mein zug kommt um 9 uhr 59 in lenzburg an. im einladungsmail steht, dass ich um 10 07 in der ausstellung sein werde. denn acht minuten braucht man wandernd bis zur ausstellung „nonstop“ des stapferhauses.

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sibylle lichtensteiger vor der rückseite der schliessfächer für die uhren der besucherInnen ihrer ausstellung „nonstop“, bei der es um die geschwindigkeit unserer zeit geht

sibylle lichtensteiger hat mit ihrem team die expo des momentes konzipiert. schon beim empfang merkt man, dass sie tempo wegnehmen will. die gelernte historikerin begleitet mich in einen wartebereich. durch eine schleuse tritt man in den entschleunigungsraum – einer gelungenen mischung aus duschraum im zivilschutzbunker und orientalischer gartenoase. erfrischt werden soll hier das gemüt: zuerst hört man wassertropfen, mit denen man in der antike die zeit mass. dann wird heftig kommuniziert, um den takt vorzugeben, bis schliesslich unsere mobilität zum akustischen thema wird, die alles möglich erscheinen lässt.

„das sind unsere tempomacher“, erklärt meine führerin. und geleitet mich ohne verzug zum nächsten thema. man wähnt sich im regieraum einer fernsehstation, als sie ihre lieblingsclips auf sechs bildschirmen vorspielt. alle haben sind sie dem gefühl gewidmet, wie geschwindigkeit im alltag entsteht. da spricht der chefredaktor der pendlerzeitung „20 minuten“ über konkurrenz im mediensystem, die es nötig mache, auf den bürger als journalisten zu setzen, der sich per zufall am ort des geschehens befinde und in noch weniger als 20 minuten seine bilder und eindrücke weltweit verbreiten könne. oder es sinniert der migros-manager für die convenience-linie über sensationelle wachstumsraten, die man damit erziele, die zeit vom einkaufen des essen bis zu seinem verzehr stets zu reduzieren.

wer meint, es gehe bei nonstop in diesem rhythmus weiter, wird überrascht. denn die besucherInnen werden beispielsweise auch in eine bar gelockt, wo es um lebensgeschichten zum thema zeit geht. statt einer nüsslischale bekommt man einen plattenteller serviert, und auf der drinkkarte kann man eine der vielen zeit-beschreibungen auswählen, die der geschichtenkeeper servieren kann. ich entscheide mich für die von kathrin nadler, der stadträtin von lenzburg, die aus der politik auszustieg, um ihre eltern in den tod zu begleiten. und da wird es persönlich, denn ich habe die beiden menschen, deren lebensende erzählt wird, gekannt, ohne je die muse zu finden, mich von ihnen zu verabschieden.

überhaupt, der mix an ideen ist es, der in der ausstellung nonstop gefällt. wer möchte, kann sein lebenstempo im psychotest bestimmen lassen. wer sich danach nicht gut fühlt, kann sich gleich an einen zeit-therapeuten wenden. wessen ding das alles nicht ist, kann im estrich die momente des glücks nachlesen, als die welt unserer zeitgenossInnen stillstand, oder im kino zusehen, wie kindergartenkinder mit viel, viel mühe scherenschnitte machen und behinderte falzprospekte fast unendlich langsam einpacken. und wer es gerne ganz neutral hat, lässt sich einfach von wissenschafterInnen in die sichtweisen der geschwindigkeit einführen, die physiker, sozologinnen und kulturschaffende betonen.

ganz am anfang des rundgangs werden allen besucherinnen gebeten, sich der gesellschaftlichen zeit zu entledigen, um zur eigenzeit zu finden. deshalb gibt man alle uhren, handies, fotoapparate und notebooks in einem schliessfach ab. selbstverständlich tat auch ich das. als mich sibylle lichtensteiger am ende der führung die berühmten acht minuten zum bahnhof begleitete, merkte ich, wie gründlich das auf mich gewirkt hatte.

denn ich habe mein eigene zeit in „nonstop“ so intensiv erlebt, dass ich vergessen habe, meine fremde zeit am schluss wieder mitzunehmen. und so wandere ich seither, ohne unterbruch, ohne uhren durch die welt …

stadtwanderer


Comments

1 Comment so far

  1. E.K. on September 19, 2009 14:33

    Ein hübscher Beitrg. Ich habe die Ausstellung auch gesehen — vor einige Wochen. Mir hat vor allem der Estrich gefallen. Da kann man in geheimnisvoller Atmosphäre stundenlang die Kurznotizen lesen, in denen Menschen ihr Glückseligkeit beschreiben, wenn sie dem Tempo entfliehen.

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