Vor dem „Du Theatre“

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Unter dem Dach steht in großen Lettern „Hotel de Musique“. Unten, beim Eingang, liest man dagegen „Du Theatre“.

Zwischen Ballsaal und Theater
Als man 1766 das repräsentative Gebäude zwischen der heutigen Hotelgasse und Theaterplatz in Bern zu bauen begann, hatten die Bauherren nur eine Bewilligung für Bällsäle und Konzerthallen erhalten. Theateraufführungen wurden nicht erlaubt, obwohl die federführende Aktiengesellschaft, die älteste in Bern, genau das vorgesehen hatte.
Der Stadt war Theater suspekt. Keine 20 Jahre war es her, dass Samuel Henzis Drama „Wilhelm Tell“ als aufrührerisch verboten und der Autor mit dem Schwert hingerichtet wurde. Erst als 1798 die revolutionären Franzosen in Bern vorbeischauten, wurde das Theaterspielen zugelassen.

Bern Bundesstadt als Kompromiss
Das frisch gewählte Parlament des Bundes nutzte 1848 die Lokalitäten des noblen Hotels für die Versammlungen. Hier trafen sich die ersten National- und Ständeräte zur Debatte und zur Beschlussfassung. Dazu gehörte gleich zu Beginn die Bestimmung der Hauptstadt. Zürich war Favorit, fand aber keine Mehrheit.
Durchgesetzen könnte sich ein typischer Kompromiss: Für Bern sprachen die zentrale Lage und die guten Verkehrsverbindungen. (Informelle Quellen sprechen auch von den besten Bordellen.) Im Gegenzug wurde man nur Bundesstadt, mit Sitz von Parlament und Regierung. Die Konkurrenten Zürich und Luzern sollten andere Einrichtungen des Bundes erhalten. Das Bundesgericht ging von Anbeginn an nach Lausanne.

Die Post
Zu den frühesten Aufgaben des Bundes gehörten der Aufbau einer gemeinsamen Rechtsprechung resp. Armeeführung und die Zentralisierung des Münz-, Verkehrs- und Postwesens.
Bereits am 1. Januar 1849 nahm die Bundespost ihre Tätigkeit zur Beförderung von Briefen, Paketen, Geld und Personen auf. Das geschah ursprünglich per Kutsche. 1857 kam die Bahn hinzu, 1903 das Automobil. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden Post, Telefon und Telegraph zur „PTT“ zusammengelegt. Mit dem Zweiten Weltkrieg etablierte sich die Post als nationale Institution – mit dem bekannten Gelb als gut erkennbarer, einheitlicher Markenfarbe. Identifikation mit der Schweiz stifteten die Pöstler, als sie nach dem Krieg den Rentnern die AHV persönlich vorbei brachten.

Die Bahn
Anders ist der Ursprung der SBB. Denn das Eisenbahnwesen entstand privat. Man argumentierte mit schlechten Erfahrungen bei der Bundespost und öffnete so Geldgebern direkte Investitionsmöglichkeiten. Räumliche Konkurrenz und bedingungsloses Gewinnstreben führten indes schon bald zu politischen Protesten und wirtschaftlichen Konkursen. 1898 entschied eine richtungsweisende Volksabstimmung, das Eisenbahnwesen doch noch zu verstaatlichen. 1902 entstand die SBB im Kern aus der Verbindung der Schweizerischen Centralbahn und der Schweizerischen Nordostbahn

Das Gesetzesreferendum
Das Entstehen der direkten Demokratie auf Bundesebene ist mit dem privaten Eisenbahnbau verbunden. Denn gegen die Streckenwahl gab es vielerorts Opposition. Petitionen erwiesen sich als wenig wirkungsvoll. Forderungen nach einem stärkeren Instrument kamen auf. Ausschlaggebend war die Planung einer Bahn von Bern nach Biel im Jahre 1862. Nun setzte sich das Referendum durch, zuerst in vielen Kantonen, 1874 auch auf Bundesebene.
Heute sind die Schweizerinnen große Eisenbahnfans. Kaum je wird eine Eisenbahnvorlage abgelehnt. Hauptgrund ist nicht Kritiklosigkeit der Stimmbürger, sondern die Vorwegnahme von Opposition durch lernende Behörden. Weil keine Regierung und kein Parlament gerne eine Referendumsabstimmung verliert, wird der Volkswille stärker antizipiert als etwa in repräsentativen Demokratien.

Zwischen Markt und Staat
Markt oder Staat? Das ist eine grundlegenden Konfliktlinien der modernen Politik. Die Schweiz des 19. Jahrhunderts war liberal, stieß aber Grenzen.
Der Markt wies den alten Staat in die Schranken. Doch die Demokratie wies auch den neuen Markt in Schranken, wenn er legitime Bedürfnisse der BürgerInnen nicht adäquat befriedigte. Das gilt bis heute!

Stadtwanderer


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