ob er gut geschlafen hatte, weiss ich nicht. als adrian von bubenberg vor genau 530 jahren erwachte, war er jedoch nicht mehr nur alt-schultheiss von bern und ritter von spiez. er war der gefeierte schlachtensieger von murten. er hatte den mächtigen herzog von burgund, karl den kühnen, besiegt. die eidgenossenschaft hatte 1476, erstmals gemeinsam, ihr bedrohtes territorium verteidigt, und riesige beute gemacht. mehrere hundert kanonen eroberten die eidgenossen in den burgunderkriegen, auch die luxuriösen tappiserien, die der herzog auf seinen feldzügen mitführte, kamen in ihren besitz, und nicht zuletzt wurden auch einige tausend waschfrauen, bisher als marketenderinnen in burgundischen diensten, damals „eidgenössisch“. das dürfte das nachtleben vom 22. auf den 23. juni 1476 kräftig beeinflusst haben.


adrian von bubenberg, vor genau 530 jahren schlachten sieger in murten. doch wer war die kriegsheld wider willen eigentlich?
foto: burgund-wanderer

ob soviel neuerwerbungen mussten sich die eidgenossenschaft neu organisieren, verpasste aber den aufstieg in oberste liga der europäischen mächte. dafür legte sie 1481 im stanser verkommnis fest, was heute noch vielorts unter dem namen föderalismus schule macht: selbständige orte, die zum schweizer bündnis stehen, sollen unabhängig von der grösse (damals oder der militärishen schlagkraft) gleichberechtigte behandelt werden.

adrian von bubenberg, dessen denkmal ich jeden tag sehe, wenn ich arbeiten gehe, war ein kriegsheld wider willen. denn eigentlich stand er auf der burgundischen seite, war mit karl dem kühnen sogar seit jugendzeiten befreundet gewesen. doch hatte er die macht in der stadt bern gegen das aufstrebende kaufmannspatriziat abgeben müssen. und dieses, streng auf französischer seite stehend, hatte dem mit burgund verbündeten savoyen den krieg erklärt, und bern so in eine militärische auseinandersetzung mit ungeahnten folgen verwickelt.

schon im ersten kriegsjahr starb bern wichtigster vertreter der politisierenden kaufleute, niklaus von diesbach, sodass adrian von bubenberg, gegen seine überzeugung, aber angesichts vorrückender burgundischer truppen zur verteidigung seiner vaterstadt ansetzte, – und gewann!

eigentlich ist es merkwürdig: ein burgundischer stadtadeliger mit bernischem stammbaum versetzte, ohne es gewollt zu haben, 1476 dem burgundischen herzogtum, genau in dem moment, als es auf dem besten weg war, zum zentrum eines neuen kaiserreiches zu werden, den entscheidenden schlag. burgund hörte nur ein jahr danach auf, als selbständiger verband zu existieren. so waren es berner burgunder, welche die über 1000 jahre dauernde, wechselvolle burgundische herrschaftsgeschichte beendeten.


viel schatten liegt heute über der figur adrian von bubenberg, dem katholischen adeligen, dem burgundischen freund, der bern nur vor den fremden truppen, nicht vor den burgundischen herzögen retten wollte.
foto: burgund-wanderer

doch auch adrian starb nur drei jahre später, und mit ihm ging die burgundische tradition in bern zu ende. niemandem, vielleicht ausser mir, kommt es heute in den sinn, bern als spätburgundische kapital zu verstehen. vielmehr begann nach adrians tod berns aufstieg in der alten eidgenossenschaft.

in sich zerstritten, konnte die siegreiche eidgenossenschaft ihre militärische kraft nie in eine politische ummüntzen. vielmehr verkauften die kriegsgewinner die eroberten gebietsgewinne gegen gutes französisches geld, und behielten sie nur randpositionen im westen, um wenigstens die zentralen strassen zu kontrollieren. regiert wurde die schweiz bis zum einmarsch der napoleonischen truppen in bern durch die tagsatzung, dem vorläufergremium des ständerates, das nicht prospektiv und aussenorientiert dachte, sondernn binnenorientiert handelte, auf der basis tradierter vorrechte der am eidgenössischsten orte unter den eidgenossen.

ob adrian von bubenberg besser geschlafen hätte, hätten seine burgunder am 22. juni 1476 gewonnen und wären sie – und mit ihnen die berner – ein bestandteil eines neuen königreichs burgund geworden, weiss ich nicht.

ich weiss auch nicht, ob europas schicksal anders verlaufen wäre, wenn nicht der dualismus zwischen wien und paris nach den burgunderkriegen die geschicke während anbrechenden neuzeit bestimmt hätte, sondern der burgundische könig mit einem mittelreich von brügge bis venedig, zu dem wohl die ganze eidgenossenschaft gekommen wäre.

„kleine burgunder geschichten“ – eine serie des burgund-wanderers will die passanten des denkmals mal zum denken bringen
foto: burgund-wanderer

ich weiss nur, dass heute, den 23. juni 2006, niemand, der bei adrians denkmal in bern vorbeizog, sich darüber gedanken machte. die welle über dem berner bahnhof verlassend, haben sie sich, wie ich, der arbeit zugewandt, ohne erinnert zu werden, was entscheidendes hierfür vor gestern vor 530 jahren geschah. deshalb helfe ich ein wenig nach, – mit einer serie der kleinen burgundischen geschichten, die morgen beginnt!

sollten sie eine folge verpassen, blättern sie in meinem blog und finden sie den burgundischen faden wieder!

burgund-wanderer


Comments

3 Comments so far

  1. Alois Trinkler on Januar 23, 2007 10:15

    Sehr geehrter Herr Longchamp
    Ich bin im Internet auf Ihren Vortrag gestossen: Schlief Adrian von Bubenberg nach der Schlacht von Murten gut ?
    Es gibt einige Ereignisse in der Geschichte, die mich irgendwie speziell anziehen.
    Dazu gehört immer mehr die Schlacht bei Murten. Manchmal denke ich, ich wäre in einem
    früheren Leben dabei gewesen. Diese grundsätzliche Vermutung habe ich, seit ich in den 70er Jahren im BBC einmal
    einen Beitrag in einer Serie sah, in der ein Mann bei einer \"Rückführung\" noch die alten Kommandi
    der Kanoniere der Schlacht bei Trafalgar wusste. Eine Frau konnte einen Fluchttunnel aus dem 14. Jahrhundert,
    unter einer Kirche in Mittelengland, beschreiben, in dem in neuerer Zeit, weder Sie noch ein Archäologe jemals waren.
    Sie kennen sicher Bücher oder eine Bibliothek mit denen ich mich noch einwenig schlauer
    machen könnte. Mich interessieren auch die Ereignisse vor und nach der Schlacht.
    z.B. was war mit dem legendären Gewaltmarsch der Zürcher, oder gab es viele Verluste.
    Ich denke auch immer wieder an das Elend das eine solche Schlacht hinterlassen hat.
    Die Stadt Zug hatte zur Zeit von Marignano ca. 1500 Einwohner. Über 60 kamen in der Schlacht um ???
    Mit freundlichen Grüssen
    Alois Trinkler

  2. stadtwanderer on Januar 24, 2007 07:55

    guten tag herr trinkler
    das von ihnen gesuchte buch gibt es. es heisst: murten. die belagerung und die schlacht von 1476. verfasst wurde es von p.e. de vallière. ins deutsche übertragen wurde es von walter sandoz. es ist im stile des tatsachenbereichtes verfasst. erzählerisch, breit im geschehen und gut lesbar. ich denke, es ist das, was sie suchen. das vorwort kann man überspringen. es ist von oberst sonderegger, der die schweizer kriegsgeschichte in höchsten tönen aufleben lässt.
    nun das kleine problem. das buch erschien 1926. es ist nur noch antiquarisch zu beziehen, in einem antiquariat mit helvetica sollten sie das aber schon noch bekommen. ein neueres buch von der gleichen gründlichkeit kenne ich nicht!

  3. Alois Trinkler on Februar 5, 2007 08:18

    Ich habe das Buch von einem Antiquariat gekauft und
    Sozusagen an einem Zug gelesen. Es ist unglaublich was
    Das für Details drin von denen wir keine Ahnung hatten.
    Nochmals herzlichen Dank und viele Grüsse
    Alois Trinkler

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