die kleine serie zu tells (vermeintlichem) 700. geburtstag:

teil 2: warum tell keine mutter und töchter hat
teil 1: tells grosser auftritt

die entdeckung des bundesbriefes von 1291 brachte mitte des 18. jahrhunderts nur in historikerkreisen das tradierte bewusstsein um die staatswerdung der schweiz durcheinander. die breite öffentlichkeit interessierte sich noch nicht für die sich anbahnende verschiebung des wesentlichsten datums der schweizer geschichte.

doch dann kam alles anders!

als der bundesrat 1889 beschloss, die feier zur staatsgründung der schweiz auf das jahr 1891 vorzuverlegen und das parlament dem antrag ein jahr darauf zustimmte, kam bewegung in die sache. denn der staatstragende freisinn wollte den 1. august als fest des bürgerlichen burgfriedens zwischen radikalen und konservativen verstanden wissen. und die katholisch-konservativen waren erstmals bereit, darauf diesen vorschlag einzusteigen. als gegenstück sollten sie einsitz in die landesregierung
erhalten, und ihnen sollte die möglichkeit der partialrevision der bundesverfassung gewährt werden. denn die beiden wichtigsten lager im bundesstaat hatten zwischenzeitlich die politische vision der patriotisch geeinten schweiz vor augen.

der tell der urner

in der innerschweiz jedoch regte sich widerstand gegen diesen modernisierungspakt – und gegen seine politische symbolik. die war den berglern zu zentralistisch, zu fortschrittsorientiert und zu stark auf das bewusstsein der städter ausgerichtet. so war man nicht bereit, auf tells herkömmliche geschichte und datierung zu verzichten. man verlangte nach dem tell der tradition, der berge und täler, nach dem tell der die föderalistische vielfalt repräsentierte.


seine armbrust weist nach hinten: der traditionalistische tell der urner in seinem denkmal von 1895 in altdorf

1891, während des jubeljahres in bern, eröffente man in uri einen wettbewerb zur erneuerung des tellendenkmals in altdorf. 30 eingaben wurden gemacht, die sich an strengen vorschriften für die charakteristik des vorbildes zu halten hatten. es obsiegte der künstler richard kissling, der unsere bildliche vorstellung vom nationalhelden genauso nachhaltig geprägt hat wie friedrich schiller mit seinem drama die literarische.

alexander muheim, der urner landammann von 1895, der das denkmal in altdorf einweihte, umschrieb das so: „Kisslings Tell hatte es von der ersten Stunden an dem Herzen, dem patriotischen Gefühl und dem ächten Kunstsinne angetan. Er zeigte Leben, Empfindung und Seele, war kräftig, muthig, entschlossen, von edlem Stolze und dennoch schlicht-einfach, ein wirklicher Urner Bauernmann, kein Theaterheld, kurz, ein Tell wie er einstmals leibte und lebte, wie er die Freiheit aus den Urner Bergen ins Thal gebracht hat.“

obwohl es dem künstler überlassen worden war, tell mit oder ohne seinen sohn walter zu zeigen, entschied sich kissling für die generationenverbindende kombination. anders als die drei weiteren prämierten entwürfe, entschied sich kissling aber, nicht den tell zu zeigen, der den gesslerhut missachtet. vielmehr ist kisslings tell der bergler, der wandernd in sich ruht und von selbstvertrauen gestärkt auf festem fels steht. seine haltung verkörpert die entschlossenheit, die kraft und den schutz. er umschlingt den sohn, der es ihm mit einem bewundernden blick verdankt.

wer die hochtrabenden geschichten über tell nicht kennt, sieht in seinem denkmal nicht den stilisierten rebellen, auch nicht den theatralischen helden. er sieht den wahrer des vaterlandes, den vater der familie, die sicherheit der schutzbedürftigen.

der tell des bundesstaates

ganz anders stellte unmittelbar nach kissling der berner ferdinand hodler seinen berühmt gewordenen tell dar. in gewissem sinne war er die reaktion der fortschrittgläubigen auf die reaktion der traditionalisten.


seine armbrust weist nach oben: der fortschrittliche tell im bild von

ferdinand hodler, 1896 an der landesausstellung erstmals gezeigt
mit holdler sollte der zeitgemässe tell zur jahrhundertwende entstehen. die ursprüngliche skizze hatte er für das landesmuseum in zürich gemacht. 1896 schrieb dieses einen wettbewerb für die ausschmückung der aussenfassade des waffensaals aus. holder entschiede sich dabei für die szene von gesslers tod. soeben vom pfeil getroffen, liegt gessler in hodlers gedankenentwurf schwer verwundet am boden. nur noch zwei diener halten zum ihm. tell, der erfolgreiche schütze, entfernt sich vom tatort, die linke hand noch an der tatwaffe, die rechte erhoben geöffnet gegen sein volk. ihn habe ich erledigt, euch will ich führen.

für seine finale darstellung löste hodler tell aus der szene des tyrannenmordes heraus. das war dann doch zu viel! er arbeitete tell aber aufgrund der ersten skizze als ebenbild aus: so wie wir ihn bis heute kennen. 1896 wurde das bild an der landesausstellung erstmals gezeigt und als höhepunkt der patriotischen schweizer kunst gepriesen.

wie anders wirkt diese gestalt des tells, wenn man an die figur in altdorf denkt. kein sohn mehr ist mehr da, der geschützt sein will. keine eindeutige landschaft mehr erkennt man im hintergrund, die heimat ist. und kein bergler wandert da, der seinen weg geht.

vielmehr hat hodlers tell einen eindringlichen blick, einen helvetischen haarwuchs – und kein socken. er ist kein tölpel, der in die welt tritt, sondern ein anführer, der sein volk einigt.

tells körper bebt bei hodler noch von der tat. seine beine sind so breit wie der schlagbaum. sein hand so eindringlich wie das signal. die politische mission dominiert und sie lautet: an mir kommt niemand mehr vorbei! ich bin das mass der kommenden dinge.

kisslings tell kam aus der vergangenheit, doch holders version hatte die zukunft vor augen.

stadtwanderer

mehr zu tells 1001 und einem gesicht:

uli windisch, florence cornu: tell au quotidien. zurich 1988


Comments

2 Comments so far

  1. Alois Imhof on November 20, 2007 14:32

    Guten Tag, Herr Stadtwanderer!
    Gratulation für Ihre feinfühlige Darstellung. Ich bin auch der Meinung, es wäre besser, den Tell aus den Bergen von politischen Ideologien zu befreien, die ihn seit Schiller immer wieder gefangen gesetzt haben. Wir mich ist der das gute Vorbild der Naturmenschen, dem wir alle mehr nachleben sollten.
    Alois Imhof

  2. stadtwanderer on November 20, 2007 15:04

    danke für die blumen!
    in sachen vorbilder, bin ich ein wenig gespalten. ich finde es gut, solche zu haben. DAS KANN AUCH ANSPRON SEIN.
    doch muss man auch aufpassen, dass es nicht VERKLÄRTE heilige werden. das steckt häufig MEHR projektion drin als realität. und das kann auch TÄUSCHEN.
    DENN IN DER LEGENDENBILDUNG KLAMMERT MAN GERNE DAS AUS, WAS NICHT ZUR PROJEKTION PASST.
    tell wurde zwar nie von der kirche kanonisiert. hätte das volk aber unverändert das recht, seine heiligen selber zu bestimmen, wäre er sicher ein heiliger geworden!
    ps:
    der tell von altdorf ist mir auch sympathischer als man andere darstellung von ihm!

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