teil 1 der serie: napoléon in der schweiz

1797 war die schweiz noch kein mehrsprachiger staat. was heute so selbstverständlich erscheit, die viersprachige schweiz, ist die folge der intervention napoléons, die gleichberechtigung des französishen und italienischen als amtssprache, die anfangs des 19. jahrhunderts erfolgte und die aufnahme des rätoromanischen als landessprache 1937.


das konglomerat der alten eidgenossenschaft am vorabend der reise napoléons durch die schweiz

die konfessions- und die sprachenfrage in der schweiz

napoléon erwies sich als guter kenner der schweiz. seit jugendzeiten schwärmte der korse für das gebiet nördlich der schweiz, aber links des rheines. wie zu zeiten caesars sah er es aber als teil eines grossen galliens, das neu erstehen sollte.

politisch wusste er peter ochs, den basler bürgermeister auf seiner seite, der 1795 im 1. koalitionskrieg den separatfrieden zwischen frankreich und preussen vermittelt hatte. das hatte napoléon erlaubt, in seinem umfeld musterrepubliken entstehen lassen wie die batavische in den heutigen niederlanden. und genau das schwebte ihm auch für die schweiz vor, wo er sich 1797 eine helvetische republik auf revolutionärer basis wünschte..

napoléon hatte begriffen, dass die alte eidgenossensch ein sammelsurium von verschiedensten, gewachsenen staatsformen war: patrizische wie in bern, zünftische wie in zürich, und landsgemeindorte wie in der innerschweiz. seit 1499 war das gebiet autonom vom kaiserreich, seit 1648 von diesem unabhängig. doch es war keine einheit: 13 orte hatten das sagen, und zahlreiche verbündete und untertanen wurden von einer herrenschicht mit vorrechten geführt.

seit der staatswerdung im 16. jahrhundert kannte die alte eidgenossenschaft kannte vier dauerhafte konfliktlinien:

. der gegensatz zwischen flachland und bergland,
. der gegensatz zwischen stadt und land,
. der gegensatz zwischen reformierten und katholischen gebieten und
. der gegensätz zwischen protoindustrialisierten und bäuerlichen regionen.

die vier konfliktlinien verliefen indessen nicht immer gleich, was dauerhafte spaltungen vermied. dennoch war die konfessionelle spaltung die tiefgreifendste; der hauptgrund hierfür war, dass seit der gegenreformation orthodoxe glaubenbekenntnisse auf katholischer wie auch protestantischer seite vorherrschten, welche die konfessionszugehörigkeit der menschen an die der obrigkeit banden.

erst mit der aufklärung im 18. jahrhundert, in der welschen schweiz stärker rezipiert als in der deutschsprachigen, sind diese orthodoxen glaubenbekenntnisse aufgeweicht worden. vor allen auf reformierter seite setzten sich auch pluralistische religiöse vorstellungen, wie man heute sagen würde, durch, welche die basis für neue philosophien und politiken des bürgertums schafften.

napoléons kalkül mit den unterdrückten in der waadt

napoléon wusste, bevor er in die schweiz kam, dass er den religiösen konflikt noch weiter zurückdrängen müsste, sollte aus der schweiz eine nation, eine musterrepublik werden. die verbündeten in seinem plan sah und fand er unter den aufgeklärten protestanten der welschen schweiz; mit ihnen entwickelte er auch den plan, die konfessionsfrage als prägendes element der alten schweizer politik durch die sprachenfrage, die der neue staat auf der basis der gleichberechtigung lösen sollte, zu ersetzen.

angelpunkt hierzu war die waadt: seit 1536 bernisches untertanengebiet, dem orthodxen protestantismus, der bis weit ins 18. jahrhundert gerade in bern regierte, nicht zugetan, schwelte hier die sprachenfrage in besonderem masse. wollten waadtländer etwas werden, mussten sie deutsch können, denn die politik, fand ausschliesslich in dieser sprache statt.

von romandie kann man damals noch gar nicht sprechen: genf, wallis und neuenburg kamen erst 1815 fest zur schweiz, um das gewicht der sprachminderheit zu heben: und der einzige selbständige ort, freiburg, war 1481 nur unter der bedingungen in den bund aufgenommen worden, nachdem eine rabiate germanisierung der burgundischen und savoyischen wurzeln in der amtssprache vorgenommen worden war.

doch die romandie sollte mit napoléon entstehen, und in der musterrepublik das muster abgeben. die unterdrückte bürgerschaft von lausanne kam in frage, allenfalls die von genf; im notfall wäre auch eine kooperation über gemässigte aristokraten in freiburg oder gar in neuenburg in frage gekommen. und so wählte napoléon auch den weg durch ebendiese städte und landschaften, um im november 1797 in die eidgenossenschaft einzufahren, – wenn auch vorerst nur mit einer kutsche und eigenen husaren, um nach rastatt zu gelangen.

der bericht von richard feller

richard feller beschreibt das so:

„Am 22. November betrat Bonaparte bernisches Gebiet. Sein Selbstbewusstsein hatte sich an den Siegen furchtbar geschult; mit unverbrauchter jugendlicher Rücksichtslosigkeit dachte er nur in Eroberungen. Als er in die Schweiz kam, war er schon entschlossen, sie zu erobern, um sich ihrer Alpenpässe zu bemächtigen. Aber auf der Reise blieb das Drohende, Niederwerfende, das vor ihm her ging, blieb das Schauspielerische seiner Grösse stumm. Ihm bangte, auf bernischem Boden einem englischen Anschlag zum Opfer zu fallen; überreizt fuhr er durch das Land seiner Jugendschwärmerei.

In der Westschweiz erwartete man den General mit pochendem Herzen. Man pries den Feldherrn, den Befreier, den Friedenstifter. (…) Anders empfand Bern. Bonaparte hatte seinen spätern Schwager Murat vorausgesandt. Dieser traf am 14. November in Bern ein und zeigte dem Schultheissen von Steiger an, dass Bonaparte in ein paar Tagen durchkommen werde. Lustlos nahm Bern die Nachricht entgegen. Gefühle für den Gefeierten hielten sich im besten Fall die Waage.

Berns Geheimer Rat ernannte den Obersten Wurstemberger zum Reisebegleiter Bonapartes und beauftragte einen Ausschuss, das Nötige für den Empfang vorzukehren. (…) In Coppet, dem Grenzort, wartete Wurstemberger mit seinem Begleiter Augsburger und seinem fünfzehnjährigen Sohn nebst einer berittenen Ehrenwache, um den General im Namen seines Standes zu begrüssen. Doch der Kutscher jagte aus Bosheit gegen Bern, wie es hiess, ohne Halt durch das Städtchen. Die Standespersonen holten den General erst in Nyon ein, wo die Menge die Gasse füllte und Hochrufe ausbrachte. Wurstemberger stellte sich, und Bonaparte erkannte ihn augenblicklich.

Auf waadtländischem Boden begleiteten Pikette von Dragonern und Vasallenreitern, die sich ablösten, den Wagen. Auch Rolle war von Licht und Lust erfüllt; Morges dagegen blieb dunkel und stumm. Umso höher schwoll die Begeisterung in Lausanne, wo Bonaparte nachts 1 Uhr eintraf, von den Bewohnern mit wacher Spannung erwartet.

Der Landvogt Ludwig von Büren, ein alter Offizier aus französischen Diensten, rühmte sich, den jungen Leutnant Bonaparte gekannt und ihm eine Stelle in der Artillerie verschafft zu haben. Er bereitete mit dem Stadtrat einen prächtigen Empfang. Aus allen Fenstern strahlte Licht; das Volk füllte den Weg des Ersehnten. Auf der Höhe des Montbenon traten festliche Mädchen an den Kutschenschlag und überreichten beim Fackelschimmer im Namen der Patrioten dem Helden, der Italien befreite, das Cäsar unterjocht hatte, Blumen und Gedichte, die er huldvoll entgegennahm. Nur mit Mühe bahnte sich die Kutsche den Weg durch die gedrängten Gassen, wo die Rufe zum Jubel zusammenschlugen.

Bonapartes Spruch, dass kein Volk einem andern untertan sein dürfe, war am Genfersee innig beherzigt worden.

Vor dem Gasthof zum Goldenen Löwen hielt die Kutsche zum Pferdewechsel; Landvogt von Büren sprach den General an. «Wir erkannten einander sogleich wieder, und er erinnerte sich auf eine verbindliche Art, dass ich ihm ehemals in seiner Beförderung behilflich gewesen war», meldete er nach Bern.“

berns demonstrative gelassenheit …

man spürt es förmlich: ausser in morges wurde napoléon überall im arc lémanique als befreier empfangen. man ging auf die strassen, jubelte dem helden zu und warte nur darauf, dass er das alte regime in bern stürzen würde. diese nahm die bedohung zwar mit demonstrativer nonchallance auf. doch blieb man auf der hut, denn man wusste, dass kein sandstein auf dem andern stehen bleiben würde, wenn der korse, der es in der französischen armee bis an die spitze gebracht hatte, erst einmal zuschlagen würde.

vom geheimdokument im anhang des friedensvertrages von campo formio wusste man damals noch nicht, was die lage erträglicher machte, aber auch keine gelüste weckte. als man nämlich wusste, dass das österreichische fricktal zu haben war, spaltete sich die berner aristokratie in die abwehr- und kampfbereiten um den alten schultheiss, und die aufnahme- und verhandlungsbereiten um den säckelmeister frisching. die einen waren ganz altbernisch gegen jedwedes zugeständnis an den kleinen korsen, die anderen hoffte, dank zusammenarbeit jenen teil im heutigen kanton aargau zu bekommen, den sie 1415 bei der besetzung des damals noch habsburgischen aargaus nicht erobern konnten.

so wiedersprüchlich und falsch schätzen beide seiten, die sich am 4. märz 1798 im berner grossen rat zu tiefst stritten, die lage am im november davor noch ein.

bevor wir aber darauf eingehen, wollen wir zuerst hören, wie napoléons empfang auf dem plateau, in moudon und den anderen kleinstädten war, die noch ganz zu bern hielten. bis morgen …

stadtwamderer

teil 3 der serie: napoléon in der schweiz
teil 4 der serie: napoléon in der schweiz


Comments

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  1. Bruno Oetterli Hohlenbaum on November 25, 2007 13:34

    Zum Thema der viersprachigen Schweiz ist der erste Gedichtband eines Rätoromanen, der in allen 4 Landessprachen erschienen ist, ein wichtiger Beitrag: ANEMONA ALVA. 20 POESIAS, von Vic Hendry. Edition Signathur, 8580 Dozwil TG

  2. stadtwanderer on November 25, 2007 13:35

    besten dank, herr ötterli hohlenbaum, ich werde mir das mal ansehen!

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