bass erstaunt waren die kramers, rolf und sabine. sie hatten mir soeben erklärt, dass sie von lurtigen seien; ich würde das sicher nicht kennen, denn es sei eine kleine gemeinde, abseits der welt.


die dorfstrasse von lurtigen, heute 178 einwohnerInnen fassend, vor einem halben jahrtausend durchgangsort für 24’000 eidgenössische soldaten
foto: burgund-wanderer (anclickbar)

da hatten die kramers die rechnung ohne den historiker in mir gemacht. klar, kenne ich lurtigen an der freiburgisch-bernischen grenze. es ist der wald, der das bauerndorf fast ganz umgibt, der mich an lurtigen denken lässt, und es ist die schlacht von murten, vor genau 530 Jahren, die mich dorthin zieht!

die vorgeschichte der schlacht

der burgunderkrieg begann offiziell am 14.Oktober 1475. bern und rreiburg, seit 1448 auf eidgenössischer seite miteinander verbündet, schickten dem grafen von romont den fehdebrief, was einer kriegserklärung gleich kam. die war nicht ohne, denn der graf von romont war der bruder des herzogs von savoyen, und dieser war verbündet mit dem mächtigsten herzog seiner zeit, mit karl dem kühnen. der war drauf und dran, sich die kaiserkrone zu sichern.

nur zwei tage nach dem fehdebrief die berner und freiburger von den toren von morat. sie begehrten, angeführt durch petermann von wabern und roll von wippingen, einlass.

die überraschung im savoyischen städtchen muss an diesem samstagabend gross gewesen sein. selbst die frauen beteiligten sich an der tumultösen versammlung, die über das schicksal zu entscheiden hatte. danach schied der bürgermeister rossel mysteriös aus dem leben, und der schultheiss de lavignies machte sich mit dem pferd aus dem staub.

murten ergab sich nun kampflos und kam so, am 1. november 1475, ins bernisch-freiburgische bündnissystem zurück, jetzt aber nicht mehr als zähringerstadt, sondern auf eidgenössischer seite.


die eigenossenschaft zur zeit der burgunderkriege (1474-1476/
quelle: die burgunderkriege. militärgschichte zum anfassen, bern 1999

nach der schlacht von grandson, bei der herzog karl im frühling 1476 zwar stadt und schloss erobern konnte, bei concise jedoch das feldgefecht gegen die verbündeten eidgenossen verlor, rechnete man in bern mit ein zweiten angriff der burgundischen Truppen.

adrian von bubenberg besetzt deshalb am 8. April 1476 murten, das als schwächster durchgangspunkte von lausanne nach bern galt und begann unverzüglich mit der verstärkung der stadtmauern.

nur einen monat später, am 9. mai 1476, präsentierte der burgundische herzog karl der savoyischen herzogin yolanda seine neuen truppen in lausanne. am 27. des monats war abmarsch, und am 8. Juni traf die vorhut in avenches ein; der herzog selber liess sich gleichentags in payerne nieder.

in wiflisburg, wie die berner avenches nannten, kam es zum ersten militärischen zusammentreffen, den besatzer adrian von bubenberg wagte einen ausfall seiner truppen gegen die burgundische Vorhut. nicht verhindern konnte er damit, dass diese kurz darauf vor murten stellung bezogen.

in der stadt hatten sich die berner truppen unter adrian von bubenberg und die freiburger delegation unter wilhelm d’affry verschanzt. verstärkt wurden sie durch kanoniere aus dem befreundeten strassburg.

doch vor morat stellten sich gleich drei truppenkörper auf: im nordosten die getreuen von graf jacques de romont, den löwenberg, den aderahügel und altavilla kontrollierend, im südwesten die hauptharst des burgundischen heeres samt den mitgebrachten diensten und auf hügel vor courgevaux liess sich der herzog mit seinen verbündeten aus dem italienischen und englischen adel nieder.


besetzung murtens durch die berner und freiburger truppen, die anschliessend von den burgundischen heeren belagert werden
quelle: die burgunderkriege. militärgschichte zum anfassen, bern 1999

die burgundischen truppen besetzten gleichzeitig mit morat auch Chiètres. doch dann mussten sie feststellen, dass die aareübergänge von Ins über gümmenen bis laupen fest in bernischen händen waren. also zogen sie sich wieder zurück, um murten zu stürmen.

der angriff auf die stadt wurde bald von graf jacques gegen das untere tor angeführt. dort war die stadtmauer zwischen turm und kirche am schwächsten. den Hauptstoss versetzen die belagerer der stadt am 18. Juni.

adrian von bubenberg nützte die ganze zeit die ganz besondere Lage murtens. auf dem land war er gegen die burgundische truppen machtlos. vom rathaus aus, über den see hinweg, gelang es ihm jedoch, vereinbarte feuerzeichen auszusenden, die dann von verbündeten gelesen und nach bern gebracht wurden. so war man in adrians vaterstadt informiert über die absichten der eingekesselten berner. diese rieten angesichts der übermacht mit dem angriff zu warten, bis die eidgenössischen truppen vor ort seien.

die besatzung muss hart gewesen sein. adrians berühmter spruch wurde hier geprägt. auf die damaligen verhältnisse übertragen, meinte er: wer aufgibt, wird von hinten erschlagen.


entgegen der burgundischen absicht, gelang es nicht, die schlacht auf dem plateau zu halten, sie verlagerte sich zum see, wo die burgundische reserve bei meyriez im see ertrank.
quelle: die burgunderkriege. militärgschichte zum anfassen, bern 1999

in der tat löste der sturm auf murten den bündnisfall ein. in einem gewaltmarsch kamen die ostschweizer unter dem zürcher banner von hans waldmann zum sammelplatz. die schlacht konnte beginnen.

wandern in lurtigen

ich bin heute morgen früh los. um 6 Uhr, zuerst nach bern, dann nach gümmenen. Ich bin bis dahin nicht marschiert, habe poschi und regionalbahn genommen. doch dann gings zu Fuss weiter, genauso wie am 22. Juni 1476, als die letzten eidgenössischen truppenteile in der nacht vor der schlacht bei Gümmenen übersetzten und nach ulmiz gingen, wo man sich versammelte.

von da aus verteilten sich die Krieger im staatswald oberhalb lurtigen, gut versteckt, und bei weitem nicht alle auf einem haufen, um nicht erkannt zu werden. 24’000 mann sollen sich übers wochenende im wald zwischen ulmiz, salvenach und lurtigen verkrochen haben, eine fast unvorstellbare zahl haben. es zeigten sich immer nur so viele vor salvenach, dass die burgunder glaubten, die schlacht beginne und in stellung gingen. doch dann kamen die eidgenossen nicht, und liessen den feind im dauerregen stehen. zermürbungskrieg!


einzig bäri begrüsst mich in lurtigen am morgen früh!
foto: burgund-wanderer (anclickbar)

heute ist nichts mehr zu spüren von krieg in lurtigen. es ist ausgesprochen friedlich. es hat auch nicht mehr so viele leute wie damals: 178 einwohnerInnen zählt das bauerndorf. als ich vorbeischaue, schlafen alle noch. einzig Bäri begrüsst mich vor dem dorfbrunnen.

auch bei den kramers ist noch alles zu und ruhig. schade, hatte mich auf einen kleinen Kaffee gefreut! dafür überholt mich gerade vor ihrem haus ein töffahrer, mit sturmgewehr am rücken. der will wohl ans Feldschiessen in murten. mit kommt er vor wie der letzte, verspätete eidgenosse, der aufs Schlachtfeld will!

die hauptgeschichte der schlacht

um mittag des 22. Juni 1476 hatte es endlich aufgehört zu regnen. am morgen noch hatte man auf burgundischer seite mit dem angriff gerechnet, dann jedoch mangels gegner die schlacht abgesagt.


hier verliessen die eidgenössischen truppen den galmwald richtung schlachtfeld
foto: burgund-wanderer (anclickbar)

als die letzten zürcher im wald ob lurtigen aufgerückt waren, griff hans von hallwyl, ein erbrobter deldherr aus bern, an. die eidgenossen stürmten mit geheul aus dem birchwald, übers salvenachfeld auf die feindlichen stellungen zu. 5000 betrug allein die vorhut. Ihr stellte sich, etwa dort, wo heute die strasse von salvenach nach Murten geht, ein Grünhag entgegeben. das dornengebüsch bot den burgundischen truppen, die sich auf der ganzen breite von salvenach bis burg oberburg aufgestellt hatten, etwas schutz.


vor dem wald, zwischen den heute freistehenden bäumen stand die burgundische vorhut
foto: burgund-wanderer

in der tat erlitten die eidgenossen hier ihre grössten verluste. doch gelang es der vorhut, den grünhag und die burgundischen eeihen zu durchbrechen, und die oberländer und entlebucher organisierten den aufmarsch des hauptharstes unter dem zürcher hans waldmann. Jetzt stürmten die 25’000 mann aufs feld. man war jetzt in der klaren überzahl, denn die burgunder hatten ihren hauptharst noch gar nicht mehr aufgestellt.


vermeintlicher schutz durch die natur: der 30 meter tiefe burggraben, der von den schwyzern flugs durchschritten wurde, was zum angriff von hinten führte
foto: burgund-wanderer (anclickbar)

schlimmer noch. die burgundische reiterei, bei salvenach bereit, wurde durch eine ungewöhnlich hohe zahl von kavalleristen auf eidgenössischer seite überrascht, welche die lothringer und österreicher stellten. Und beim burggraben, der als schwer überwindbar galt, setzten die schwyzer über, und griffen die dort postierte artillerie von hinten an.

das burgundische heer konnte die stellung auf dem feld ob der stadt nicht mehr halten, und wich nach hinten aus. flucht! den hang hinter! ins hauptlager! und auf die strasse nach avenches,


endlich: der blick auf murten, nachdem die front barrage gefallen war uns sich die schlacht richtung belagerer verschob
foto: burgund-wanderer (anclickbar)

hertenstein, der militärführer der innerschweizer, verliess das schlachtfeld. er folgte den fliehenden truppen nach wiflisburg, um ihnen den weg noch vor dem seeende abzuschneiden. so waren zahllose burgunder eingekesselt. ihnen blieb nur noch der sprung in den see, und in den sicheren tod! am abend war die Schlacht vorbei. jacques de romont hatte von altavilla aus gar nicht richtig eingreifen können, und musste über grosse moos mit seinen truppen fliehen.


karl der kühne hat vom holz aus gute aussichten über das geschehen, doch blieb ihm nach einem taktischen fehler nur die flucht richtung westen
foto: burgund-wanderer (anclikcbar)

man hat wenig verständnis gezeigt für das verhalten von herzog karl. non den eidgenössischen truppen im wald düpiert, von den eigenen truppen im stich gelassen, stand er auf dem bloi dominigue. die übersicht war gut, hinunter auf die stadt, aber auch nach vorne auf das salvenachfeld. Doch was sich ihm da bot, war ein riesiges desaster. er soll noch versucht haben, die ritterrüstung anzuziehen, als die schlacht am frühen nachmittag schon in vollem gang war. doch auch das kam zu spät. auch ihm blieb nur die flucht nach lausanne.

12000 mann seiner truppe soll er in murten verloren haben, während die eidgenossen 500 tote beklagten. friedenschluss zwischen der eidgenossenschaft und savoyen war am 16. august 1476. mehrere burgundische städte gingen damals in eidgenössischen besitz über.

die gefahr für die eidgenossenschaft war am abend des 22. Juni 1476 abgewendet. die eidgenossen waren die prächtigen sieger gegen den kaiseranwärter. und wurden mächtig reich dabei. für die burgunder herzöge war es die wende ins nichts, für die eidgenossenschaft die wende zum aufstieg!

adrian von bubenberg, populär gesprochen der schlachtensieger, war nicht auf der seite der plünderer und mörder. er rief zur vermittlung auf. dass ihm zahllose seiner soldaten nach nancy, wo er karl der kühne auch umkam, folgten, teilte der berner stadtadelige nicht.

st. urban bei lurtigen – wo nur stand die kapelle?

der wald ob lurtigen hat es also in sich: er war der erfolgsfaktor bei der schlacht von murten. ein menschenmenge, grösser als eine mittelalterliche stadt kann man darin verstecken, die burgundischen spione kann man so geschickt täuschen, dass die voraussetzung für einen schlachtensieg mit europapolitischer bedeutung möglich wird! tja, wer kann da noch denken, lurtigen sei abseits …

zu gerne hätte ich an diesem morgen noch herausgefunden, wo die kapelle st. urban stand. damals, am sonntagmorgen des 22. Juni 1476 hielten die 24’000 eidgenossen ihren feldgottesdienst ab, und wurde zahlreiche von ihnen zu Rittern geschlagen.


werde zurückkehren und die geschichte zu ende erzählen …
foto: burgund-wanderer (anclickbar)

leider ist das auf keiner karte mehr verzeichnet. und in lurtigen schlief noch alles, als ich zur kapelle wollte. werde wiederkommen müssen. auch um meinen kaffee bei kramers zu bekommen …


Comments

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  1. Kramer Sabine und Rolf on Juli 6, 2006 16:53

    Lieber Herr Longchamps

    ‚wirklich zu schade, dass Rolf und Sabine noch im “frühmorgentlichen“ Schlaf waren – Sie haben einfach von all dem nichts mitbekommen !!!! …… doch hätten Sie’s gewusst, wäre es Ihnen eine grosse Freude gewesen Sie bei sich zum Morgenessen zu empfangen. Der Kaffeeduft wäre Ihnen – bereits nachdem der Bäri Ihnen über den Weg gelaufen ist – herrlich entgegengeströmt.’

    In diesem Sinn freuen wir uns daher bereits auf Ihren Anruf, damit wir all das Verpasste noch im Laufe des Sommers nachholen können.

    Bis bald – herzliche Grüsse Sabine und Rolf Kramer

  2. Engeler on August 26, 2007 15:57

    Bin heute zufällig mit dem Velo vorbei:
    http://www.cressier.ch/chapelle/informationen.htm

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