genf feiert. den 500. geburtstag von jean calvin. und den 450. geburtstag der genfer universität, deren vorläufer, die akademie, von calvin begründet worden. doch calvin hat auch in genf nicht nur anhänger, und er polarisiert in der schweiz unvermindert.

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jean calvin, genfer reformator, ein mann mit vielen gesichtern

kaum eine andere figur steht so für genf wie calvin. der jurist aus frankreich stieg mit der reformation im savoyisch-katholischen genf zur einer theologischen autorität auf. der ausländer konnte kein politisches amt bekleiden, regelt aber mit seiner autorität das gesellschaftliche leben neu, lehrte ein neues, unmittelbares verständnis von gott und begründete die schule neu. er unterstützte die autonomiestrebungen genf gegen der weltlichen und kirchlichen mächten. mit seinen schüler suchte er eine vermittlung gegenübr den reformierten orten der eidgenossenschaft, vor allem gegenüber zürich, aber auch bern und basel. dank seiner intellektuellen autorität strahlte er abr auch weit über seinen unmittelbaren wirkungsort aus. starke einflüsse zeigten sich vor allem auf frankreich, aber auch in italien und in den niederlanden wurde seine stimme gehört und wurden seine schriften gelesen, sodass man ihn nach luther durchaus den zweiten reformator an der schwelle der mittelalterlichen welt zur neuzeit, jedenfalls zur frühen neuzeit nennen kann.

und trotzdem spürt man selbst in genf immer wieder auch skepsis gegenüber dem eingewanderten franzosen, der genf so nachhaltig veränderte. während seiner wirkungszeit kamen zahlreiche glaubenanhänger von calvin in die rhonestadt, deren einwohnerzahl sich innert einer generation auf 20’000 verdoppelte. das hat nicht allen gefallen, und so gibt es immer wieder stimmen, calvin sei den genfern gleich. bei unseren recherchen vor ort erfahren wir, das ein prominentes podium im gedenkjahr zu calvin ausgerechnet von einem katholiken moderiert werden soll. denn eines ist unübersehbar: der reformator waren in seiner zeit umstritten, wurde vorübergehend aus der stadt verwiesen, kam zurück, um die rekatholisierung zu vermeiden, spaltete aber die bürgerschaft in verschiedene, unter sich zerstrittene lager, sodass ihm uns seiner reformation bis heute auch etwas sektierisches anhaften. die zeit selber war eine zeit von katastrophen. so wütete die pest. die anhänger calvins schreckten nicht davor zurück, die ursache hierfür bei ungläubigen zu suchen, die zur strafe nicht selten zu schrecklichen todesstrafen verurteilt wurden.

auch deshalb polarisiert jean calvin bis heute: in genf eher verdeckt, in der schweiz recht offen, weltweit wieder etwas weniger klar. geschichten ranken um ihne herum, die alle eigenschaften von freund- oder feindbildern tragen. zwischen befreier der genfer und taliban der reformation kann man jede einschätzung abrufen. das negative aus der zeit heraus scheint bis heute zu überwiegen, wäre nicht das positive, das er, insbesondere mit den kulturellen grundlagen legte, welche die entwicklung europas seit dem 17. jahrhundert prägten: den wirtschaftlichen aufschwung, den die hugenotten, calvins vertriebene anhänger, die beispielsweise als flüchtlinge in die schweiz kamen einerseits, der aufgeklärte humanismus und individualismus, der sich mit der veränderten ökonomischen situation vor allem in der urbanen, kosmopolitisch ausgerichteten welt zu entwickeln begann.

stadtwanderer


Comments

1 Comment so far

  1. Tine on August 12, 2009 19:42

    ich finde es gut, ein Gedenkjahr dazu zu nutzen, das Gute und das Schlechte in den Vordergrund zu rücken. Jubeljahre allein bringen nicht weiter. Aber Gedenkjahre.

    in Deutschland gibt es sogar einen Calvin-Wein:
    „in Calvino veritas“

    http://www.reformiert-info.de/2296-0-4-2.html

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