die erleuchtete stadt der vergangenen nacht

einmal im jahr ist berner museumsnacht. alles, was vergangenes ausstellt, öffnet sich für einen langen abend. egal, ob es ein wirkliches museum ist, eine bibliothek oder ein ausstellungsraum: nie sind die berner denk-mäler so im schwang wie in dieser ge-denk-nacht.


berner museumsnacht 2007: wo vergangenheit und gegenwart einander beleuchten, erscheint die stadt in ungewohntem licht (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

1730 erlacherhof

ich bin ja bärnfän geworden. 32 von ihnen waren in der museumsnacht im erlacherhof zum apéro geladen. „toll“, dass man den botschafterInnen der stadt so aktiv dankt, sagte ich! doch der angekündigte stadtpräsident liess auf sich warten; eine andere rede zur eröffnung des events auf dem bundesplatz („zeltmission“) hatte ihn aufgehalten. die chips im erlacherhof sind nicht schlecht, der weisswein auch nicht. und dann, endlich, kommt er alex tschäppät, doch noch, – immer noch etwas gezeichnet von den grossflächigen medialen angriffen auf seine stadt (und seine person), die er im „bund“ ebenso grossflächig pariert hat. er begrüsst uns alle, und unterhält sich mit den meisten. den stadtwanderer ehrt er besonders: „wohnsch du do?“, fragt er, und am liebsten möchte der befragte antworten: „typisch diese frage“, denn die antwort lautet: „nein, ich arbeite hier!“ doch der stapi geht gleich zur überraschenden tat über: er zieht aus der linken zaubertasche eine plakette zur „euro2008“ hervor, die er dem stadtwanderer überreicht. geehrt als ritter der fussballeuropas. sicherheitshalber will alex noch wissen: „hesch gärn tschutte?“, die antwort würde lauten …

1830 kornhauskeller

das forum im kornahauskeller überlebt, hat man diese woche gelesen; finanziell gestutzt, aber nicht abgeschafft wurde es. und es feiert mit viel grün an der fassade und wenig kunst in den ausstellungsräumen. eine performance zum lavabo läuft: lavabeau, lavabelle, laverboy, lavergirl … der stadtwanderer wird sofort erkannt. ein entspannter achille casanova, begleitet von seiner frau, der frühere regierungssprecher der schweizerischen eidgenossenschaft, ruht sich in den tiefliegenden stühlen im hochtrabenden raum aus. ein kleiner schwatz entsteht, denn ich gratuliere ihm zum neuen job als ombudsmann, – an der berner gerechtigkeitsgasse! am besten gefällt mir seinen firmenschild: man muss förmlich wissen, wo es ist, dass man es sieht; denn sonst würde man den winzling glatt übersehen. der ombudsmann selber hat viel arbeit, auch wegen dem stadtwanderer. jüngst musste er gar stellung nehmen, ob die srg schleichwerbung für seine firma mache. “nein”, war seine antwort! danke sage ich, und die begründung war die beste werbung für mich …

1930 militärbibliothek

die buslinie „grün“ finden wir nicht, trotz mustergültiger organisation des städtischen busse. Es hat einfach zu viele passantInnen in dieser nacht. also fahren wir privat an den guisanplatz, die eidgenössische militärbibliothek besuchen. die macht heuer einen auf junge (offiziers)familien: alibaba und die letzten 40 trompeter, orientexpress mit modelleisenbahn für den vater, sowie bellidancing für die mutter. Klar herr der lage ist dr. jürg stüssi-lauterburg, ein begnadeter redner. wenn er von schlachten erzählt, überlebt selten ein zuhörer sein stakato. wir sind also gewarnt: es geht um den berner staatsschatz, und wie ihn napoléon in ägypten ausgegeben habe. nicht klar wird, ob der vortragende schneller bilder auf dem hellraumprojektor („militärpädagogik 68“) oder wörter in seinem mund (“armeereform XXI”) ersetzt. ich fasse ebenso schnell den vortrag zusammen: napoléon – bild – raub – bild – aegypten – bild – eingekesselt – bild – flucht auf dem land – bild – st. joseph d’acon – bild – erste niederlage des generals – bild – absetzung napoléons von den truppen – bild – sturz des direktoriums in paris – bild – das schicksal nimmt seinen lauf – applaus! nationalrat bernhard hess, von den schwizer demokraten, grad neben dem stadtwanderer sitzend, applaudiert, wie alle andern auch. doch erst in den fussnoten vernimmt man, dass der berner staatsschatz nicht nach paris abgeschleppt, sondern teilweise in le locle eingeschmolzen, und zum anderen teil zur bezahlung der franzosentruppen in bern verwendet wurde. wirtschaftsförderung also! und was übrig blieb, diente schliess gar als erster staatsschatz des jungen kantons bern. “nix aegypten”, title ich; und: da ist man ein kamel, wenn man alles glaubt, was einem immer wieder erzählt wird. übrigens stüss-lauterburg hatte an diesem abend zwei kamele eingekauft, die aber nicht gekommen waren. die wiedergeburt der kamellerie der schweizer armee muss also erneut verschoben werden! Ich nehme dafür das militärkochbuch 74, das in rauen mengen aufliegt, als gültige erinnerung mit …

2030 restaurant kirchenfeld

kochbuch war das stichwort, das uns nun beschäftigte: ein nachtessen war angesagt. Wir fahren zurück in die stadt, und wollen im restaurant kirchenfeld zuschlagen. plätze hat es fast keine mehr, denn tout berne sitzt schon da. ich begrüsse urs hadorn, den früheren vize des bundesamtes für flüchtlinge, am tisch nebenan freundlich. selber werden wir spätestens um 2130 unfreundlich, und fragen, wo das essen bleibt. „es chunnt“, sagt der lehrling. wenig später bringt er mal nicht bestelltes zitronenglace – als „zwischengang“ – um die herr- und frauschaften zu beruhigen. das kirchenfeldkotelett, das dann doch noch folgt, ist wunderbar geräuchert und hervorragend angerichtet. schade, es wäre sich auch zur zeit lecker gewesen! aber eben, es war tout berne da, und das sind seit dem fall des ancien régimes auch immer mehr …

2230 historisches museum

herrlich, wie das historische museum in den nachfarben leuchtet. tiefschwarz ist es zwischenzeitlich am himmel, schneeweiss bedeckt ist der garten, und gelb-rot-grün beleuchtet ist der prachtsbau aus der vorletzten jahrhundertwende. drinnen hats unmengen staunende. um sich die organisation aus früheren jahren zu verbessern, hats nun herolde, die alles ankündigen, was wo ausgeführt wird. sie tragen mittelalterliche kleider und mittelalterliche hüte, die sie vom jungen mittelalterdoktor christian folini, unserem ständigen begleiter an diesem abend, ausgeleiht bekommen haben. dafür bekam der gratiseintrittskarten, mit denen die stadtwandererei gleich überall unterwegs war: wunderbar, wie diese mittelalterliche naturalwirtschaft funktioniert! angesagt wird grad „law&order“. die justitia im original ist zu sehen. hans gieng hat sie im 16. jahrhundert geschaffen. um sie vor zerstörungen zu schützen, ist die sichtbare an der gerechtigkeitsgasse ja nur eine kopie. das orginal wird vom museumsführer minutiös beschrieben: die binde, die waage und das schwert, werden einzeln seziert. speziell sind die vier köpfe zu ihren füssen: die herrscher der zeiten, in denen die justitia geschaffen wurde: kaiser karl V. vom römischen reich, papst pius II. vom himmlischen reich, und sultan süleiman der prächtige vom osamanischen reich. nur bei der vierten person vertut sich unser sprecher, wie es für berner üblich ist. Statt den deutschen könig ferdinand I. einzuführen, macht er aus dem mann mit dem szepter in der hand schon mal hans-franz nägeli, den berner schultheissen von damals. die geschichtsforschung hat dies als irreführung des konservativen historiker max howald aus dem 19. jahrhundert aufgedeckt. Aber es fällt den konservatoren der vergangenheit schwer, das zu glauben …

2330 helvetiaplatz

phuuh, wir sind geschafft: so viele menschen, wie selten in bern, so viele museen, bibliotheken, denkmäler und promis, wie kaum einmal an einem abend, und eine so wunderbar erleuchtete stadt, die sich öffnete, wie nie zuvor, wird uns in den reichen eindrücken zur originellen museumsnacht 2007 in erinnerung bleiben, wo auch immer wir noch hingehen …

stadtwanderer

cal

ich bin der berner stadtwanderer. ich lebe in hinterkappelen und arbeite in bern. ich bin der felsenfesten überzeugung, dass bern burgundische wurzeln hat, genauso wie ich. also bin ich immer wieder auf der suche nach verästelungen, in denen sich die vergangene kultur in meiner umgebung versteckt hält.

Ein Gedanke zu „die erleuchtete stadt der vergangenen nacht“

  1. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass die Substanz des Staatsschatzes für die französische Armee in der Schweiz ausgegeben worden ist, was Frankreich diesen Ausgabenposten erspart und den Aegyptenfeldzug ermöglicht hat. Das ist das grosse historische Hauptfaktum.
    Ein kleiner Teil des Schatzes mag mit den Truppen Brunes auch physisch nach Südwesten und mit den Truppen bis in den Orient gelangt sein, ein weiterer Teil wurde von Schauenburg und seinem Umfeld zu allerhand Zwecken abgezweigt und verwendet, physisch zum Teil nach Le Locle zum Umgiessen geshickt. Das ist la petite histoire.
    Dass keine klare Abrechnung mit Kontenplan und lückenlosen Abrechnungen besteht, versteht sich angesichts der petite histoire gut. Es gibt keinen Grund, weshalb der Volksmund aus citoyen Sidiaan gemacht hat und dies nicht als Kompliment meint!

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