erlacherhof an berns junkergasse (foto: stadtwanderer, anclickbar)

station 5 meiner stadtwanderung zur demokratiegeschichte in der schweiz

station 4: „politisierte philosophen“
station 3: „der gar nicht so harmlose stecklikrieg“
station 2: „der untergang des alten bern“
station 1: „politische kulturen und politische herrschaften“

wir stehen vor dem erlacherhof. im 18. jahrhundert im französischen stil erbaut, ist es bis heute das schönste palais berns. aktuell ist es der sitz der stadtregierung. vormals war es tagungsort des bundesrates, der 1848 die geschicke der schweizerischen eidgenossenschaft in die hände nahm. 1798 residierte hier die französische generalität, die das berner land besetzt hielt.

welche merkwürdige und unrühmliche rolle der erlacherhof spielte, als das alte regime definitiv gestürzt wurde, soll uns auf dieser station der stadtwanderung interessieren.

der wiener kongress und die folgen

1815 wurde die helvetische republik endgültig beerdigt. 1803 hatte sie napoléon bonaparte selber gemässigt, und 1813, bei seinem sturz, verschwanden die ideen, projekte, werte und institutionen der französischen revolution fast überall in der schweiz.

der bundesvertrag von 1815, in wien erlassen, brachte zahlreiche veränderungen: das welsche element wurde gestärkt, indem wallis, genf und neuenburg neue kantone der schweiz wurden, und der jura zum kanton bern kam. frankreich sollte geschwächt werden. die neuen grenzen wurden erstmals völkerrechtlich garantiert. neue innere spannungen sollten vermieden werden, indem die schweiz aussenpolitisch neutralisiert wurde. die stellung der kantone wurde zudem erhöht. sie waren alle gleichberechtigt, weitgehend auch souverän. sie schlossen sich, nur dort, wo es gemeinsame interessen gab, zu konkordaten zusammen. innerhalb der kantone dominierte aber wieder das hergebrachte: die hauptstädte hatten ihre vorrechte zurückbekommen, und die alten eliten regierten sie erneut.

die restauration der alten verhältnisse mochte sich jedoch nicht dauerhaft halten. der bundesvertrag war das produkt des wiener kongresses gewesen, und er stützte sich auf die verlierer im gesellschaftlichen und politischen modernisierungsprozess. gewinner sollte das städtische bürgertum werden, vor allem in jenen städten, die wieder bevormundet wurden.

die zweite französische revolution und die folgen

die wende brachten die wahlen in england von 1829. die liberalen triumphierten über die konservativen. 1830 wurde auch der letzte bourbone als französischer könig, charles X., abgesetzt; die julirevolution erhob louis philipp zum bürgerkönig, und mit ihm übernahm das liberale grossbürgertum die politische macht. bald sprang der funke auf belgien, polen und italien über.

in der schweiz entzündete das revolutionäre feuer im tessin. die tessiner konservativen, von wien aus gestützt, waren in einen grossen bauskandal verwickelt. eine breite volksbewegung empörte sich, und sie setzte die herrschaften ab. die liberale bewegung war geboren. rasch griff sie auf andere kantone über, wie die waadt, freiburg, luzern, solothurn und den aargau.

anders als in frankreich war die liberale bewegung der schweiz nicht grossbürgerlich geprägt. sie verlangte auch nach keinem bürgerkönig. vielmehr war sie von kleinbürgerlichen charakter und wollte sie im alltag sichtbare veränderungen sehen. anwälte aus den städten, wirtsleuten aus den dörfern, handwerker und bauern von überall machten die schweizeirsche liberale bewegung von 1830 aus.

ihre zentren waren auf dem lande. uster im kanton zürich, burgdorf im kanton bern.

die liberale bewegung im kanton

man kämpfte vor allem gegen die pressezensur, welche nicht nur die bernischen zeitungen kontrollierte, sondern auch die auswärtigen, wie die neue zürcher zeitung verbot.

man verlangte freiheit.
meinungsäusserungsfreiheit.
gewerbefreiheit.
handelsfreiheit.

man wollte die bürgerlichen rechte, welche die aufklärung vorbereitet und die französische revolution zum programm erhoben hatte. jetzt sollte die restauration rückgängig gemacht werden. erneuert werden sollte die politik. regeneration als politischer begriff entsteht.

ende 1830 gab das alte regime auch in bern dem druck der bevölkerung nach. am 6. dezember erliess es einen aufruf, die forderungen der unterdrückten bürger und bauern in form von petitionen zu sammeln. bis ende jahr sollte man zeit haben, sich zu äussern. schon am 7. januar 1831 legte man einen entsprechenden bericht vor. und am 16. januar 1831 war es soweit. der schultheiss der stadt bern höchst persönlich stellte dem grossen rat den überraschenden antrag, das patriziat möge, da es vom volks nicht mehr akzeptiert sei, von der regierung zurücktreten.

eilends wurde ein verfassungsgebender rat einberufen, der auf liberaler basis die neuen rechtsgrundlage des kantons bern schaffen sollte. ein repräsentative demokratie, basierend auf den prinzipen der gewaltenteilung, wurde geschaffen. ende jahr war die friedliche revolution vorbei.

die leistung ist nicht zu unterschätzen: erstmals hatte sich das volk eine eigene verfassung gegeben. kein könig hatte sie erlassen, kein schultheiss hatte sie bestimmt. kein militär hatte sie durchgesezt. und keine diplomaten hatten sie vermittelt. vielmehr war das volks erwacht und hatte es sich selber verfasst. erstmals blieb das verbindlich!

das letzte zucken der patrizier in der stadt

der kanton bern wurde nun durch die liberalen kräfte neu aufgebaut. nur in der stadt bern stemmte man sich noch gegen die neuerung. auf die herrschaft über ihre stadt wollten die patrizier nicht so schnell verzichten. dem siebner, ein rat aus 4 burgern, wie sich die partrizier jetzt nannten, und 3 nicht-burgern, oblag die sicherheit in der stadt. da bahnte sich eine eigentlicher putsch an. im erlacherhof hatte der siebner waffen und munition versteckt, – zu ihrer eigenen sicherheit. als verschwörer gegen die neue herrschaft wurden sie jedoch entlarvt, welche den erlacherhof als ihr hauptquartier für die konterrevolution ausersehen hatten. verhaftet wurden sie, und den neuen gerichten des kantons als erster grosser fall zu aburteilung vorgeführt.

gemeinden und volksschulen – die errungenschaften der liberalen

die liberale bewegung hat viele bleibende veränderungen im bernischen staatswesen bewirkt. zwei seien besonders erwähnt: die bildung von gemeinden, und der aufbau von volkssschulen.

1831 war der kanton noch ganz in der tradition der landvogteien ausgerichtet. seit dem 14. jahrhundert hatten die patrizier abwechslungsweise ein amt versehen, es geordnet, es zum ackerbau mit korn und wein angeleitet, und es seiner jungen söhne für das soldwesen beraubt. damit sollte jetzt endgültig schluss sein! als wichtigeste massnahme gegen die macht der abgesetzten landvögte teilte man ihre ämter auf. aus jeder siedlung sollte eine gemeinde werden. jede gemeinde sollte wie der kanton funktionieren: ein freistaat sein, der sich selber organisieren würde!

das hat gewirkt. die macht der patrizier auf dem land ist nachhaltig gebrochen worden. neue eltien, wirtsleute, grossbauern, handwerker übernahmen nun die kleinstkommunen. und sie regierten sie auf ihre weise. bis heute! heute findet man allerdings, gerade auch in liberalen kreisen, man sei 1831 zu weit gegangen: 400 kleinrepubliken im staate bern seien u viel. vereinfachen müsse man das, kosten sparen wollen man so, und eine bessere koordination der kommunalen aufgabenerfüllung wolle man erreichen. hätte man damals, in der panischen angst vor der reaktionären politik, nur nicht so überragiert, kann man da nur beifügen.

bis heute unbestritten richtig war die zweite grosse tat der liberalen: die volksschulen, die zur wichtigsten gemeinde aufgabe wurden. sie sollten die zöglinge der wirte, der bäcker, der schmiede, der bauern erziehen, um auch aus ihnen bürger zu machen, befähigt, bei wahlen eigene entscheidungen zu treffen, und ermutigt, die eigenen gemeinde zu verwalten. was philipp albert stapfer eine generation zuvor erträumt hatte, realisierten nun die liberalen unter philipp emanuell von fellenberg, einem offen gesinnten erzieher aus traditionsreicher familie.

1834 wurde auch die bernische hochschule gegründet. sie löste die akademie, die seit der reformation bestanden hatte, ab. sie bildete nun nicht nur reformierte theologen aus, sondern auch mediziner, um die volksgesundheit zu verbessern. vor allem aber unterrichtete sie juristen, für die neue staatsverwaltung und für das kantonsgericht. gerade im bernischen staatsrecht machte sich der liberale geist schnell breit: regeneriert wurde das juristische denken, und es sollte in die gesellschaft ausstrahlen.

der kern der neuen bewegung für mehr demokratie

unter den juristen entstand in den 1830er auch eine politische richtung, die weiter ging, als die liberalen. sie nannte sich radikal. sie wollte die alten eliten nicht gegen neue ersetzen. sie wollte die volksherrschaft, welche die französische revolution verheissen hatten, endlich realisieren.

wo sich die radikalen in bern trafen, um ihre programme und taten zu entwickeln, erzähle ich das nächste mal.

stadtwanderer


Comments

1 Comment so far

  1. Gemeindefusionen im Kanton Bern « Harald Jenk on Dezember 22, 2009 18:53

    […] der fusionierten Gemeinden, ist auch kein wesentlicher Demokratieverlust zu befürchten. Bei einem Rundgang mit dem Stadtwanderer habe ich vor zwei Jahren allerdings gelernt, dass ein wesentlich Grund für […]

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