ausgerechnet der hochmoderne globus preist uns im wahlherbst den „retro glam“ an. könnte man meinen. das ist typisch für die glokale schweiz, versuche ich hier zu begründen.

typisch schweiz: trendige globus delicatessa setzt auf den unverwüstlichen mont d’or.

in den 70ern des 20. jahrhunderts studierte ich an der uni zürich unter anderem soziologie. peter heintz war damals der grosse meister des fachs. die weltgesellschaft war sein lieblingsthema. gemeint war, dass eine gesellschaft entstehe, deren autochtoner charakter sich mit globalen elementen mischen werde.
peter heintz legte seinen studentInnen nahe, gesellschaften in ihre sturkturen und kulturen zu zerlegen: die reichtumsverteilung ist struktureller natur – das verhältnis der menschen zu geld ist kultureller. anders als viele modernisierungstheoretiker insistierte der zürcher soziologe darauf, denn eine gleichförmige, gleichmässige entwicklung von beidem sei nicht zwangsläufig. gerade für übergangsphasen sei typisch, dass strukturen modernisiert würden, ohne dass eine adäquate kultur hierzu entstehe.

nun, die schweiz ist, auch in meiner optik, eine gesellschaft, die rasch modernisiert wurde: durch die vergleichsweise frühe industrialisierung im 19. jahrhundert, durch den drastischen übergang zur dienstleistungsgesellschaft im 20. jahrhundert. wir haben nurmehr wenige erwerbstätige in der landwirtschaft, ebenso werden menschen, die in der industrie arbeiten, seltener, dafür haben wir ein wachsendes und hochsertiges gesundheitswesen. die eths in zürich und lausanne gehören zu den spitzenuniversitäten auf dem globus, und auch unser eisenbahnwesen ist weltweit führend.

unsere kulturelle entwicklung hat damit nur teilweise mitgehalten. überhaupt, die kultur hat sich nicht wirklich parallel zur struktur entwickelt. vielmehr oszilliert sie zwischen moderne und tradition. wir sind, ausgehend von den 90er jahren des vergangenen jahrhunderts urbaner geworden, wir haben uns in richtung zweckdienliches handeln entwickelt, wir sind individualisierter. doch nicht nur das, wir haben auch kräftige gegenbewegungen erlebt. die traditionelle kultur ist nicht einfach verschwunden, sie lebt förmlich wieder auf. das landleben gilt unverändert als wurzel der heimat, gemeinschaftliches zusammensein ist weitherum gefragt, und religiöse bewegungen haben wieder zulauf.

auch die politik schwankt: dem linksliberalismus der schweizer städte steht ein schroffer nationalkonservatismus des landes gegenüber!
in den letzten jahren versuchte sich der neoliberalismus als neues gesellschaftliches leitbild. mit der globalen finanzmarktkrise ist er grandios gescheitert. damit hat auch die skepsis gegenüber allem grossartigen des internationalen zugenommen. eigenständigkeit feiert als wert seine eigentliche hochzeit.

jean-martin büttner, einer der besten journalisten beim tages-anzeiger, wollte dieser tage von mir wissen, warum das ländliche bei unseren abstimmungen so hoch im kurs sei, warum der föderalismus als staatsform auflebe, warum das schweizerische die wahlwerbung bestimme. ich habe ihm glokalisierung als stichwort geliefert, und es hat bei ihm sofort click gemacht. denn strukturell entwickeln wir uns unverändert rasant richtung moderne, nur kulturell wehren wir uns dagegen. globalisierung ist in der schweiz gepaart mit lokalisierung – eben: die schweiz ist glokal geworden.

wie kollege büttner das im tagi auf seine art umgesetzt, kann man anhand des essays „Der Schrebergarten im Kopf“ nachlesen.

stadtwanderer

beim


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