missing …

September 11, 2006 | Leave a Comment

vermissen …

eigentlich vermisse ich nur melanie winiger. sie war cool. schön, echt und lebensfroh. bei „achtung fertig, charlie“ war ich der charles: fix und fertig hat sie mich gemacht, – wenigstens im film: von der der ersten bis zur letzten sekunde bin ich voll mitgegangen.


eine miss zu sein, heisst nicht, auf eine eigenständige persönlichkeit zu sein: melanie winiger, ganz links, in „achtung fertig charlie“ …

vermarkten …

ich habe mir die miss-wahlen vom samstag nicht angesehen. aber ich kann mich den ergebnissen nicht entziehen, denn miss-wahlen in der schweiz sind heute wie überall mediale präsentationen und aufgeladene entscheidungen, die zu kommerziellen verkauften produkten führen. und ein konsument bin ich auch!

was dabei herauskommt, ist vermarktet und muss nicht vermisst werden. das ist mir bei der letzten miss ein jahr lang so gegangen: sie war zwar erfolgreich, sie repräsentierte die schweiz auch gut, und sie war äusserlich schön. aber laurianne gilléron berührte mich keinen moment während ihres abgelaufenen glücksjahres.


eine miss zu sein, heisst sich vermarkten zu lassen: laurianne krönt ihre nachfolger christa zur schönheitskönigin

bei christa rigozzi, der neuen schönheitskönigin, weiss ich noch nicht, woran ich bin. sie wird uns ja erst vorgestellt: „spontan und eifersüchtig“, sei sie, naja … , kriminologie studiere sie, hoppla, sag ich da …, und unkulturell, unpolitisch, unhistorisch scheint sie nicht zu sein, denn: „ich bin so multikulturell wie unser land“, verrät sie der schweizer illustrierten und fügt gleich bei: „ich bin glücklich, in einem land wie der schweiz mit einer direkten demokratie zu leben.“ schliesslich empfiehlt sie mit „The da Vinci Code“ ein geschichtsträchtiges werk als ihr lieblingsbuch.

das lässt aufhorchen! jedenfalls mehr als die wieder ganz banale geschichte, ihren herzallerliebsten giovanni vor dem mcdonalds kennen gelernt zu haben, resp. zu wissen, dass sie italienischer muttersprache ist, als gute studientin in fribourg/freiburg französisch und deutsch spricht, und, sebstverständlich, auch das englische herrscht.

vergessen …

wie aber wäre es, wenn christa statt

englisch fränkisch,
italienisch lombardisch,
französisch burgundisch und
deutsch schwäbisch

sprechen würde? das wäre genial, – und es würde die jüngste misswahl nahtlos in die linie stellen, welche die etwas modernisierten brautschauen von heute seit dem 9. jahrhundert in unserer gesellschaft sind.

als im jahre 818 die kaiserin irmingard, die frau des zweiten fränkischen kaisers ludwig, starb, mochte dieser nicht alleine bleiben. anders als sein vater, karl der grosse, nahm er sich nicht weitere frauen mit strategischer absicht, und folgte er auch nicht der fränkischen (un)sitte, gespielinnen aus dem gesinde zu neuen frauen zu nehmen.

nein, der kaiser veranstaltete – nach byzantinischem vorbild – eine brautschau unter den schönen töchtern des höheren adels.


kaiserin judith (795-843), quelle: wikipedia

es siegte judith, die tochter des bayrischen grafen welf und der edlen sächsin heilwig. sie war eine stark persönlichkeit, als sehr schön und ausgesprochen willensstark wird sie in den alten quellen beschrieben. sie war es denn auch, die den welfen, bis heute adelsgeschlecht, wenigstens vorübergehend herrschaftlich bedeutsames ansehen gab.

bei ihrer vermählung mit dem kaiser 819 erhielt judith das kloster san salvatore in brescia als morgengabe, und schon bald darauf übte sie erheblichen einfluss auf ihren mann, kaiser ludwig, aus. dieser las lieber spannende bücher als zu regieren. insbesondere war judith darauf bedacht, ihrem sohn mit dem kaiser, den sie, in anlehnung an den grossvater, keck karl taufen liess, einen anteil des fränkischen erbes zu sichern.

das weiderum führte zum grossen streit, denn ludwig hatte bereits 817 seine nachfolge resp. die verteilung des fränkischen reiches geregelt, – und zwar unter den drei söhnen lothar, pippin und ludwig aus erster ehe. demnach sollte lothar den grossteil erben und der neue kaiser sein, während pippin unterkönig von acquitanien und ludwig das gleiche in bayern werden sollten.

davon liess sich die resolute schönheitskönigin judith jedoch gar nicht beeindrucken. sie setzte 829 beim kaiser durch, ein weiteres unterkönigreich auszuscheiden und speziell für karl zu reservieren. aus alemannien, dem elsass und churrätien wurde so erstmals in der geschichte das unterkönigreich schwaben formiert und sohn karl zugesprochen.

diese nachträglich änderung der erbrechte sollte die fränkischen adeligen derart schockieren, dass sie eine fürchterliche intrige gegen die eigentliche herrscherin lancierten: judith wurde des ehebruchs mit bernhard von septimanien bezichtigt und 830 in ein kloster bei poitiers geschickt. ihr mann, der kaiser, wurde vorübergehend abgesetzt, und rettete seine und judiths haut erst, als die vikingische bedrohung des reiches so stark und der gemeinsame wille unter den streitenden söhnen so schwach war, dass man ludwig nochmals als titularkaiser einsetzte und judith aus der verbannung frei liess. formell herrschen sollten sie bis zu ihrem tod, derweil der bruderkampf unter dem schützenden dach erbarmungslos weiter ging.

judith verstarb im historisch bedeutsamen jahre 843. ihr stiefsohn pippin war schon vor ihr tot, sodass karl unterkönig von acquitanien werden und auf schwaben verzichten konnte. dem alten erbvertrag konnte so genüge geleistet werden, bevor die miss bayern, die schöne und starke kaiserin, das zeitliche segnete.

dennoch, ruhe kehrte im fränkischen reich nicht ein: seit dem tod ihres vaters im jahre 840 machten karl und ludwig gemeinsame sache, besiegten 842 den eigenen bruder lothar in einer der schrecklichsten adelsschlachten der geschichte im burgundischen fontenay und stellten danach neue forderungen zur reichsteilung. weder auf acquitanien noch auf bayern wollten sie sich beschränken lassen; vielmehr sollte das fränkische kaiserreich nach alter sitte in drei gleich grosse stücke aufgeteilt. was danach geschah, war schon 829 angelegt worden: jeder griff nun nach seinem kleinen reich, bis das grosse zerfiel.

miss-bräuche …

miss-wahlen haben also schon mal europäische geschichte gemacht. frauen sind dabei der männergesellschaft vorgeführt und in sie eingeführt worden. bilder der bewunderung und der angst sind daraus entstanden. das hat zu miss-bräuchen aller art geführt: frauenrollen wurden so schon im 9. jahrhundert normiert, neu definiert und unendlich lang diskutiert.

zu schwach durften sie nicht sein, die neuen frauen, denn sonst wären sie gar nicht aufgefallen. zu stark war aber auch wieder ein problem. besonders die verbindung von stärke und schönheit, im lateinischen mittelmeerraum nichts ungewöhnliches, irritierte in den fränkischen dörfen. intrigiert wurde gegen sie, bis ehen zerbrachen, liaisons bröckelten, verbindungen zerfielen.

wer sich in einer brautschau durchgesetzt hatte, war mit dem odium der selbständigkeit behaftet. nicht die väterliche vermittlung entschied das schicksal, sondern die wahl auf dem fränkischen hofplatz. neue miss-bräuche kamen so ins land, und sie beeinflussten die politik nachhaltig. den kaiser freute es, judith auch, und karl, ihr gemeinsamer sohn, stieg als „der kahle“ vom vermeintliche unterkönig in schwaben gar zum nachnachfolger seines vaters als kaiser auf.

die bewertung von judith blieb jedoch umstritten. sie ist weder eine heilige noch eine hure gewesen. aber irgend etwas dazwischen. lange wurde sie ganz aus den geschichtswerken gestrichen, dann als unglückliche kaiserin verniedlicht. erst heute wird sie eine politische figur, über die man biografien schreibt.


fränkische reichsteilungen 843-888 lassen das imperium einstürzen und zahlreiche königreiche in ost und west, nord und süd entstehen

ihre wirkungen sind beträchtlich. die von ihr angeschobene reichsteilung brachte eine ethnisierung der gesellschaft. deutsche und franzosen berufen sich bis heute auf die reichsteilung nach judiths tod 843, um die anfänge ihrer unterschiedlichen geschichte zu erklären. deutsch und französisch wiederum werden in ihren ältesten formen mit dem teilungsvertrag in verbindung gebracht, liess man doch 842 die grossen des reiches auf ihre zugehörigkeit zum ost- oder westreich schwören und bediente man sich dabei in strassbourg erstmals in der europäischen geschichte übersetzern.

selbst auf die plurikulturelle, mehrsprachige schweiz hat sich die reichsteilung nach judiths tod haltig ausgewirkt: die gebiete rechts der aare, der hauptharst der heutigen deutschsprachigen schweiz, kamen zum ostfränkischen reich, genauer gesagt: zum herzogtum schwaben, das 911 in den ausmassen wie von judith verlangt entstand und 917 dem ostfränkischen reichsverband einverleibt wurde. erst im 12. jahrhundert sollte sich dieser teilweise auflösen, – in die heutige deutsch- resp. rätoromanische schweiz und in das jetzige baden-württemberg.

mit dem zerfall der fränkischen herrschaft im 9. jahrhundert kam die ethnische teilung der heutigen schweiz zwischen 888 und 1032 klar zum ausdruck (bild: wikipedia)

demgegenüber kamen 843 die gebiete links der aare, im wesentlichen die heutige französischsprachige schweiz und das üchtland zwischen aare und saane, zum kaiserlichen mittelreich. von diesem wissen wir, dass es nicht bestand hatte und in drei weitere königreiche zerfiel: in lothringen, seither kampffeld zwischen deutschland und frankreich, im burgund, wie man weiss ein vorübergehend selbständiges königreich, das in der westschweizer vorgeschichte tiefe spuren hinterlassen hatte, und in die lombardei, heute im wesentlichen zu italien gehörig und der tummelplatz der lega nord.

von dieser lombardei, von diesem italien hat sich nur das tessin dauerhaft abgespalten. er zählt heute zur schweiz, – und so erhielt christa ihre chance, nicht nur nachfolgerin von laurianne als miss schweiz, sondern auch indirekte nachfolgerin im plurikulturellen von miss judith zu werden.

dreisprachig ist sie ja schon, die neue schönheitskönigin christa. ihre kulturelle, politische und historische wirkung hoffe ich nich missen zu müssen, denn wenn es in den nächsten 12 montanen nichts zu vermelden gibt, werde ich sie für immer vergessen … doch vorerst setze ich ganz auf den grossen „missing-trend“, dem sich heute kaum eine(r) mehr keine entziehen kann,

nicht einmal der

stadtwanderer

quelle:
armin koch: kaiserin judith. eine politisch biografie. matthiesen 2005


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