„vergangenes vergeht nicht“, meinte roland kley, moderator der gestrigen veranstaltung über „recht, moral und diplomatie“ an der universität st. gallen. das gelte insbesondere, wenn es sich um die zeit des zweiten weltkrieges handle, fügte er bei. und er sollte recht bekommen.

anlass für die veranstaltung des instituts für rechtswissenschaft und rechtspraxis bot das neue buch „Minister Hans Frölicher. Der umschtrittenste Schweizer Diplomat“ von paul widmer. thematisiert wird darin der schweizer gesandte in berlin während des zweiten weltkrieges, wie man die diplomaten damals noch nannte.

sein gesellenstück abgeliefert habe frölicher mit der anerkennung des franco-regimes durch die schweiz, meinte widmer. das habe ihn nicht nur hierzulande bekannt, sondern auch im vorherrschenden ausland salonfähig gemacht. 1938 kam frölicher in hitlers hauptstadt, vom bundesrat geschickt, um die beziehungen zum bedrohlichen nachbarn zu verbessern. in die oberste etage der nsdap reichte das netzwerk des zürchers zwar nicht; dank seiner herkunft aus einer angesehenen industriellenfamilie mit deutschfreundlicher ausrichtung erschloss er sich und der schweiz aber rasch wichtige beziehungen in wirtschaft und gesellschaft. damit setzte er sich vorteilhaft von seinem abberufenen vorgänger paul dinichert ab.

der handelsdiplomatie der schweiz im zweiten weltkrieg öffnete fröhlicher damit lebenswichtige türen, um kostbare güter wie kohle und andere rohstoffe zu erhalten. diese setzte man mitunter in der maschinenindustrie ein, die beispielsweise nach deutschland lieferte und von dort als kriegsmaterial verwendet wurde. finanziert wurde das ganze nicht unwesentlich durch die schweizerische nationalbank, welche kredite in der höhe einer miliarde schweizer franken vorschoss, um den handel mit deutschland in schwung zu halten. refinanziert werden sollte alles, bei einem sieg der wehrmacht in der sowjetunion in form von naturalien.

1945, als der diplomat nach bern zurückkehren musste, bemerkte er in der heimatlichen umgebung, in ungnade gefallen zu sein. der bundesrat stellte sich auf ein nachkriegseuropa ein, das nicht mehr nach deutschem vorbild konzipiert war. die armee wiederum nutzt die gunst der überlebensstunde, um sich ohne seitenblick auf andere ursachen als heldenhafte landesverteidiger profilieren zu können. edgar bonjour, der bedeutende basler historiker, der die monumentale geschichte der schweizer neutralität verfasst hatte, stürzte frülicherganz von sockel, als er seinen offiziellen bericht zum verhalten der schweiz im krieg abgab und recht eigenwillig lob und tadel verteilte.

genau da hackte paul widmer mit seiner jüngst erschienen biografie ein, aus der er gestern unprätentiös den schweizer gesandten in berlin vortrug. er erzählte die stationen der karriere des diplomaten, zitierte ohne manuskript aus den berichten, die er in berlin verfasst hatte, kam zum nachleben frölicher in der geschichtsschreibung, um zu seiner eigenen, abwägenden beurteilung zu gelangen. frölicher sei weder der nützlicher sündenbock für fehler der schweiz in schwierigen zeiten, noch ein leuchtendes vorbild für die neutralität des landes im krieg gewesen, bilanzierte er. strategisch hätten der bundesrat und frölicher richtig gehandelt, verteidigte widmer das system, denn der mann vor ort sei der schweiz von nutzen gewesen. dabei habe er fehler gemacht, so in der flüchtlingsfrage, beim druck auf die schweizer presse (namentlich die nzz) und bei der mitinitiierung der mission schweizer ärzte an die ostfront, die nur deutsche soldaten pflegen durfte.

einen (scheinbaren) kontrapunkt zu den ausführungen des konservativen widmers setzte hsg-professor thomas geiser. schon in den 70er jahren kritiserte er, damals noch im kommunistischen „vorwärts“ die verurteilung frölichers, denn mit der nachträglicher begeisterung für die schweizer armee haben man nur ihr militärisches versagen in wichtiger zeit übertünchen wollen. gestern doppelte der linke arbeitsrechtler nach, angesichts der propaganda des geheimdienstes zugunsten der landesverteidigung hätte der aufbau der viel nützlicheren handelsbeziehungen zum dritten reich einfach keinen platz mehr gehabt.

anders noch als die schriftsteller hans hürlimann und urs wiedmer mit ihren theaterstücken, die im umfeld der diamant-feierlichkeiten anfangs der 90er jahre mit dem beispiel „frölicher“ die nachwelt aufrütteln wollte, konträr auch zu niklaus meienberg, der in seiner biografie über den hitler attentärer maurice bavaud frölicher als herzlosen menschen diskrediterte, war man an diesem st. galler abend sichtlich um ausgleich bemüht. das blieb nicht ohne nebengeschmack: denn widmer ist heute selber diplomat, arbeitete in den 90er jahren im büro des gesandten in berlin, und heute vertritt er die schweizer interessen bei heiligen stuhl. und thomas geiser beschrieb in seinen kommentar zu frölicher niemand geringeren als seinen eigenen grossvater. dies alles erinnerte daran, dass schon frölichers schwiegersohn den verfemten öffentlich verteidigt hatte, abgesehen von den memoiren des gescholtenen, die posthum erschienen, und in historikerkreisen als einseitige rechtfertigungsschrift gilt.

immerhin, paul widmer gelang es ansatzweise, über das persönliche, auch mitbetroffene hinaus neue perspektiven der beurteilung zu entwickeln: so vergleich er fröhlicher mit anderen schweizer diplomaten im zweiten weltkrieg, etwa paul ruegger in rom, walter stucki in vichy und carl jakob burckhardt als hoher kommissar in danzig. so verschiedene ihre hintergründe in bern, luzern, basel und zürich waren, in politischen ansichten als patrioten, bürgerliche eingestellte demokraten, für die der kommunismus bedrohlicher war als nationalsozialismus, faschismus und autoritarismus unterschieden sie sich nicht. denn sie alle brachten ein gewisses verständnis auf für die entwicklungen in ihren residenzländern, und widersetzten sie sich dem, wurden sie, wie ruegger schnell als persona non grata abberufen werden mussten. widmer zog vergleiche in die tätigkeit der diplomatie in der gegenwart, die in einem ähnlichen konflikt stehe, wenn auch mit einem unterschied: nach dem zweiten weltkrieg habe man die bedeutung der menschenrechte erst richtig erkannt, und sie werde dem verfolgen der staatsraison, wo auch immer man sei, klarer gegenüber gestellt.

gerne hätte man darüber mehr gehört. denn schurkenstaaten gibt es heute auch, das verhalten der schweiz ihren gegenüber oszilliert zwischen vorwürfen der mangelnden distanz und bewunderung für vermittlungskunst. so begriff man an diesem abend gut: vergangenes vergeht nicht, vor allem wenn es den zweiten weltkrieg geht, das überleben der schweiz mit einer fragwürdigen rolle im konzert der mächtigen.

stadtwanderer


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