der stadtnomade

Januar 26, 2010 | 7 Comments

1921 kam robert walser 43jährig nach bern. an 15 verschiedenen adressen der bundesstadt sollte er in den folgenden 5 jahren wohnen. das murifeld gehörte ebenso dazu wie die elfenau oder die thunstrasse. ja selbst an der gerechtigkeits-, kram- und junkerngasse hauste der in biel geborene schriftsteller vorübergehend. weil er nie nirgends sitzleder hatte, nannte man ihn auch den stadtnomaden.

morlang_bernrobert walser, schweizer schriftsteller, in bern lebend, bevor er in die waldau eingeliefert werden musste

gelebt hatte der junge walser in vielen städten. gelernt hatte er das kaufmännische gewerbe. gereizt hätte es ihn, schauspieler zu werden. bei der probe durchgefallen, sattelte er um und begann zu schreiben. büroangestellte waren sein thema, die er der damaligen zeit folgend „commis“ oder auch „gehülfe“ nannte und die er als soziologische kategorie in die deutschsprachige literatur einführte.

in bern hatte walser in der person von joseph victor widmann, dem grossen literaturkritiker bei der zeitung „Der Bund“, eine gewichtige stütze, die sich wähnte, den wenig bekannten schriftsteller entdeckt und unter die grossen der deutschen literatur der zwischenkriegszeit eingeführt zu haben.

doch walser konnte davon nicht leben. sein versuch, im berner staatsarchiv ein geregeltes einkommen zu erzielen, scheiterte schnell. dazu schrieb er:

„Mein Bureauchef war neulich riesig artig zu mir, er sagte mir, ich könne nichts. Durft‘ ich mir solches gefallen lassen? ‚Ei was‘ erweiderte ich, ‚ich kann allerlei, ich kann zum Beispiel abdanken.‘

und so war walser wieder auf der gasse, suchte nach dem romanfaden für „Die Räuber“, und verfasste daneben das, was man von ihm heute noch kennt: 1600 texte von literarischem gehalt. alles aus dem werk walsers ist das bei weitem nicht, denn vieles ging verloren, blieb in den anfängen liegen oder erschien irgendwo in einer zeitung, ohne dass jemand noch den überblick hatte.

robert walsers leben und wirken in bern beschreibt nun werner morlang in einem kleinen buch, das jüngst im zytglogge verlag erschienen ist. darin macht sich der ehemalige leiter des robert-walser-archivs auf die spuren des stadtnomaden. fotografien aus der berner zeit des schriftstellers hat er gesammelt, kontroverse zeugnisse über den eigenwilligen menschen hat er niederschreiben lassen, und ein einfühlsames tableau aus dem leben des dichters hat er selber verfasst.

wer das alles liesst, merkt, wie walser ende der 20er jahre litt. die wirtschaftskrise machte ihm zu schaffen, der zeitgeist änderte sich rasch und inspirierte den schriftsteller immer weniger. die strengen konturen der stadt, die walser anfänglich halt geboten hatten, lösten sich auf, der soziale kitt, den er mit kumpanen in den beizen hatte, verflüchtigt sich. und seine psyche erkrankte

von halluzinationen schwer geplagt, von angstzuständen mächtig getrieben, bricht er 1929 erschöpft in sich zusammen.

seine schwester rät ihm, in die waldau, die heilanstalt für nervenkranke, einzutreten. er folgt dem rat, und findet ein neues zuhause. kleinstgeschriebene texte, mikrogramme bezeichnet, verfasste er noch, bis er, 1933 nach herisau übersiedelt wird, wo er aufhörte zu schreiben.

nur noch wanderungen unternahm er am fusse des säntis, bis er 1956 auf einer seinem geliebten, unendlich langen spaziergänge starb.

stadtwanderer


Comments

7 Comments so far

  1. Röstigraber on Januar 27, 2010 09:20

    Freuede herrscht über den sehr gelungenen Bericht des Stadtwanderers über den Stadtnomaden.
    Vor allem aber bin ich froh, dass der Stadwanderer nach einer kurzen Pause (hoffentlich) wieder regelmässig blogt. Seine Beiträge sind für mich eine Bereicherung, auf die ich – und sicherlich aus viele anderer Mitwanderinnen und Mitwanderer – schlicht und ergreifend nicht verzichten möchten!

  2. Ursula on Januar 29, 2010 02:04

    „nur noch wanderungen unternahm er am fusse des säntis, bis er 1956 auf einer seinem geliebten, unendlich langen spaziergänge starb.

    stadtwanderer“

    Ja, deshalb bleibe ich lieber in Biel. Das war am 25.12., nicht wahr?

    „wo er aufhörte zu schreiben.“

    Und warum können „wir“ nicht aufhören, über ihn zu schreiben?

  3. Ursula on Januar 29, 2010 02:24

    „Freude herrscht über den sehr gelungenen Bericht des Stadtwanderers über den Stadtnomaden.“ – Röstigraber

    Weiss nicht, ob Robert Walser wirklich ein Stadtnomade war, vielleicht war er auch ein Zeitnomade. Und hoffe, dass das „Röstigraber“ nicht persönlich nehme, aber Biel/Bienne ist keine Röstigrabenstadt. Es gibt jetzt da auch Kebab, sogar manchmal mit Rösti. Und Robert Walsers Bruder war in Japan. Jetzt sind Japaner/innen Nachbarn im selben Haus. Verrückt. Aber das wussten wir alles nicht.

  4. stadtwanderer on Januar 29, 2010 08:31

    at ursula
    warum soll man über geschriebenes nicht nachdenken und schreiben? – das ist doch der sinn des „festhaltens“ durchs schreiben.

  5. Harald jenk on Januar 29, 2010 10:49

    bis am 21. Februar zeigt die Universitätsbibliothek Bern aus ihren Beständen Werke von sechs ausgewählten Autorinnen und Autoren, die sich in ihrem Schaffen auf Robert Walser beziehen. Es sind dies Paul Nizon, Elfriede Jelinek, Enrique Vila-Matas, Fleur Jaeggy, J. M. Coetzee und Peter von Matt. Anhand dieser literaturschaffenden Persönlichkeiten werden die Verbreitung und die Bezüge zu Robert Walsers Werk in der Weltliteratur beleuchtet.
    Ich finde es beeindruckend, wie dieser unscheinbare wirkende Berner auch heute noch international ausstrahlt.

  6. stadtwanderer on Januar 29, 2010 13:19

    merci für den hinweis, ich werde die ausstellung mal besuchen gehen!

  7. Ursula on Januar 30, 2010 01:35

    „at ursula
    warum soll man über geschriebenes nicht nachdenken und schreiben? – das ist doch der sinn des “festhaltens” durchs schreiben.“

    Ja, schon, aber bei Robert Walser ist mir da mitunter nicht wohl dabei, vielleicht durch sein Verstummen punkto Schreiben, unter anderem auch, nicht nur, durch Psychiatrie und Anstalt, zu seiner Zeit, nein, bin weder Scientologin, noch radikal Antipsychatrie-Sympathisantin. Manchmal, wenn ich so durch Biel schlendere, ist mir irgendwie nicht wohl dabei, wenn ich auch nur eine Zeile von Robert Walser kommentieren täte. Irgendwie ist alles noch anders, als es ev. geschrieben stand durch Robert Walser. Wir können doch durch unsere Worte nicht uns selbst festhalten, wirklich.

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