Teil 1 meiner Stadtwanderung „Jugend&Politik“

„In Bern beginnt die Neuzeit mit einer veritablen Katastrophe! Ausgelöst wir sie durch junge Berner Männer, die krank aus Italien kamen. Eine Generation später plünderten frustrierte Reisläufer gar die Stadt.

Die Jungs der Eidgenossen waren nach ihrem Schlachtensieg 1476 bei Murten gegen die Burgunder überaus begehrt. Alle wollten sie haben: die Franzosen, die Mailänder, die Venezier, der Kaiser und gar der Papst.
Doch als die ersten Reisläufer aus Neapel zurückkamen, waren viele von ihnen krank.
Sie brachten die «italienische Krankheit» mit.
In Italien nannte man sie zwar die «französische Krankheit». Wäre man aus Polen gekommen, hätte man die «deutsche Krankheit» eingeführt, und im osmanischen Reich wäre man von der «christlichen Krankheit» befallen worden.

Heute weiss man, die Berner Jungs hatten Syphilis. Sie waren Teil einer Pandemie geworden! Ihre Ursprung hatte sie wohl mit der Rückfahrt der Mannen von Christoph Columbus. Vom Hafen von Neapel aus nahm das Schicksal seinen Lauf.
Weil man in unseren Breitengraden diese Geschlechtskrankheit nicht kannte, isolierte man die Kranken kurzerhand in einem Spital im Altenberg auf der gegenüber liegenden Seite der Aare. Dort lebten sie unter sich – meist ohne Hoffnung auf Genesung.

1513 wäre das militärisch mächtige Bern beinahe ein respektables Staatswesen mitten in Europa geworden. Mit den eidgenössischen Truppen stand man vor Mailand, alleine war man vor Dijon.
Vor Mailand gewann man die Schlacht bei Novara gegen Frankreich, in Dijon zog man unverrichteter Dinge wieder ab.
Warlords bestimmten das Geschehen, die politisch unkoordiniert auf eigene Faust handelten.

Aus dem neuen Staatswesen wurde jedoch wegen einem Aufstand der Könizer Jungs nichts!
Eben waren die Reisläufer aus Oberitalien zurück gekehrt, mit Wappen und Bär als Zeichen des Stolzes (Bild). Getroffen hatte man sich bei der Kirchweihe in Berns Nachbar.
Da machte ein schreckliches Gerücht die Runde. Berns Obrigkeit habe französische Pensionen erhalten, um keinen weiteren Krieg mehr gegen die Unterlegenen zu führen.
Schnell wurde klar, was das bedeutete: Geld für die Herren, HomeOffice für die Untertanen!
In der Nacht des 26. Juni 1513 machten sich 300 wütige junge Männer auf, um Stadt Bern zu plündern.

Alt-Schultheiss Wilhelm von Diesbach ging dazwischen und rief seine Treuen zu den Waffen.

Zu spät!

Vor den Stadtmauern standen am Morgen noch mehr Bauernsöhne, um sich zu erheben.

Bern blieb nichts anderes übrig, als die verbündeten Eidgenossen zur Hilfe zu rufen. Innert Wochefrist kam es zu einem Schiedsspruch.
Berns Stadtschreiber verkündete die Namen jener, die tatsächlich Gelder erhalten hatten. An erster Stelle stand Wilhelm von Diesbach. Allerdings war er nicht alleine: Eine Mehrheit der Klein- und Grossräte befand sich ebenfalls auf der Schwarzen Liste. Sie alle mussten die Pensionen abgeben und bekamen Geldstrafen aufgebrummt. Die Aufständischen blieben straflos.
Die Stadt musste den Untertanen ihre alten Rechte neu zusichern. Dazu gehörte deren Zustimmung bei Kriegseintritten und Kapitulationen. Das nannte man Ämterbefragung, eine Vorstufe des heutigen Referendums quasi.
Die Bauernsöhne waren zufrieden!

Weniger bekannt ist das Leben der Bauerntöchter zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Ihre Mütter kümmerten sich wohl um die Söhne, wenn sie als Krüppel auf die Höfe zurück kamen. Die jungen Frauen waren bisweilen als Marketenderinnen mit den Soldherren unterwegs waren. Gemeint waren damit Frauen, welche die Söldner mit Waren und Diensten versorgten. Noch war es nicht üblich, dass man dafür raubte.
Nicht selten waren die Marketendenrinnen jedoch in erster Linie Prostituierte.

Die grosse Wende kam mit der Reformation 1528. Wenigstens vorübergehend wurde das Soldwesen abgelöst, dann durch die eidg. Heere in fremden Diensten ersetzt.
In der Zwischenzeit wurden die Jungs im Landesausbau beispielsweise in der eroberten Waadt eingesetzt.
Wer im Gros de Vaud, der grossen Ebene über dem Genfersee, ein Stück des schlechten Sumpfs nutzbar machte, durfte es danach selber bebauen.

Nun heisst schlechter Sumpf im schlechtem Latein der damaligen Zeit „Malapalud“.
Das ist mein Heimatort.
Und die Longchamps waren jene, die das weite Feld ausserhalb von Echallens bebauten. So stamme ich aus einer Waadtländer Familie, die aus bescheidenen Verhältnissen aufsteigen konnte, damit meine Urvorfahren nicht mehr als Söldner ihren Lebensunterhalt verdienen mussten.“


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