Die männliche Fassung der Stadtlegende ist weit bekannter. Und undramatischer.
Sie geht so:
“Als Herzog Berchtold entschieden hatte, in der Aareschlaufe seine neue Stadt zu bauen, sandte er seine Dienstmann aus, in dem Eichenwälder ein Tier zu erlegen. Das erste, das man ihm bringen sollte, würde der Stadt der Namen geben. Als die Dienstmannen zurück kamen, hatten sie einen erlegten Bären dabei. Deshalb bekam die Stadt den Namen Bern.”

Bär im Eriz
Nach über 100 Jahren ist der Bär im Kanton Bern zurück. Er wurde im Eriz gesichtet.

Die weibliche Fassung ist viel dramatisch. Sie geht so:
“Unweit von der Stelle, an der der Herzog den Bären erlegt hatte, irrte eine junge Edelfrau, Mechtildis genannt, mit einem Töchterlein im Arm durch das dornige Dickicht des Waldes. Ein schwerer Schlag hatte sie heimatlos gemacht.
Plötzlich krachte es im Unterholz. Frau und Kind erschraken bis ins Mark, denn eine grosse Bärin tappte daher. Das Tier zog aber freundlich brummend an ihnen vorbei und tat ihnen nichts.
Kaum hatten sich die beiden erholt, stand ein zähnefletschender Wolf vor ihnen. Kein Zweifel, er würde sie verschlingen. Als sie vor Entsetzen schrieen, erschien die Bärin wieder.
Wer weiss, vielleicht hatte der Isegrim einmal eines ihrer Jungen gerissen, auf jeden Fall stürzte sich die Bärin auf den Wolf. Diese fügt ihr gefährliche Bisswunden zu. Schliesslich gelang es der Bärin, ihm mit einem Prankenschlag das Genick zu brechen.
Das Schreien, Knurren und Brüllen lockte die Jäger aus der Burg Nydeck herbei. Beim Anblick der noch lebenden Bärin legte einer der Schützen einen Pfeil in den Bogen. Doch Mechtildis sprang dazwischen.
“Schonet den Bären, meinen Retter!”, rief sie.
Die Bärin, aus vielen Wunden blutend, schleppt sich fort. Wiederholt blieb sie stehen, richteten den Blick auf Mechtildis und brummte. Endlich verstand die Edelfrau, Die Bärin wollte, dass man ihr folge. Bald darauf kamen sie an einer Bärenhöhle an. Zwei niedliche Junge, die die Heimkehr ihrer Mutter erwarteten, stürzten sich auf die Bärin. Sie konnten ihnen gerade nicht einmal das Gesicht lecken und Mechtildis zum aller letzten Mal in die Augen blicken. Dann verschied sie.
Die erstaunten Jäger fanden die beiden Bärchen und nahmen sie zusammen mit der Frau und ihrem Töchterlein mit zur Burg. Als Herzog Berchtold vernahm, was geschehen war, war er zutiefst besorgt. Sofort liess er sein Pferd satteln und ritt zur Höhle. Beim Anblick der tapferen Bärin, die da in einer Blutlache lag, hielt er einen Moment inne. Dann gelobt er: “Du stabst, weil du Wehrlose mit deinem Leben verteidigt hast. Ich will dein Erbe sein! Hier will ich eine Stadt bauen zur Zuflucht der Bedrängten. Bern soll sie heisst, und ein schwarzer Bär soll ihr Wappen sein!”
Der Bau der Stadt mit dem Bären auf dem Wappen ging zügig voran. Ueber der Bärenhöhle wurde das Rathaus gebaut. Die Höhle selber wurde zur Schatzkammer der neuen Stadt. Die beiden Bärenwelpen wurde in der Burg aufgezogen und immer gut behandelt. Die Stadtbäckerei wurde damit beauftragt, ihnen besonders schmackhaftes Brot zu backen. Junge Ritter machten es sich zum Vergnügen, mit ihnen zu ringen und ihre Kräfte und ihren Mut an ihnen zu messen.”

Stadtwanderer


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