Das Buch baut auf 20 Karten auf, die in hundertjährigen Schritten Geschichte vermitteln und die mit kurzen Texten umgarnt wird.

Eigentlich ist es ein dreidimensionales Buch. Die erste Dimension ist die Nordsüdachse. Sie reicht von Martigny bis Basel. Es folge die Ostwest-Achse etwa von Brienz bis Pontarlier. Der Clou steckt indes in der dritten Dimension: der Zeit vom Jahre 1 bis ins 2001.
Lässt man die Blätter über den Finger sausen, erfährt man viel über die geschichtliche Entwicklung der welschen Länder(eien), wie man aus dem übersetzten Titel ableiten kann.
Selbstredend ist das Werk auf französisch erschienen und hat den Titel „Atlas historique des pays romands“. Autor ist Christos Nüssli, ein Jurist der Uni Lausanne, der sich auf historische, digitale Kartographie spezialisiert hat. Sein Prunkstück ist der „euratlas“, den man auf Internet frei einsehen kann. Vertrieben wird das neue Buch vom Westschweizer Geschichtsmagazin #Passesimple.

Das Beispiel Murten
Besonders interessiert hat mich Morat/Murten, praktisch mitten drin im Quadrat über das berichtet wird. Studiert man dazu Karte für Karte, begreift man die grossen Linien der Geschichte des Ortes. Alles beginnt in römischer Zeit mit der Strasse vom Grossen St. Bernhard nach Basel. Sie führt über Vevey, Avenches und Solothurn, bevor es über den Jura geht.
An diese Strasse weist der Atlas seit 901 Morat auf. Zentral sind die Verkehrswege, die hier beginnen. So die Erschliessung der Landschaft rechts der Aare über Oltigen, Lyssach, Langenthal, Lenzburg bis Windisch. Von da an ging es über den Rhein nach Norden. Doch dabei blieb es nicht. Wichtigter noch war die neue Spur, welche die Zähringer nach Burgdorf, Bern, Fribourg und Moudon legten; Nebenlinien gingen nach Thun resp. Murten.
Fast schon statisch ist die Zugehörigkeit Murtens zu einer Sprachregion. Das Französische dominierte lange, doch rückte die Sprachgrenze von Osten her näher, bis sie Murten und Freiburg auf der Mittellinie zwischen den Sprach- und Kulturräumen zu liegen kam. Heute heisst es Murten/Morat.
Deutlich weniger stabil erwiesen sich in Murten die Herrschaftsverhältnisse. In burgundischer Zeit gehörte man zur Grafschaft Bargen. Nach der Einvernahme ins Kaiserreich kamen Adlige als Landesherren auf. Zuerst knapp 100 Jahre die Zähringer, dann für 200 Jahre die Savoyer. Abgelöst wurden sie von den Städten Fribourg und Bern, die 300 Jahre eine gemeinsame Herrschaft ausübten. Heute ist Murten/Morat rein freiburgisch.
Der einzige Makel des Buches besteht wohl darin, dass die konfessionellen Verhältnisse auf den Karten nicht erscheinen. Auch da hätte man in Murten von einer langen Zeit sprechen können, denn vor 1530 war man katholisch, danach reformiert und blieb es. Für einmal nicht im Zentrum steht in diesem Buch auch die berühmte Schlacht von 1476, die Murten ins Blickfeld der westeuropäischen Grossmächte katapultierte. Das macht aber nichts, da das ja weitgehend bekannt ist.

Stadtwanderung neu aufgelegt
Ich habe als 20jähriger die RS in Murten verbracht. Das bekam mir nicht so gut. Danach ging ich 20 Jahre nie mehr dahin zurück. Seit 20 Jahren nähere ich mich immer wieder an und heute werde ich vom Städtchen immer wieder angezogen, faszinieren mich seine vielen Beizen und hat mich die Geschichte stets von Neuem überrascht.
Deshalb freue ich mich ganz besonders, meine Stadtführungen durch die verschiedenen Schichten der Stadtgeschichte bald mit einem geschärften Rahmen für die fast dauerhaften Züge Murtens und seiner Landschaft machen zu können. Denn eines lernt man mit dem neuen Atlas: die longue durée der räumlichen Faktoren, welche den Ort prägten, die bisweilen seiner Zeit entrückt scheint.

PS: Interessent:innen für eine Führung in Gruppen können sich gerne bei mir per Messenger melden!


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