am sonntag war ich auf dem mont vully. wir hatten eine herrliche sicht über den murtensee. uns zu füssen lagen die vollen rebberge, – und das weindorf môtier. ich durfte für eine gruppe naturinteressierter ein paar worte über die kultur der region sagen.


der mont vuilly, an seinem fusse das weindorf môtier, hier von murten aus gesehen (foto: stadtwanderer, anclickbar)

spontan wie ich gestimmt war, begann ich mit dem berühmtesten bürger aus dem weindorf zu unseren füssen: louis agassiz, 1807 in môtier geboren, 1873 im amerikanischen cambridge verstorben.

louis agassiz,
der grosse naturforscher
und der schreckliche rassist.

ersters habe ich vor der gruppe, die ich eher schlecht kannte, locker gesagt; letzteres getraute ich mich nicht zu äussern; aber ich hole es hier nach.

louis agassiz – der helle kopf

von louis agassiz stammt die redensart, dass die gletscher die grosse pflugschar gottes seien.


porträt von prof. louis agassiz, dem mitbegründer der theorie der eiszeit

zurecht,ist man heute geneigt beizufügen, auch wenn die religiöse sprache in der geologie irritiert. denn der vielseitige naturforscher aus dem freiburgischen, der zum doktor der philosophie resp. der medizin an den universitäten erlangen bzw. münchen promoviert hatte, wurde von alexander von humboldt, dem berliner universitätsgründer, angehalten, sich in geologie fortzubilden. das war neben der zoologie seine zweite grosse leidenschaft, die ihren ursprung auf dem mont vully genommen haben dürfte. denn da stand, damals für viele unerklärbar, ein findling, den man noch heute besichtigen kann, und der heute den namen „pierre agassiz“ trägt.

louis agassiz, professor in neuenburg, nahm sich den damals gängigen theorien zu den findlingen im voralpengebiet an. er verwarf die vorherrschenden ansichten, sie seien vulkanischen ursprungs. vielmehr faszinierte ihn die vorstellung einiger kollegen, die findlinge seien durch grosse gletscher, die früher wie eine kappe weite teile europas bedeckt hätten, transportiert worden.

1836, auf der solothurner versammlung der schweizer naturforscher referierte er erstmals darüber, und ein jahr später wurde bei einem vortrag vor der gleichen gesellschaft der begriff „eiszeit“ für frühere epochen klirrender kälte geboren. 1840 erschien sein erstes buch dazu, das seine experimente zum gletscherwachstum zusammentrug und postulierte, das ganze schweizerische mittelland sei einst, wie heute grönland, von gletscher überzogen gewesen. seine bis heute typische struktur mit zahlreichen tälern sei durch diese entstanden. und die gletscher hätten auch die findlinge ins voralpengebiet transportiert. ähnliches postulierte er nur wenig später auch für schottland, womit der bezug zu eisgebieten, die es bis heute gibt, hergestellt wurde. die theorie der eiszeiten war geboren.

1846 emigrierte louis agassiz, mit einem stipendium des preussischen königs ausgestattet, in die vereinigten staaten. nur ein jahr später entschied er sich, in den usa zu bleiben und eine professur an der university of harvard anzunehmen. diese bot ihm die gelegenheit, systematische vorlesungen über zoologie und geologie zu halten.

aufgrund seiner lehrtätigkeit hatte er einen grossen einfluss auf die öffentlichkeit, aber auch auf die studenten. diese hielt er ganz im geiste der romantik an, nicht aus büchern zu lernen, sondern selber in die natur zu gehen, diese zu beobachten und dank experimenten neue einsichten zu gewinnen.

1873 verstarb louis agassiz in den usa. auf seinem grab in cambridge ruht ein mächtiger stein, den seinerzeit der aaregletscher transportiert hatte. der grosse naturforscher ist bis heute mehrfach geehrt worden: in den berner alpen trägt der berg neben dem finsteraarhorn seinen namen. bis heute ist es das agassizhorn. berge und seen in kanada werden nach ihm geheissen. und selbst auf dem mars gedenkt man den professor aus motier am mont vully mit einem nach ihm benannten krater.

louis agassiz – das dunkle wesen

heute interessiert man sich für ganz andere redensarten von louis agassiz: die rassistischen, die sich fast nahlos an die naturwissenschaftlichen anschliessen.


foto (daguerreotypie) von rentry, das agassiz in den usa anfertigen liess, um die unterlegenheit der „schwarzen rasse“ zu belegen

ganz anders als sein zeitgenosse darwin, hielt agassiz die evolutionstheorie für falsch. er blieb zeit seines lebens anhänger der lehre des katastrophismus. demnach würden alle veränderungen der umwelt nicht neue pflanzen und tiere hervorbingen, sondern nur zerstören. die entwicklung von einfachen zu komplexen organismen, die er selber belegt hatte, begründete er als schöpferischen akt gottes, der mehrfach in das geschehen der welt eingegriffen habe.

auch beim menschen ging agassiz, wie viele seiner amerikansichen kollegen davon aus, dass er nicht einmal, sondern mehrfach erschaffen worden sei. den menschen gäbe es nicht; vielmehr gebe es viele menschenrassen. das begründe bis heute die unterschiede zwischen den menschen, da sich die rassen nicht verändert hätten und auch nicht verändern liessen.

die ungleichheit der menschen war für agassiz naturgegeben gegeben: „Der unbezwingbare, mutige, stolze Indianer – in welch anderem Licht steht er neben dem unterwürfigen, kriecherischen, nachahmerischen Neger!“ und er fragte: „Verweisen diese Tatsachen nicht darauf, dass die verschiedenen Rassen von Natur aus nicht auf dem selben Niveau stehen?“

agassiz‘ begegnung mit dunkelhäutigen menschen in den usa prägte, vorgeformt von seinen naturwissenschaftlichen arbeiten, sein rassistisches menschenbild. er befürwortete nach der abschaffung der sklaverei die rassentrennung. gott solle die weissen menschen vor der berührung mit schwarzen bewahren!

dafür setzte sich agassiz ein, die minderwertigen menschen in speziellen territorien unter der sonne des südens“ zuzuweisen, – gedankengänge, die agassiz auch zum vordenker der apartheid machten: trennung der menschen nach hautfarbe, unter der herrschaft der weissen!

das zögern des verunsicherten stadtwanderers

warum nur konnte ich das bei meinen ausführungen auf dem mont vully nicht äussern?

ich verabscheue jede form von rassismus. ich decke den rassismus nirgends. aber ich vermute, ich selber hätte im gymnasium eine ausbildung erhalten, die nicht frei von naturwissenschaftlich begründeten, rassistischen gedanken war. und ich weiss bis heute nicht, was davon haften geblieben ist. das verunsichert mich immer noch.

einen entscheidenden moment liess mich das an diesem sonntag morgen zögern, denn ich referierte seit langem wieder einmal vor naturwissenschafterInnen und ihre anhängerschaft.

mein schweigen war wohl mein problem, denn ich hatte an diesem tag eine überzeugende führung durch die flora und fauna des mont vully erhalten!

stadtwanderer

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Comments

2 Comments so far

  1. hans fässler on August 23, 2007 09:57

    Die internationale Gemeinschaft begeht heute am 23. August den \\\"Gedenktag an den Sklavenhandel und seine Abschaffung\\\". Sie tut dies in Erinnerung an den grossen Sklaven-und Sklavinnenaufstand von Saint-Domingue, der in der Nacht vom 22. auf den 23. August 1791 im Bois-Caïman seinen Anfang nahm und zur Sklavenbefreiung und zur Schaffung der ersten schwarzen Republik der Welt führte: Haiti. Aus diesem Anlass lanciert das transatlantische Komitee \\\"Démonter Louis Agassiz\\\" eine Kunstkarte, auf welcher die im Mai 2007 erstmals aufgestellte Forderung nach Umbenennung des Agassizhorns (3946 m.ü.M., VS/BE) in \\\"Rentyhorn\\\" bereits vollzogen ist. Damit soll angesichts des Widerstands
    der offiziellen Schweiz gegen diese Umbenennung (Standortgemeinden Grindelwald und Guttannen, Bern, sowie Fieschertal, Wallis; Bundesamt für Landestopographie;
    Schweizer Alpenclub, SAC) aufgezeigt werden, dass das Komitee die Datenanreicherung genügend
    vorangetrieben hat und technisch durchaus in der Lage ist, eine neue LK 1:25\\\’000 \\\"Finsteraarhorn\\\" herzustellen. Dieser Schritt wird auch angesichts der Tatsache in Betracht
    gezogen, dass die Schweiz der Tourismusförderung, der Käseindustrie und der Sport-Events heute durchaus bereit ist, Erinnerungsorte zu benennen (Piz Vinokourov,
    Samnaun; Tilsit, Thurgau), jedoch nicht handeln will oder gar überhaupt nichts zu sagen hat, wenn es um einen Berg geht, der nach einem Rassisten und Vordenker der Apartheid benannt ist.

    Sie finden unten die Vorder- und Rückseite der auf den 23. August lancierten Kunstkarte sowie einen Entwurf für die Titelseite der neu zu produzierenden LK 1:25000
    \\\"Finsteraarhorn\\\". Ausserdem können Sie sich mit den nachfolgenden Links über die Lancierung der Kampagne im Mai, über das transatlantische Komitee, den Sklaven
    Renty, die Reaktionen der angeschriebenen Stellen und über Louis Agassiz und sein rassistisches Gedankengut informieren sowie die Kunstkarte bestellen.

  2. stadtwanderer on August 23, 2007 21:41

    ja, hans, du hast mich gelehrt, auch solche daten zu beachten. ich habe den beitrag bewusst um mitternacht vom 22. auf den 23. august aufgeschaltet!

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