kaum eine figur aus der burgundischen vergangenheit hat bis heute eine so schlechte presse. gerade das macht ihn aber unverändert interessant: hukbert von st. maurice. für die einen ist er der herzog von transjuranien, für andere reicht er gerade zum simplen strassenräuber, dem jede schandtat zuzutrauen war.

die tragödie der fränkischen reichsteilung

843 wird das fränkische kaiserreich geteilt. man beshwört zwar die gemeinschaft der brüder lohtar (dem kaiser), karl (dem kahlen) und ludwig (der germanen). faktisch unternimmt man aber alles andere: wo es geht werden sippenhaft geübt und fehden ausgetragen, zieht man unter ausnutzung von adelsrivalitäten und ethnischen gegensätzen militärisch gegeneinander ins felde, und wechselt man aus opportunistischen gründen schon mal ohne bedenken die herrschaftsseite. stück für stück geht das ehemalige kaiserreich dabei unter.

was die trägödie im grossen für den lokalen raum bedeutet, symbolisiert das wirken von hukbert im transjuranischen raum, vor allem im bistum lausanne mitte des 9. jahrhunderts.

das schwächste glied in der reichsteilung von 855 war karl, formell könig des wiederentstehenden burgund. bei seiner einsetzung war er gerade mal 10jährig, und er wurde von einer der vielen erbkrankheiten geplagt, die es in der karolingersippe zwischenzeitlich gab. sein alter und epileptischen anfälle erschwerten es ihm, das königreich burgund, wie vorgesehen, neu zu begründen; bereits mit 18 jahren starb er einen frühen tod.

hukberts aufstieg in transjuranien

das 855 entstandene machtvakuum zwischen norden und süden des mittellreiches entdeckte hukbert, ein exponent aus der sippe der bosoniden, die aus dem norden des mittellreiches stammte und sich im unteren rhonetal als grafen niedergelassen hatte. sippenziel war es, die weitläufigen fränkischen mittelreich entscheidenden verkehrswege zu beherrschen.

hukbert setzte 855 durch, dass seine schwester theutberga von lothar II. geehlicht wurde. damit war der lothringische könig eine förmliche muntehe nach fränkischem recht eingegangen, ohne aber seine friedelehe zu waldrada aufzulösen. bruder hukbert hatte im gegenstück das land zwischen jura und penninischen alpen erhalten, das mit dem jougnepass und vor allem mit dem grossen st. bernhard als verbindung zwischen saone- und potal entscheidend war. wer nicht übers rhonetal und mittelmeer nach rom wollte, musste hier durch.

dem kaiser und italienischen könig ludwig II. war die verbindung zwischen dem lothringischen könig und den bosonidischen adligen ein dorn im auge. hukberts verhalten war ihm von anfang an suspekt: würde er sich über den grossen st. bernhard nach süden ausdehnen und den italienischen könig bedrohen? oder würde er damit das nadelöhr des mittellreiches herrschen und als einfacher herzog von transjuranien in eine entscheidende position geraten?

um die unsichere lage im flachland zwischen jura und alpen zu klären, trafen sich die drei neukönige mit ihren beratern 856 im burgundischen städtchen orbe, – und bestätigten den teilungsvertrag von prüm, den ihr gemeinsamer vater festgelegt hatte! hukbert akzeptierte das, setzte aber durch, auch laienabt von st. maurice zu werden. damit vereinigte er die weltliche und kirchliche macht in seinem einflussgebiet, dem herzogtum transjuranien und seinem kernland, dem lausanner bistum.


zentraler ort des zerfallenden fränkischen mittelreiches: die herrschaft über den mons jovis, den heutigen grossen st. bernhard

der grosse bruch

was dann geschah, ist selbst für die rauhen sitten der damaligen zeit ungewöhnlich: könig lothar II., der mit seiner geliebten waldrada einen sohn gezeugt hatte, verstiess im jahre 857 seine ehefrau theutberga. er bezichtigte sie gar der inzucht mit ihrem bruder hukbert und verlangte, wenn auch vorerst erfolglos, ein geständnis.

hukbert verdammte den könig und belegte ihn mit sippenhaft. er sammelte nun seine getreuen, um die königlichen besitzungen in transjuranien zu besetzen und verteilte sie an seine spiessgesellen. der könig wiederum sammelte ein alemannisches heer, das gegen die aufständischen marschierte, gegen hukbert aber nicht ankam. er kannte in den bergen und tälern rund herum jeden winkel und verteidigte so eine stellung erfolgreich. vorsorglich trat könig lothar II. seine rechte über die südlichen bistümer belley und tarantaise in den alpen an seinen bruder, den kleinen könig karl, ab.

zwei jahre dauerte der partisanenkrieg im rhonetal, ohne dass es eine entscheidung gegeben hätte. 859 änderte könig lothar II. sein vorgehen. um den renitenten herzog zu besiegen, verbündete er sich mit seinem bruder, dem kaiser in italien. er trat ludwig II. die landstriche ausserhalb der bischofsitze und grafenorte in transjuranien ab. die zentren waren damit lothringisch bestimmt, das gebirge umland dagegen kam formell zur lombardei.

der spielball der fränkischen mächte

für hukbert wurde es angesichts der machtaufteilung ungemütlich. er setzte sich von st. maurice ab und floh, mit der verstossenen königin theutberga, zum westfränkischen könig karl dem kahlen. dieser sah im neuen verbündeten eine möglichkeit, selber hand auf den jupiterberg zu legen, wie der grosse st. bernhard damals nach römischer sitte immer noch hiess. dazu schenkte er hukbert die rechte über das renommierte kloster st. martin in tours, um dafür in st. maurice seinen direkten einfluss geltenden zu machen.

zwischenzeitlich eskalierte der konflikt zwischen lothar und seiner geschiedenen frau. um den flüchtigen hukbert zu diskreditieren, verfasste man 860 ein scheinbares geständnis der verstossenen königin, welche die vorwürfe bestätigte, und verstieg sich gar in die behauptung, die ehe sei nichtens, denn sie seu nur unter zwang, der von hukbert ausgegangen war, geschlossen worden. dieser habe so nach der königsmacht im mittleren frankenreich greifen wollen.

in transjuranien änderte das die verhältnisse nicht. könig karl der kahle musste einsehen, dass er, ohne seinen haudegen hukbert, nicht herr über st. maurice werden würde. ohne die bischofsstädte genf, lausanne und sion, die unverändert lothringisch waren, und ohne ihre umländer, formell in lombardischen händen, blieb er machtlos. 862 entsandte er deshalb hukbert erneut nach st. maurice, um jetzt den einfluss des westfränkischen königs zu sichern.

da starb der junge könig karl, eigentlich burgundischer herrscher, ohne die reale macht in burgund je erlangt zu haben. der kaiser ludwig II. nutzte die sich bietende gelegenheit für einen federstrich in transjuranien, denn die unübersichtlichen verhältnisse mit drei ansprüchen dienten nur einem: dem herrenlosen hukbert, kleriker in st. maurice und umstrittenen herzog von transjoranien.

die neuordnung durch den kaiser und den welfen

so erschuf kaiser ludwig II. die neue grafschaft st. maurice, die über das ganze westliche mittelland gebieten sollte. und er hatte auch schon einen neuen vasallen für dieses amt ausersehen: konrad II., sohn des grafen von auxerre, aus dem hause der aufstrebenden welfen. diesen beorderte er in die neue grafschaft. mit einem heer besetzte er das städtchen orbe. unmittelbar danach griff er der abgesetzten herzog von transjuranien an, – und besiegte ihn! für den unrühmlichen hukbert bedeutete dies auch das jähe lebensende.

der kaiser legte damit die basis für eine welfische herrschaft im oberen rhonetal. bajuwarische und alemannische herkunft, verwandtschaftliche verbindungen zu den karolingern, ein gewisser rückhalt der familie bei karl dem kahlen verbanden sich damit in der person von konrad II., der umgehend laienabt von st. maurice wurde. er sollte so die spätere herrschaft der burgundischen rudolfiner, seinen söhnen, enkel, urenkel und ururenkel begründen.

der weg dorthin offenbart, wie eine verkehrstechnisch wichtige region zum entscheidenden kampfplatz wurde, das das übergeordnete frankenreich in schritten zerfiel. im mittelreich von kaiser lothar I., das nach seinem tod durch gebietsteilungen unter seinen söhnen zerfiel, kam dem könig der bewaffneten wegelagerer am jupiterberg die machtpolitisch entscheidende bedeutung zu.

allen versuchen zum trotz, das entstehende hochburgundische königtum sakral zu bedeutet, darf man nicht vergessen: die basis der kommenden herrschaft war die macht über die wege am grossen st. bernhard.

stadtwanderer


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