die spannung war mässig. doch die vorfreude war gross. der bundesplatz war orange, und selbst das tschutti-ergebnis von gestern interessierte hier und heute niemand, als doris leuthart zur neuen bundesrätin gewählt wurde. nur 133 stimmen, aber im ersten wahlgang! der stadtwanderer hat den bundesplatz von links nach rechts und von oben nach unten abgeschritten. und den wahren sieger gesucht: reto nause, der verpackungskünstler, ist der heimlich star des events, quasi der mann, der hinter Der frau steht!


foto: stadtwanderer

schon am morgen früh gab es nur eine frabe: orange-orange-orange! obwohl der gleichnamige telefonanbieter nicht da war und obwohl die oranier die niederländische nationalmannschaft nicht unterstützen mussten. dennoch: wohin das auge reichtE, sah es orange hemden, orange röcke, orange haarbändel und orange tishis. die migros, mit baldachinen vor ort, hatte glück, die farbe des tages schon lange für sich gepachtet zu haben. doch selbst die stadt bern war heute im trend. ihre schlepper der infrastrukturabteilung sind aus sicherheitsgründen ebenfalls orange. wahrlich: es war der tag der cvp-farbe!


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eine orangene revolution wie in der ukraine fand heute auf dem berner bundesplatz nicht statt. dafür fehlte in diesen wochen die politische kontroverse. es mangelte an medialer auseinandersetzung ebenso wie an einer gegenkandidatin zur topfavoritin. deshalb mochte heute, anders als bei der bundesratswahl 2003, niemand von richtungswahl sprechen.


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vielmehr dominierte das harmoniebedürfnis der cvp. es war ihr wunsch, eine würdige bundesratswahl zu erhalten. dem 14. juni einen neuen sinn zu geben. den frauenstreiktag nicht vergessen zu machen, ihn aber in den hintergrund zu rücken, denn das symbol gehört den linken. vergessen gehen sollte heute auch die nicht-wahl von christiane brunner in den bundesrat, die eine der frauenstreikführerinnen war, und die eine diffamierungskampagne über sich ergehen lassen musste, als sie in den bundesrat wollte. der makel dieser nichtwahl hängt unvermindert der rechten an. und zu beiden polen will die cvp gute beziehungen, aber auch klare distanz. denn sie will die mitte, möglichst für sich allein. und dafür mobilisiert die partei neuerdings mit erfolg. viele freiwillige sind heute auf dem platz, um doris eine herzliche feier zu bereiten.


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weniger herzlich war der umgang der medien mit doris leuthard. einerkandidaturen mögen sie definitiv nicht. zu wenig spannung, zu viel selbstdarstellung. also muss man kritisieren. alles konnte man lesen und hören: weder weiss, noch schwarz, sei sie. den nationalratsaal verwechsle sie mit dem laufsteg der modeschauen, musste sie lesen, und beim abstimmen passe sie in heiklen momenten, stand da geschrieben. zu oft rechts sei sie, monierten die linken blätter, während die rechten sie zur linken machten. da unterschied sich nur der blick von der negativberichterstattung, der sie flugs zur königin doris I. kürte, und damit gleich selber gegenstimmen provozierte. schliesslich sind wir eine demokratie, die anderen werten verpflichtet ist als die monarchie.


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das alles flimmerte heute morgen nochmals über die grossleinwand auf dem bundesplatz. doch es interessierte kaum jemanden. politische demonstrationen gegen „unsere doris“ war für die leute sur place fehl am platz. viele von ihnen waren aus merenschwand. jüngere frauen und ältere männer. sie kennen doris. auch ihren charakter. dafür brauchen sie die weltwoche nicht. ihre kinder sind mit doris in die schule gegangen, ihre schwestern haben mit doris im turnverein geturnt. und seither gehört sie ihnen, und so sind sie auch alle per du mit ihr geblieben. und mit der populärität ist doris leuthard auch ihr liebling geworden. im freiamt jedenfalls ist doris die königin der herzen.


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die cvp nutzte die gunst der stunde, um ihren neuen wahlkampfstil zu propagieren. nichts mehr mit plakaten. nichts mehr mit inseraten. nichts mehr parteiprogrammen. das alles ist passé! zu statisch, zu konventionell, zu abgenutzt. unter ihrem generalsekretär, der zum schweizerischen vermarktungskünstler nummer 1 avancieren will, soll die cvp dynamisch auftreten, unbekannte sachen machen und unkonventionell auftreten. nur das verschafft einer partei die nötig aufmerksamkeit.


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besser hätte reto nause die kulisse nicht wählen können. jeanne-claude und christo grüssen die berner uns schon mal von plakaten. das bundeshaus ist seit wochen fast ganz eingepakt, nur die helvetia lugt noch raus. und jetzt muss doris noch richtig verpakt werden, um geradeaus in den bundesrat zu gelangen. deshalb setzt die cvp neu auf ereignisse, die spass machen. stimmung braucht die partei, die schweiz verdient es, auf sich, seine vergangenheit und seine zukunft stolz zu sein, – und genau das soll die cvp verkörpern.


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die cvp profilierte sich heute auch im windschatten des aargaus. es kam einem vor, als würde sie den kanton alleine repräsentieren. die fdp, die kantonsgründerin, musste es innerlich geschüttelt haben, um das nach aussen zu zeigen, ist sie aber zu schwach geworden. auch die sp machte nur gute miene zum schlechten spiel. die chancen ihres favoriten für die nachfolge von moritz leuenberger, der aargauer nationalrat urs hofmann, sind heute etwas geringer geworden.


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bei so viel neuem selbstvertrauen in der cvp konnte der heimatkanton der kandidatin nicht passen. aufgeräumt werden soll mit dem image, alle aargauer würde weisse socken tragen. der kanton präsentierte sich im neuen kleid. und auf der grossleinwand. als kulturkanton. als kanton mit wohnqualität. als kanton mit historischer substanz, und als kanton mit starker wirtschaft. wäre das eine politische aussage, wäre sie heute gar nicht erlaubt gewesen. denn politische demonstrationen auf dem bundesplatz sind während der session nicht erlaubt. doch eben: es ist nauses event, nicht nauses bekenntnis.


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und alle wollten dabei sein, wenn doris wahlannahme erklärt. die srg ssr idee suisse ist vor ort, sogar telezüri kam nach bern. sie sorgen für die grosse aura landesweit. die viele fotografen rundherum sind für die kleine aura da, für das nach-safari-erlebnis zu hause. bis es soweit ist, fallen aber vor allem die zaungäste auf, die trittbrettfahren auf nauses palttform.


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subversiv ist die aktion des politischen gegners. die junge alternative, dem grünen bündnis nahestehend, ist flux in organene tishis geschlüpft. bisweilen aber mit dem eigenem aufdruck: „ja“, – junge alternative! und sie sagen nein, zum neuen asyl- und ausländerrecht. es stört sie, dass doris leuthard, die cvp-präsidentin, die mittepolitikerin im fahrwasser der blocher-reformen mitschwimmt. dagegen wollen sie ihre stimme erheben. weil man diese aber auf dem platz nicht hort, erheben ihre plakate. nein, nein, nein, liesst man überall. die verwirrung ist perfekt.


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derweil würdigt der nationalratspräsident den scheidenden bundesrat joseph deiss. ausgesprochen ausführlich: deiss, der lokalpolitiker aus barbereche. deiss, der wirtschaftsprofessor aus fribourg. deiss, der preisüberwacher aus der verwaltung. deiss, der am knappesten gewählte bundesrat. schliesslich: deiss, der aussenminister, der die schweiz in die uno führte, und deiss, der volkswirtschaftsminister, der den wiederaufschwung in die schweiz gebrachte. die rede ist zurückhaltend, präsidial. dafür ist deiss direkt, anders denn als bundesrat. er erinnert sich nur kurz, er dankt, vor allem babette, seiner frau, um dann deutlich zu werden: die schweiz ist blockiert, dagegen müsse sie ankämpfen, und sie müsse der eu beitreten! „endlich“, denken einige, murren aber andere: „endlich sagt er, was wir immer von ihm hören wollen resp. wussten.“


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danach ist die reihe an den einzelsprecherInnen. die linke demonstriert gegen die rechte leuthard, die mehr schuhe habe, als alle arbeiter in reconvilier zusammen. und fundamentalen christen sind gegen säkularisierten christen, und selbst therese frösch taucht aus dem bundeshausweiher auf, damit man die grüne empörung genügend hören kann. die fraktionsssprecher rücken die bühne wieder ins zentrum. sie alle sind für doris leuthard. sie soll die cvp in der landesregierung repräsentieren. sie sei die klare favoritin, deshalb habe man der einer kandidatur diesmal zugestimmt. die svp legte die latte rasch noch höher: bei so viel konsens rund um die kronfavoritin müsse sie heute wohl 170 stimmen machen. da muss iwan rickenbacher schon mal korrigieren. der bestgewählte im jetzigen bundesrat habe 146 stimmen gemacht.


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endlich ist es soweit. die stimmenzähler kehren in den nationalratssaal zurück, und die fotografen auf dem platz gehen vor der abordnung aus merenschwand in stellung. es spricht claude janiak, der die bundesversammlung souverän leitet. „gewählt ist, mit 133 stimmen, frau nationalrätin doris leuthard. ich gratuliere frau leuthard zur wahl in den bundesrat.“ doris leuthard lächelt, etwas verhalten.


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auf dem platz ist der jubel gross. das publikum ist entspannt. obwohl es nicht richtig gespannt war. es ist erfreut, obwohl es schon lange freudig war. das resultat ist zwar mässig. doch die stimmung ist gut. reto nauses konzept ist haarscharf aufgegangen. doris leuthard ist am 14. juni 2006 zur neuen bundesrätin gewählt worden. sie erklärt öffentlich annahme der wahl. die partei, die sie so nötig hatte und die sie jetzt verlässt, hat ihr event gehabt. soviel orange wird man in bern so schnell nicht mehr sehen. doch das macht nichts, denn: die stimmung ist gut, und das ist das ziel. selbst wenn die wahlresultate der cvp inskünftig mässig bleiben werden. das prinzip hoffnung ist heute tief verankert an der cvp-basis.


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„wer wird neuer cvp-parteipräsident?“, will der stadtwanderer vom neuen star des politmaketings in der schweiz wissen. „ich“, sagt reto nause. „zu recht“, denkt der stadtwanderer, „denn der verpackungskünstler ist der wahre sieger heute, vor dem bundeshaus.“ drinnen ist selbstverständlich seine doris die siegerin!

stadtwanderer


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