wiborada

Mai 2, 2006 | 1 Comment

klar, sie ist meine lieblingsheilige. denn sie ist die schutzpatronin der bücherfreunde. und bibliophil bin ich ganz sicher.

hier ihre kennzeichen:

. todestag: gestorben am 2. mai 926, also heute vor 1080 jahren.
. todesursache: erschlagen, mit einer streitaxt.
. täter: madyarische reitertruppen.
. tatort: kluse bei der magnus-kirche in st. gallen.
. name: wiborada, die ratgeberin.

wann wiborada geboren wurde, weiss man, wie bei den meisten menschen dieser zeit, nicht. man weiss aber, dass sie dem adel angehörte, der sich im jungen schwäbischen herzogtum, 911 gegründet, um die vorherrschaft stritt. voraussichtlich 912 wurde die einflussreiche frau neutralisiert. sie wurde in eine klause beim kloster st. gallen gesteckt. doch ihr rat blieb teuer und gold wert. als die madyarischen reitertruppen schwaben (und burgund) bedrohten, riet sie dem st. kloster, die wertvollsten kulturgüter ins benachbarte kloster reichenau zu zügeln, da sie dort – auf der insel – geschützer seien. das hat man dann auch gemacht, und wiborada sollte recht bekommen: 926 überfielen die madyaren das kloster st. gallen, und plünderten es. zwei wertvolle bücher wurden gerettet, das älteste in deutscher sprache, 720 entstanden, und das bis heute älteste liederbuch der welt, eben grad um 920 verfertigt. selber kam wiborada beim überfall um. die mönche hatte sich in eine fluchtburg zurückgezogen, und wiborada markierte in ihrer klause das zentrum des widerstandes. deshalb wurde sie auch umgebracht, während das kloster einigermassen überlebte.

die katholische kirche dankte es ihr, 1047 wurde sie als erste frau der kirchengeschichte überhaupt (von papst clemenz II.) heilig gesprochen, und st. gallen wurde 1983 in uno-verzeichnis des weltkulturerbes aufgenommen, nichtzuletzt wegen der wertvollen bibliothek, die wiborada rettete.

hier noch eine kostprobe der ältesten deutschen sprache, die wiborada für die nachwelt gerettet hat. es ist das st. galler vater unser:

fater unseer, thû pist in himilie,
uuîhi namun dînan
qhueme rîhhi dn
uuere uuillo diin, son in himile sôsa in erdu.

prooth unseer emezzihic kip uns hiutu,
oblâz uns sculdi unseero, sô uuir oblâzêm uns sculdikêm,
enti ni unsih firleiti in khorungka,
ûzzer lôsi unsih fona ubile.

alles klar? ein wort ist dabei wohl eine erfindung. für die versuchung (temptatio) gab es im germanischen keine direkte übersetzung. so ist khorungka eine wortschöpfung des übersetzers, angelehnt an kostunga (geniessen) resp. korunga (wählen).

leider ist ihr andenken fast ganz verloren gegangen. in st. gallen gedenkt man ihr noch, am 11. mai, sonst ist der brauch fast ganz verschwunden. nicht so bei mir: wer weiss, was bücher wert sind, und dafür sein leben einsetzt, ist nicht nur eine weise seherin, sondern auch beste schützerin der menschlichen kultur. selber könnte ich kein buch nicht zerstören. selbst weggeben kann ich die dinger kaum. deshalb habe ich auch ein paar, und werde sie auch vermehren, mit einer kleinen erinnerung an wiborada. schön wäre es, wes würde an jeder bibliothek, im eingangsbereich, an wiboradas vermächtnis erinnert.

übrigens: was das für eine zeit war, als sie lebte, als sie eingekerkert wurde, als sie umkam, das erzähle ich später. die beziehung zu burgund ist nicht so schwer herzustellen, jetzt aber will ich bücher kaufen! meine drei lieblingsantiquariate in bern sind:

. menhire (mein grosser favorit für kulturgeschichte und vergessenes wissen)
. hegnauer & schwarzenbach (toll, habe da die ganz alten sachen von diebold schilling erstehen können)
. thierstein daniel (grad eine wundervolle chronik von murten erstanden, werde daraus berichten!!!)

alles an einer strasse, gäbig esch es halt in bärn!

schwaben-wanderer

ps: mein nachträglicher beitrag zum welttag des buches, der soeben war!


Comments

1 Comment so far

  1. st. galler frauen : stadtwanderer on April 13, 2011 02:21

    […] im althochdeutschen wort. das kann eine person sein, aber auch eine eingebung. gemeint ist die legendäre figur, die beim einfall der ungarische reiter das kloster auf unkonventionelle art das kloster st. gallen […]

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