bern wuchs und wuchs

August 17, 2011 | 1 Comment

bern wächst und wächst„, titelt die bz online heute. angekündigt wird eine grosse veränderung, die man mit einer serie begleiten will. das ganze riecht ein wenig nach wahlkampf: die kritischen diskussionen zur migration in den metropolen zürich und genf sollen in der hauptstadt entfacht werden. hier mein kommentar – nicht als politologe der gegenwart, aber als historiker, der die stadtentwicklungen in den grossen zeiträumen verfolgt.

Bevoelkerung_Berndie gründungsstadt (wie heute trachselwald oder schangnau): wie viele einwohnerInnen die stadt bern bei ihrer gründung an der schwelle vom 12. zum 13. jahrhundert hatte, weiss man nicht. man rechnet aufgrund der parzellen- und häuserzahl aber mit 500 bis 1000 personen in der stadt, teilweise weiterhin mit einem wohnsitz ausserhalb.

das landstädtchen (wie heute aarberg): bis 1450 war bern das, was man heute ein landstädtchen nennen würde – eine stadt mit weniger als 5000 einwohnerInnen. die stadt dehnte sich flächenmässig bis 1350 mehrfach aus, dann stoppte die pest die entwicklung. die bevölkerung wurde dezimiert, durch zuwanderung aber rasch wieder ausgeglichen. das regiment führten die junker, die stadtritter aus der gründungszeit, welche wachsam sind, dass das gewerbe zu keinem namhaften politischen einfluss kommt viel veränderungen lässt das nicht zu.

die kleinstadt (wie heute burgdorf): zwischen 1450 und 1830 war bern, aus heutiger warte, eine kleinstadt. die bevölkerung wuchs schrittweise bis auf 20000 einwohnerInnen an, das wachstum verlangsamte sich aber immer wieder. das regiment führen die patrizier, die aus dem alten landadel und dem neuen geldadel entstanden. die stadt zog im 16. jahrhundert die reformation durch; man fühlte sich in der zeit der konfessionskriege von überall her bedroht. im dreissigjährigen krieg baute man ausgedehnte schanzen, und 1643 begann man die aufnahmebedingungen neuer menschen vom land durch eine restirktive einbürgerungspolitik zu beschränken. haupteinschnitt in der geschichte war der einfall der franzosen 1798, gefolgt vom revolution und restauration.

die mittelstadt (wie heute biel/bienne): die revolution der liberalen 1831 krempelt die stadt um. die wirtschaftlichen vorrechte fallen, dennoch wächst die stadt, die 1848 zur bundesstadt avanciert. der bahnhof wird gebaut, die elektrifizierung verändert das stadtgefühl. die industrialisierung bringt den dem bürgertum den grossen aufschwung; es wächst auch das proletariat. aussenquartiere entstehen, um die neuen menschen in der stadt aufzunehmen. am vorabend des 1. weltkrieges zählt man 100000 einwohnerInnen.

die grossstadt: nach dem ersten weltkrieg entwickelt sich bern zu einer grossstadt. bümpliz wird eingemeindet, andere dörfer bleiben selbständig oder schliessen sich wie im falle von köniz untereinander zusammen. nach 1960 flacht sich das wachstum der bevölkerung bei 160000 einwohnerInnen ab. der ausländeranteil nimmt rasch zu, doch setzt die auch die stadtflucht ein. arbeiten in zentrum, wohnen im grünen wird attraktiv. der öffentlichen verkehr zur bewältigung der pendlerströme in den eng gewordenen verhältnissen muss befördert werden. die bevölkerungszahl der agglomeration bern wächst unvermindert, die der stadt entwickelt sich auf rund 125000 zurück. köniz, die stadt als vorort kommt auf 40000 einwohnerInnen und ist die bevölkerungsreichste agglomerationsstadt der schweiz.

die neueste entwicklung: erst seit einige jahren reagiert man in bern auf die veränderungen. eine regionalkonferenz wird gebildet, um überkommunale aufgaben zu regeln. die hauptstadtdiskussion setzt ein, um sich zwischen den metropolen in zürich und genf zu platzieren. und die personenfreizügigkeit lässt die bevölkerungszahl erstmals seit fast 50 jahren wieder etwas anwachsen. bern setzt sich das ziel, in absehbarer zeit 140000 einwohnerInnen zu haben, immer noch 15 prozent weniger als auf dem höhepunkt der bevölkerungsentwicklung. und nicht einmal das ist sicher, dass es erreicht wird, denn gegen die urbarmachung von waldboden regt sich widerstand. und migrationsfragen werden zum politikum (gemacht).

oder wie sagte fernand braudel, der grösste historiker frankreichs im 20. jahrhundert: die zeit hat drei qualitäten – die weisheit der geschichte ergibt sich aus der longue durée, den veränderungen der meere gleichend – der nutzen der sozialwissenschaften entsteht aus dem überblick über flut und ebbe oder der durée conjoncturelle – und das interesse der journalisten konzentriert sich auf die courte durée, dem schaum auf dem wellen.

stadtwanderer


Comments

1 Comment so far

  1. walko on August 18, 2011 17:06

    damit die journalisten nach f. braudel wasser unter den kiel bekommen, müssten sie historisch tief gegründet und im sozialbereich mit vielen wassern gewaschen sein.
    folgerichtig wäre dem anzufügen: bei der quelle vom stadtwanderer-blog erhielten sie einen erfrischenden input.

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