nun schreiben die zeitungen darüber. dass der berner justitia die hand abgehackt worden sei. weil die sda berichtet hat. und weil die stadt informiert hat. doch aufmerksamer als die medienprofis war der stadtwanderer. fast schon ein lehrstück in medienkommunikation, der umgang mit dem fehlenden schwert.

chronik der geschichte

ich habe die altstadt gern, und ich schaue sie mir immer wieder von neuem an. bekanntlich halte ich mich auch gerne in der begegnungszone der unteren altstadt auf. darüber habe ich ja schon berichtet.

da wirft man schon mal ein auge auf den gerechtigkeitsbrunnen, nicht zuletzt, weil meine stadtwanderung zur demokratiegeschichte genau dort startet.

und so habe ich dienstags gesehen, dass der justitia das schwert fehlt. die waage und die augenbinde sind noch da, doch das dritte zeichen der unabhängigen justiz ist verschwunden. also bin ich genauer schauen gegangen.


foto: der bund

ich sah zu meinem schrecken, dass auch die rechte hand weg war. ausgerechnet, die schwurhand, hätte man im mittelalter gesagt, ein böses zeichen! amputierte gerechtigkeit in der stadt bern?, war meine etwas zeitgemässere interpretation der symbolik.

die kleine anfrage

ich verfasste eine e-mail an die stadt bern. da der stadtpräsident selber häufig in der altstadt anzutreffen ist, dachte ich mir, sei schon alles paletti. ich bekomme ein klar auskunft. also schrieb sich der kommunikationschefin beatrice born:

liebe beatrice

bin heute durch die stadt gewandert, habe gesehen, dass die iustitia kein schwert mehr hat. hat das eine besondere ursache, die mir entgangen ist, oder ist etwa die gerechtigkeit in bern amputiert?

danke für die nachhilfe!

gruss

stadtwanderer

gleichentags erhielt ich folgende antwort. so wusste ich, dass sie es nicht wussten! schlecht beobachtet, alex!

Lieber Claude

Nein, nein, der Gerechtigkeit wird nachgelebt…..Aber: tatsächlich – ein Augenschein bestätigt, dass das Schwert immer noch fehlt. Ob das Schwert der Brunnenfigur in Reparatur ist, oder gar Vandalen am Werk waren, sind wir am abklären. Wir geben Dir umgehend Bescheid.

Besten Dank für den Hinweis.

P.S. Käme gerne einmal an eine Deiner Führungen, sie wurden mir sehr empfohlen. Wann geht die nächste über die Bühne?

Lieber Gruss, Beatrice

die kommunikationschefin der stadt bern auf meiner tour? das ist eine referenz. da hat sich die anfrage schon mal gelohnt! und schnell und nett war die antwort auch, bis auf eins …

zwischenruf: ist das politisch-historisch korrekt

doch wer war nun der schäder? der scherenschleifer von bern, der die gerechtigkeit wetzte? schon möglich, den gerechtigkeitssinn könnte man aber andern orts besser schärfen! also wenig wahrscheinlich.

die vandalen, wie die stadtkommunikation vermutet? daran glaube ich eigentlich nicht!

die vandalen sind, wie meine vorfahren, die burgunder, ein ostgermanisches wandervolk. sie waren im norden, dem heutigen grenzegebiet zwischen deutschland und polen sogar nachbarn gewesen. im 5. jahrhundert kamen teile beider völker an den rhein. wahrscheinlich im jahre 407 überschritten sie ihn massenweise. die burgunder war nicht so reiselustig, sie bleiben grad auf der anderen flusseite, bei worms, während die vandalen die frühen mittelmeerfahren par exellence sind. schnurstraxs wanderten sie quer durch frankreich, zur grossen überraschung der spätantiken senatoren, bischöfe und latifundienbesitzer. die germanen galten generell als invasoren, als barbaren, als ungepflegte.

sie blieben nicht in gallien, hinterliessen dort aber einen mächtigen eindruck. vorübergehend sesshaft wurden sie erst in südspanien, woran andalusien (arabisch für: vandalisch) heute noch erinnert. schliesslich setzten sie bei gibraltar über, eroberten nordafrika, vertrieben dort den kirchaeti augustinus und bildeten unter ihrem könig geiserich einen eigenen herrschaftsbereich. das eroberte karthago machten sie zum hauptsitz ihres königreiches.

dass sie dabei in bern vorbeigekommen wären, ist historisch nicht belegt. das also spricht gegen die vermutung aus der stadtverwaltung. und solange fehlt das schwer garantiert nicht. zwar tappt man im dunkeln, wer es war, wann es geschah. doch wurde es 2006 schon mehrfach bezeugt.

also doch vandalen?

die vandalen gingen 555 im krieg gegen den christlich-byzantinischen kaisers justinian unter. sie sind aber 1237 jahre später wieder auferstanden. in unseren köpfen.

kaiser justinian griff zu den üblichen mittel der diffamierung von volksgruppen, gegen die man krieg führte. das ist heute noch so, wenn auch leicht abgewandelt, wenn man miteinander tschuttet.

so setzte sich der eindruck fest, nur sie seinen unbändige germanen gewesen. nur sie hätten in halb europa geplündert. und nur sie hätten sich an tollen orte des römerreiches ohne kaiserliche erlaubnis niedergelassen. gipfel der stigmatisierung: sie seien menschenfresse gewesen!

ich will gar nicht bestreiten, dass sie das alles, das eine oder andere gemacht haben. ich bestreite aber, dass sie sich ganz anderes verhalten haben als die kelten (menschenopfer), als die römer (schlachtenopfer) und als die christen (ketzeropfer).

ich will die vandalen als ein geschichtsvolk, das im 6. jahrhundert wegen seinen fähigkeiten, schiffe zu bauen und zu führen sowie korn anzubauen und zu verkaufen das ganze westliche mittelmeer beherrschten.

auf ihren seit justinian notorisch schlechten ruf sind 1792 die reaktionäre zurückgekommen. die französischen revolutionäre hatten ihre lieblingsfeinde in der geschichte, die sie stellvertretend für die damalige aristokratie lächerlich machten: die merowinger, insbesondere könig dagobert musste daran glauben. man sang das lied des blöden dagos, der nicht mal in der lage war, seine eigene hose richtig anzuziehen, und am liebesten auf einem ochsenwaagen umherzog, von einem bordell zum andern. da gaben die reaktionäre mit gleicher münze zurück: die vandalen seien die vorbilder der revolutionäre gewesen. wiederum schlug man das geschichtsvolk, meinte aber mit jedem satz die damaligen revoluzzger, die in paris zum terror und zum königsmord übergegangen waren.

waren also revolutionäre hier? haben sie justitia geschändet. und sitzt die reaktion wieder im erlacherhof. ist wieder 1831? kommen die verschanzten aristokraten wieder hervor? führen sie krieg gegen die liberalen?

nein, nein, bern ist heute friedlich. die schweiz ist aus der wm ausschieden. vorühergehend sorgte das für ausgelassene stimmung in der stadt. doch seither ist es für berna-normalbewohnerInnen wieder viel zu heiss.

nach meiner meinung kann nur sein, dass sich die stadtverwaltung verschrieben hat, ein politisch inkorrekter raus gerutscht ist.

fortsetzung der chronik der geschichte

ich bedanke mich per mail höflich für die antwort, – bei der kommenden kundschaft!

hej

ja, das ist gut so, und auch gut, wenn ich bescheid weiss. ich wurde nämlich schon gefragt, denn eine meiner touren beginnt ja tatsächlich bei diesem brunnen, und dann muss halt alles stimmen.

wegen führungen: ich gehe am freitag bis am 1.8. nach schweden, waldwandern statt stadtwandern! also gibt es nichts von mir geführtes in bern.

im august habe ich zwei führungen, sie sind aber mit geschlossener gesellschaft resp. ausgebucht, und die übernächste ist sicher am 22. september. da hats auch platz! das ist aber die kleine tour (demokratiegeschichte), zirka 17 30 bis 20 00. wenns irgendwie geht, mache ich am 2.9. eine grosse tour, durch die ganze stadt, von 9 bis 17, und da wärst du natürlich auch eingeladen, quasi ehrengast.

gruss

stadtwanderer

so, nun habe ich das auch gleich allen interessierten mitgeteilt, wann ich weg bin und wann ich was mache. fast schon ein wenig ein kommunikationskünstler!

anderntags, also gestern, erhielt ich dann folgende, offizielle mitteilung der stadt.

Sehr geehrter Herr Longchamp

Herzlichen Dank für Ihr Mail und Ihre Information zum Gerechtigkeitsbrunnen.
Die Stadtbauten Bern als Besitzerin des Brunnens ist seit letztem Montag über das fehlende Schwert informiert. Sie werden in Kürze Strafanzeige gegen Unbekannt einreichen. Der Schaden soll raschestmöglich behoben werden. Die Stadtbauten werden deshalb die Figur demnächst wieder in Stand stellen.

Mit freundlichen Grüssen
Marcel Cuttat
Abteilung Kommunikation

tja, unglaublich, da war jemand noch schneller informiert als ich. und glaubte, man müsse das nicht mitteilen, es werde unter dem deckel bleiben. weit gefehlt!

die geschichte wird publik

immerhin, ich war nun offiziell informiert, bevor man offiziell die sda informierte, und die offiziell die öffentichkeit informierte.

gestern abend war dann auf dem ticker von www.espace.ch mächtig was los:

Justitia erneut geschändet
Der Justitia auf dem Gerechtigkeitsbrunnen fehlt die rechte Hand mit dem mächtigen Schwert. Die Behörden tappen im Dunkeln.
Noch ist nicht bekannt, was genau passiert ist. Klar ist nur, dass von der abgeschlagenen Hand und dem langen Schwert jede Spur fehlt, war bei der Medienbeauftragten Stadtbauten Bern, Dagmar Boss, zu erfahren. Man habe bei der Stadtpolizei Anzeige gegen Unbekannt eingereicht.

gut, so knapp und korrekt wie nur möglich!

der bund wurde gleichenorts noch etwas genauer.

… grrrrr!

Vor 20 Jahren wurde die Göttin vom Sockel geholt. Der damalige Anschlag erregte in der ganzen Schweiz Aufsehen. Die jurassischen Jungseparatisten (Béliers) bekannten sich nicht direkt zur Tat, begrüssten aber, dass die «Berner Justiz zu Fall gebracht wurde». Zehn Jahre später wurden die kleineren Figuren des Brunnens beschädigt.

tja, ist der patzer wieder, die vandalen, die schänder, kaiser justinian, die reaktionäre, könig dagobert, die unterhosen, die revolutionäre (sans-culotten) und die königsmörder! das alles funktioniert als assoziationskette einfach wie am schnürchen!

immerhin ein paar nützliche tipps zur geschichte der figur bekam man dann mitgeliefert:

Nach dem Anschlag von 1986 wurde die 443 Jahre alte Originalfigur in minuziöser Kleinarbeit zusammengeflickt. Sie ruht seither wohl verwahrt im Museum.

bravo, sag ich da!

die moral der geschichte

so, und heute nun melden sie, die zeitungen und die blogger. alle sind empört!

ich auch! aber schreibe nicht einfach anderen journis ab. vielmehr gehe ich wandern. in der stadt bern. da erfährt man jeden so viel. ich behaupte sogar: stadtwandern ist die beste recherche! werde das am maz – der journalistenschule, wo ich unterrichte, verbreiten müssen.

mit etwa geschick werden aufmerksame stadtwanderer sogar zu informanten der stadtverwaltung. und wenn die kommunikationsabteilung es weiss, informiert sie ordentlich, und dann funktioniert das bekannte spiel. agenda.setting nennt man das schon mal!

und am ende hat man dabei sogar noch mögliche kundschaft gemacht.

hej, journis: sitzt weniger an eurem computer, recherchiert weniger in andernen zeitung. macht selber mehr beobachtungen, kommt mit, beim stadtwandern!

bitte lasst auf jeden fall die untergegangenen völker wie die vandalen in ruhe!

stadtwanderer

quelle: harald haarmann: lexikon der untergegangenen völker, beck verlag, 2005

die quelle: harald haarmann: lexikon der untergegangenen völker, beck verlag, 2005


Comments

Name (required)

Email (required)

Website

Speak your mind