besuch im „landessender beromünster“, der bis vor wenigen jahren die botschaften von radio drs verbreitete, seither ein überraschendes programm mit neuer message hat.

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am morgen unterrichtete ich an der uni zürich. thema der letzten stunde in meinem kurs zur „medialen relevanz sozialwissenschaftlicher forschung“ war das storytelling. eine master-studentin erläuterte das prinzip: geschichten entstehen dort und dann, wo und wenn sich etwas ändert. die story brauche einen protagonisten, eine sprecherin oder einen kommunikator, die/der berichte, was passiert sei, was man dabei für gefühle habe und welche gedanken man sich während oder nach der handlung mache. danach ging’s in die innerschweiz, genauer gesagt nach beromünster, zum ehemaligen landessender. der jährliche mitarbeiterInnen-anlass meines instituts war der grund für den ausflug ins luzernische.

empfangen wurden wir in malerischer landschaft vom neuen chef selber, kurz und bündig „wetz“ gerufen. wirklich vorgestellt hat sich der hausherr nicht; lakonisch meinte er mit blick zu mir, er sei bekannt, aus dem fernsehen, mehr in deutschland und österreich als in der schweiz. gefragt werde er zu zeitgenössischer kunst und kultur, genau dazu, was war er im landessender beromünster mache. gekauft habe er die anlage 2010 für fünf franken. räumen liess er die alten anlagen, mit denen man radiosendungen in die deutschschweiz ausgestrahlt habe. dadurch sei platz für kreatives schaffen entstanden, mehr als etwa in der fondation beyeler. seit dem ersten tag halte er die anlage offen. besuche habe er jede woche, in vielen sprachen zeige er das gebäude und kunst von sich und seinen freunden.

beim begrüssungskaffee im „kunst und kultur landessender beromünster“ erobert wetz geradewegs unsere herzen. er erläutert, warum der mensch unordentliche ordnung brauche. warum wir im spital körperlich gesund werden wollen, zur ästhetik des lebens aber auch kunst brauchen. warum man den chef loben solle. warum man schliesslich blau feiern dürfe, aber nur wenn man frisch verliebt sei.

bei all der schnellen rede fällt mir auf, ich hätte den künstler aus wolhusen, der in luzern und berlin studiert hat und heute teilzeitprofessor im deutschen ist, am morgen einladen sollen. denn er erzählt story um story. der aufbau seiner geschichten ist nicht logisch, aber assoziativ. die übergänge sind wie im traum, und je länger man zuhört, umso mehr fühlt man sich wie in einem langen traum.

im keller des landessenders geht es dann hart zur sache. denn da hat wetz seine kleine aula eingerichtet, mit einer präsentationswand, einem labtop, den tv-beiträgen über ihn und sein kklb. moritz leuenberger, ein hobbyhistoriker, sei auch schon in den ansteigenden sitzreihen gesessen. der medienminister habe den landessender schliessen müssen. denn nachdem die riesige power des senders mit einem kunstwerk von roman signer sinnlich erfahrbar gemacht worden sei, hätten alle in der umgebung kopf bekommen. schuld an allem sei eine einfache neonröhre, die an einem ballon hing und in der nähe des sendeturms des nachts wegen der strahlung hell leuchtete, auch ohne angeschlossen gewesen zu sein.

das war 2008. gesendet wurde damals schon 77 jahre. die anfänge standen ganz im zeichen der geistigen landesverteidigung. legendär wurde die wochenchronik des historikers jean-rudolph von salis, der jeweils am freitag abend halb europa die lage der welt erklärte. von hitler gehasst, galt die stimme beromüsters als die stimme der freiheit. 1972 sei diese ernsthaft bedroht gewesen, erzählt wetz. abgefallene bauern aus der umgebung hätten algerischen widerstandskämpfern die möglichkeit gegeben, ihre botschaften zu ihrem befreiungskampf von hier aus in die welt zu verbreiten. der bundesrat habe schnell handeln müssen; seitdem habe man in beromüster die sendungen mit der 10fachen kraft von vorher ausgestrahlt – bis das bittere ende kam.

wetz erkannte die chance der schmerzlichen schliessung sofort! er war eine marke, und der landessender beromüster war es auch. zusammen musste das funktionieren! „ein betrieb, wie den, den er hier aufgebaut hat, würde im normalfall 2 millionen franken defizit im jahr einfahren“, sagt wetz. er sei stolz, dass das kklb, gestützt von sponsorengelder aus der region, ende jahr schwarze zahlen schreibe. dazu beitragen würden auch seine bilder, sehr teuer, gar überbezahlt, die seine assistenten ebenso gut malen würden wie er. das gebe ihm die freiheit, dauernd auf sendung zu sein, um neue freunde für seine kunst und sein zentrum zu finden.

mit besonderer verve zeigt wetz uns beispielsweise das werk von sipho madona. am anfang lag bloss ein papier von 15 mal 15 meter grösse im geräumten senderaum. durch unermüdliches falten sei daraus ein weisser elefant in lebensgrösse entstanden. ganz anders sind die bilder von ursula stalder, die strandgut in italien sammelt, sichtet und aus den überresten filigrane kleinstausstellung im setzkastenformat fabriziert. von stolz erfüllt ist der hausherr, dass auch albert merz einen dunklen und einen hellen raum beigesteuert hat, mit denen er maskenhaft seinen pessimismus zum zeitgeschehen zum ausdruck bringt.

offensichtlich am wohlsten ist es wetz, wenn er im „zihlenfeldlöchli“ angekommt. die übergrosse scheune neben dem sender beherbergt zahlreiche seiner kindheitserinnerungen – der raum ist sozusagen seine nachgereichte biografie. so zeigt er den föhn der grossmutter, der am seidenen faden hängt und durch den luftzug pirouetten im freien raum dreht. so sieht man das erste fernsehgerät der familie zihlmann, das mangels geeignetem anschluss kaum brauchbares sendete. und so erblickt man den wohnwagen ohne räder, indem sie sich die sieben jungs zurückzogen, um wenigstens in gedanken nach italien in die ferien zu fahren.

am morgen, als ich aufstand, und von meinem glück noch nichts wusste, lass ich auf einem kalenderzettel: „wer nie aus dem rahmen gefallen ist, war auch nie im bild.“ das kann man von neuen landesvater im landessender wahrlich nicht sagen. mit seiner sinnlosen ausstellung (wetz über wetz) stiftet wetz, eine gelungene mischung aus pfarrherr, geschäftsmann und netzwerker, in einer welt, die voll von geschichten ist, sinn, indem er sie unaufhörlich erzählt. jedenfalls mir ist es so ergangen, denn ich habe mehr als ein bild von „beromüster 1931“ mit nach hause genommen, ja eine ganze sendung von eindrücken, die in der vergangenheit wurzeln und in der gegenwart leben.

gelungenes storytelling!

stadtwanderer


Comments

1 Comment so far

  1. finanzblog - "Die Schattenseiten des Separatismus" on November 3, 2014 10:48

    […] weil Claude vor zwei Wochen in unserer Gegend war – beim Buremünster, wie Berner dem Landessender Beromünster zu sagen […]

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