am sonntag bin ich wieder hochrechner bei den kantonalen wahlen – wie vor 24 jahren. eine erinnerung an die erlebnisse während der erstmalige durchführung vor dem grossen moment vom wochenende.

rathaus
1986 war die spannung vor den berner wahlen riesig. die existenz schwarzer kassen, mit denen der berner regierungsrat die berntreuen jurassier in den volksabstimmung unterstützt hatte, löste verbreiteten unmut aus. die freie liste entstand, und gemeinsam mit der sp errang sie die mehrheit im bernischen regierungsrat. viel hätte aber nicht gefehlt und die svp hätte diese mehrheit für sich alleine beanspruchen können. ganz aus der regierung gekippt wurde dabei die fdp, – ein novum in der berner geschichte.

der journalist hans räz, damals verantwortlicher des „regi“ bei radio drs, fragte angesichts der spannenden ausgangslage die uni bern an, eine hochrechnung zu realisieren. das forschungszentrum für schweizerische politik, wie das heutige institut für politikwissenschaft damals hiess, war in einer schwierigen übergangsphase, – und nahm die herausforderung an.

zusammen mit hans hirter bereitete ich unsere erste hochrechnung vor. der interessierteste kandidat war ueli augsburger, der svpler, der neu in die regierung drängte. am liebsten wäre er selber vor dem compi gesessen, denn er glaubte, alles noch besser zu können. das war auch nach seiner wahl so, bis er über werner k. rey, den finanzspekulanten, den er nach bern gelotst hatte, stolperte und sein milliardenloch die steuerzahlerInnen stopfen mussten. gar nichts hielt markus ruf, jungtürke der schweizer demokraten und ewiger student an der uni, von der neuerung. dahinter steckten unausgegorene soziologische theorien, die stets versagt hätten, wandte er am mikorphon ein. pierre rom, der damalige parteisekretär der fdp, nahm das dankbar auf, als er die ersten ergebnisse sah, welche die fdp-kandidatInnen auf die plätze ausserhalb der regierung verwies.

in der tat schwankten unsere hochrechnungen bis in den abend zwischen einem sieg für die svp resp. einem möglichen durchbruch für rotgrün. schliesslich war es klar: die svp hatte vier der damals neun sitze gemacht, und die sp kam auf drei. die freie liste und die fdp mussten in einen zweiten wahlgang, denn ihre bewerberInnen verpassten das absolute mehr.

bis der stattfand, wurde nicht nur in bern staub aufgewirbelt. in tschernobyl explodierte der atommeiler und versetzte halb europa in angst und schrecken. genau das, vor dem die grün angehauchten freien immer gewarnt hatten, und ebenso genau das, was die fdp stets für unmöglich gehalten hatte. von dem moment an wussten alle, dass nicht nur radioaktivität aus der ukraine in der luft lag, sondern auch eine politische sensation im staate bern.

die hochrechnung zum zweiten wahlgang machte schnell alles klar. auf sich gestellt, war die fdp zu schwach, ihre regierungsbeteiligung zu verteidigen. denn die svp trat zum zweiten wahl gar nicht mehr an. dafür unterstützten die sozialdemokratInnen die bewerbungen der freien. zusammen schafften sie die erste rotgrüne mehrheit in einer berner regierung.

pierre rom kritisierte die hochrechnung an diesem tag nicht mehr. vielmehr nahm er zur kenntnis, was er befürchtet hatte, und verabschiedete sich schon früh aus dem rathaus. er habe im wahlkampf seine familie vernachlässigt, zu der er voll und ganz stehe, sagte er mit, als er ging.

vor dem rathaus feierte die freie liste ein fest mit ihrer jamaika-band. leni robert und benjamin hofstetter waren die beiden neuen freien regierungsrätInnen. hofstetter verirrte sich nach dem sieger-interview im radio drs in der obersten etage des rathauses in den zahllosen gängen des parlamentsgebäudes, bis er wenigstens den weg zurück zu uns fand. gerne führten wir ihn aus dem haus, um mit seinen leuten sein konnte.

was an diesem sonntag in den ehrwürdigen hallen alles geschieht, erzähle ich nicht erst in einem halben jahrhundert, sondern gleich auf hier.

stadtwanderer


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