Soeben ist der Wiener Kongress zu Ende gegangen. Dabei wurde Europa für die Zeit nach Napoleon neu geordnet. Die Schweizerische Eidgenossenschaft bekam neu Genf, Wallis und Neuenburg sowie das Fürstbistum Basel, dem Jura. Im Westen grenzen wir nun an Frankreich, im Süden an Piemont, im Norden und Osten an den Deutschen Bund. Alle waren Monarchien, wir blieben eine Republik, vorzugsweise Freistaat genannt, um nicht mehr der revolutionären Republik im Banne Frankreichs verwechselt zu werden.

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Haus der Philosophen. Hier wohnte unter anderen Georg Hegel, Hauslehrer der Familie von Steiger, um an seiner philosophischen Doktorarbeit zu schreiben.

Die europäische Epoche von 1815 bis 1848 heisst „Restauration“ – Wiederherstellung. Das grosse Thema war die legitime Herrschaft.
Der Begriff stammte vom Berner Staatsdenker Karl Ludwig von Haller. Er galt als Reaktionär, einer, der auf die Aktionäre, die Veränderer, reagierte.
1817 veröffentlichte er ein Buch unter dem vielsagenden Titel „Restauration der Staatswissenschaft oder Theorie der des natürlich-geselligen Zustands dem künstlich-bürgerlichen entgegengesetzt“. Das war auch sein Programm: eine gründliche Abrechnung mit der bürgerlichen Gesellschaft, welche die französischen Revolution befürwortet und den traditionellen Staat zerstört hatte.
Bei von Haller blieb nur noch der souveräne Herrscher bestehen, den die göttliche Ordnung ausersehen hatte. Naturrecht, Volkssouveränität, Verfassungsdenken und Menschenrechte schickte er dagegen ins Pfefferland. Sein Staat war keine moderne Republik, dafür ein Patrimonialstaat, basierend auf Tradition, geführt von Aristokraten, die sich militärisch bewährt hatten und so zum Staatsdienst in der Verwaltung gefähigt waren. Parlamente und unabhängige Gerichte brauchte es in seinem Weltbild nicht.

Auch in Bern herrschten die Patrizier wieder, allerdings umgeben von neuen Institutionen. Stadt und Kanton waren mit der Mediationsakte getrennt worden. Der Kanton verlor die Waadt und den Aargau. Dafür bekam man das Fürstbistum Basel. Darauf hätte man gerne verzichtet, denn die Menschen waren katholisch, gewohnt, von einem absolutistischen Bischof durchs Leben geführt zu werden. Der Wiener Kongress hatte das mit Absicht gemacht, denn er wollte eine Herrschaft jenseits von Konfessionen etablieren. Soviel Aufklärung war trotz Restauration geblieben.

Grosser Gegenspieler von Hallers unter den Staatswissenschaftern von damals war der deutsche Philosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel. Auch er hatte in Bern gelebt, sogar im früheren Hause des Grossvaters von Hallers. Nicht mehr das Streben nach Gott solle die Politik leiten, denn der Fortschritt entstehe aus dem Kampf zwischen These, Antithese hin zu einer Synthese, war seine bahnbrechende Erkenntnis. Die Aufklärung war für ihn eine These, die Revolution eine Antithese. Im Liberalismus sah er eine Synthese, denn der verband das idealistische Menschenbild der Aufklärer mit der Zerstörung überkommender Strukturen, wie es die Revolutionäre gemach hatten Das war fundamental gegen von Hallers göttlicher Legitimationslehre gewendet.
In Berlin wurde Hegel Professor für Philosophie an der neuen Humbolt-Universität. Er glaubte, der preussische Staat sei die Vervollkommnung des Weltgeistes resp. des Fortschrittes, quasi das Ende der Geschichte. Die Idee übernahm sein gedanklicher Nachfolger Karl Marx, für den der Kommunismus das Ende der Geschichte darstellte. Und in der Gegenwart hat Hegel im Politologen Francis Fukuyama einen Nachahmer gefunden, der nach dem Fall der Sowjetunion erneut das Ende der Geschichte ausrief, nun, mit der liberalen Demokratie als unübertrefflicher Regierungsweise.

Hegel sagte von sich, seine wesentliche Gedankengänge hätte er bereits 1796 in den Berner Alpen entwickelt. Zu Lebzeiten faszinierte er in Berlin Studenten aus halb Europa, auch in der Schweiz. Dies sollten für unsere frühe Demokratie-Entwicklung entscheidend werden.

Stadtwanderer


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