Stadtwanderung zum Klimawandel: Das neue Buch zum Thema “Klima und Gesellschaft”, Haupt-Verlag

Wie Klimawandel, Bevölkerungsentwicklung, Agrarproduktion und Verschwörungstheorien zusammenhängen, erhellt ein neues Buchs aus dem renommierten Berner OeschgerCentre.

Vor wenigen Tagen erschien das neue Buch «*Klima und Gesellschaft in Europa». Es ist ein eigentlicher Meilenstein in der historischen Klimatologie Europa, die mit der der Wirtschafts-, Gesellschafts- und Kulturgeschichte unseres Kontinents verknüpft wird.
Verfasst haben es der Historiker Christian Pfister und der Geograph Heinz Wanner. Beide waren bekannte Professoren an der Uni Bern und sind ausgewiesene Fachleute in ihrem Gebiet. Heute forschen sie am renommierten Berner OeschgerCentre für Klimawandel.
Die Grafik gibt die relevanten Entwicklungen wieder, die das Buch nachzeichnet. Sie beziehen sich auf Temperaturen, Gletscher, Bevölkerung, Agrarproduktion, Wahrnehmungen der Witterung und Einzelaspekte.

Sechs zentrale Ergebnisse
Was lernen wir so? Das 400seitige Buch ist nicht einfach zusammenzufassen. Herausgegriffen seien hier sechs Punkte aus der Bilanz.
Erstens, das Wetter war immer wieder veränderlich. Die kältesten Jahre im letzten Jahrtausend waren 1077, 1364, 1573 und 1830. Dagegen war 1290 der wohl wärmste Winter überhaupt. Der wärmste Sommer war vermutlich 1947.
Zweitens, Sommertemperaturen und Winterniederschläge beeinfluss(t)en die Gletscherentwicklungen. Auffällige Rückzüge sind um 1260, 1420 und 1560 bekannt. Grosse Vorstösse registrierte man zwischen 1640 bis 1725. «Jahre ohne Sommer» gab es immer wieder. 1816 ist das bekannteste überhaupt. Hauptursache waren wiederkehrende Vulkanausbrüche mit Folgen für die Temperatur, die zurückging.
Drittens, einen ersten systematischen Schub des Bevölkerungswachstums registrierte man ab 1170. Er dauerte bis ans Ende des 13. Jahrhunderts. Heute geht man davon aus, dass sowohl technologischen Neuerungen wie auch Klimaschwankungen entscheidend waren. Ein zweiter Schub war zwischen 1530 und 1560, nun vor allem klimatisch und durch verbessertes Saatgut bedingt. Wendepunkte zum Schlechten in der Bevölkerungsentwicklung waren zuerst die 1340er Jahren. Erheblich waren in der Folge die Preisstürze für Getreide. Sie begünstigten die rasche Ausbreitung der Pest. 1571 brach wetterbedingt eine grosse Hungersnot aus. Auch sie war der Anfang einer langen klimatischen Abkühlung. Krieg und Seuchen im 17. Jahrhundert verringerten die Bevölkerungszahlen weiter.
Viertens, im 18. Jahrhundert beginnt sich die Bevölkerungsentwicklung vom Klima abzukoppeln. Erwähnenswert sind drei Modernisierungen der Landwirtschaft als Ursachen: die organische Modernisierung mit Düngungen; die mechanische Modernisierung mit der globalen Arbeitsteilung in der Industriewelt; und die technologische Modernisierung mit günstige Fossilenergie, neuen Pflanzensorten und dem massiven Einsatz von Pestiziden. Das verbesserte die Unabhängigkeit der Demografie vom Klima wurde durch einschneidende Weltkriege gebrochen..
Fünftens, Wetter und Klima wurden in den 1000 Jahren verschieden wahrgenommen. Animistische, religiöse und rationalen Konzepte überlagert sich. Ab dem 15. Jahrhundert mobilisierte namentlich die katholische Kirche mit Hexenprozessen eigentliche Verschwörungstheorien. Sie waren namentlich in Phasen der klimatischen Abkühlung wirksam. 40-60000 Frauen fielen ihnen zum Opfer. Erst die Aufklärung beendet diese «Schauer»märchen.
Sechstens, der Staat selber wurde ab der Mitte des 17. Jahrhunderts aktiv, um das Bevölkerungswachstum zu heben. Seuchenbekämpfungen zählen dazu, aber auch Heiratsförderungen und Armenbekämpfungen. Das verringerte die Sterblichkeit und trug zum Wachstum der Bevölkerung bei.

Was ist heute aus alledem geworden? Die Geschichtsschreibung beton seit längerem die Dreiteilung der letzten Jahrhunderts, wenn es um klimatische Einflüsse gibt: das warme Hochmittelalter, das kalte Spätmittelalter samt der Neuzeit, und die warme Gegenwart. Neu ist, dass die Autoren die kleine Eiszeit bis ins 20 Jahrhundert dauern lassen. Erst die letzten 30 Jahren haben eine beschleunigte Erwärmung der Temperaturen gebracht.
Das neue Buch folgert: Wir seien auf der einen Seite vom Diktat des Klimas befreit worden. Auf der anderen Seite würden wir zunehmend Opfer des neuen Klimas, das der Mensch bestimmt.
Schon die erste Durchsicht hat meine Ueberlegungen für die kommende Stadtwanderung zum Thema beeinflusst. Vieles sehe ich nun deutlicher. Ich werde vieles berücksichtigen.
Man kann gespannt sein!

Christian Pfister, Heinz Wanner: Klima und Gesellschaft in Europa- Die letzten 1000 Jahre. Hauptverlag, Bern 2021

cal

ich bin der berner stadtwanderer. ich lebe in hinterkappelen und arbeite in bern. ich bin der felsenfesten überzeugung, dass bern burgundische wurzeln hat, genauso wie ich. also bin ich immer wieder auf der suche nach verästelungen, in denen sich die vergangene kultur in meiner umgebung versteckt hält.

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