geschichte boomt. man will wissen, wie es war. seinerzeit. man will hören, wer grosses geleistet hat. früher. und man will erfahren, wo die dunklen seiten sind. damals. doch der geschichtsboom bringt uns heute nicht nur eine erweiterung des bewusstseins auf der zeitachse. nein, die geschichte entdeckt endlich auch den raum: nur bei hegel war es der weltgeist, der geschichte machte. bei fast allen anderen, sind es orte, an denen geschichte passiert.


matthias zurbrügg, alias simon, der sohn des scharfrichters (regie: christine ahlborg)
foto: mes:arts

jeder ort hat seine geschichte. so auch bern. und genau diese geschichte beginnt auch zu boomen. tägliche führungen. vom tourismusverband, von stattland, vom stadtwanderer. wir alle boomen, weil einheimische und zugezogene wissen wollen, was hier war. seinerzeit. weil immer mehr touristInnen hören wollen, wer hier grosses geleistet hat. früher. und weil auch berner und bernerinnen erfahren sollen, wo hier die dunklen stellen waren. damals.

die stadt bern als theater

gesellschaftskritik ist das programm von met:arts, dem jünsten mitglied unserer kleinen geschichtsdarstellergilde. met:arts ist ein verein, gegründet von matthias zurbrügg und christine ahlborn. sie sind selbständige und unabhängige theaterkünstler. ihr thema ist berns geschichte. ihr ort ist die altstadt bern.


sehr verehrtes publikum: start des theaters auf dem rathaus
foto: copyright by b. käser

ihr theater braucht keine bühne. denn die stadt ist die bühne. geboten wird so in einem eineinhalbstündigen aussergewöhnlichen spaziergang vom rathaus über das münster in die matte und hinaus zum casino gute und lehrreiche unterhaltung. die ironie könnte treffender nicht sein: als bern 1766 das erste theater bekommen sollte, verbot die obrigkeit das unterfangen. denn bern war wohl geordnet, und dem theater ging der ruf vor aus, reichlich ungeordnet zu sein. das hatte seinen grund: samuel henzi, ein emporkömmling aus bümpliz, war dem schultheiss ein dorn im auge. er schickte ihn in die verbannung. doch da lernte der berner nicht die einsamkeit, sondern das französische theater als kunstform kennen. und schrieb selber ein stück: grisler ou l’ambition punie. es ging um machtmissbrauch, um sexuellen missbrauch durch die macht.

niemand im alten bern bekam das stück henzis, je zu sehen, denn es wurde wie das theaterhaus auch verboten. und der theatermann henzi rebellierte dagegen, verlangte, was heute selbstverständlich ist: bürgerlichen freiheiten und ein demokratisiertes wahlrecht. dafür wurde er erneut verurteilt, diemal zum tode, denn der berner scharfrichter, schlecht, aber recht vollzog.

empört über das schicksal eines intellekturellen unter der gnadenlosen herrschaft der gnädigen herren zu bern, mobilisierte die entstehende europäische medienöffentlichkeit gegen diese hinrichtung, und gotthold ephraim lessing, der deutsche aufklärungsliterat, widmete dem ganzen ein theaterstück, das unter dem titel “ein trauerspiel” als theaterfragment bis heute erhalten geblieben ist.

mes:arts erste produktion zur stadtgeschichte

des scharfrichters sohn endet nicht mit samuel henzis tod am 17. juli 1749, sondern beginnt hier. der sohn des berner scharfrichters, simon, will wissen, was sein vater tut. dann erfährt er, wie die folter menschen schändet. wie des vaters schwert des schultheissen spruch richtet. und er entschliesst sich, nicht in des vaters fusstapfen zu treten. die lechzende menge bei den hinrichtungen will er durch das interessierte publikum ersetzen, das auf den gaukler sieht, der jetzt selber theater spielt.


die stadt als grosse bühne, spazieren gehen und theater spielen
foto: copyright by b. käser

matthias zurbrügg, alias simon, spielt im theater von christine ahlborn, gleich alle rollen mit- und hintereinander. gut macht er sich als stolzer schultheiss niklaus von steiger, der mürrisch hinabsieht, wenn er von seinen untertanen spricht, der seine spitzel ausendet, um seine position zu erhalten, und der willkürliche entscheidungen trifft, wenn er will. n’importe quoi! besser noch ist zurbrügg als kecker napoléon, der vorgibt, volkes stimme zu kennen, der mit dem degen angreift, wo er kann, und der die schweiz revolutionieren will, wo auch immer er ein aristokratisches nest wittert. doch damit nicht genug: der schauspieler zurbrügg schlüpft auch in die rolle von casanova bei seinem besuch in bern, er spielt gar julie bondeli, die rousseaus gedanken im noblen könizer club vermitteln will, und er ist einer der grafenrieds, der nach new berne ausgewandert, um dort ein neues leben, auf sklavenarbeit basierend, zu beginnen.


casanova lacht alle gefängniswärter dieser welt aus, und erfreut sich an der holden weiblichkeit auch in bern
foto: copyright by b. käser

so zeichnet das stück berns geschichte station für station nach: die besuche der prominenz von aussen, die verpatzte aufklärung im innern, der einmarsch der französischen truppen vom grauholz her, der stecklikrieg gegen die besatzer in der nydegg, und die liberale bewegung in berns schummrigen gassen. sie alle kommen in des scharfrichters sohn ausgiebig zur sprache.

vorbildliche geschichtslektion für die jahre 1749 bis 1831

die texte des theaterstücks sind knapp und fliessend, die sprache ist abwechslungsreich und verständlich, und die dramaturgie ist interessant, ohne mit unnötigem abzulenken. wer sich wenig mit berns geschichte befasst, bekommt ein einfach gestaltetes schauspiel vorgesetzt, die faktentreu und unterhaltsam zugleich ist. er/sie sieht die hochwohledlen auf dem rathaus, er/sie erlebt, wie die kollaborateure das system stützen, und er entdeckt die revolutionären vorbilder bei der befreiung der gefangenen in der bastille. aber auch kenner der geschichte berns kommen beim scharfrichters sohn auf ihre rechnung: denn sie erhalten eine bildhafte vorstellung dessen, was sich wo abgespielt hat. dabei bleibt man nicht bei der erzählung, denn das ganze ist ein erlebnis. auf der bubenbergtreppe kann in der vorabendstimmung schon mal etwas atmosphäre aus dem ausgehenden ancien régime aufkommen!


hoch-wohl-und-edel: nikolaus von steiger oberserviert seine untertanen
foto: copyright by b. käser

der kern der erzählung bezieht sich auf die zeit von 1749 bis 1831. es ist die zeit des grossen umbruchs, der in bern bis heute nachwirkt. die reaktionäre verlieren den kampf, doch die revolutionäre gewinnen ihn nicht. selbst wenn man das im theaterstück als fussballberichterstattung hochspielt. aus dem unentschieden entsteht berns politkulturelle mischung im frühen 19. jahrhundert: als sieg der liberalen klasse über die konservative bastion.

unverständliche verkürzung des wegs zur gegenwart

das alles ist löblich. weniger löblich ist dagegen, wie der bogen zur gegenwart gesucht wird. 1831 ist der geschichtenfluss an der aare im “der sohn des scharfrichters” wie zu ende. simon entschwindet, und mit ihm gehen auch die anderen figur ab, die einem so schön haften bleiben.


der funke springt nicht über: sturm der bastille, aber nicht des erlacherhofs
foto: copyright by b. käser

wo man eine erfrischende pause und dann den zweiten akt erwartet hätte, geht es dann im schnellschritt durch ein kurioses sammelsurium von zusammenhangslosen stationen: so zum bundessstaat, der fälschlicherweise schon bei der gründung zur direkten demokratie erklärt wird. die notwendig gewordene demokratisierung der liberalen wird weggelassen, obwohl erst sie die freiheitsvorstellungen von heute in der bürgerlichen welt entwickelt hat. und die soziale bewegung kommt schon gar nicht vor! obwohl auch sie einen nicht individualistischen freiheitsbegriff, den des kollektivs, geprägt hat. dafür landet man unvermittelt bei der alternativen bewegung: “zaff, zaff, zaffaraya”, das gefällt den theatermachern besser, denn so ist man wieder bei der kritik des etablierte, in der nähe der fahrenden, bei den gauklern und bei der anarchischen kultur.

dürrenmatt als finale nur dramaturgisch gelungen

dramaturgisch ist der schluss genial. unter der krichenfeldbrücke angelangt, lässt der schauspieler sein staunendes publikum hinter sich und entschwindet hinter einem gitter im brückpfeiler. dort rezitiert er friedrich dürrenmatts parabel von der schweiz als gefängnis und schlägt so den bogen zu simons freiheitswillen.


kampfeslustig interveniert napoléon b(u)onaparte in der schweiz
foto: copyright by b. käser

doch das publikum fragt sich beim applaus: ist simons freiheitsprojekt missraten? ist bern ein museales gefängnis, immer noch von den alter patrizierfamilien observiert? oder ist es bloss die bühne der aussenseiter, die theater spielend bern auf die schippe nehmen?

nein, sagt die innere stimme, denn eigentlich weiss man aus berns moderner geschichte mehr, als am schluss erzählt wird: bern ist im 19. jahrhundert bürgerlich geworden, hat – im theaterstück unerwähnt – die todesstrafe abgeschafft. bern hatte im 20. jahrhundert eine starke arbeiterbewegung, welche die gerechtigkeitsfrage neu gestellt hat, und bern war 1975 so etwas wie der ursprung der frauenbewegung, die zur ersten frauenmehrheit in einer europäischen stadtregierung geführt hat.

der berner friedrich dürrenmatt hielt seine rede zur schweiz als gefängnis 1990, äusserlich für den tschechischen dichter-präsidenten vaclav havel. in der schweiz brodelte damals der fichenskandal, der der der staatlichen überwachungsmaschinerie ein ende setzte. “schengen/dublin” ist nicht, wie angetönt, die fortsetzung des krieges gegen die bürger mit anderen mitteln!


dürrenmatts parabel vom der freiheit, dem gefängnis und der schweiz, grad unter der kirchenfeldbrücke
foto: copyright by b. käser

überhaupt: bern ist heute friedlicher, als es im henkerstück erscheint. es hat gerade in jüngster zeit einen starken soziokulturellen schub erlebt, ist nicht mehr sture beamtenstadt, sondern flanierzeile mit zahlreichen strassencaffees, einer vielzahl von zellen des individualisierten lebens, und ein multikulturelles pflaster mit touristen, politikerinnen und künstlern, wohin man hinschaut.

wann folgen des scharfrichters enkelInnen?

schade, dass die freiheit der gegenwart im stück von ahlborn und zurbrügg so wenig reflektiert wird. für ein historisches theaterstück wäre auch das ein must gewesen. vielleicht ist das aber das thema im folgejahr, wenn mes:arts dann “die enkelInnen des scharfrichters” enkelInnen unterhaltsames und erhellendes theater aufführt! zu räten wär ihr das, denn brilliant gespielt, gekonnt getextet, subtil inszeniert, kann man sich das neue theaterduo im historischen stoff noch verbessern. der besuch schon in diesem sommer lohnt sich dennoch!

der stadtwanderer

am 23. mai 2007 wird das programm wieder aufgenommen. mehr dazu unter: met:arts


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