaltung in den kanton bern erfuhr man an diesem abend indessen wenig.

statt „bern mächtig“ vorzustellen, musste bern an diesem abend ohnmächtig zusehen, wie es einmal mehr missverstanden wird. wie gesagt, ein wenig enttäuschend war das meiste schon. und nicht repräsentativ für viele der anderen themenwanderungen von stattland.

stadtwanderer


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