natürlich haben sie es alle vergessen. der „spiegel“ erfindet wieder mal den deutschen, und die italiener stehen im banne des abgesetzten berlusconi, der sich öffentlich für seine flegelahften eskapaden bei seiner frau entschuldigen muss. die schweizer schliesslich sind damit beschäftigt, was die gründe für den swissair absturz waren.

der stadtwanderer scheint einmal mehr der einzig zu sein, der sich der historischen bedeutung des tages bewusst ist: am 2. februar 962, heute vor 1045 jahren, wurde otto I., der sachse, der könig von ostfranken war, zum neuen kaiser des römischen reiches gekrönt.

doch nicht nur: seine frau, adelheid, königin der lombardei, wurde gleichzeitig zur kaiserin erhoben. westeuropa hatte mit ihr erstmals eine kaiserin, die dem kaiser gleichgestellt war. denn adelheid war die consors regni. zusammen waren sie die konsorten des neuen römischen reiches!


die razzien der magyaren nach konstantinopel, rom und ins untergehende fränkische reich im 10. jahrhundert

unruhige zeiten im zerfallen frankenreich

476 wurde der letzte weströmische kaiser in die verbannung geschickt. anders als im osten, in konstantinopel, später byzanz genannt, gab es im westen danach keinen kaiser mehr. erst im jahre 800, als der fränkische könig karl in rom zum kaiser gekrönt worden war, kam der übergeordnete reichsgedanke zurück in den westen. er hielt sich aber nur 87 jahre; dann stürzten die franken karl III., den letzten legitimen nachfahren karls, der die kaiserkrone inne gehabt hatte, gleich selber. von da an war nicht mehr klar, wer kaiser werden würde. verschiedenen lokalen machthabern gelang es immer wieder, von neuem ein kaiserreich zu begründen, das diesen namen allerdings nicht mehr verdiente. und die zeiten waren unsicher im zerfallenen frankenreich: zuerst die normannen im westfränkischen teilreich, dann die sarazenen im mittelmeergebiet und schliesslich die magyaren im osten verunsicherten das leben nachhaltig.


der sachsenkönig otto I. besiegt mit den franken, schwaben und bayern die magyaren bei der schlacht auf dem lechfeld am 10. august 955

ottos aufstieg zum soldatenkaiser

otto I. gelang es als erstem, im osten wieder einigermassen für ruhe zu sorgen. vor allem magyaren hatten von ottos vater heinrich 933 eine erste, von otto selber 955 eine zweite lektion in kriegsführung erhalten. sie sollten sich in der pannonischen ebene niederlassen, und einen vasallenstaat ottos aufzubauen. und auch die sarazennen hatte otto namentlich in burgund, gemeinsam mit könig conrad, den er erzogen hatten, zurückgedrängt.

otto galt den zeitgenossen als imperator; sicher war er der soldatkaiser; vielleicht war er auch schon der neue caesar. aber zum erhabenen war er nicht geworden.


landnahme der besiegten magyaren in der pannonischen ebene

unterschiede im fränkischen und lombardischen reich

otto hatte nach 955 die zeit genutzt, weniger mit dem schwert, dafür mehr mit den bischöfen nördlich der alpen zu regieren. sein reichskirchensystem diente der christianisierung der germanischen bevölkerung; es sicherte ihm aber auch die macht in friedenszeiten. eine einflussreichen adel ausserhalb der königssippe gab es damals noch kaum.

in italien waren die verhältnisse anders. der papst hatte den untergang des römischen reiches überlebt, und seinen eigenen kirchenstaat zwischen rom und ravenna aufgebaut. rundherum hatten sich die langobarden breit gemacht. überall gab es unter ihren nachfahren einen adel, der einflussreich war und die herzogtümer resp. markgrafschaften nach eigenem gutdünken besetze.


die lombardische königin adelheid heiratet in pavia den ostfränkischen könig otto I (bilder aus dem fernsehfilm „theophanu“)

adelheids aufstieg in der lombardei

diese welt wiederum kannte adelheid. sie war eine prinzessin aus hochburgund gewesen, wurde aber zur lombardischen königin. anders als bei den franken war sie damit nicht nur staffage neben dem könig. vielmehr regierte sie mit. und nach langobardischem recht war sie, im todesfalle des königs, die alleinige erbin des königreichs, die mit ihrer heirat bestimmen konnte wer, neuer könig sein sollte.

951 hatte sich adelheid, die 19jährige, die wegen eines anschlages auf ihren mann, könig lothar, schon witwe war, für eine ehe mit otto I., den ostfränkischen könig entschieden. dank ihr war er nicht nur lombardischer könig geworden; er hatte so auch eine wichtige voraussetzung geschaffen, der neue kaiser zu werden.

doch ottos macht in italien war schwach. der papst verhielt sich reserviert, und der adel hatte sich dem markgrafen berengar II., dessen vater mal „kaiser“ gewesen war, verschanzt. so war otto auf biegen und brechen auf adelheid und ihre reichtümer in italien angewiesen, wenn er bis nach rom wollte, um sich zum kaiser erheben zu lassen.


die kaiserkrone der ottonen

die salbung und krönung in rom

das powerduo würde man heute sagen, die konsorten, wie man sie damals nannte, machten sich 961 tatsächlich auf, die kaiserkrone zu empfangen. im januar 962 war man in pavia, der alten königsstadt der lombardei, in der adelheid schon einmal gelebt und regiert hatte, angekommen.

zuerst musste man kräftig aufräumen, und signale setzten: die urkunden, die otto ausstellte, machten klar, wer hier regierte: die ganze ottonische familie, das heisst der könig u n d die königin, in deren namen er das neue recht sprach.

an maria lichtmess wollte man gemeinsam in rom sein. tatsächlich war der 2. februar 962 ein sonntag, an dem man von papst johannes XII. in der alten kaiserstadt empfangen werden wollte.

die eigentliche zeremonmie war gleich am ersten tag in der peterskirch: zuerst wurde otto gesalbt, dann gekrönt. und gleich anschliessend widerfuhr adelheid das gleiche.


die verhandlungen zwischen papst johannes XII. und kaiser otto I.

der kampf der theokraten

die tage danach waren verhandlungen gewidmet. der kaiser wollten bei der künftigen ernennung der päpste beteiligt sein; wenigstens bestätigt werden sollten die nachfolger petri durch das oberhaupt des reiches. alles andere wäre für otto nicht in frage gekommen. denn nördlich der alpen setzte er als könig die bischöfe ein; weshalb sollte er als kaiser deshalb den obersten bischof, den reichsbischof nicht bestimmen dürfen. der papst akzeptierte schliesslich, verlangte aber garantien für seinen kirchenstaat.

adelheid wusste, dass otto damit schwierigkeiten bekommen würde. sie hatte ihn gewarnt, war aber nicht durchgedrungen: der papst war es seit dem untergang des römischen reiches der antike nicht mehr gewohnt gewesen, jemanden über sich zu haben. er selber verstand sich als herrschender theokrat. er war der pontifex maximus, der grosse brückenbauer. kaiser brauchte er eher als feldherren, um die flussläufe zu sichern. einen zweiten theokraten, wie sich otto verstand, brauchte der papst nicht.

am valentinstag verliessen kaiser otto und kaiserin adelheid rom, um nach pavia zurückzukehren. doch der aufenthalt in der lombardei dauerte nicht lange: denn papst johannes XII. spielte ein doppelspiel.


der alte petersdom mit der basilika von kaiser konstantin

der kirchenstaat und seine günstlinge wehren sich

nachdem das kaiserpaar weg war, liess papst johannes XII. umgehend berengars sohn, adalbert, herzog von spoleto, der den opponierenden adel organisiert hatte, in seine stadt.

kaiser otto zürnte!

er kehrte gleich nach rom zurück, liess die bischöfe des reichs nördlich und südlich der alpen zu einer synode zusammenkommen, welche johannes als papst absetzte, und leo VIII. einsetzte, der den segen des kaisers hatte.

johannes wurde mit den denkwürdigen worten verurteilt: „Wisset also, dass ihr nicht von wenigen, sondern von allen Geistlichen wie Weltlichen angeklagt seid des Mordes, des Meineids, des Kirchenfrevels, der Unzucht mit Verwandten und mit zwei Schwestern“.

doch johannes gab nicht auf; noch bevor er starb, setzte er seinerseits leo als papast ab, und bestimmte benedikt V. zu seinem eigenen nachfolger.

dem gedehmütigten kaiser otto blieb nichts anderes übrig, als wieder nach rom zu kommen, benedikt ganz in den norden seines reiches, nach hamburg, zu verbannen, und leo erneut als nachfolge petri zu bestätigen.

das neue römische reich war zwar geboren, doch wurden geburtsfehler sichtbar: die ottonen strebten nach einer theokratischen herrschaft wie der kaiser in byzanz, doch der papst wollte davon nichts wissen.


die krönung von otto und adelheid zum kaiser und kaiserin des neuen römischen reiches

die konsorten des reiches: nur gemeinsam stark

965 erst konnten otto und adelheid die alpen überqueren, um sich in den wichigen bischofsstädten des norden, schliesslich auch in sachsen, seiner heimat als neuer kaiser feiern zu lassen.

immer aber war kaiserin adelheid an ottos seite. ohne sie wäre otto wohl nie könig der lombardei geworden. und ohne sie wäre er wohl auch nicht bis rom vorgelassen worden. und ganz sicher hätte er, ohne ihre vermittlung mit dem italienischen adel, die turbulenzen zwischen rom und pavia nicht überlebt. und das wusste er nun genau: nur dank seiner kaiserin aus der lateinischen welt konnte er sich als kaiser bei den germanen halten. denn sie waren nur gemeinsam die konsorten des neuen römischen reiches.

man vergisst das gerade heute noch am wenigstens in italien, wo frau berlusconi ihren mann öffentlich massregelt. man weiss es aber kaum mehr in deutschland, wo das männliche verständnis des kaisertums schon hundert jahre nach otto und adelheid überhand nahm. und man erinnert sich gar nicht mehr in der schweiz, weil man dem reich nichts zu tun haben will.

ausser dass der stadtwanderer unverändert zu seiner burgunderin adelheid, die aus bümpliz stammen könnte, steht.

stadtwanderer


Comments

Name (required)

Email (required)

Website

Speak your mind