Wir stehen vor dem Erlacherhof. Erbaut wurde er im 17. Jahrhundert. Es ist das repräsentativste Gebäude der Altstadt. Es diente der Reihe nach als Hauptquartier des französischen Generals Guillaume-Marie-Anne Brune, als Sitz des französischen Botschafter und als Sitz des Bundesrats. Heute ist es der Sitz des Berner Stadtpräsidenten und Tagungsort des Berner Gemeinderats. Es ist ein geeigneter Ort, um über Nationen etwas nachzudenken.


Der französische Schriftsteller Ernest Renan, ein Zeitgenosse Ochsenbeins, prägte den Satz: „Eine Nation muss täglich wollen.“ Sie ist eine vorgestellte Gemeinschaft, die das immer wieder zum Ausdruck bringen muss.
Renan unterschied Kulturnationen, Staatsnationen und Willensnationen. Kulturnationen sind Nationen mit meist gemeinsamer Sprache. In Staatsnationen sorgt ein zentraler Staat für den nationalen Zusammenhalt. Willensnationen liegen dann vor, wenn eine nationale Elite verschiedene Ethnien bewusst vereinigt.
Der Bundesstaat von 1848 entspricht einer Willensnation: Drei Sprachgruppen unterschied man damals und zwei verfeindete Konfessionen gab es. Zusammengehalten wurde alles vom «Freisinn», einer Bewegung aus liberalen, radikalen und demokratischen Strömungen, die sich als gesellschaftliche Elite verstand und einen für damalige Verhältnisse modernen Staat schuf.
Ihre erste Form neuzeitlicher Staatlichkeit erhielt die Schweiz mit dem Westfälischen Frieden von 1648. Die europäischen Grossmächte nannten uns „Corpus Helvetiorum“. Man könnte auch sagen «Staatenbund der Helvetier». Ihre wichtigste Gemeinsamkeit: die Sprache, die sich der Standardisierung seit der Reformation entzogen hatte. Die Eidgenossenschaft wurde auch vom kaiserlichen Recht ausgenommen. Traditionellerweise nennt man das Souveränität. Allerdings wurde längst nicht von allen respektiert.
Keine 20 Jahre nach dem Friedensvertrag von 1648 verstand Frankreich unseren Staatenbund als eigene Dépendence, die sie militärisch und wirtschaftlich abhängig machte. Der Bund lieferte Söldner, Frankreich Waren wie Korn und Salz resp. gewährte Zugang zu Märkten.
In den Worten Renans waren wir keine reine Kulturnation: Zwar wurden wir durch Nachbarschaft, gemeinsame Interessen und geteilte Werte zusammengehalten. Mit der Reformation waren jedoch Konfessionsräume entstanden, in denen sogar verschiedene Kalender galten und sich unterschiedliche Volkscharaktere entwickelten.
Gemeinsam war den Teilgebieten die Dominanz einer Aristokratie des Geldes: in Zürich herrschten gewerbliche Zünfte, in Bern die Patrizier mit Grundbesitz und in Schwyz die Landsgemeinde mit säbeltragenden Bauern.
Die Französische Revolution von 1789 begründete auch bei uns eine neue Nation mit einem anderen Staatsverständnis: Es entscheid der von oben geführte Staat mit zentralisierter Macht und Administration. Er war laizistisch, sprich überkonfessionell und überregional. Unsere Helvetische Republik, wie wir ab 1798 hiessen, führte Institutionen aufgrund der Gewaltenteilung ein. Erstmals gab es ein nationales Parlament aus zwei Kammern; die eine vertrat das Volk und machte Gesetze, die andere repräsentierte den Geldadel und entschied, was galt. Machtwechsel durch Wahlen waren weitgehend unbekannt; eine neue Regierung konnte nur durch einen Putsch zustande kommen. Viermal war dies der Fall, wobei der junge Staat letztlich in einem Bürgerkrieg versank. Zwar klärte Napoleon die Lage nochmals durch die Vermittlung zwischen Traditionalisten und Modernisten. Doch auch das hielt nicht an, denn mit der Niederlage Frankreichs auf den Schlachtfeldern verschwand die vermittelnde Macht. Der Staatsnation, die den Franzosen vorschwebte, fehlten die Grundlagen.
Der Wiener Kongress ordnete Europa im Sinne der Restauration neu. So wurde aus der heutigen Schweiz wieder ein Staatenbund, der durch innere Grenzen und aussenpolitische Neutralität bestach. Die aufgeklärten Institutionen der Helvetik überstanden die Restauration nicht. Die Zeit von 1815 bis 1848 kann als Suche nach einem Ausgleich zwischen der Kultur- und der Staatsnation auf der Basis der Willensnation gesehen werden.
Ein erster Versuch der Neubegründung scheiterte 1832 am beidseitigen Widerstand der konservativen und radikalen Kantone. Erst 1848 war der Schritt erfolgreich, als die Freisinnigen den ersehnten Bundesstaat durchsetzten.
Das war auch die Zeit, während der Ulrich Ochsenbeins Wille zu zählen begann.


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