teil 1 der serie: napoléon in der schweiz
teil 2 der serie: napoléon in der schweiz

1797 wurde bern von eine immer dünneren schicht von patrizischen familien regiert. 1643 hatte man beschlossen, den zugang zu dieser schicht erheblich zu erschweren. wer damals nicht berner war, wer sich nicht zum protestantismus bekannte, und wer nicht ein gewissen habliches leben führte, fand keinen zugang mehr zum hiesigen patriziat. die war aber nötig, um in den grossen rat, den senat der bernischen republik, aufgenommen zu werden. und wer nicht grossrat war, war vom politischen leben ausgeschlossen, hatte auch keine möglichkeit, landvogt oder kleinrat zu werden, das heisst, die republik im tagesgeschäft zu vertreten oder den staat auf dem land zu repräsentieren.


das damalige hotel „falken“, wo napoléons kutsche am 23. november 1797 halt machte, ging 1905 ein und dient heute als laden für c&a (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

der bernische senat vorkommt zur oligarchischen gerontokratie

der grosse rat zählte damals maximal 299 mitglieder; ernannt wurde man auf lebzeiten. wenn die zahl durch natürliche abgänge auf weniger als 200 sank, fanden neue wahlen statt. das war meist alle 10 jahre der fall. gewählt wurde aber nicht durch das volk, sondern in einem komplexenverfahren durch die bisherigen mandatsträger. wer zum grossen rat gehörte, versammelte sich in der regel einmal wöchentlich zur ratssitzung im heutigen rathaus. die führung der tagesgeschäft oblag dem kleinen rat, der jeden tag zusammentrat und vom schultheissen geführt wurde.

die zahl der familien, die sich für diese ämter rekrutierten, hatte vor allem im 18. jahrhundert kräftig abgenommen, sodass die regimentsfähigen familien teilweise durch mehrere grossräte vertreten waren. eine eigentliche blutauffrischung blieb jedoch auch, was sich auch politisch auswirkte: das berner patriziat begann sich zusehends abzuschotten: zunächst gegen unbotmässige untertanen, sei dies aus der bauernschaft oder dem bürgertum. dann aber vor allem gegen die französischsprachige minderheit in der waadt.

die gerontokratie, die herrschaft der alten, die der senat repräsentierte, bekam so immer mehr auch oligarchische züge.

der schwache ausfluss der französischenn revolution in bern

ökonomisch gesehen hing bern vor allem vom französischen königreich ab; senkundär war england von bedeutung. den revolutionären umschwung in frankreich hat man indessen wenig verstanden. man hat ihn vor allem als das ende der schweizer garde beim könig erinnert, während die erklärung der menschenrechte, die ausrufung der nation eher wenig wirkungen zeigte. bürgerliche bestrebungen nach gleichstellung in der politik wurden regelmässig abgelehnt und als verschwörungen verschrieben. selbst aufgeklärte patrizier – der universalgelehrt albrecht von haller war einer von ihnen – hatten es schwer, sich in bern gehör zu verschaffen.

einen bescheidensten reformversuch unternahm das bernische patriziat in den 1790er jahren, indem es an der berner akademie ein politisches institut eröffnet. philosophen sollten hier die söhne aus den verbliebenen patrizierfamilien erziehen. zu ihnen zählte insbesondere der theologe philipp albert stapfer, der als einer der drei professoren am institut wirkte. er war ein ausgesprochener anhänger von immanuel kant, und sein kantianismus galt als philosophische übertragung der französischen revolution ins geistesleben. stapfer war in bern denn auch einer der ersten, der positiv auf die umgestaltung der frankreichs im bürgerlichen sinne reagiert hatte, und der sich, als die helvetische revolution 1798 ausbrach, sie ihr als wortführer, politiker und minister auch zur verfügung stellte.

soweit war es an diesem 23. november 1797 aber noch nicht. in bern wartete man auf die ankunft von general napoléon bonaparte, der durch oberst wurstemberger von coppet aus angekündigt worden war. napoléon, seine kutsche und sein husaren befanden sich aber immer noch auf der anfahrt, die sie von lausanne aus auf das plateau der westschweiz und damit auf den harten boden der alten republik gebracht hatte. der empfang war durchwegs anders als noch im arc lémanique.

napoléon bonapartes kurzaufenthalt in der stadt bern

richard feller beschreibt das so:

„Moudon, die alte Hauptstadt der Waadt, blieb still, als Bonaparte eintraf. Vom Schloss Lucens her war Landvogt von Weiss herbeigeeilt, wurde aber nicht beachtet. Payerne rührte sich bei der Durchfahrt nicht. Im freiburgischen Domdidier hielt die Kutsche 8 Uhr morgens vor einer unsauberen Schenke an. Eilig wurde ein Frühstück aus Kaffee und gesottenen Eiern zusammengestellt.

Hier endlich konnten die Berner den General und sein Gefolge im Tageslicht betrachten. Der amtliche Bericht Wurstembergers ist verloren. Aber sein Sohn Johann Ludwig, der sich später als Offizier und Geschichtschreiber auszeichnete, spannte Auge und Gedächtnis und schrieb nachmals nieder, was sich ihm eingeprägt hatte. Bonapartes schlanke Gestalt war in einen blauen Waffenrock mit gesticktem Kragen gehüllt. Stark traten die Züge und der strenge Blick aus dem hageren Antlitz hervor. Die jungen Generale Junot und Marmont, die spätern Herzoge von Abrantes und Ragusa begleiteten ihn. Während er sich mit freundlicher Stimme an Wurstemberger wandte, waren sie wie vom Donner gerührt, wenn er sie anredete.

In Murten machte Bonaparte Halt, um das Beinhaus zu besehen. Er sagte zu seinen Begleitern: «Man wird den Platz mit 2000 Mann besetzen.» Wieder benötigte die Ausbesserung des Wagens Stunden; vielleicht sei es dem General gelegen gekommen, spät in Bern einzutreffen, deutet der junge Wurstemberger an. Er setzte sich zum Imbiss, den ihm Landvogt von Gottrau anbot. Über Tisch bemerkte er zu Wurstemberger, er sei von den Festlichkeiten seit Mailand so ermüdet, dass er sich in Bern nicht aufhalten werde. Die Stadt war ihm ersichtlich unangenehm. Da die französischen Husaren bis auf einen wegen Ermüdung der Pferde zurückgeblieben waren, begleiteten einige berittene Bürger von Murten im Waffenkleid den Wagen.

Ein Eilbote überbrachte am Morgen dieses Tages die Meldung nach Bern, Bonaparte werde im Nachmittag eintreffen. Darnach erfolgten die Vorbereitungen. Im Falken wurde ein Festessen, wurden die Zimmer für Nachtruhe gerüstet, die Begleitdragoner für .den folgenden Morgen aufgeboten. Wie Bonaparte die Höhe von Brünnen erreichte, wurde Geschütz auf der Grossen Schanze gelöst und begleitete ihn mit seinem Donner, als er bei sinkender Nacht durch das Tor fuhr. Das Volk drängte sich in den Gassen; aber keine Begeisterung beflügelte die Neugier, kein Ruf erscholl.

Der Wagen hielt vor dem Falken. Stadtmajor von Muralt anerbot dem General im Namen der Obrigkeit Gastlichkeit im Falken. Doch zu allgemeiner Überraschung lehnte Bonaparte ab; er wollte die Nacht zufahren, sandte Junot ab, dem Schultheissen von Steiger die Aufwartung zu machen, und wartete nur, bis Junot den Befehl vollzogen hatte. Am untern Tor schlossen sich die Berner Begleiter wieder an, die beiden Wurstemberger und statt Augsburger Emanuel Anton von Graffenried von Gerzensee und Geleitsherr Albrecht von Haller, der jüngste Sohn des grossen Gelehrten. Da die Dragonerdeckung erst auf den nächsten Morgen bestellt war, fuhr Bonaparte ohne Geleit ab, noch den letzten grünen Husaren an der Spitze.

Es war die zweite Nacht, dass sich Bonaparte den Schlaf versagte. Unheimliche Vorstellungen suchten seine Einbildungskraft heim. Wie er selber dem Land, das er durcheilte, das Kriegslos zudachte, so quälte ihn die Furcht vor einem englischen Hinterhalt. Bei Jegenstorf erreichte der Zug eine Schar Bauern, die dem Burgerspital in Bern den Zehnten entrichtet hatten und wie üblich bewirtet worden waren. Sie schrien dem General das landläufige Wort nach: «Es bleib‘ ein jeder Schelm in seinem Land!» Kurz vor Fraubrunnen rannte Bonapartes Kutsche an einen Steinhaufen und wurde beschädigt. Zu Fuss ging er mit seinen Begleitern nach dem Gasthof Zum Brunnen und holte hier das Nachtmahl nach, das er in Bern verschmäht hatte.

Hier erschloss sich Bonaparte zum ersten Mal, gleichsam erlöst, Bern hinter sich zu haben. Er liess sich von Junot den Besuch beim Schultheissen von Steiger berichten. Dieser war von der ehrwürdigen Erscheinung des Greises, der ihn mit seiner erlesenen Höflichkeit fast in Verlegenheit gesetzt hatte, entzückt. Wie er erwähnte, der Schultheiss trage den schwarzen Adlerorden Preussens, warf Bonaparte ein, er bedaure diese Schwäche eines Mannes, für den er soviel Achtung hege; der Schultheiss einer freien Republik sollte nicht einen fremden Orden tragen, den er nicht mit seinem Blut erworben habe. Er verwickelte Haller in ein Gespräch über die Einrichtungen Berns, von denen er wenig Kenntnis habe, und liess über die Waadt die Bemerkung fallen, es vertrage sich nicht mit den neuen Grundsätzen, dass ein Land über ein anderes herrsche.

Über der Mahlzeit nahte Mitternacht. Bonaparte wurde unruhig, weil keine Dragonerbegleitung zur Stelle war. Der letzte Husar konnte wegen Erschöpfung nicht mehr folgen. Bonaparte aber wollte die Reise fortsetzen, und als ihn Wurstemberger zu beruhigen suchte, entgegnete er: «Ich weiss, dass man mir nach dem Leben trachtet; ich weiss, dass Wickham weder Geld noch Mühe scheut, mich aus der Welt zu schaffen.» Er fühlte sich auf bernischem Boden preisgegeben und fand nach den Berichten der Teilnehmer kein Wort der Anerkennung für Bern. Man brachte einige Bauern zusammen, die in Halblein und weissen Zipfelkappen den General zu Pferd begleiteten.

Um ein Uhr morgens erreichte er Solothurn, wo zu der unerwarteten Stunde nichts für seinen Empfang vorbereitet war. Er verabschiedete die bernischen Begleiter, besonders freundlich den Obersten Wurstemberger. Um zwei Uhr fuhr er weiter, einem grossen Tag entgegen, betrat er doch den Boden des befreundeten Basel. In Bern hinterliess er eine fahle Erinnerung. Er hatte die Stadt über seine Ankunft im Ungewissen gehalten, wie er Feinde irre zu führen pflegte, und wie ein Nachtschatten das Land durchstrichen.“

freunde war nicht gerade geworden. das gegenseitige misstrauen, das zwischen bern und napoléon herrschten hatte aber zu einer distanzierten respektierung geführt. wenigstens für den moment, denn in den ersten märztag des jahres 1798 kamen die französischen truppen in die stadt, um die unbezahlte rechnung napoléons im hotel falken auf ihre art zu begleichen.

stadtwanderer

teil 4 der serie: napoléon in der schweiz


Comments

1 Comment so far

  1. von Wurstemberger Charles on Dezember 15, 2006 22:47

    Vielen Dank für diesen spannenden Beitrag.

Name (required)

Email (required)

Website

Speak your mind