wer nach murten geht, vergisst die lauben und die mauern rund um die mittelalterliche stadt nicht. beides erinnert an den aufstieg der stadt unter den herzögen von savoyen, bis es 1475/76 in murten zu weltpolitischen entscheidungen kam.

bildmurten-148.jpgalles beginnt mit der feuersbrunst

murten wurde in der zweiten hälfte des 12. jahrhunderts von den herzögen von zähringen gegründet und gefördert. nach deren aussterben war man vorübergehend reichsstadt, bis 1255 die grafen von savoyen hand auf die stadt legten, und diese bis 1475 dor behielten.

der eigentliche aufstieg der savoyischen provinzstadt beginnt 1414. die bauern im ganzen dreiseengebiet begehren auf. sie wollen die herrschaften in den burgen und städten stürzen. und sie zünden an, was brennt. so auch murten. die holzstadt von damals wird opfer der flammen.

könig sigismund, auf dem zug von avignon nach konstanz, mit dem ziel, die unübersichtlichen verhältnisse im papsttum neu zu ordnen, teilt die ehemals hochburgundischen gebiete, über die sein vater, kaiser karl iv. noch könig gewesen war, auf: die grafen von savoyen werden herzöge mit zentrum in chambery; die stadt bern wird reichsstadt und darf damit über untertanen aus das blutgericht sprechen. schliesslich akzeptiert sigismund, dass die herzöge von burgund in dijon die herren über freigrafschaft am jura bleiben, obwohl die lehensherren des französischen königs damit imperiales territorium beanspruchen.

bild-212.jpgunter den savoyischen herzögen

herzog amadeus viii. besucht das niedergefackelte murten 1416. als wiederaufbaumassnahme befreit er die stadt für 15 jahre von allen abgaben an seinen hof. zudem dürfen die murtemer nun auf dem lokalen wein eine eigene steuer erheben. 1430 ist es soweit: murten hat sich finanziell erholt, und ist dabei, die stadt neu zu bauen.

wer nun auf strohdächer verzichtet, kann subventionierte ziegel beziehen. und wer vor dem haus keinen vorgarten mehr hat, dafür den raum mit lauben überdeckt, erhält von der stadt verbilligten kalk. damit ändert sich das bild rasant: das holz gehört der vergangenheit an, arkaden mit verputzem gemäuer und häuser mit richtigen dächer beginnen die stadt zu prägen.

bild-215.jpgunter europäischer aufsicht

seit 1353 war murten nicht nur savoyisch, sondern auch zugewandete stadt der 8örtigen eidgenossenschaft. diese eidgenossenschaft war seit 1439 im ersten bürgerkrieg untereinander. zürich wollte sich ab und wieder habsburg zuwenden. das tolerierten die übrigen verbündeten nicht, und sie besiegten die stadt zürich. dabei stieg bern zum eigentliche vorort in der eidgenossenschaft auf.

am ende des zürichkrieges veränderte bern auch die verhältnisse im habsburgischen freiburg: der schultheiss wilhelm von avenches wurde gestürzt, und murten nutzte die gelegenheit, offene rechnungen mit dem alten rivalen zu begleichen. zwischen den beiden städte entstand 1448 eine eigentliche fehde mit verwüstungen rund herum, bis die grossen der umgebungen in die unruhen eingriffen:

der könig von frankreich, 1444 sieger über die eidgenossen an der schlacht von st. jakob an der birs, die herzog von burgund, die stadt basel und die eidgenössischen orte erzwangen friedensverhandlungen, die am 16. juli im murtener wirtshaus adler besiegelt wurde. zuerst savoyen, dann aber auch bern und freiburg ratifizierten das schriftstück, ohne dass damit der status von murten zwischen savoyen und eidgenossenschaft genau geregelt worden wäre.

zusehends polarisierte sich die situation: bern, führend über das savoyisch geworden freiburg, beanspruchte nun auch murten zu bestimmen.

bild-239.jpgunter dem einfluss der herzöge von burgund

1469 lag es an amadeus ix., bei seinem besuch in murten, die stadt aufzufordern, mit dem wiederaufbau der stadtmauern aus dem 13. jahrhundert, die bei der feuersbrunst ebenfalls gelitten hatten, zu beginnen. finanziell wollte er sich auch an diesem werk beteiligen. den mauerbau selber erlebte er nicht mehr direkt, litt er doch chronisch an epileptischen anfällen. deshalb über trug er seiner frau yolante die geschäfts des herzogtums. diese wiederum berief 1471 jakob von savoyen, einen verwandten des herzogs, zum grafen von romont und herrscher über die savoyischen gebiete in der waadt. murten huldigte jakob, als die mauern fertig gebaut waren.

doch nicht nur die murtemer bürger interessierten sich nun für den neuen machthaber aus romont. auch der herzog von burgund, karl, wandte sich 1473 an ihn. um seinen plan, könig von burgund, ja kaiser des römischen reiches zu werden, realisieren zu können, suchte er einen sicheren weg vom ärmelkanal nach rom. und der führte idealerweise bei pontarlier über den jougnepass und bei martigny über über den grossen st. bernhard. romont lag da strategisch günstig dazwischen. und so befördert herzog karl den savoyer jakob, graf von romont und herr über das aufstrebende murten, zu seinem grossmarschall und damit zu seinem stellvertreter am burgundischen hof.

bis die städte bern und freiburg dagegen intervenierten … mehr dazu später!

stadtwanderer

fotos: stadtwanderer

bild 1: pitoreskes murten heute

bild 2: laubenimpressionen heute

bild 3: hotel adler heute

bild 4: mauerbau heute


Comments

4 Comments so far

  1. bärbi on Juni 18, 2008 20:49

    feuersbrunst – damit wären wir doch wieder bei der farbe orange …. 😉 die bilder sind sehr einladend, möchte gleich einen sommerlichen spaziergang durch die gassen machen und ein wenig seeluft schnuppern.

  2. stadtwanderer on Juni 18, 2008 20:59

    komm doch! ich bin in gedanken noch da …

  3. Titus on Juni 18, 2008 23:04

    @ Stadtwanderer
    Murten wird heute fälschlicherweise ja oft dem Kanton Bern zugeordnet. Ich vermute, dass wohl auch die Lauben diese Assoziation zu Bern resp. der Stadt Bern auslösen. Das bringt mich zu zwei Fragen:
    1) Weshalb hat Bern soviele Lauben?
    2) Wann gelangte Murten zum Kt. Freiburg? (oder ist das Teil 3 der Geschichte über Murten ;-))?

  4. stadtwanderer on Juni 18, 2008 23:16

    teil 3 der murtener geschichte ist schon geschrieben, da musst du aber noch einmal schlafen …
    also murten war von 1476 bis 1481 eidgenössisches untertanengebiet. dann bezahlten bern und freiburg die andern aus, sodass die stadt bis 1798 nur noch bernische und freiburgische vogtei war. in der herrschaft wechselte man sich alle 5 jahre ab; die volkssprache war französisch, die herrschaftssprache deutsch. 1530 führte pfarrer farel in murten die reformation ein; von nun an kam es zu einer weitreichenden arbeitsteilung zwischen bern und freiburg. letztere war für die militärischen fragen zuständig, ersteres für die kirchlichen und schulischen.
    1798 hat napoleon bekanntlich alles der helvetischen republik untergeordnet, doch war das nicht von bestand. die berner, militärisch besiegt, begannen sich aus murten abzuziehen. der prominenteste flüchtling, ist pfarrer bitzius, der seine familie mit ins emmental nimmt, wo jeremias gotthelf, sein sohn pfarrer und volksschriftsteller werden wird.
    1803 wurden die kantone von napoléon wieder eingeführt, wenn auch nun alle gleichberechtigt und ohne untertanengebiete.
    das match um murten verlor bern gegen freiburg, weil sich letztere stadt 1798 beim einmarsch der franzosen ergeben hatte und mit ihnen paktierte, derweil bern den kampf aufnahm, unterlag und dann von paris aus bekanntlich gevierteilt wurde (verlust der waadt, des oberlandes und des aargaus).1803 war louis d’affry, der gemässig freiburgische schultheiss, in guten kontakten mit napoléon und verhandelte mit ihm die übergabe murtens an freiburg. die familie d’affry, war übrigens 1476 auf der seite der burgunder, als murten belagert wurde …
    darüber habe ich mich übrigens teilweise schon früher ausgelassen. schau mal hier nach.
    die berner lauben entstehen in der gleichen zeit wie die murtener lauben, und sie haben einen ähnichen ursprung. bern brannte 1405 zu einem drittel nieder. auch das ist der startschuss, die alte holzstadt umzubauen und jetzt kalkfassaden einzuführen. damit ermöglichte man den laubenbau nur unwesentlich früher als in murten. der eigentliche startschuss dürfte zwischen 1410 und 1420 gewesen sein, als man fertig mit dem neuen rathaus, erstmals aus stein gebaut, fertig war. bern dürfte diese im alpenraum verbreitete architekturform übernommen haben, um sie auf die gleiche stufe zu stellen wie die savoyer. am meisten arkaden gibt es ja in turin, der stadt der savoyer ab 1416.
    selbstverständlich habe ich auch das schon mal ausgeführt. wenn du noch magst, schlag mal hier nach.
    gute nacht, und morgen teil 3 der murtener geschichte nicht verpassen!

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