in bern kennt ein jeder den prächtigen, mehrstöckigen erker am haus vis-à-vis der stadt- und universitätsbibliothek. doch weiss kaum jemand, wofür er in der stadtgeschichte steht. ich sag vorerst nur: es passt gut zum novara-komplex und zur bilderbuchkarriere des bartolomäus may in weltoffenen, spätmittelalterlichen bern!


1513, nach dem sieg der eidgenossen über die franzosen in novara vom kaufmann bartolomäus may begonnener erker an seinem wohnhaus zu bern (foto: stadtwanderer, anclickbar)

einwanderer im offenen bern

eigentlich waren sie italienier und hiessen sie maggi. nachdem sie ende des 14. jahrhunderts das berner burgrecht angenommen hatten, nannten sie sich aber may. 1427 stiegen sie zu den wichtigsten geldverleihern der stadt auf, als man die juden (erneut) vertrieb und sich von den christen nur die lombarden nicht an das zinsverbot der kirche hielten. zu beginn des 16.jahrhunderts waren sie die reichsten berner überhaupt.

bartholomäus wurde 1446 geboren, und er starb 1531. dazwischen liegen 85 jahre, – bewegte jahre kann man sagen, in denen die spätmittelalterliche eidgenossenschaft einen ungelaublichen wandel durchmachte: der erste bürgerkrieg unter den verbündeten wurde beendet, und die ausschliesslichkeit der bünde gegenüber habsburg hielt man schriftlich fest. der thrugau wurde erobert, und der burgunderherzog erlebte unter anderem wegen den eidgenossen sein bitteres ende. das stanser verkommnis unterzeichnete man, und solothurn, freiburg, basel, schaffhausen und appenzell wurden vollwärtige mitglieder der eidgenossenschaft. diese errang im schwabenkrieg gegen den deutschen könig maximilian eine autonome stellung im reich, die es erlaubte, mit frankreich und dem papst neue militärbündnisse einzugehen, die europäische geschichte schrieben. schliesslich bracht in zürich, bern und basel die reformation aus, welche die verselbständigte eidgenossenschaft religiös und gesellschaftlich spaltete.

kaufmann, vor allem auch edelsteinhändler

bartolomäus slber profitierte davon, im weltoffenen bern des späten mittelalters gelebt zu haben. man war wer geworden, hatte königliche aufträge wahrgenommen, in der eidgenossenschaft eine führende rolle eingenommen, und man war in wirtschaft, politik und kultur ein treffpunkt für die europäische elite geworden.

schon der junge bartolomäus war ein kosmopoliti. er wurde in mailand als kaufmann ausgebildet. er sprach fliessend italienisch, deutsch, französisch und latein. er hatte verkehrte mit halb europa, kannte überall händler, gelehrte und staatsmänner.


müsterngasse heute, wo nach 1490 der reichste berner seiner zeit, bartolomäus may, wohnte (foto: stadtwanderer, anclickbar)

in bern führte er südfrüchte ein und spezereien. er pachtete das monopol für das burgundische salz in der ganzen eidgenossenschaft. geld machte er auch mit dem tuchhandel, mit dem baumwoll- und lederwaren. schliesslich importierte er auch verschiedene metall und edelsteine in bern.

berühmt geworden war durch den verkauf des grossen diamanten, den karl der kühne an seinem schwert trug. bern hatte ihn in den burgunderkriegen erbeutet, geriet aber unter druck, als dies ruchbar wurde. in genua hat bartolomäus das schmuckstück verkauft, von wo es direkt an den späteren papst julius II. ging. der trug ihn auf seiner dreistöckigen krone.

politiker, bauherr, kunstmäzen

bern diente der erfolgreiche kaufmann zuerst als gesandter in italien, savoyen und frankreich, dann als grossrat. der senator wurde schultheiss von thun (wie ich auch), bevor bartolomäus 1494 in seiner vaterstadt in den kleinen rat eintrat. nur schultheiss wurde eer nie. begütert war er vor allem in aaretal. die herrschaften amsoldingen und toffen gehörten ihm persönlich.

67jährig war bartolomäus schon, als er an der schlacht von novara teilnahm. bei der rückkehr führte er den jungen bärenmit, den man den franzosen abgenommen hatte. er war es auch, der den ersten bärengraben am bärenplatz errichten liess. ein brunnen in der nähe, mit einem söldner und einem bären drauf, erinnert heute noch daran. parallel dazu liess er an seinen beiden häusern an der münstergasse den einzigartigen erkerbau anbringen.

der alte mann verkehrte gerne mit den ehrbaren berns. er war mit dem stadtarzt, balerius alnselm befreundet. näher kannte er auch berchtold haller, den leiter der müsterkirche. unter er förderte auch niklaus manuel, den maler und dichter berns. doch die waren allen nicht mehr von gestern. sie waren drei der entscheidenden personen, die 1528, kurz vor bartolomäus‘ tod, entscheidend für die einführung der reformation in bern. zwingli war sich der bedeutung des kaufmanns, politikers und mäzenen für das morgen sehr wohl bewusst; er widmete ihm eigens eine schrift über das abendmal der neuen kirche.


kräftiger narr, der in seinem nacken einen korb mit erker trägt – gesellschaftliche symbolik der neureichen berns an der schwelle vom mittelalter zur neuzeit? (foto: stadtwanderer, anclickbar)

wie ein nobilitierter

der stadtwanderer hält sich gern an der münstergasse auf, wo bartolomäus may in bern sein sässhaus hatte, das zum bevorzugten treffpunkt berns an der schwelle vom spätmittelalter zur frühen neuzeit geworden war.

er, der standkenner, staunt immer wieder über den narren am hause der mays. eigentlich trägt er in seinem korb im nacken den erker, dank dem der bemerkenswerte bartolomäus wie ein nobilitierter seiner stadt wirkte. irgendwie sympathisch, dass der reichste seiner zeit, keine strenge herrschersymbolik wählte, sondern schon fast ein ketzerisches bild, worauf seine bilderbuchkarriere in bern gründete!

stadtwanderer


Comments

2 Comments so far

  1. Hans on August 29, 2007 11:48

    Ich bin schon oft an diesem Haus vorbeigegangen, und habe den Erker immer wieder gesehen. Danke, Stadtwanderer, dass du mir den bisher unbekannten Hintergrund so einprägsam verständlich machen konntest.
    Ich bin auch erstaunt, wie offen und aufnahmefähig bern an der Schwelle zur Neuzeit war.

  2. stadtwanderer on August 29, 2007 17:09

    lieber hans
    merci für die blume, die ja auf diesem weg schon im erkerfenster steht!
    ja, die lebensfreude im spätmittelalter, das ist ein vergessen gegangenes thema. ich sehe das so: mit der pest sind die gesellschaftlichen controller wie kirche und stadtadel in verruf geraten. sie hatten immer schutz versprochen, der auf einmal nichts mehr wert war. daraus ist ein neues lebensgefühl entstanden: das, dass man dem unvermeidbaren tod entronnen ist, und immer noch lebt. kontrolliert war es kaum mehr, denn die bewegung erfasste selbst die kirche, die klöster und die pfarrherren.
    die wachsende zahl der sittenmandate, die man in der städten durch die administration erlassen musste spricht dafür. und mit dem aufschwung des soldwesens kamen auch mehr leute aus stadt und land in andere gegenden, und brachten sie auch neue sitten mit.
    man kann es auf eine einfache formel bringen: das lachen auf den gassen der spätmittelalterlichen städte wie bern fand eigentlich erst mit der reformation ihr ende. doch das ist auch die schwelle zur neuzeit.
    ich werde mich dem thema mal vertieft annehmen. vorerst empfehle ich das lebensgefühl in den bildern des spätmittelalterlichen malers hieronymus bosch zu studieren! zum beispiel der garten der lüste!

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