ich gebe zu: meine erinnerungen an meine eigene militärzeit sind schlecht. speziell die langen märsche bei der infanterie sind mir nicht gut bekommen, – nicht zuletzt, weil ich, bei all den kilometern, viel zeit hatte, über ihren (un)sinn nachzudenken.

umso grösser ist das staunen des stadtwanderers heute, wenn er hört, wie wackere kerle dieser tage nach rom marschiert sind: 723 kilometer, in 27 tagen! und das obwohl sie nicht weniger als 1,76 m gross sein dürfen, dafür ledig und katholisch sein müssen, und ein echtes schweizer militärmesser ihr eigen zu nennen haben!

denn sonst kann man gar nicht schweizer gardist beim papst werden. und ohne dass konnte man auch nicht mitmarschieren, zur gedenkfeier der sacco di roma, dem 6. mai 1527, um stolz sagen zu können: wie damals, bei der gründung der schweizer garde vor 500 jahren, mit persönlichem einsatz dabei gewesen zu sein!

selber war ich wohl nur 500 m stadtwandern. entschieden zu viel regen heute! mehr als zwei mal um die ecke, lag bei mir einfach nicht drin. beim bier, habe ich dafür umso mehr zeit gehabt, über die berichterstattung zur halben jahrtausend-feier zu sinnieren.

artig, wird da berichtet, wie papst benedikt XVI. dankt, mut und treue verlangt, und moritz leuenberger empfängt, der sichtlich erleichtert ist, dass es nebst den schweizergardisten auch ein paar macher und kluge köpfe im ausland gibt, die weniger durch hellebarden auffallen. alle scheinen sie alle ein wenig gerührt zu sein, selber einen direkten oder institutionellen draht zur kleinsten armee der welt zu haben.

phänomenal, diese aufmerksamkeit für alte traditionen, überholte uniformen und eine armee in taschenformat. warum aber nutzt niemand dieses ereignis, um darüber eine diskussion zu führen? fast alles, was man liesst, stammt von ehemaligen schweizer gardisten selber. und seit julius caesar seinen „de bello gallico“ geschrieben hat, weiss man, dass das in erster linie rechtfertigungsschriften für die heimatfront sind. selbst wenn diese schriften nicht falsch sind, sind sie befangen. darum meine nachfragen:

vom papst würde ich, erstens, nicht nur anerkennende worte an die schweizer gardisten erwarten, – sondern auch eine auseinandersetzung mit der frage, was für ein mut die päpste im frühen 16. jahrhundert antrieb, in oberitalien wie ein europäischer kriegsherr aufzutreten? wie es mit der treue von papst clemens VII. stand, als er, nach der plünderung roms, das lager wechselte, die schweizer garde auflöste und die deutschen landsknechte zu seinem schutz nahm?

vom bundespräsidenten hätte ich, zweitens, mehr wissen wollen, wie er das schweizer engagement im ausland im 16. jahrhundert würdigt, wo man doch weiss, dass in erster linie geld die söldner regierte, sie ihrerseits schnell vom papst zum franzosenkönig wechselten, als die opportunität der schlachtfelder das gebot, und genau so den nährboden schafften für den reformator huldrich zwingli, – einem soldgegner der ersten stunde!

vom gardekommandanten elmar mäder hätte ich, drittens, gerne gehört, wie man sich erklärt, dass die armee 1527 gegen den deutschen kaiser verlor, den man zuvor mehrfach besiegt hatte, dass die garde nach der französichen revolution nichts nütze, als napoléon in italien das kirchenwesen aufräumte, und dass der papst 1870 sogar seinen kirchenstaat verlor, obwohl er so gut geschützt wurde.

doch damit nicht genug: von den zahlreichen militärhistorikern würde ich – viertens – gerne eine saubere analyse lesen, ob die schweizer nach marignano wirklich weise wurden und deshalb zur neutralitätspolitik übergegangen sind, oder ob die schweiz nicht doch erst 1815 vom wiener kongress neutralisiert worden ist.

von den wirtschaftshistorikerInnen hätte ich, fünftens, gerne gerechnet erhalten, was der solddienst der schweiz einbrachte, und was die lange wiederkehrende abwesenheit vieler junger männer für die entwicklung der schweizer wirtschaftsentwicklung bedeutete.

sechstens, von den sozialhistorikerinnen möchte ich nur zu gerne erfahren, was das alle für die entwicklung des bildungswesens für konsequenzen gehabt hat, machte es doch keinen sinn, in jungs zu investieren, die sich im ausland für fremde mächte opfern.

und siebstens, von den kulturhistorikerInnen würde ich liebend gerne lesen, ob es eine konstanz des sölderntums von den kelten bis zu den desperados gibt, die mit der wehrmacht nach russland gingen? oder wie man das verstehen soll, dass schweizer gardisten, in die junge schweiz zurückgekehrt, nzz-chefredaktor werden oder als weibel unserer bundesräte dienen?

ja, ein wenig fassungslos sitze ich vor meinem bier, und dem „bund“, mit dem bild, ausgerechnet mit moritz leuenberger und benedikt XVI. und bin enttäuscht, dass mir kein zeitungssemiotiker und keine ethnopsychoanalytikerin genau dieses bild hinsichtlich verdrängter, vergessener und unerkannter symboliken interpretiert.

stadtwanderer


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